Spät

Donnerstag, den 22. Dezember 2016

auf dem dachfirst schläft ein hahn
und aus dem oberlicht wird mir
(ein augenaufschlag nacht)
die hölle weit
sterne taumeln
wind geht
es ist
spät

© Benjamin Stein (2016)

••• Kann es wirklich wahr sein, dass ich mein letztes Gedicht vor drei Jahren geschrieben habe? Wenn ich mich darauf verlasse, dass mir häufig genug eines »irgendwie zustößt«, wird es nichts mehr werden mit dem einen Gedichtband von 100 Gedichten, den ich in diesem Leben gern noch herausbringen würde.


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Venir – revenir

Samstag, den 7. Dezember 2013

Schlüssel

hinterm geranientopf liegt
ein schlüssel

in deiner hand
öffnet er
zum garten das tor
zum haus die tür
zum zimmer der stille
die versiegelte pforte

nimm ihn nur
wenn du es willst
gehört er dir

drehst du ihn
langsam im schloss
trägt das geräusch
des schnappenden riegels
dich über die schwelle
zu mir

© Benjamin Stein (2013)

••• »Weggehen und Wiederkommen« ist der Titel eines sehr berührenden französischen Films, den ich wohl nie vergessen werde. Der Titel hält sich ebenso hartnäckig in meinem ansonsten so löchrigen Gedächtnis wie der Film selbst. Jetzt musste ich erneut an ihn denken, als mir zu einem Gedicht von 2007 eine »Fortsetzung« zustieß.


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Auf dem Seil

Montag, den 3. Juni 2013

Philippe Petit auf dem Seil zwischen den New Yorker Twin Towers (1974)
Philippe Petit auf dem Seil zwischen den New Yorker Twin Towers (1974)

wenn du das seil bist
unter meinen füßen
gespannt von first zu first
kannst du mich leben
oder sterben lassen
niemandsland ein luft-ort
schwebendes gelände
über der schlucht
zwischen zwei türmen
aschkalt der eine hinter mir
verlassen und der andere
lockt durch ungewissheit licht
wie alles das versprechen darf
und gar nichts halten muss
wenn ich schwanke tritt mein fuß
dir taumel in die seele
und dein wiederzittern
lässt mich schaudern
rudern atmen in die stille finden
sirren wirst du in der klammen luft
erst wenn ich falle
oder feiern kann am ziel
wie beim harfenspiel
der klang der saite
erst einsetzt
wenn die berührung
endet

© Benjamin Stein (2013)


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am strand

Donnerstag, den 7. Oktober 2010

am strand hab ich mich heute gehen sehn
mit kommissstiefeln an den füßen
zog ich schlurfend eine tiefe spur
zwischen deich und schlaffen wellenzungen
die den schlick ableckten unverkennbar grau
gesicht und schläfen und die augen
schwarze gruben voller erz
so bin ich hingegangen mit der stirn im wind
ein wenig taumelnd zögernd abgewandt
als ob ich widerginge hier und da
ein böenraunen und ein möwenschrei
und auf dem reetdachfirst des letzten hauses
hinter mir schon fast verdeckt vom halmspalier
der deichbebauung saß ein hahn aus blech
wie aufgespießt auf seinem rostdorn
unbeweglich unfolgsam und stolz
doch nur ein strich vor wolkendickicht
wenn man ihn wenden könnte
mit verschränkten armen und die fäuste
an die brust gepresst hab ich mich gehen lassen
und bin heimgegangen
heim

© Benjamin Stein (2010)

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Einwanderer (III)

Donnerstag, den 26. August 2010

Lanzarote, Puerto del Carmen - Foto: © Kerstin S. Klein
Lanzarote, Puerto del Carmen – Foto: © Kerstin S. Klein

Bei dieser Einwandererdichte auf Lanzarote hätte es also gut sein können, dass eine Masseurin aus Köln oder ein Masseur aus Manchester vor meinem Bungalow auftaucht. Aber so kam es nicht. Pünktlich eine Minute vor der vereinbarten Zeit ratterte etwas über den kieselgepflasterten Weg der Bungalowanlage. Ich ging zur Tür und sah einen sehr großen, schlaksigen Mann in weißer Pflegerkleidung und Flipflops, der auf Rollen etwas hinter sich her zog, das wie ein zu schmal geratener Schrankkoffer aussah, hochkant in ein Rollengestell geklemmt. Der böige Wind drohte auf dem kurzen Weg mehrmals, den Koffer umzuwerfen, so dass der Masseur die letzten Meter rückwärts gehen musste, mit einer Hand ziehend, mit der anderen den mysteriösen Schrankkoffer aufrecht haltend.


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Einwanderer (II)

Mittwoch, den 25. August 2010

Wandmosaik von César Manrique im Hof seines ehemaligen Wohnhauses in Arrecife (Lanzarote), Quelle: Wikimedia
Wandmosaik von César Manrique
im Hof seines ehemaligen Wohnhauses in Arrecife (Lanzarote), Quelle: Wikimedia

Die Kanaren sind ein Magnet für Einwanderer. Das war nicht immer so. Die Inseln verdanken ihre Existenz vulkanischer Aktivität. Die letzten größeren Ausbrüche liegen gerade einmal 280 Jahre zurück. Auf der Südspitze von Lanzarote wuchs um 1730 ein gewaltiger Berg aus dem Nichts, und Lavaeruptionen und Ascheregen verwandelten die Gegend in eine bis heute lebensfeindliche Mondlandschaft. Es muss zehntausende Jahre gedauert haben, bis auf den Kanaren, nachdem sie sich als schwarze Lavafelsen aus dem Meer erhoben hatten, überhaupt Landwirtschaft möglich war, um die »Canarios« zu ernähren. Und dann kamen die Spanier…


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Einwanderer (I)

Freitag, den 20. August 2010

Lanzarote, Puerto del Carmen - Foto: © Kerstin S. Klein
Lanzarote, Puerto del Carmen – Foto: © Kerstin S. Klein

Wohlbefinden steigt bei mir von den Füßen auf. Ich musste Vierzig werden, um zu entdecken, dass eine halbstündige Fußmassage mich zu entspannen vermag wie eine ganze Woche Urlaub unter der Sonne. Wärme – ja Hitze – und Sonne verschmähe ich allerdings nach wie vor nicht, und im diesjährigen Urlaub hatten wir gleich zu Beginn reichlich davon. Als wir vor acht Tagen auf Lanzarote landeten, wehte es kräftig von Osten, also von der Sahara her, übers Meer. Statt des typischen kanarischen Sommerwetters mit 28°C und leichtem Wind empfingen uns afrikanische Wüstenwinde. Die Strandpromenade und die mit weißen Flachbungalows, Villen und Hotelanlagen gesäumten Straßen von Puerto del Carmen lagen trotz Hochsaison wie ausgestorben unter der aus tupfenlos blauem Himmel gleißenden Sonne bei Temperaturen um 50°C. Die Böen, die uns entgegenschlugen, fühlten sich an, als stünde man im Strom eines überdimensionalen, auf Höchstleistung laufenden Föns. Bei unserer Ankunft in der Bungalowanlage entschuldigte sich die Rezeptionistin mit tränenverhangenem Blick für ihre Zerstreutheit. Am Tag zuvor, berichtete sie, sei einer ihrer Hunde am Hitzschlag gestorben, und sie hätte ihre Nachbarin bitten müssen, heute während der Arbeitszeit den zweiten ihrer Lieblinge mit kalten Handtuchwickeln vorm gleichen Schicksal zu bewahren.


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