Zum vierten Male teilst du mir mit

Montag, den 23. April 2007

Zum vierten Male teilst du mir mit
Daß du alle Brücken hinter dir verbrannt hast
Alle Briefe vernichtet, alle Behauptungen zurückgenommen hast
Dich in einem Taumel des Neuen befindest und
Diesmal endgültig.
Lieber hätte ich von dir gehört, du seist
Neuem auf der Spur, brauchtest aber Zeit
Seist gut gelaunt und freuest dich
Deiner guten Beziehungen.
Denn so sehe ich dich nur bald wieder
Am Bau neuer Brücken, Sammeln von Briefen und Aufstellen von Behauptungen
Müdigkeit des Alten, und wieder nicht endgültig.

Bertolt Brecht

••• Ich habe nicht die leiseste Ahnung, warum mir dieses Gedicht heute in den Sinn kam. Ausgerechnet heute. Ich habe keine Ahnung.

Morgens und abends zu lesen

Donnerstag, den 8. Februar 2007

Umbrella - by NELA.LAZAREVIC

Der, den ich liebe,
Hat mir gesagt,
Daß er mich braucht.
Darum
Gebe ich auf mich acht
Sehe auf meinen Weg
Und fürchte von jedem
Regentropfen
Daß er mich erschlagen
könnte.

Bertolt Brecht

••• Assoziation zu Gabriela Mistrals Vers

Auf meinen Leib achte ich nur, damit ich dein Grab schützen kann vor Regen und Schnee.

aus „Falls der Tod kommt“.

Die Ballade von den Mädchen

Mittwoch, den 17. Januar 2007

Plum

Die Ballade von den Mädchen, die keinen Mann mehr finden

Sie haben alle einen Abend lang
und hautnackt blank
im grünen Gras gelegen.
Und haben da in solcher Nacht
den Mann um seinen Schlaf gebracht,
sie wußten wohl weswegen.
Das war im Sommerjahr ihr schönster Traum,
denn winters grünt im Wald kein Pflaumenbaum.

Im Pflaumenbaum da sang die Nachtigall
noch manches Mal das Lied vom Sündenfall.
Und oben bei den Schafen
da stand ein fetter Mond und ließ
den Knaben, der so schön auf seiner Flöte blies,
die ganze Nacht nicht schlafen.
Er hat an das, was nachher kommt, gedacht
und in der Früh sich aus dem Staub gemacht.

Da banden sich die Mädchen einen Kranz ins Haar
und klopften an bei Jesu Engelschar,
daß er sie von den Bösewichtern
erlöse für und für.
Doch Petrus stand mit seinem Sarraß vor der Tür
und zeigte auf den See, da irrten sie herum, die Lichter,
die Angedenken aus der Pflaumenzeit
in einem dicken Würmerkleid.

So manche Frau trägt immer noch die Jungfernhaut,
obwohl ihr Haar schon dünn ist und ergraut.
Die ganze Nacht brennt in der Kammer Licht
und aus dem Spiegel grinst ein häßliches Gesicht.
Da möchte sie das Bild zerschmeißen.
Doch Glück und Glas, das reimt sich nie
auf Pflaumenbaum und Zitterknie.

François Villon, aus: „Die lasterhaften Balladen des François Villon“
Nachdichtung von Paul Zech
© 1962-2006 Deutscher Taschenbuch Verlag, München


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Über die Verführung von Engeln

Dienstag, den 2. Januar 2007

Crying angel, lost her wings, cannot fly home.... © Mortus-Phallustein

Engel verführt man gar nicht oder schnell.
Verzieh ihn einfach in den Hauseingang
Steck ihm die Zunge in den Hals und lang
Ihm untern Rock, bis er sich nass macht, stell
Ihn, das Gesicht zur Wand, heb ihm den Rock
Und fick ihn. Stöhnt er irgendwie beklommen
Dann halt ihn fest und lass ihn zweimal kommen
Sonst hat er dir am Ende einen Schock.

Ermahn ihn, dass er gut den Hintern schwenkt
Heiß ihn dir ruhig an die Hoden fassen
Sag ihm, er darf sich furchtlos fallen lassen
Dieweil er zwischen Erd und Himmel hängt –

Doch schau ihm nicht beim Ficken ins Gesicht
Und seine Flügel, Mensch, zerdrück sie nicht.

Bertolt Brecht (1948)

••• Da von Engeln die Rede war, heute ein Gedicht für meine Frau. Engel haben für mich schon immer eine besondere Rolle gespielt. Im „Alphabet“ treten Seraphim – das sind Feuerengel – gehäuft in Gestalt von Frauen auf. Beziehungen mit ihnen sind nicht ungefährlich.

Sagt meine Frau: Was haben die Engel davon, transzendental verehrt zu werden? Ausserdem ist die Gefährdungslage eine ganz andere. Flügel sind so zerbrechlich…

Gesang von einer Geliebten

Samstag, den 9. Dezember 2006

(7. Psalm)

  1. Ich weiß es, Geliebte: jetzt fallen mir die Haare aus vom wüsten Leben, und ich muß auf den Steinen liegen. Ihr seht mich trinken den billigsten Schnaps, und ich gehe bloß im Wind.
  2. Aber es gab eine Zeit, Geliebte, wo ich rein war.
  3. Ich hatte eine Frau, die war stärker als ich, wie das Gras stärker ist als der Stier: es richtet sich wieder auf.
  4. Sie sah, daß ich böse war, und liebte mich.
  5. Sie fragte nicht, wohin der Weg ging, der ihr Weg war, und vielleicht ging er hinunter. Als sie mir ihren Leib gab, sagte sie: Das ist alles. Und es wurde mein Leib.
  6. Jetzt ist sie nirgends mehr, sie verschwand wie die Wolke, wenn es geregnet hat, ich ließ sie, und sie fiel abwärts, denn dies war ihr Weg.
  7. Aber nachts, zuweilen, wenn ihr mich trinken seht, sehe ich ihr Gesicht, bleich im Wind, stark und mir zugewandt, und ich verbeuge mich in den Wind.

Bertolt Brecht (1920)

••• Brechts Psalmen – entstanden zu Beginn der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts – waren für mich eine grosse Inspiration. Sind es wirklich Gedichte? Handelt es sich eher um lyrische Prosa? Diese Grenzberührng faszinierte mich, und ich nahm die Idee in vielen Versuchen auf. So entstanden im Frühjahr/Sommer 1989 mehrere „Psalmen“ unter dem Titel „Psalmen an den Dämon“.

Letzter Psalm

Uns ekelt Der eigene körper Im verfall Ekelt uns an unser Wort das Lügt kunst Zu gefallen Hilflos sind wir in unserer allmacht Längst sind die wälder gerodet Begradigt die flüsse Die götter verworfen als saboteure Des fortschritts unnützer trost

Dennoch haben wir städte Gebaut Moderne tempel des baal ziehen uns an Und heimlich beten wir zu ihm Reisst uns der scharfe wind der weht das schiere fleisch von den schlotternden knochen In unserem hunger Höhnt der greise prophet Uns geht es gut

Immer ist fern das ziel Wenn ich suche Mein freund Ruht im Verschwiegnen Gefallen von deinen lippen Wie herbstlaub welk jeder traum Am ende sind wir Noch nicht ganz in mantel und hut Das verbrechen Zieht ein Die verwesung besiegt das vormals ewige

In jenen letzten Monaten der DDR war der Druck unerträglich. Das Vertraute, mit dem sich nicht mehr leben liess, musste sterben. Vor der Zeit des Aufbruchs durchlebten vieler meiner Freunde – wir waren damals zwischen 17 und 20 – eine Zeit heftiger Depression. Denn es war ganz und gar unklar, wie alles ausgehen würde. Schliesslich hätten auch Panzer durch Ost-Berlin fahren können und der Staat seinen Tod noch einmal hinausschieben…

An M.

Freitag, den 8. Dezember 2006

In jener Nacht, wo du nicht kamst
Schlief ich nicht ein, sondern ging oftmals vor die Türe
Und es regnete, und ich ging wieder hinein.

Damals wußte ich es nicht: Aber jetzt weiß ich es:
In jener Nacht war es schon wie in jenen späteren Nächten
Wo du nie mehr kamst, und ich schlief nicht
Und wartete schon fast nicht mehr
Aber oft ging ich vor die Tür
Weil es dort regnete und kühl war.

Aber nach jenen Nächten und auch in späteren Jahren noch
Hörte ich, wenn der Regen tropfte, deine Schritte
Vor der Tür und im Wind deine Stimme
Und dein Weinen an der kalten Ecke, denn
Du konntest nicht herein.

Darum stand ich oft auf in der Nacht und
Ging vor die Tür und machte sie auf und
Ließ herein, wer da keine Heimat hatte.
Und es kamen Bettler und Huren, Gelichter
Und allerlei Volk.

Jetzt sind viele Jahre vergangen, und wenn auch
Noch Regen tropft und Wind geht
Wenn du jetzt kämest in der Nacht, ich weiß
Ich kennte dich nicht mehr, deine Stimme nicht
Und nicht dein Gesicht, denn es ist anders geworden.
Aber immer noch höre ich Schritte im Wind
Und Weinen im Regen und daß jemand
Herein will.

(Obgleich du doch damals nicht kamst, Geliebte, und ich
(Obgleich du doch damals nicht kamstwar es, der wartete -!)
Und ich will hinausgehen vor die Tür
Und aufmachen und sehen, ob niemand gekommen ist.
Aber ich stehe nicht auf und gehe nicht hinaus und sehe nicht
Und es kommt auch niemand. 

Bertolt Brecht (1922)

Erinnerung an die Marie A.

Donnerstag, den 7. Dezember 2006

1
An jenem Tag im blauen Mond September
Still unter einem jungen Pflaumenbaum
Da hielt ich sie, die stille bleiche Liebe
In meinem Arm wie einen holden Traum.
Und über uns im schönen Sommerhimmel
War eine Wolke, die ich lange sah
Sie war sehr weiß und ungeheuer oben
Und als ich aufsah, war sie nimmer da.

2
Seit jenem Tag sind viele, viele Monde
Geschwommen still hinunter und vorbei.
Die Pflaumenbäume sind wohl abgehauen
Und fragst du mich, was mit der Liebe sei?
So sag ich dir: ich kann mich nicht erinnern
Und doch, gewiß, ich weiß schon, was du meinst.
Doch ihr Gesicht, das weiß ich wirklich nimmer
Ich weiß nur mehr: ich küßte es dereinst.

3
Und auch den Kuß, ich hätt ihn längst vergessen
Wenn nicht die Wolke dagewesen wär
Die weiß ich noch und werd ich immer wissen
Sie war sehr weiß und kam von oben her.
Die Pflaumenbäume blühn vielleicht noch immer
Und jene Frau hat jetzt vielleicht das siebte Kind
Doch jene Wolke blühte nur Minuten
Und als ich aufsah, schwand sie schon im Wind.

Bertolt Brecht
(21.II.20, abends 7h im Zug nach Berlin)

••• Die „Erinnerung an die Marie A.“ las ich zum ersten Mal mit 13. Die Entdeckung – dieses Gedichts und des Dichters Brecht allgemein – verdanke ich einer Lehrerin. Sie lieh mir ein in bordeauxfarbenes Leinen gebundenes Exemplar der von Werner Hecht besorgten Ausgabe der „Gedichte über die Liebe“. Der Band versammelt Gedichte des Schülers wie des berühmten Dichters und Theraterleiters Brecht, aus allen Phasen seines Lebens. Da gibt es Poetisches, Vitales und Derbes.

Vom „Hinternschwenken“ hatte ich zu diesem Zeitpunkt nur allzu vage Vorstellungen. Aber ich war – mit ständig wechselndem Gegenstand des Interesses – nahezu ununterbrochen verliebt. Oder interessiert? Ich war verliebt ins Verliebtsein, ich studierte, genoss es und zelebrierte. Da kam mir diese Sammlung grad recht. Als „Liebhaber“ in Wartestellung habe ich nicht viel gelernt. Um es mit Brecht selbst zu sagen:

Sagte mir einst eine Frau beim Beginne:
Was sie beim Künstler so wenig verschmerzen
Sei, daß er immer die Frau über seiner Liebe vergesse.
Weihrauch bringt ihr uns und – Kerzen.
Und wir erregen statt eurer Sinne –
Nur Interesse.

In diesen Gedichten – fernab der Lehrstücke und politischen Hymnen – ist Brecht mir am liebsten. Ich schätze die Frische im Ausdruck und die Vielfalt der Formen. Um sie zu zeigen, will ich in den nächsten Tagen noch zwei weitere Gedichte aus diesem Band der Marie A. zur Seite stellen. Geschrieben zwischen 1920 und 1922, variieren sie das gleiche Thema, jedoch in ganz eigenen Formen.