Mutter

1. Dezember 2006

Ich trage dich wie eine Wunde
auf meiner Stirn, die sich nicht schließt.
Sie schmerzt nicht immer. Und es fließt
das Herz sich nicht draus tot.
Nur manchmal plötzlich bin ich blind und spüre
Blut im Munde.

Gottfried Benn, aus: „Das Jahrhundertwerk. Sämtliche Gedichte / Künstlerische Prosa“
© 2006 Klett-Cotta

••• Hier stimmt doch etwas nicht, dachte ich immer.

Ich trage dich wie eine Wunde
auf meiner Stirn, die sich nicht schließt.

Warum dieser scheinbar verbogene Satzbau, der Relativsatz folgend auf Stirn statt auf Wunde, um die es doch wohl geht? Warum heisst es nicht etwa:

Ich trage dich auf meiner Stirn
wie eine Wunde, die sich nicht mehr schließt.

Das bedeutet eine Änderung am Versmass. Der Melodie des Textes schadet dies jedoch nicht. Doch Moment – in der Frage liegt womöglich schon die Antwort. Was schmerzt? Woraus fliesst das Herz sich nicht tot? Ist es die Wunde, oder ist es die Stirn? Die Mutter oder das Ich? Der Text lässt beide Varianten zu und die Entscheidung offen.

So gibt es keine Anklage oder Selbstanklage in diesem Text. Beide, Mutter und Sohn, halten den Konflikt lebendig. So wenig, wie die Wunde sich schliessen mag, will das Ich aufgeben, die offene Stirn auszustellen. Da das Ich aber berichtet und – sei es auch nur durch einen widerborstigen Satzbau – erkennen lässt, dass die Natur des Konflikts durchschaut ist, besteht Hoffnung.

Das Ich ist eigentlich schon dabei, sich aus der Umklammerung zu lösen. Es ist sehend geworden. Überstanden allerdings ist es noch nicht, denn …

… manchmal plötzlich bin ich blind und spüre
Blut im Munde.

Der Panther

30. November 2006

Im Jardin des Plantes, Paris

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, daß er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein.

Rainer-Maria Rilke (1875-1926)
aus: „Die Gedichte“
© Insel Verlag 1998

••• Mein kleines Land. In dem Land, aus dem ich komme, war alles klein: der Horizont, die Möglichkeiten und vor allem die Bürger.

Das vorherrschende Gefühl meiner Jugend war Enge, Beschränktsein. Die Ursache dafür lag nicht in den verminten Grenzstreifen und dem Stacheldraht, die den Weg in Richtung Westen versperrten. Es lag mehr an der eigentümlichen Gesellschaft, der es gelang, in diesem kleinen, beschränkten Biotop die Welt zu sehen.

Ich nahm teil am Literaturkurs unseres Abiturjahrgangs. Wenigstens mit der Nase im Buch versuchten wir, unseren Horizont zu erweitern. Wir lasen Salinger, ja sogar Kerouac, und kamen uns dabei schon subversiv vor. Als einer meiner Freunde Rilkes Panther entdeckte und uns vorlas, erkannten wir alle uns wieder. Steckte nicht in uns allen diese Kraft? Und fürchteten wir nicht alle, sie würde sich eines Tages totlaufen im Käfig, hinter tausend Gitterstäben, die unser kleines Land umgrenzten und hinter denen wir die wirkliche Welt vermuteten?

Wir waren uns unserer selbst nicht sicher.

Vor dem Gesetz

29. November 2006

Franz Kafka ••• Kaum ein Stück Literatur hat mich so beeinflusst, so lange begleitet und schliesslich sogar mein Leben verändert wie diese Erzählung Kafkas.

Das Mysterium des Wartens vor dem Gesetz wird beschrieben, ein Bild, das ich immer religiös aufgefasst habe im Sinne der Texte der frühen jüdischen Mystik, die sich mit dem Aufstieg des Gottsuchers in die Paläste der himmlischen Topographie befassen. Das Mysterium – durfte ich spät feststellen – endet jedoch nicht an der Schwelle, sondern beginnt dort.

Wenn man eines Tages allen Mut zusammennimmt und die Schwelle überschreitet, stellt man fest: Hinter der Tür ist vor der Tür. Einer neuen Tür.


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Umsonst

28. November 2006

Paul Celan: Umsonst
Video Art: Herry Dim
Musik: Peter Habermehl
Rezitation: Berthold Damshäuser

Umsonst malst du Herzen ans Fenster:
der Herzog der Stille
wirbt unten im Schloßhof Soldaten.
Sein Banner hißt er im Baum – ein Blatt, das ihm blaut, wenn es herbstet;
die Halme der Schwermut verteilt er im Heer und die Blumen der Zeit;
mit Vögeln im Haar geht er hin zu versenken die Schwerter.

Umsonst malst du Herzen ans Fenster: ein Gott ist unter den Scharen,
gehüllt in den Mantel, der einst von den Schultern dir sank auf der Treppe, zur Nachtzeit,
einst, als in Flammen das Schloß stand, als du sprachst wie die Menschen: Geliebte…
Er kennt nicht den Mantel und rief nicht den Stern an und folgt jenem Blatt, das vorausschwebt.
‚O Halm‘, vermeint er zu hören, ‚o Blume der Zeit‘.

Paul Celan, aus: „Mohn und Gedächtnis“ (1952)
in: „Gedichte I“
© 1993 Suhrkamp Verlag

••• Von Paul Celan wird hier noch viel zu berichten sein. Müsste ich einen Dichter nennen, dessen Klang und Empfinden ich mich am nähesten fühle, wäre es womöglich Paul Celan. Womöglich, sage ich, denn eine solche Entscheidung wäre nur sehr schwer zu treffen.

Neben den Gedichten hat mich auch seine Biographie nie losgelassen, sein Ankämpfen gegen die Dämonen der Erinnerung und der Schuldgefühle als Überlebender, sein Wiederaufstehen nach schweren Rückschlägen und Klinikaufenthalten und schliesslich den Plagiatsbeschuldigungen durch Claire Goll.

Paul Celan starb am 20. April 1970. Er ertrank in der Seine. Als ich geboren wurde, war er, der Wahlverwandte, gerade einen Monat nicht mehr in dieser Welt.

Die Mangel

27. November 2006

Die inquisitoren sind unter uns. Sie leben in souterrains großer mietshäuser und ihre gegenwart verrät nur die aufschrift Hier Mangel.

Tische mit prallen bronzenen muskeln, mächtige walzen, die langsam aber genau zermalmen, das triebrad, das kein erbarmen kennt – warten auf uns.

Laken, die aus der mangel fallen, sind wie leere körper von hexen und ketzern.

Zbigniew Herbert, aus: „Inschrift“ (1967)
© 1979 Suhrkamp Verlag

••• Mangel war das bestimmende Gefühl meiner Kindheit und Jugend „im kleineren Deutschland“. Und ich meine das nicht materiell. Es herrschten ja keine koreanischen Verhältnisse. Es mag nicht viel gegeben haben, doch genug. Man war satt, man wohnte, fuhr sogar Auto, also Trabant. Aber emotional und intellektuell konnte ich unmöglich satt werden. Die Familie im Kleinen nahm sich da mit dem Land im Grossen nicht viel. Vielleicht lag es auch daran, dass mein Hunger immer enorm war. Das mag sein.


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Der Turmsegler

26. November 2006

Turmsegler

Turmsegler mit den zu großen Flügeln, der da kreist und schreit seine Freude rings um das Haus. So ist das Herz.

Er lässt den Donner verdorren. Er sät in den heiteren Himmel. Streift er den Boden, schlitzt er sich auf.

Sein Widerpart ist die Schwalbe. Er verabscheut die häusliche. Was gilt das schon: Filigran des Turms?

Er rastet in dunkelster Höhlung. Niemand hat es so eng wie er.

Im Sommer der langen Helle streicht er davon in die Finsternis durch die Fensterläden der Mitternacht.

Kein Auge vermag ihn zu halten. Er schreit, das ist sein ganzes Dasein. Ein schmales Gewehr streckt ihn nieder. So ist das Herz.

René Char, aus: „Der erzählende Quell“ (1947)
in: „Einen Blitz bewohnen“
© 1995 Fischer Taschenbuch Verlag

Erinnern und Entdecken

25. November 2006

Bevor ich aufgehört habe zu schreiben, habe ich aufgehört zu lesen. Wer nicht sprechen mag, hat keinen Verlust durch Schweigen. Nicht mehr zu lesen aber – zumindest was Dichtung betrifft – ist ein Verlust. Ich möchte wieder beginnen, den Kontakt wieder aufnehmen.

Leicht ist das nicht.

Schriftsteller sind keine Künstler. Alphabetisiert sind wir schliesslich alle.

So liess sich Katja Lange-Müller – Autorin des Romans „Kaspar Mauser, Die Feigheit vorm Freund“ vor vielen Jahren in einer Talkshow vernehmen. Ihre Ansicht ist verbreitet und mag dazu beitragen, dass auf kaum einem künstlerischen Gebiet so viel und so schamlos dilettiert wird wie in der Lyrik.

Zwei Bücher haben meinen Zugang zur Dichtung als Jugendlicher geprägt. Das erste stammt von einem Dichter, enthält von ihm selbst jedoch nur ein Vorwort: „Meine liebsten Gedichte. Eine Auswahl deutscher Lyrik von Martin Luther bis Christoph Meckel (1987), zusammengestellt von Johannes Bobrowski. Eine Lehrerin schenkte es mir.

Das zweite kam mir erst später in die Hände, in einer antiquarischen englischen Originalausgabe: „The ABC of Reading“ (1934) von Ezra Pound. (Der Arche Verlag bringt dieser Tage eine neue deutsche Ausgabe unter dem Titel „ABC des Lesens“ heraus.)

The ABC of Reading

This important work, first published in 1937, is a concise and direct statement of Pound’s aesthetic theory. As the title indicates, it is a primer for the reader who wants to maintain and cultivate an active, critical mind, to become increasingly sensitive to the beauty and inspiration of the world’s best literature.

Bei Pound lernt man schnell, dass Schreiben allgemein und allzumal Dichtung ganz ohne Zweifel eine Kunst ist. Mit allen anderen Künsten hat die Dichtung gemein, dass sie erst beginnt, wo die handwerkliche Meisterschaft so selbstverständlich geworden ist, dass sie für den Künstler zugunsten dessen, was es auszudrücken gilt, in den Hintergrund treten kann.

Ich möchte wieder beginnen zu lesen, den Kontakt zur Dichtung wieder aufnehmen. Erinnern möchte ich mich und entdecken. Erinnern an die vielen Gedichte, die mich über die Jahre begleitet haben.

In Anlehnung an Bobrowskis Anthologie will ich die Texte nach und nach online zusammenstellen. Jeder Artikel in diesem Blog soll ganz einem Stück Dichtung gehören – sei es ein Gedicht oder ein Prosaauszug. Wo es sich ergibt, werde ich über meine persönliche Verbindung mit dem jeweiligen Text berichten. Und dazu lade ich auch die anderen Leser, die hoffentlich den Weg auf diese Seiten finden werden, herzlich ein. So wird es sicher auch neue Entdeckungen geben.

Der Titel dieses Weblogs – Turmsegler – ist geliehen von René Char. Mit seinem gleichnamigen Gedicht soll das Blog denn auch starten. Im übrigen wird die Reihenfolge nur dem vielleicht nicht ganz immer ungelenkten Zufall des Erinnerns und Entdeckens folgen.