Ich weiß warum die Wege…

30. März 2007

Ich weiß warum die Wege
wenn sie sich losreißen von der Erde
mit den Vögeln spielen.
Mir ist bestens bekannt
wohin der Soldat stirbt
wenn er sein letztes Wort gerufen hat.
Die Bleiknöpfe seines Mantels
werden Zeichen
für das was neu sich vor ihm auftut.
Ein zartes Ästchen Wind
bläst in sein Grab.
Mit riesigen Schwüngen der Rippen
fängt der Soldat die Lufträder ein
die das Blut kreisen lassen zur Verlängerung des Lebens.
Nicht schwer ist auszurechnen
wie oft in der Minute das Herz schlägt des Feindes und des Kriegers.
Ferner sei euch das Mittel entdeckt
zur Erforschung der Himmelsbalkone
in denen das Pendel der sechsten Zeit
irdische Grüße versteckt.
Ich will euch den Weg der Rettung weisen.

Daniil Charms

••• Auf der Suche nach etwas Lustigem wurde ich hierhin geschickt. Da gibt es tatsächlich vieles zum Schmunzeln und Lachen. Und was wähle ich aus?

Gedichte schreiben…

29. März 2007

„Gedichte schreiben muß man so, daß, wenn man das Gedicht gegen das Fenster wirft, das Glas zu Bruch geht.“

Daniil Charms

Der Hase im Rausch

29. März 2007

Eberhard Esche: Der Hase im Rausch

Der Igel hatte einst zu seinem Wiegenfeste
Den Hasen auch im Kreise seiner Gäste,
Und er bewirtete sie alle auf das Beste.

Vielleicht ist auch sein Namenstag gewesen,
denn die Bewirtung was besonders auserlesen.
Und gradezu in Strömen floß der Wein,
Die Nachbarn gossen ihn sich gegenseitig ein.

So kam es denn, daß Meister Lampe
Bald zu schielen anfing – er verlor den Halt.
Er konnte nur mit Mühe sich erheben
Und sprach die Absicht aus,
Sich heimwärts zu begeben.

Der Igel war ein sehr besorgter Wirt
und fürchtete, daß sich sein Gast verirrt.

„Wo willst du hin mit einem solchen Affen?
Du wirst den Weg nach Hause
nicht mehr schaffen.
Und ganz allein im Wald
dem Tod entgegen gehen.
Denn einen Löwen, wild,
hat jüngst man dort gesehen.“

Dem Hasen schwoll der Kamm,
Er brüllt in seinem Tran:
„Was kann der Löwe mir?
Bin ich sein Untertan?
Es könnte schließlich sein, dass ich ihn selbst verschlinge.
Den Löwen her, ich ford’re ihn vor die Klinge!
Ihr werdet sehn wie ich den Schelm vertreibe,
Die sieben Häute, Stück für Stück,
zieh ich ihm ab von seinem Leibe
Und schicke ihn dann nackt
Nach Afrika zurück!“

Und so verließ der Hase also bald
Das fröhlich laute Fest,
Und er begann im Wald
Von einem Stamm zum anderen zu schwanken
Und brüllt dabei die kühnlichsten Gedanken
Laut in die dunkle Nacht hinaus:

„Den Löwen werde ich zerzausen,
Wir sahn in dem Wald
schon ganz andre Tiere hausen
Und machten ihnen doch
Den blutigen Garaus!“

Infolge des geräuschvollen Gezeters
Und des Gebrülls des trunk’nen Schwerenöters,
Der sich mit Mühe durch das Dickicht schlug,
Fuhr unser Löwe auf mit einem derben Fluch
Und packt den Hasen grob am Kragen:

„Du Strohkopf, willst es also wagen,
Mich zu belästigen mit dem Gebrüll? –
Doch warte mal, halt still!
Du scheinst mir ja nach Alkohol zu stinken!
Mit welchem Zeug gelang es dir,
Dich derart sinnlos zu betrinken?“

Sofort verflog der Rausch dem kleinen Tier,
Es suchte rasch, sich irgendwie zu retten:
„Sie, wir, nein ich…
Oh, wenn Sie Einsicht hätten –
Ich war auf einem Fest
Und trank viel Alkohol…
Doch immer nur auf Euer Gnaden Wohl!
Und Eurer guten Frau und Eurer lieben Kleinen!
Das wäre doch, so wollte es mir scheinen,
Ein trift’ger Grund, sich maßlos zu besaufen!“

Der Löwe ging ins Garn
Und ließ den Hasen laufen.

Der Löwe war dem Schnaps abhold
Und haßte jeden Trunkenbold.
Jedoch betörte ihn,
Wie dem auch sei,
Des Hasen Speichelleckerei.

Sergeij Michalkov

••• Nach der schweren Kost und den Debatten der letzten Tage heute einmal etwas ganz anderes. Dieses Gedicht musste ich natürlich für den Podcast aufnehmen. Aber ich gebe vorsorglich zu: Ich bin hier ganz Epigone. Die Interpretation stammt von Eberhard Esche. Die Schallplatte „Lyrik, Jazz und Prosa“, einen Veranstaltungsmitschnitt, in dem man neben Eberhard Esche auch Manfred Krug singen und rezitieren hören konnte, habe ich so oft gehört, bis sie den Geist aufgegeben hat. Ich kann also nicht mehr prüfen, wie stark ich hier den Vortrag von Herrn Esche kopiere. Aber darauf kommt es ja auch nicht an.

Ich wünsche also allen Turmsegler-Lesern einen entspannten Tag. Trinkt nicht zu viel und hütet eure sieben Häute!

Diamant in Schlacken

28. März 2007

Michael Perkampous: Seelen am Ufer des Acheron••• Am Beginn meiner journalistischen Arbeit standen Buchbesprechungen. Das schien mir zunächst vor dem literarischen Hintergrund ganz natürlich. Aber ich bin ganz schnell davon abgekommen und habe mich journalistisch statt um Dichtung um Software und Programmiersprachen bekümmert. Ich brachte es einfach nicht anders übers Herz. Autoren, dachte ich mir, brauchen doch Freunde, die sie bestätigen, ein nettes Wort, gerade nachdem ein grosses Werk abgeschlossen und endlich erschienen ist. Da sollte man doch die Drecksarbeit den Kritikern überlassen, von denen eh niemand ein Herz erwartet.

Heute frage ich mich allerdings, ob das nicht kurzsichtig war. Als Autoren brauchen wir, wenn es um Kritik geht, keine Groupies. Wir brauchen starke Freunde, die uns bestärken, wo ungerechtfertigter Zweifel uns zu übermannen droht – und die uns verunsichern, wenn es nötig ist. Ich gebe heute letzteren Part.


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Ich will das Brot mit den Irren teilen

28. März 2007

A Simple Bell by osagelady@deviantart.com

Ich will das Brot mit den Irren teilen,
täglich ein Stück von dem großen Entsetzen,
auch die Glocke im Herzen,
dort, wo die Taube nistet
und ihre winzige Zuflucht hat
in der Wildnis über den Wassern.
Lange hab ich als Stein gehaust
am Grunde der Dinge.
Aber ich habe die Glocke gehört
leise von deinem Geheimnis reden
in den fliegenden Fischen.
Ich werde fliegen und schwimmen lernen
und das Steinerne unter den Steinen lassen,
die Schwermut betten in Perlmutter
doch den Zorn und das Elend erheben.
Meine Flügel sind älter als deine Geduld,
meine Flügel flogen dem Mut voraus,
der das Irren auf sich nahm.
Ich will das Brot mit den Irren teilen
dort in der furchtbaren Wildnis der Taube,
wo die Glocke das große Entsetzen drittelt
zum dreifachen Laut deines Namens.

Christine Lavant
aus: Gedichte. Suhrkamp Verlag 1988
© Otto Müller Verlag Salzburg 1978

••• Aller guten Dinge sind drei? Hier also noch ein weiteres grosses Gedicht von Christine Lavant…

Das Headset konnte ich schon mal aus den Umzugskisten fischen, um die Gedichte der letzten beiden Tage aufzunehmen. Die Beiträge wurden also aktualisiert.

Turmsegler bei litblogs.net

27. März 2007

Seit gestern ist der Turmsegler-Feed für „Das andere Blau“ bei litblogs.net gelistet, einem Meta-Blog, das die Feeds mehrerer Autoren-Weblogs präsentiert. Die Aufnahme freut mich persönlich, und sie freut mich in der Sache; denn dies ist genau die Art Verwendung, für die RSS unter anderem erfunden wurde.

Ein Besuch auf dem Meta-Blog lohnt sich unbedingt. 14 Weblogs sind unterdessen gelistet, unter den Autoren so mancher Schlüsselverstecker. Aber seid gewarnt. Ein wenig Zeit muss man schon einplanen, wenn man in diese Weblogs abtauchen will.

Gleiches gilt übrigens für die Lärmende Akademie, die neben dem „Blau“ auch den Turmsegler selbst führt und deren Macher – Michael Perkampus – dort und dort aktiv ist und die Mär vom Turmsegler-Projekt zu den Litbloggern getragen hat.

Herzlichen Dank also den Machern von litblogs.net und denen der Lärmenden Akademie und weiter gutes Gelingen für alle dort präsenten Autoren.

Die Fremde aß des Gegengottes Haar

27. März 2007

Die Fremde aß des Gegengottes Haar,
sie wollte wachsen wie die Birkenruten,
der Sonne hold sein und den Mond beguten,
auch eine Hütte haben für das Jahr
der Heiligung und Gold am Heimzahltag.
Mir war sie fremd wie eine Abendspinne,
obwohl sie ständig mir am Herzen lag
und nacheinander alle meine Sinne
zu Waisen machte, um sie zu verkaufen.
Mit meinem Schatten ging sie Wetten-Laufen,
wenn ich erschöpft auf meinen Fersen hockte.
Oft, wenn vor Elend schon das Blut mir stockte,
sang sie als Lerche hoch auf meinem Scheitel,
wo ihr der Gegengott entgegenkam.
Ich ward so scheu, sie aber wandelt zahm
durch meinen Himmel und nennt alles eitel
und fühlt sich heilig unter meinem Dache,
trägt dort des Gegengottes Samen aus.
Mir stellt sie Fallen wie für eine Maus
und ich muß trachten, daß ich ständig wache,
sonst stiehlt sie mir auch noch den letzten Schlag
von meinem Herzen für den Heimzahltag.

Christine Lavant
aus: Gedichte. Suhrkamp Verlag 1988
© Otto Müller Verlag Salzburg 1978

••• Das Leiden der Christine Lavant wird oft auf ihre körperliche Krankengeschichte zurückgeführt. Doch woher rühren solch chronische Krankheiten? Ich bin immer geneigt anzunehmen, dass diese körperlichen Krankheiten Folgen eines ausgeprägten seelischen Leidens sind. Wie gewollt ist in diesem tieffrommen Haus das Kind, das sich nur als „des Gegengottes Samen“ empfinden kann? Das nichts gilt. Dessen Empfinden nichts gilt. Das nicht mithalten kann im Anbetungsmarathon der Mutter, die dabei das eigene Kind seelisch verhungern lässt.


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