Die Heimat-Trilogie

5. Mai 2013

Das ist eine der wichtigsten Erfahrungen, die ich im Leben gemacht habe, dass die Zeit unerbittlich verstreicht. Die glückliche Stunde, nach der wir uns immer gesehnt haben, ist schon vorbei, wenn wir anfangen, sie zu erkennen. Auch das Unglück zerrinnt und lässt uns ratlos zurück. Nur die Kunst vermag es, den Augenblicken Dauer zu verleihen. Das Großartige an der Filmkamera ist, dass sie Zeit abbilden und speichern kann. Wir Filmemacher besitzen damit ein Instrument, das uns auf magische Weise befähigt, das flüchtige Leben zu bannen.

Edgar Reitz

••• Anfang der 1990er – ich lebte noch in Berlin – hatte ich noch einen Fernseher. Der kam nicht oft zum Einsatz. Einmal aber, während einiger Wochen, wurde der Fernseher zum Taktgeber. Damals wurde in dichter Folge »Die zweite Heimat« im Fernsehen ausgestrahlt, der zweite Teil der Heimat-Trilogie von Edgar Reitz, elf Spielfilme von 60 bis 140 Minuten Länge. Wir hatten die Sendetage im Kalender markiert. Da wurden keine Verabredungen gemacht, da durfte niemand stören. Vom Start weg waren wir echte Fans dieser Film-Chronik.


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Das Evangelium nach Schmidt & Cohen

2. Mai 2013

Eric Schmidt/Jared Cohen: »Die Vernetzung der Welt«, Rowhohlt

••• In der aktuellen »ZEIT« ist auf Seite 49 heute ein Artikel erschienen, der mir sehr am Herzen liegt. In »Brainwashing mit Niveau« berichte ich über meine Eindrücke von der »Vernetzung der Welt«, dem Sachbuch der Google-Größen Eric Schmidt und Jared Cohen, das eben bei Rowohlt in deutscher Übersetzung erschienen ist.

Über weite Strecken liest sich »Die Vernetzung der Welt« wie eine heutige Version von Macchiavellis »Fürst«: Wie erhält und behält man Macht in der Nebenwelt des Cyberspace? Es scheint, als wären die ursprünglichen Adressaten die Regierungen im Weißen Haus und in Downing Street gewesen. Dass die Autoren umfassende Alphabetisierung, mehr Teilhabe des Einzelnen an politischen Prozessen und damit den Sieg der Demokratie voraussagen, das könnte auch lediglich das rhetorische Zuckerstück sein, um von der eigentlichen Frage abzulenken: Was ändert sich durch das Netz für die Mächtigen, und wie können sie es anstellen, an den Schalthebeln der Macht zu bleiben? Lesen Sie also dieses Buch, lesen Sie es unbedingt, aber lesen sie es mit wachem Verstand und Blick für die Auslassungen!

Das optimierte Leben

18. April 2013

••• Auf der Leipziger Buchmesse des letzten Jahres hat Ralph Gerstenberg mit mir über »Replay« gesprochen. Er bereitete damals ein Radio-Feature vor, in dem er Dystopien aus der Gegenwartsliteratur vorstellen und vergleichen wollte. Das Feature wird nun unter dem Titel »Das optimierte Leben« am 21. April 00:05 Uhr (also in der Nacht vom Samstag auf Sonntag) auf Deutschlandradio Kultur ausgestrahlt. »Replay« soll darin eine gewichtige Rolle spielen.

In zeitgenössischen Romanen wird der Mensch mittels Medizin und Technik optimiert. Science Fiction oder bereits Realität?

Leben heißt Arbeit an der Gesundheit. Fitnesswahn und Selbstoptimierung greifen um sich. Jeder hat sich einem staatlich verordneten Gesundheitsprogramm zu unterwerfen. Und wo der Mensch an seine physischen oder psychischen Grenzen stößt, wird mittels technischer Apparaturen nachgeholfen. Literarische Szenarien dieser Art greifen gesellschaftliche Entwicklungen auf, die nicht nur Erkrankungen, sondern die Kreatürlichkeit selbst als Makel begreifen. In den Romanen von Juli Zeh, Angelika Meier, Benjamin Stein und anderen wird der Mensch mittels Medizin und Technik optimiert. Dabei stellt sich die Frage: Was ist Science Fiction und was bereits Realität? Wird durch den Einsatz von Gentechnik, Implantaten und Apparaturen nicht schon längst versucht, den Menschen im Sinne eines neuen Gesundheitsideals zu perfektionieren?

So now?

17. April 2013

the words have come and gone,
I sit ill.
the phone rings, the cats sleep.
Linda vacuums.
I am waiting to live,
waiting to die.
I wish I could ring in some bravery.
it’s a lousy fix
but the tree outside doesn’t know:
I watch it moving with the wind
in the late afternoon sun.
there’s nothing to declare here,
just a waiting.
each faces it alone.
Oh, I was once young,
Oh, I was once unbelievably
young!

Charles Bukowski (1920-1994)

••• Tom O’Bedlam, der gestern hier Nerudas »Ode an das Buch« las, hat einige Gedichte aufgenommen, auch dieses hier. »So now?« ist 1994, kurz vor Bukowskis Tod, in einem Magazin erschienen. Ein Abschied, ein Abschiedsgesang.


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Buch, gib mich frei

16. April 2013

Buch, so ich dich schließe,
schlag ich das Leben auf.
Ich höre
aus den Türen
abgerissene Rufe.

••• Vor einigen Tagen durfte der Turmsegler mal einem wahren Leseransturm standhalten. Das Interesse des Publikums galt einem »alten« Post über Brechts »Sonett Nr. 19«. Das Gedicht spielte eine Rolle in einer Aufgabe der schriftlichen Abi-Prüfung Deutsch, die letzte Woche anstand. Da musste ich an meinen eigenen Abitur-Aufsatz denken. Ich schrieb damals über Nerudas »Ode an das Brot« (behauptet meine Erinnerung, also wollen wir es mal glauben). Nerudas Oden hatten es mir damals sehr angetan, besonders in der Übersetzung von Erich Arendt, an dessen Gedichten ich mich zur selben (Un-)zeit ebenfalls abarbeitete.

Ich ging also zum Bücherregal, um mir Nerudas »Elementare Oden« zu greifen und darin zu stöbern. Aber ich fand es nicht. Mir fiel auch wieder ein, warum ich es nicht finden konnte, denn ich hatte das Exemplar, in dem ich damals gelesen hatte, noch vor Augen. Es war eines jener in orangefarbene Wachstuchumschläge geklebten Bibliotheksexemplare der Bibliothek in Friedrichshagen, von der Wechsler in der »Leinwand« berichtet.

Keine Neurda-Oden im Haus! Also bin ich online suchen gegangen und dabei auf eine Perle dieser Sammlung gestoßen, die Doppel-»Ode an das Buch«. Ich will es einmal eine Doppel-Ode nennen, denn es gibt zwei »Oden an das Buch«.


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Skopje

13. April 2013

Igor Isakovski und Elizabeta Lindner in der Altstadt von Skopje
Blesok-Verleger Igor Isakovski und Übersetzerin Elizabeta Lindner in der Altstadt von Skopje

••• Letzte Woche um diese Zeit bin ich durch Skopje gelaufen. Traduki und mein mazedonischer Verlag Blesok, unterstützt von der Deutsch-Mazedonischen Gesellschaft und dem Goethe-Institut, hatten mich eingeladen, um vor Ort die mazedonische Übersetzung der »Leinwand« vorzustellen. »Платно« war die erste ausländische Ausgabe eines meiner Bücher und ist schon vor eineinhalb Jahren in Skopje erschienen. Ich habe mir vorgenommen, in alle Länder zu reisen, in denen Bücher von mir in Übersetzung erscheinen. Dass es etwas länger gedauert hat, bis ich nach Mazedonien kam, liegt an den Umständen, unter denen Blesok und der dortige Verleger Igor Isakovski Bücher machen. Die Finanzierung war schwierig.


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Post vom Raben

8. April 2013

••• Zurück aus Mazedonien, habe ich ein Paket vom Raben aus Istanbul gefunden, »Beyaz Tuval«, die türkische Ausgabe der »Leinwand«.