Archiv der Kategorie 'Lyrik'

Haltesignal

Freitag, den 26. Januar 2007

To the roots © 2004-2007 by frozen sky

Ich habe Zeit,
einen Baum
zu betrachten,

sein Geheimnis
zu ergründen –
warum er standhielt
den Stürmen.

Dies ist die Antwort
des Baums:
Wachsen zu gleicher Zeit
in die Höhe
und in die Tiefe.

Ulrich Grasnick, aus: „Der vieltürige Tag“
Verlag der Nation Berlin 1973
© Ulrich Grasnick 1992

••• Ich erinnere mich noch heute, wie Uli dieses Gedicht zum ersten Mal (für mich) in seinem Zirkel rezitierte: mit blitzenden Augen. Bilde ich es mir nur ein oder kam dieses Zitat immer grad dann, wenn einer von uns wieder einmal ganz besonders wortgewandt hatte sein wollen?

Rückkehr

Donnerstag, den 25. Januar 2007

Blaze © 2006-2007 by DragonWinter

Wind fährt herab,
wir sehen den Staub
nicht im Dunkel –
Wir finden
ein verlassenes Feuer,
darin noch schwelt
die vergangene Stunde –
Wir kaufen
Erinnerungen ein
in einem fremden Land,
wir suchen Glück zu entdecken,
und doch kehren wir nur zurück
mit den Feuern,
die in uns sich bergen.

Ulrich Grasnick, aus: „Der vieltürige Tag“
Verlag der Nation Berlin 1973
© Ulrich Grasnick 1992

••• Nicht von ungefähr haben Ulrich und Charlotte Grasnick sich mehrfach gemeinsam auf den dichterischen Weg gemacht. Immer wieder sind ihre Gedichte auch Gespräch untereinander. Natürlich darf Ulrich Grasnick hier nicht unerwähnt bleiben.


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Blutreizker

Mittwoch, den 24. Januar 2007

Blutreizker

Mein Bruder im äußersten Schwung am blauen Anschlag der Himmel Land ohne Eile als wären die Augen verbunden ein Tasten danach mit einem bestimmten Gefühl für Tonhöhe beginnen ohne den Ton vorzugeben ich muß laut zählen den Takt halten im vierhändigen Erinnern o was jetzt da ist und alles noch einmal von vorn das Bilderbuch aufschlagen der Stern so tief eingesunken im Schnee daß er erlosch ich suche die Stelle sein Leuchten zwischen den Seiten mein Bruder ich möchte hoch hinausfliegen Propellerschleife im Haar der Tag mit meinem Mund öffnet die Lippen spielt mit schillernden Seifenblasen die Luftlinie schwirrt in der Farbe des Balls weit über den Zaun Kindheit ein Spielzeug auf Rädern dich ziehe ich hinter mir her das Wachsen an der Hand der Mutter das Wachsen an der Hand der Großmutter ihr ruhiges Miteinander die Zeit ohne Männer im Dorf Mutter mit wundgescheuerten Füßen am Abend ihr Überlandgehen nach Kartoffeln und Mehl Großmutters Stimme Wenn er blutet ist er nicht giftig schneidet den Blutreizker auf im Keller das eingesperrte Lachen Ballons mit Obstwein ängstlich gemieden die Distel bringt Trauer ins Haus einmal von Furcht geschüttelt ich liege in einem Sarg bin nicht tot meine Mutter trägt mich auf dem Rücken zurück in die Stube seitdem brennt die Lampe im Nebenzimmer der Türspalt durch den das Licht fällt immer nur zu Besuch mein Vater heimlich bewundre ich ihn einst hat er mir im Spielzimmer des Himmels den Großen Bären gezeigt meine Zöpfe werden länger ich wachse ein erstes Nachdenken was ist schön

Charlotte Grasnick, aus: „Blutreizker“
Verlag der Nation Berlin 1989
© Charlotte Grasnick 1992

••• Einen, der unerschütterlich von sich überzeugt war, haben wir vor kurzem erwähnt. Charlotte – und ich selbst übrigens auch – zählen eher zu den Zweiflern. So schrieb sie mir auch sehr treffend als Widmung in ihren ersten eigenen Lyrikband „Blutreizker“ folgende Strophe aus einem anderen ihrer Gedichte…


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Kaffee schwarz

Dienstag, den 23. Januar 2007

Morning Coffee © by Bozaman

Am dunkelsten
in der Mitte
– wie dein Auge –
heller am Rand
vom weißen Porzellan –
bis zum Grund
kann ich nicht blicken.

Alles kühlt ab
langsam
von außen nach innen.
Manche wärmen ihn auf –
mir aber ist das
wie schon einmal gestorben.

Charlotte Grasnick, aus: „Flugfeld für Träume“
Verlag der Nation Berlin 1984
© Charlotte Grasnick 1992

••• Von den literarischen Zirkeln im Hause der Grasnicks habe ich schon berichtet. Mit Charlotte hat mich später noch etwas Besonderes verbunden. Anfang der 90er Jahre habe ich viele Stunden mit ihr über ihren Texten verbracht. Sie kam zu mir mit vielen Blättern und Zetteln, handschriftlichen Notizen. Sie wollte sie ordnen. Ich tippte sie in den Computer. Oft gingen die Texte durch den Filter langer Gespräche; doch dabei ging es eigentlich nur um feine Schliffe hier und da. Ich glaube allerdings, sie hat nicht wirklich gesehen, wie stark ihre Texte waren.


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Perlenfischer

Montag, den 22. Januar 2007

Fisher © by Parranoya

Werf mein Kleid über mich
wie offenes Wasser,
gefärbt vom Licht
kleiner Sonnen.
Vor jeder Nacht
fällt eine vom Himmel,
fängt sich
in meinem Schoß.

Dann fahren
unsere Finger
wie Schiffchen,
knüpfen am Saum
Netze zum Grund.

Um die Mondwende
spielen wir
Perlenfang, stillen
die Atemnot
in der Tiefe.

© Ina Kutulas (1984)

••• Wenn schon vom Poetenseminar 1985 die Rede war… In diesem Jahr gab es für mich so etwas wie einen Star: Ina-Kathrin Schildhauer (heute: Ina Kutulas). Sie hatte einen grossen Text, und sie hatte einen grossen Auftritt. Sie kam in diesem Jahr erst einige Tage später nach Schwerin. Ich erinnere mich noch gut, wie wir nachts im Kreis um sie sassen und den Erzählungen lauschten vom überwältigenden Eindruck der „Weltfestspiele der Jugend und Studenten“ in Moskau, an denen sie teilgenommen und von denen sie gerade – völlig übernächtigt – zurückgekehrt war.


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Weltende (II)

Freitag, den 19. Januar 2007

You are the Storm - © by sotoxic

••• Der Sturm hat sich noch nicht gelegt. Da kommt mir noch ein anderes „Weltende“-Gedicht in den Sinn – von einer Dichterin, die ich – nicht ohne Verstörungen – verehre: Else-Lasker Schüler.


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Weltende (I)

Donnerstag, den 18. Januar 2007

Brain Storm - ©  by alexiuss

Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
in allen Lüften hallt es wie Geschrei.
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei
und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.

Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
an Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.

Jakob van Hoddis (1887-1942)

••• Heute machen sich alle verrückt. Sturm, Untergangsstimmung, Weltenende!


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