Trübsinn

Mir ist, als lebte ich schon über tausend Jahr
Nie barg ein alter Schrein, so überfüllt er war
Mit Rechnungen und Akten, Versen, Briefen,
Mit Locken, die verwahrt in Scheinen schliefen,
So viel geheimes Leid wie längst mein Hirn es barg.
Das ist ein Riesenbau, ein ungeheurer Sarg,
Ist eine Gruft, die zu viel Tote fasst.

Ich bin ein Kirchhof, den das scheue Mondlicht hasst,
Durch den die Würmer ziehn, Reu und Gewissensqual,
Zernagend meiner liebsten Toten Mal.
Ich bin ein alt Gemach, wo welke Rosen schauern,
Und wie ein fahl Gewirr verblichne Trachten trauern.
Wo nur ein matt Pastell, ein blasser Stich geniesst
Den süsslich schalen Duft, der dem Flakon entfliesst.

Nichts gleicht an Langsamkeit der lahmen Tage Stocken,
Wenn unter schwerer Zeit eisgrauen kalten Flocken
Der Überdruss, der dumpf aus müder Unlust steigt.
Anschwellend dir das Mass der Ewigkeiten zeigt.

Hinfort, beseelter Staub, wirst du nichts andrem gleichen
Als dem granitnen Stein, den Schrecknisse umschleichen,
Der in dem Nebeldunst der stummen Wüste träumt!
Der Sphinx, die man vergass, vor der kein Fuss mehr säumt,
Die niemand kennt, und die in wilder Laune Qualen
Ihr einsam Lied nur singt den roten Abendstrahlen.

Charles Baudelaire
aus: „Les Fleurs du Mal – Die Blumen des Bösen“
Übertragung: Therese Robinson
© Georg Müller Verlag München (1925)
Fleurs du Mal als RSS-Feed abonnieren • „Fleurs du Mal“ als RSS-Feed abonnieren

Einen Kommentar schreiben

XHTML: Folgende Tags sind verwendbar: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>