Landschaft

Ich will, um mein Lied zu dichten fromm und verschwiegen,
Nahe beim Himmel wie ein Sterngucker liegen,
Will lauschen der Glocken Feiergesang,
Den der Wind mir vom Kirchturm herüberschwang;
In den Händen das Kinn, von der Kammer hoch oben
Belausch‘ ich der Werkstatt Treiben und Toben,
Schau auf Giebel und Türme und Wolken so weit
Und träume den Traum von der Ewigkeit.

Wie lieblich, wenn durch Nebel flimmernd bricht
Da Sternenglanz, am Fenster dort ein Licht,
Bleiche Dünste durch den Abend rinnen,
Und vom Mond sich Zauberfäden spinnen.
So lass‘ ich den Frühling, den Sommer, den Herbst mir vergehn,
Und kommt dann der Winter mit eisigem Wehn,
Dann schliesse ich Türen und Läden voll Hast
Und bau mir im Dunkel den Feenpalast.
Und träume von bläulich durchfluteten Hainen,
Vom schluchzenden Strahl zwischen schimmernden Steinen,
Von Küssen und Blumen, fremdländischer Pracht,
Von allem, was der Kindheit Träume macht.

Vergebens reisst der Sturm an meinen Scheiben,
Auf dem Arm die Stirn, so will ich bleiben,
Sinken in die warmen Strahlen tief
Goldnen Frühlings, den mein Wille rief.
In der Brust der eignen Sonne Glühn,
Das heisse Herz schafft Leben, Duft und Blühn.

Charles Baudelaire
aus: „Les Fleurs du Mal – Die Blumen des Bösen“
Übertragung: Therese Robinson
© Georg Müller Verlag München (1925)
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