Edgar Allen Poe (1809 – 1849)
There are some qualities — some incorporate things,
That have a double life, which thus is made
A type of that twin entity which springs
From matter and light, evenced in solid and shade.
There is a two-fold Silence — sea and shore —
Body and soul. One dwells in lonely places,
Newly with grass o’ergrown; some solemn graces,
Some human memories and tearful lore,
Render him terrorless: his name’s »No More.«
He is the corporate Silence: dread him not!
No power hath he of evil in himself;
But should some urgent fate (untimely lot!)
Bring thee to meet his shadow (nameless elf,
That haunteth the lone regions where hath trod
No foot of man) commend thyself to God!
Da gibt es Eigenschaften hinter manchen Dingen,
die geben doppelt ihnen Leben, daß ihr Sein
entfaltet sich von Licht zu Schatten, darinnen
sind Materie sie, genau wie Schein.
Es gibt das Schweigen zweifach auch — Küste und Meer,
Körper und Seele. Einsam weilet Einer
in stillen Tälern und in Erinn’rung Seiner
kühlen Gnaden wird Menschenkummer tränenleer,
verschwinden alle Schrecken — sein Name: »Nimmermehr.«
Er ist die eine Verkörperung des Schweigens, von der droht
nichts Böses dir, denn arglos ist ihm seine Macht;
doch sollte dich das Schicksal zwingen (grause Not!),
daß du wohl treffest seinen Schatten (namenlose Nacht,
die heimsucht jene weglosen Gefilde, drin nur Spott
der Menschen Leiden harrt) — dann Gnade deiner Seele Gott!
Edgar Allen Poe (1809 – 1849)
Übertragung: Michael Görden
••• Obige deutsche Fassung des Gedichts von Poe fand ich zufällig in einer antiquarischen Poe-Ausgabe von — man mag es nicht glauben — Bastei-Lübbe. Der Band mit Kurzerzählungen wird eröffnet mit dem „Raben“ und schliesst mit „Schweigen“. Beide Gedichte als Klammer zu verwenden, schien sich anzubieten wohl wegen des »Nimmermehr«, wenn es im Orginal auch tatsächlich einmal »Nevermore« und das andere Mal »No More« heisst.
Das Gedicht war so haarsträubend gesetzt, dass man unmöglich die ursprüngliche Zeilenaufteilung erkennen konnte. So machte ich mich auf die Suche nach dem Original, um festzustellen, dass es sich tatsächlich um ein Sonett mit Zusatzzeile handelt:
ABAB CDDC(C) EFEF GG
Dem Setzer bei Bastei-Lübbe war das scheinbar nicht klar, dem Übersetzer hingegen schon. Nur im ersten Quartett rumpelt es und reimt sich nicht wirklich. Hat vielleicht jemand eine andere Nachdichtung des Textes zur Hand?
Am 7. Februar 2008 um 16:01 Uhr
da du nun mein ureigensten metier aufschlägst, kann ich dir freilich weiterhelfen. die „maßgebliche“ übersetzung erledigte hier HANS WOLLSCHLÄGER.
Am 7. Februar 2008 um 16:05 Uhr
[…] Auch hier heute zugegen, da es sich das Thema um Poe rankt. […]
Am 7. Februar 2008 um 16:25 Uhr
Danke, p.- … Aber an der Stelle rumpelts beim Wollschläger auch. Ihm fehlt ne Silbe. Wie wär das denn?
oder:
Am 7. Februar 2008 um 18:51 Uhr
Wenn man nun die „Dreifaltigkeit“ – reim – silbe – sinn beibehalten möchte, wirds in der Tat unmöglich. Muss aber sagen, dass ich mit der Wollschläger-Übersetzung zu Rande komme, wenn doch man Poe freilich besser im Original belässt. Ich selbst würde in diesen Fällen eher zu einer reimlosen Übersetzung tendieren wollen, man hat das bei Mallarmé so gemacht, ja machen müssen. Ich sehe Übersetzungen in diesem Falle als schnelles Hilfskonstrukt an, das man sich für die Winkelzüge der anderen Sprache daneben legt.
Am 7. Februar 2008 um 20:33 Uhr
Das alte Dilemma mit den Nachdichtungen. Grad letztens ist ja Gabriela Mistral hier im Rückspiegel aufgetaucht. Ihr „Sonette vom Tode“ wurden von Theile auch ungereimt übersetzt. Grosse Gedichte sind es auch in dieser Übertragung. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass mit dem Reim und dem ursprünglichen Versmass auch ein grosser Teil Reiz, den das Original hat, im Deutschen verloren ist.
Über Mallarmé könntest Du eigentlich mal schreiben. Da bin ich ganz nackicht…
Am 8. Februar 2008 um 00:51 Uhr
Übertragung ist eben nur Übertragung, eben. Der Reiz ist natürlich immer auch die Musikalität einer Sprache, das Zusammenwirken von Lauten, ganz unabhängig von ihrem Sinn und DER geht eben verloren. Was anbei noch eine interessante und nie zu klärende Frage ist: Wie hätte Poe zb. „in deutsch“ gedichtet… verstehst du? Diese merkwürdige Vorstellung, dass hier ein Raum nicht besetzt wird, für immer verloren ist. Das gilt für Dichtung überhaupt. Wie hätte sich das im Original in einer – vorzugsweise eben meiner, unsrer – Sprache ergeben (lassen wir mal die Soziologie außen vor).
Mallarmè – ja, vermutlich der für alle Zeiten unerreichbare Gipfel der Lyrik der Welt, hermetisch in sich geschlossen. Kann man aber nur sagen, wenn man den Symbolismus auch wirklich zu würdigen weiß. Sonst kommt gleich einer und sagt (und wir werden puderrot dabei): Goethe war der Beste – har har.