Warum Facebook dein Feind ist

8. April 2018

••• Seit Jahren habe ich keinen Facebook-Account mehr. Auch auf Instagram und WhatsApp bin ich nicht zu finden. Obwohl ich schon viel ahnungslosen Unsinn gehört habe, wenn es um Privacy ging, überrascht es mich doch immer wieder, wie selbst hoch gebildete, technisch und politisch beschlagene Leute den Kopf schütteln über meine Entscheidung, auf keinen Fall noch irgendein Facebook-Produkt zu verwenden. Besonders hartnäckig ist die Fraktion jener »Aufgeklärten«, die der Meinung sind, sie würden Facebook ein Schnippchen schlagen, wenn sie bspw. nichts selbst posten oder nur in eigener Sache Werbung betreiben. Für all jene möchte ich heute noch ein letztes Mal einen Versuch unternehmen, deutlich zu machen, worin das Problem besteht und wie groß es tatsächlich ist – für jeden einzelnen von uns.

Damit dieses Unterfangen Aussicht auf Erfolg hat, muss ich mich kurz fassen und also auf die wesentlichen Punkte beschränken. Ich will erklären, welcher Natur die Daten sind, die Facebook sammelt und vermarktet. Dann möchte ich exemplarisch zeigen, worin der Unterschied zwischen dem Geschäftsmodell von Google und Facebook besteht, woraus das Ausmaß des Verrats deutlich werden wird, den Facebook an jedem einzelnen User und dessen gesamten Umfeld begeht. Beides zusammen müsste deutlich belegen, dass jedwede Nutzung eines Facebook-Produktes einer Selbstverletzung und Freundesverrat gleichkommt.

In den letzten Jahren wurden viele Rauchbomben geworfen, um die Debatte um die wahre Natur des Privacy-Problems zu vernebeln. Privat sind wir, wollen wir glauben, wenn niemand den Inhalt unserer Konversation mithören oder -lesen kann. Entsprechend zu begrüßen sind die Initiativen des Netzes, das Web ohne Zusatzkosten für den Betreiber von Websites auf verschlüsselte Kommunikation (https) umzustellen. Dass es wichtig ist, dass Kurznachrichten Ende-zu-Ende verschlüsselt sind, also wirklich nur vom Absender und Adressaten lesbar, das haben unterdessen auch so viele Nutzer verstanden, dass heute praktisch alle Kurznachrichtendienste von nennenswerter Bedeutung dieses Feature standardmäßig anbieten. Dass mit verschlüsselter Kommunikation alles fein wäre, ist jedoch ein großer Trugschluss. Ich selbst bin der Argumentation einst auf den Leim gegangen und habe nach dem Facebook-Ausstieg doch wieder begonnen, WhatsApp zu nutzen, als es auf verschlüsselte Kommunikation umgestellt wurde.

Es geht nicht um den Inhalt unserer Kommunikation, also die Daten, die wir einander übermitteln. Es geht um Metadaten, die bei der Übertragung anfallen. Edward Snowden schlug letztens in einem Tweet vor:

Are your readers having trouble understanding the term »metadata«? Replace it with »activity records.« That’s what they are. #clarity

Metadaten sind Aktivitätsprofile. Um bei der SMS zu bleiben: Wer hat wem wann wie viele Zeichen Text geschickt?

Kurt Opsahl beschrieb das in einem Artikel sehr anschaulich:

They know you rang a phone sex service at 2:24 am and spoke for 18 minutes. But they don’t know what you talked about. They know you called the suicide prevention hotline from the Golden Gate Bridge. But the topic of the call remains a secret. They know you spoke with an HIV testing service, then your doctor, then your health insurance company in the same hour. But they don’t know what was discussed.

Zu Deutsch:

Sie wissen, du hast um 2:24 früh einen Telfonsexservice angerufen und 18 Minuten lang gesprochen. Aber sie wissen nicht, worüber du gesprochen hast. Sie wissen, dass du von der Golden Gate Bridge aus die Telefonseelsorge angerufen hast. Das Thema des Telefonats bleibt ein Geheimnis. Sie wissen, dass du mit einem HIV-Testlabor gesprochen hast, danach mit deinem Hausarzt und schließlich mit deiner Krankenkasse, alles innerhalb einer Stunde. Aber sie wissen nicht, was diskutiert wurde.

Müssen sie auch gar nicht. Das ist das Charmante und Erschreckende an Metadaten: Sie enthüllen die entscheidende Information und sie enthüllen sie — im Gegensatz zum babylonisch-legasthenischen Sprachgewirr der Nachrichten selbst — in einer von Computern viel leichter auswertbaren Weise. Die Metdaten unserer digitalen Interaktionen verraten alles über uns. Sie sagen die Wahrheit, wo wir in einer SMS oder Mail womöglich die Unwahrheit schrieben. Ihnen gilt das Interesse der Datensammler, nicht den Inhalten unserer Kommunikation. Weil das so ist, spielt es auch gar keine so große Rolle, ob ich die Facebook-Website, Whatsapp oder Instagram nutze. Hauptsache, ich gewähre Einblick in mein Adressbuch, Zugriff auf meine Lokationsdaten (Bewegungsprofil) und und und. Selbst wenn ich das nicht gestatte und nur einen Facebook-Account habe, um die Posts anderer zu lesen, klebt mir ab meinem ersten Login bei Facebook der Facebook-Cookie auf der Stirn, anhand dessen Facebook und Webseiten, die ich besuche, mich identifizieren können. Die Art des Dienstes ist für den Geschäftszweck nicht relevant. Der Dienst existiert überhaupt nur, damit ich mich anmelde und am Metadaten-Striptease teilnehme. Die heutigen Teenager interessieren sich Null für Facebook. Deswegen hat Facebook Instagram gekauft, für die sie sich sehr wohl interessieren. Und WhatsApp – möchte man uns glauben machen – hat in diesem Land vom Kleinkind bis zur Uroma unterdessen jeder, weil es anscheinend lebensnotwendig ist. So spielen alle mit.

Berechtigt ist nun die Frage, warum denn Facebook alle Häme auf sich ziehen soll, wo doch Google nicht weniger solcher Dienste betreibt und unsere Metadaten einsammelt, in einigen Bereichen sogar als Monopolist. Wo ist der Unterschied in den Geschäftsmodellen beider Firmen?

Beide Firmen, so die Annahme, leben von Werbung. Es geht darum, Werbeinhalte nicht mit der Gießkanne auszugießen, sondern sie möglichst dem passenden Publikum zu präsentieren, so dass wir weniger Werbung zu sehen bekommen, die uns eher interessiert und der wir daher auch eher per Klick folgen. Bei Google läuft das so: Der Kunde beschreibt, für welches Profil von Kunden er sich interessiert. Google platziert die Werbung. Wer der Adressat am Ende war, erfährt der Kunde nur, wenn jener die Anzeige angeklickt hat, aus dem Adressaten also ein Lead geworden ist. Diesen Dienst bietet Facebook auch an. Bei Facebook kann man jedoch noch anderes einkaufen – die Profile selbst. Der Kunde kann so eigene Analysen betreiben, um eventuell herauszufinden, dass die meisten Interessenten für Regenbogen-Regenschirme aus der LGBT-Community kommen oder die meisten Weißbiertrinker im Bundesland xy zu finden sind. Facebook verkauft persönliche identifizierbare Informationen. Das ist der entscheidende Unterschied im Geschäftsmodell, und das ist der Tabubruch. Natürlich weiß mein Mobilfunkanbieter heute nahezu lückenlos, wo ich mich aufgehalten habe. Es gibt heftige politische Debatten darüber, ob und wie lange er vom Staat gezwungen werden kann, dieses Bewegungsprofil zum Zwecke der Strafverfolgung herauszugeben. Grundsätzlich gilt wie selbstverständlich, dass er dieses Bewegungsprofil so geheim zu halten hat, dass nicht einmal ein durchschnittlicher Mitarbeiter ein solches Profil mit einer Adresse zusammenbringen kann. Vom Verkaufen an Dritte gar nicht zu reden. Facebook hingegen verkauft viel mehr als nur dies an jeden Zahlungswilligen.

Den Allgemeinen Geschäftsbedingungen von Facebook-Diensten kann man nur mit einer Aktion wirksam widersprechen: indem man den Account des entsprechenden Dienstes löscht. Alles andere ist Kokolores. Wer sich anmeldet, spielt mit. Punkt.

Meldet euch per Webbrowser bei diesen Diensten an, ändert das Passwort auf etwas Unmerkbares, löscht den Account und im Anschluss alle zu den Diensten gehörenden Apps. Zeigt Facebook den Finger, endgültig. Es gibt ein Leben nach Facebook. Es gibt auch ein Leben nach WhatsApp und Instagram oder welchem Dienst auch immer, den Facebook, um das Spiel weiter betreiben zu können, noch einkaufen mag.

Auch – wenn nicht gerade – Firmen sollten umgehend ihre Facebook-Profile löschen. Denn die reine Teilnahme an diesem Dienst sendet das schlechtestmögliche Signal an potentielle Kunden: Wir haben keine Ahnung in Sachen Privacy oder aber – was schlimmer ist – es ist uns egal.

Ein Freund verkannte in einer Nachricht an mich die Situation so:

Wir sollten Wilhelm II nicht wiederholen: »Ich glaube an das Pferd! Das Automobil hat keine Zukunft.« Selbst dann nicht, wenn sein Pferdeglaube auf jeden Fall ökologisch recht hatte. Nun kommen selbstfahrende E-Autos, und auch auf FB wird was folgen.

Niemand verlangt von euch, auf Kurznachrichten zu verzichten oder auf eine Foto-Community. Was von euch verlangt wird, ist, dass ihr euch des Wertes eurer Privatheit bewusst werdet und euch vor der Ausbeutung eurer Aktivitätsprofile schützt. Verwendet Signal statt WhatsApp, Vero bspw. statt Instagram. Verwendet den DNS-Dienst von Cloudflare statt den eures Internet Service Providers. Und und und. Es gibt genügend Alternativen, die keinen Hafer fressen. Schaut einfach bei jedem Dienst, den ihr künftig nutzen wollt, genau darauf, was der Anbieter mit euren Aktivitätsprofilen macht.

Was Facebook betrifft: Diese Firma mit allen ihren Diensten hat in meinen Augen nur eine Überlebensberechtigung, wenn sie ihr Geschäftsmodell umgehend grundlegend ändert. Nein, eigentlich nicht einmal mehr dann.

5 Reaktionen zu “Warum Facebook dein Feind ist”

  1. ANH

    Leider jetzt erst gelesen, sonst hätte ich Deinen Text d o r t bereits heute verlinkt; ich werde es morgen nachholen; vielleicht hat sich eine von mir nun begonnene Diskussion dann schon intensiviert.

    Erst einmal einen Einwand, vielleicht auch eine Bitte, zur Klärung. Du sprichst, sehr moralisch und zugleich sehr rhetorisch, von Freundesverrat. Den Vorwurf, es ist einer, weise ich entschieden zurück. Denn ich erteilte Facebook mit meinem eigenen dortigen Account nur den Zugriff auf andere, die ihrerseits FB-Accounts haben, nicht hingegen auf meine übrigen Kontakte; Entsprechendes gilt für z.B. Whatsapp und Instagram.

    Zugleich ein Dank für die Nennung der Alternativen. Für mich sind sie allerdings beruflich schwierig, wenn nicht unmöglich zu verwenden, da Auftraggeber/innen, von denen ich zu großen Teilen lebe, ausschließlich über die von Dir genannten und geächteten Facebookdienste kommunizieren. Gäbe ich Whatsapp auf, müßte ich um Sozialhilfe ersuchen.

    Ja, ich bin der Freund, der das Beispiel mit Wilhelm II brachte. Das für andere Leser:innn nebenbei. Das hättest Du gerne auch gleich schreiben können, denn zu meinem Selbstverständnis gehört, daß ich zu dem, was ich sage, auch öffentlich stehe.

    Zur Sache selbst.

    Faceboook verkauft ganze Profile; das war mir nicht unbekannt, ebensowenig wie die Rolle von Metadaten. Es stört mich aber nicht, erstens weil ich Privatheit ohnedies für einen, und zwar neuzeitlichen, Mythos halte; seit dem Hochmittelalter gibt es keine mehr – so wenig, wie wir uns noch irgendwo auf Dauer verstecken oder gar autark leben können; die neue Privatheit, aus einer Sicht, ist eine Parallelideologie zum gleichermaßen kapitalistischen Eigentumsbegriff wie zur „Nation“; zweitens weil ich auf Werbung nicht reagiere; nervt sie mich, schalte ich den Adblocker ein. Wie wir seit den letzten Jahren geradezu schon wissen, ist auch politische Überwachung letztlich gang und gäbe – nicht Einschränkung, aber Überwachung: Telefonate und Emails werden maschinell auf Schlüsselwörter durchsucht; ebenso maschinell gehen die Facebook-Erhebungen vor sich (und also die Produkte des Verkaufs durch FB). Zum anderen habe ich persönliche Repressionen vor den Zeiten von FB, als alleine eingefahrene Szenen über Wohl und Wehe bestimmten, als sehr viel härter erlebt als seitdem. Ich kann das, worauf es mir mehr ankommt als auf alles andere sonst, meine Literatur, in Faceboookzeiten am Leben erhalten; die Dienste u.a. von Facebook erlauben es; vor diesen Diensten wäre es unmöglich gewesen. Insofern ist Facebook, bei allen Verstößen gegen Privatheit, für mich, also meine Literatur, ein Überlebensgarant. Verlasse ich den Dienst, versinken meine Bücher im Vergessen – zumindest besteht diese Gefahr. Mir geht meine Literatur meiner Privatsphäre vor, was geradezu natürlich ist, weil Dichtung, die nicht gelesen wird, gar nicht existiert.

    Dies nur als Einstieg in die sich, so hoffe ich, entspinnende Diskussion.

  2. Benjamin Stein

    Denn ich erteilte Facebook mit meinem eigenen dortigen Account nur den Zugriff auf andere, die ihrerseits FB-Accounts haben, nicht hingegen auf meine übrigen Kontakte; Entsprechendes gilt für z.B. Whatsapp und Instagram.

    Hier liegt bereits der erste Irrtum vor. Bitte unbedingt den anderen Beitrag »Ohne Facebook« auch lesen, wenn das unklar ist.

    Facbook führt zu all jenen Personen, die sich aus den Metadaten, die Du lieferst, interpolieren lassen, sogenannte Schattenprofile, wenn sie keinen Facebook-Account haben.

    Mir ist gänzlich unklar, warum Du Sozialhilfe beantragen müsstest ohne WhatsApp? Empfangen diese Leute keine SMS (unverschlüsselt, aber doch immerhin besser als Sozialhilfe)? Haben sehr viele von ihnen nicht sogar ein Apple-Gerät und daher automatisch iMessage (sogar verschlüsselt)?

    Was sind das überhaupt für Leute, die »nur über Facebook« kommunizieren? Verstehe ich hier etwas miss? Telefonieren die nicht mehr? Lesen die keine Mail?

  3. ANH

    Schon, sie haben iMessage, aber w o l l e n nur über Whatsapp kommunizieren – sie regeln selbst ihre Bankangelegenheiten so, alles andere ist ihnen zu umständlich. In einem Fall war ich Zeuge. „Wir brauchen dazu aber Ihre Unterschrift.“ „Ging auch sonst ohne.“ „Ich habe meine Anweisungen.“ „Dann kündige ich hiermit mein Konto.“ – Da es da um mehrere Millionen ging, knickte die Bank wenige Minuten später ein.

    Sozialhilfe: Weil ich von meinen unterdessen 27 Büchern nicht mal ansatzweise leben kann und meine andere Grundlage, den Rundfunk, verloren habe. Mit nunmehr 63 besteht – mit meiner literarischen Außenseiterposition – auch keine Chance mehr, auch nur noch Rezensionen dort zu verfassen. Insofern bin ich auf Auftraggeber aus dem Privatsektor schlichtweg angewiesen. – Du siehst, meine Skepsis gegenüber Privatheit ist derart groß, daß ich derartiges, das andere schamvoll verschweigen würden, ganz öffentlich erzähle.

    Was also soll ich tun? Facebook kündigen, auch Whatsapp und dann für den Lebensunterhalt in Kneipen bedienen wie als Student, mit 63? Echt nicht.

    (Entschuldigung allen übrigen Leser:innen; zum Thema selbst gehört letzteres nicht, bzw. allenfalls am Rande, weil nur-persönlich. Da BS mich aber direkt hier gefragt hat, wollte ich direkt auch antworten.)

  4. Benjamin Stein

    Ich versuche immer noch, das zu verstehen. Daher die Nachfrage: Über WhatsApp und Facebook erreichen Dich also Job-Angebote, die Du auf anderen Kanälen nicht bekommen würdest?

    Und auch dies nur eine vergewissernde Nachfrage: Da sind Leute, die per WhatsApp eine Nachricht schicken würden, über die SMS-App des gleichen Telefons aber auf keinen Fall, weil das »zu umständlich« ist?

  5. ANH

    Frage 1: Nein. Aber diese von den Auftraggebern ausgehenden weiteren Aufträge, werden abermals (fast) nur über Whatsapp kommuniziert – wobei sich das wahrscheinlich bei denen ändern ließe, nicht aber bei der, ich sag mal, „Urquelle“.

    Frage 2: Ja.

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