Abschied am Wannsee

30. Mai 2016

LCB 28.05.2016
Literarisches Colloquium Berlin, Wannsee

••• Am 28. Mai fand im Literarischen Colloquium Berlin eine Trauerfeier statt. Freunde und Weggefährten hatten Gelegenheit, von Susan Bindermann Abschied zu nehmen. Es wurde getrunken und gegessen und natürlich viel geredet. Besonders das Wiedersehen und die Gespräche mit Wolfgang Sandfuchs und Ulli Janetzki haben mir gut getan. Ein paar kurze Ansprachen gab es – von Susans Ehemann Pär Hakeman, von Autoren, Kollegen, Freunden. Auch ich habe gesprochen und möchte mir, was gesagt wurde, hier merken, nicht nur für mich, sondern auch für jene, die dabei waren oder nicht dabei sein konnten.

Lieber Pär, liebe Freunde,

im Hebräischen gibt es eine Redewendung, die man benutzt, wenn man etwas Schreckliches hört oder sieht: Lo alenu, möge es nicht über uns kommen. Würde mir jemand von einem Anlass wie diesem hier erzählen, würde ich sagen: Lo alenu. Lasse ich die letzten Monate von Susans Leben Revue passieren, kann ich nur sagen: Lo alenu. Aber es nützt nichts. Das alles ist über uns gekommen. Wir sind hier und müssen Abschied nehmen. Da kann kein abergläubischer Abwehrzauber noch etwas ausrichten.

Ich wollte hier heute nicht sprechen. Trauer ist eine sehr private Angelegenheit und egozentrisch. Wenn man ehrlich ist, geht es dabei nicht um die, die gegangen sind, sondern um uns, die zurückbleiben, um die Frage, was aus uns wird und was der Verlust mit uns angerichtet hat. Da gibt es dann Momente der Wut, Vorwürfe, auch uns selbst gegenüber, die wir Angst haben, als Freunde versagt zu haben. Und es gibt Kummer und den Schmerz, den man fühlt, wenn etwas aus uns herausgerissen wird. Soll man darüber sprechen?

Oder soll man lieber an all die wunderbaren Dinge und Erlebnisse erinnern, die Susan jedem von uns beschert hat? Das scheint angemessener. Ich will es bei einer kurzen Geschichte bewenden lassen.

Als ich die Hälfte meines Romans »Die Leinwand« geschrieben hatte, traf ich mich mit Susan, um über die noch fehlende Hälfte zu sprechen. Ich mochte es damals nicht zugeben, aber in meinem streng geplanten Plot klaffte ein großes Loch. Nun fuhr ich mit Susan in ihrem Auto durch Berlin, und wie nebenbei fragte sie, ob ich denn nie überlegt hätte, über meine Kindheit und Jugend in der DDR zu schreiben. Ich wurde sofort wütend und sagte, wie ich es heute oft von meinen Teenager-Kindern höre: Niemals werde ich das tun!

Ich habe mich sehr aufgeregt und viele unsinnige Gründe aufgeführt, warum ich mich auf keinen Fall literarisch mit dieser Zeit befassen würde. Wer »Die Leinwand« gelesen hat, weiß, dass ich mich besonnen habe. Auf dem Heimweg damals von Berlin zurück nach München dachte ich schon: Wenn dich etwas emotional derart aufwühlt, dass du so reagierst, dann muss da etwas sein, mit dem du dich beschäftigen musst. Das Loch im Plot war so etwas wie ein weißer Fleck auf meiner Seelenlandkarte, weiß wie die Flecken für die »besondere politische Einheit« Berlin (West) und die BRD in den Atlanten der DDR-Schulen. Nur weil man etwas nicht wahrhaben, es nicht sehen will, ist es doch lange noch nicht aus der Welt.

Diese Erfahrung, und das verdanke ich zum großen Teil Susan, habe ich verinnerlicht. Daran halte ich mich. Und deswegen rede ich hier heute, obwohl ich es nicht wollte, weil ich noch immer mit meiner egozentrischen Trauer beschäftigt bin. Die hat mir diktieren wollen, nichts über Susans Fähigkeiten als Lektorin, Agentin, Dozentin und Netzwerkerin zu sagen. Denn leider hat Susan selbst sich so sehr über diese Fähigkeiten definiert, dass sie unterzugehen begann, als sie plötzlich einmal nicht zu 100% »funktionieren« konnte.

LCB 28.05.2016

Ich werde mit einer anderen Agentin zufrieden sein können. Auch eine neue Erstleserin und gestrenge Erstlektorin für meine Texte wird sich nach einiger Zeit wohl wieder finden. Die Freundin Susan aber ist nicht zu ersetzen. Da ist jetzt eine Lücke. Und die wird bleiben.

In meiner egozentrischen Trauer sage ich: Susan, ich bin nicht einverstanden. Ich muss deine letzten Entschlüsse und dein Weggehen akzeptieren und Abschied nehmen. Aber einverstanden bin ich nicht.

Lasst uns heute Abend Susan feiern, als wäre sie noch da. Aber lasst uns dabei nicht vergessen, was uns wirklich ausmacht. Es ist nicht unsere »Funktion«. Es sind andere Dinge, Herzensdinge.

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