Ulysses »Seen«

20. Oktober 2010

••• Wie finanziert man ein künstlerisches Projekt? Wenn man nicht mit Preisen verwöhnt wird. Wenn sich kein Verleger findet, der Kosten – eben – vorlegt? Man kann – wenn man es kann – sparen in der Hoffnung, sich so in der Zukunft einen kleinen Freiraum zu schaffen. In einigen Fällen kann man Stipendien und andere Förderungen beantragen. Mancher gewinnt auch einen Mäzen. Meist aber gelingt dergleichen nur, wenn man schon einmal etwas Bemerkenswertes vorlegen konnte.

Selbst Verlage sind bei einigen ihrer Projekte, die zu teuer und womöglich nicht kommerziell genug und damit zu riskant sind, darauf angewiesen, das potentielle künftige Publikum an den Herstellungskosten zu beteiligen. Subskriptionsausgaben nennt man solche Ausgaben, bei denen die Käufer im voraus den ganzen Kaufpreis oder doch zumindest einen Teil davon zahlen und so die Produktion des Werkes überhaupt erst ermöglichen. Das Publikum als Anschubfinanzierer gewissermaßen.

Ulysses »Seen«
James Joyce’s »Ulysses« als annotierter Comic auf ulyssesseen.com

Die Web-Plattform kickstarter.com bietet Künstlern verschiedener Richtungen die Möglichkeit, mit einem solchen anschubfinanzierungswilligen Publikum in Kontakt zu kommen. Per Video und Textbeitrag können die geplanten Projekte vorgestellt und der Finanzierungsbedarf genannt werden. Überzeugt man die auf kickstarter.com Mitlesenden, helfen diese mit Spenden, das Projekt möglich zu machen.

Eines der dort vorgestellten Projekte hat mich so beeindruckt, dass ich es heute hier vorstellen und damit für das Projekt und seine Finanzierung durch Spenden werben möchte.

Vor einiger Zeit war im Turmsegler die Rede von Büchern, die ich nicht zu Ende gelesen habe, obgleich ich sie mochte und ihre literarische Qualität nie infrage gestellt habe. Unter diesen Büchern war auch James Joyce’s »Ulysses«.

Über einen Umweg kann man nun erneut versuchen, in das großartige, aber eben auch nicht leicht zugängliche Werk einzutauchen – über einen Comic, präsentiert von einem Quartett von Ulysses-begeisterten Unerschrockenen: Rob Berry, Mike Barsanti, Josh Levitas und Chad A. Rutkowski.

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Reading Joyce can be hard and puzzling work at first, but it’s a singular experience that no comicbook, movie or foreign language translation can ever replace. My work here should be seen as an accompaniment to that experience of the novel, so, to that purpose, we’ve set it up this site. There are some added features here that make the whole thing a bit easier and more interactive.

Each page of the comic holds a direct link to our „Readers’ Guide“ installments by Mike Barsanti. Mike’s comments on the novel’s events and themes, their depiction and various mysteries, are the first step into the deep waters of understanding Joyce. This part of the site is written in a blog format so that readers are able to ask questions and offer insights.

Auf kickstarter.com haben die vier ihr Projekt vorgestellt: 6.300 US$ hoffen sie sammeln zu können, um zu vollenden, was bereits jetzt ungemein vielversprechend aussieht. Das erste Kapitel »Telemachus« ist bereits fertiggestellt und – mit den Blog-Anmerkungen versehen – online.

Damit das Projekt erfolgreich beendet werden kann, fehlen noch gut 3.000 US$. Jeder Dollar zählt, und wenn sich der eine oder andere Turmsegler von dieser Idee begeistern lässt… Ich jedenfalls wünsche den Vieren Erfolg. Zu gern würde ich auf diesem Weg einmal durch den ganzen »Ulysses« begleitet werden. Und dann, ja dann nehme ich mir einfach noch einmal das Buch vor – und wer weiß – lese es dieses Mal womöglich doch bis zum Ende.

4 Reaktionen zu “Ulysses »Seen«”

  1. ksklein

    Kickstarter ist cool. Bin Backer von 2 Comic-Projekten und es scheint, als ob beide es schaffen werden.

  2. philine

    Lieber Benjamin, ich wünsche dem Projekt Ulysses, Seen alles nur erdenklich gute.

    Du schreibst über den Subskriptionspreis, dass der Käufer das Projekt vorfinanziert. Das stimmt so nicht ganz.

    Subskription kommt von subscribere = unterschreiben, d.h. der Besteller unterschreibt ein Fortsetzungswerk und verpflichtet sich bei der Subskription dazu, das Gesamtwerk abzunehmen und jeweils bei Erscheinen des jeweiligen Bandes bezahlt er jenen. Der Käufer hat bei einer Subskription i.d.Regel den Vorteil, dass er einen Subskriptionspreis erhält, der unter dem normalen Ladenpreis liegt. Im klassischen Sinne gibt es also eine finanzielle Vorleistung seitens des Besteller nicht.

    Beste Grüsse aus dem Buchhandel, Philine

  3. Benjamin Stein

    @Philine: Merci. Wieder was gelernt :-)

  4. Andre

    Ein schöner Hinweis! Dem Ulysses-Projekt kann man nur viel Glück wünschen. –

    A propos: mit welcher Ulysses-Übersetzung haben Sie’s denn versucht? Hoffentlich nicht mit der Goyert’schen? Wenn man das Bauprinzip des Buches erstmal verstanden hat, ist Ulysses eines der originellsten und witzigsten Bücher der Weltliteratur, und in Hans Wollschlägers grandioser Übertragung kann man das auch nachvollziehen.

    Eigentlich sollte man sich dem Buch ganz direkt und naiv nähern, ohne das babelhoch aufgetürmte philologische Deutungsgepäck im Schlepptau; aber *ein* Büchelchen ist zum Verständis dann doch sehr hilfreich, und das möchte ich nachdrücklich empfehlen: Hugh Kenner „Ulysses“ Edition Suhrkamp 1982. Der Verlag plant wohl keine Neuauflage, aber bei Amazon sind noch letzte Exemplare für sehr wenig Geld zu haben:
    http://www.amazon.de/Ulysses-suhrkamp-Hugh-Kenner/dp/3518111043/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1290252146&sr=8-1

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