Der unbegangene Weg

3. Februar 2010

Zwei Wege boten sich mir dar,
Ich nahm den Weg, der weniger begangen war,
und das veränderte mein Leben.

••• Letzte Woche stand ich in der Pause der Honing-Quartet-Session rauchend vor der »Unterfahrt« vor einem Plakat und blieb hängen bei den zitierten Zeilen von Robert Frost. Sie sind so manchem womöglich noch in Erinnerung aus dem Film »Der Club der toten Dichter«. In der deutschen Synchronisation wird eben diese Übersetzung bemüht, die … gefällig ist, sich bei genauerem Hinsehen aber doch ein gutes Stück vom Original entfernt.

The Road Not Taken

Two roads diverged in a yellow wood,
And sorry I could not travel both
And be one traveler, long I stood
And looked down one as far as I could
To where it bent in the undergrowth;

Then took the other, as just as fair,
And having perhaps the better claim,
Because it was grassy and wanted wear;
Though as for that, the passing there
Had worn them really about the same.

And both that morning equally lay
In leaves no step had trodden black.
Oh, I kept the first for another day!
Yet knowing how way leads to way,
I doubted if I should ever come back.

I shall be telling this with a sigh
Somewhere ages and ages hence:
Two roads diverged in a wood, and I-
I took the one less traveled by,
And that has made all the difference.

Robert Frost (1874-1963)

Ich habe mich mal nach deutschen Übertragungen umgesehen und bin auf eine sehr schöne Version von Paul Celan gestoßen, in der sich der Nachdichter auf Rhythmus und Stimmung konzentriert und sich dafür vom Reim verabschiedet. Wieviel durch eine solche Entscheidung gewonnen sein kann, habe ich schon einmal hier gezeigt – bei der Übertragung der »Sonette vom Tode« von Gabriela Mistral durch Albert Theile.

Celan also übersetzt so:

In einem gelben Wald, da lief die Straße auseinander,
und ich, betrübt, daß ich, ein Wandrer bleibend, nicht
die beiden Wege gehen konnte, stand
und sah dem einen nach so weit es ging:
bis dorthin, wo er sich im Unterholz verlor.

Und schlug den andern ein, nicht minder schön als jener,
und schritt damit auf dem vielleicht, der höher galt,
denn er war grasig und er wollt begangen sein,
obgleich, was dies betraf, die dort zu gehen pflegten,
sie beide, den und jenen, gleich begangen hatten.

Und beide lagen sie an jenem Morgen gleicherweise
voll Laubes, das kein Schritt noch schwarzgetreten hatte.
Oh, für ein andermal hob ich mir jenen ersten auf!
Doch wissend, wie’s mit Wegen ist, wie Weg zu Weg führt,
erschien mir zweifelhaft, daß ich je wiederkommen würde.

Dies alles sage ich, mit einem Ach darin, dereinst
und irgendwo nach Jahr und Jahr und Jahr:
Im Wald, da war ein Weg, der Weg lief auseinander,
und ich – ich schlug den einen ein, den weniger begangnen,
und dieses war der ganze Unterschied.

Eine weitere, deutlich andere, deswegen jedoch nicht weniger interessante Übertragung ist die von Eric Boerner. Auch Boerner »opfert« den Reim. Ein wenig fragwürdig scheint mir der Titel: »Die verpasste Straße«. Mit ihm entscheidet sich Boerne von vornherein für eine Deutung, die der Originaltitel so gar nicht hergibt und die nach meinem Empfinden der Aussage der Schlussstrophe sogar widerspricht.

Zwei Straßen gingen ab im gelben Wald,
Und leider konnte ich nicht beide reisen,
Da ich nur einer war; ich stand noch lang
Und sah noch nach, so weit es ging, der einen
Bis sie im Unterholz verschwand;

Und nahm die andre, grad so schön gelegen,
Die vielleicht einen bessern Weg versprach,
Denn grasbewachsen kam sie mir entgegen;
Jedoch, so weit es den Verkehr betraf,
So schienen beide gleichsam ausgetreten,

An jenem Morgen lagen beide da
Mit frischen Blättern, noch nicht schwarz getreten.
Hob mir die eine auf für’n andern Tag!
Doch wusste ich, wie’s meist so geht mit Wegen,
Ob ich je wiederkäm, war zweifelhaft.

Es könnte sein, dass ich dies seufzend sag,
Wenn Jahre und Jahrzehnte fortgeschritten:
Zwei Straßen gingen ab im Wald, und da –
Wählt‘ ich jene, die nicht oft beschritten,
Und das hat allen Unterschied gemacht.

10 Reaktionen zu “Der unbegangene Weg”

  1. ksklein

    Rein von der Bedeutung her, habe ich den Schluss so wie Eric Boener verstanden.

  2. The Road Not Taken – Robert Frost | Schattenblume

    […] vielleicht auch noch auf Deutsch das Gedicht lesen will, kann hier zwei Übersetzungen […]

  3. Alexander Kochsiek

    Schade, dass immer das Reimschema verloren geht. Hier mal mein Versuch:

    Die Straße, die ich nicht genommen

    Zwei Straßen gabeln in gelbem Wald
    und leider war nur eine bestimmt
    mir Reisenden, und so schaute ich bald
    die eine entlang, bis sie verhallt
    und mit dem Untergrund verschwimmt.

    Dann nahm ich die andere, so weit so fit,
    und traf vielleicht die bessere Wahl
    denn sie war grasig und wollte den Schritt;
    obleich, nach dem, wie gegangen war mal,
    hatten beide erfahren den gleichen Tritt,

    und an diesem Morgen noch beide gleich waren,
    noch kein Schritt hatte das Laub zerdrückt.
    Ich wollte die erste für’n andermal sparen!
    Wohl wissend, dass Weg führt zu Wegen in Scharen,
    ich zweifelte, ob ich je käme zurück.

    Ich muss dies erzählen mit schwerem Gewicht
    denn irgendwo, Jahre und Jahre hinaus:
    Zwei Straßen gabeln im Walde, und ich –
    nahm die, die man häufig gegangen war nicht,
    und das allein machte den Unterschied aus.

  4. Annemarie Schneider

    Ich habe es ein wenig umgeschrieben.

    Im stillen Wald ging ich spazieren und war so rundum glücklich
    Da trennte sich der Weg vor mir. Welcher Weg ist richtig ?
    Die Frage musste ich mir stellen das war jetzt entscheidend
    Ratlos blickte ich umher und fühlte mich fast leidend.

    Ich sah mir beide Wege an, soweit ich blicken konnte
    Grübelte hin und her welchen ich nun nehmen sollte.
    Der eine war so weich und schön mit frischen Moos besetzt
    Der andere genauso schön, ausgetreten und schön fest.

    Ich nehm‘ den linken, den rechten nehm‘ ich irgendwann
    Doch wann komm ich hierher zurück, wann ist der andere dran?
    Wer kann das wissen, jeder Weg hat seinen Lauf
    Und eh ich mich verseh, schon bin ich auf dem rechten drauf.

    Der Wind verweht, die Zeit vergeht und jetzt hab ich’s begriffen
    Das Schicksal hatte mich geführt, Besitz von mir ergriffen.
    Von beiden Wegen die sich trennten, hab ich den stilleren gewählt.
    Und still und heimlich, ohne Aufsehen hat das mein Leben umgedreht.

    Annemarie Schneider

  5. Robert Frost: “The Road not taken” | loantruong

    […] Deutsche Übersetzungen: https://turmsegler.net/20100203/der-unbegangene-weg/ […]

  6. Ingeborg Matschke

    Ich finde, ein im Original gereimtes Gedicht verliert seinen Reiz, wenn es in der Übersetzung nicht gereimt ist. Das gilt gerade bei Robert Frost, der ja bekanntlich sagte, Dichten ohne Reim sei wie Tennisspielen ohne Netz. Natürlich muss der Inhalt trotzdem korrekt und vollständig wiedergegeben werden, das heißt dann tüfteln! Mit The Road Not Taken habe ich es folgendermaßen probiert:

    Der Weg, den ich nicht ging

    Ein Weg verzweigt im gelben Wald,
    ich konnte leider nicht beide gehn,
    da ich nur einer. Macht‘ lange halt,
    schaut einen hinunter, bis er bald
    dort abbog, wo Gestrüpp zu sehn.

    Ich ging auf dem andern, der ihm glich,
    vielleicht gebührt‘ das Recht ihm mehr.
    Denn da war Gras, das wollte sich
    betreten sehn. Doch sicherlich
    war’n beide gleich, so ungefähr,

    und beide gleich, zur Morgenzeit,
    in Laub, vom Schritt nicht schwarz gedrückt.
    O, sei mir der erste morgen bereit!
    Wobei ich wusst‘, geführt so weit,
    ist Zweifel, ob auch Rückkehr glückt.

    Und irgendwo nach Tag und Jahr
    sing ich mit Seufzern dieses Lied:
    Ein Weg verzweigt im Wald, ich war –
    auf dem, bereist zwar, doch mehr rar,
    das macht den ganzen Unterschied.

  7. Reiner Schwarz

    Hallo Ingeborg,
    Das ist eine wunderschöne Nachdichtung, die auch die Ambivalenz der Schlussstrophe aus dem Original einfängt!
    Vielen Dank dafür.

    Reiner

  8. Ingeborg Matschke

    O, herzlichen Dank für’s Kompliment. Wenn jemand ein anderes Gedicht von Robert Frost als Favoriten hat und neugierig ist, wie es auf Deutsch klingen kann: die bekanntesten habe ich schon ins Deutsche gebracht und stelle sie gern hier ein.

  9. Ingun Spiecker-Verscharen

    Ermutigt durch Ingeborg, deren Ansicht ich teile :-), unterbreite ich hier noch meine Version:

    Zwei Wege boten sich mir an
    im Wald, so dass ich sinnend stand,
    weil ich nicht beide gehen kann,
    beäugte den, der irgendwann
    diffus im Unterholz verschwand.

    Der zweite war laut Augenschein
    mit Grasbewuchs herausgeputzt
    und lud zum Weitergehen ein,
    doch schiene er im Nachhinein
    durch ein Beschreiten abgenutzt.

    Wenn beiden Ehrfurcht auch gebührt,
    vom Tritt entwertet nimmermehr,
    ließ ich den ersten unberührt-
    weil stets ein Weg zum nächsten führt,
    verbot sich mir die Wiederkehr.

    Erzählen will ich mitteilsam,
    doch wehmutsvoll ein Leben lang,
    wie ich an jene Wege kam:
    Der unerforschte, den ich nahm,
    bestimmte meinen Werdegang.

  10. Sappok, Inge

    Hallo an alle mutigen Übersetzer, auch ich liebe dieses Gedicht und habe mir selbst vergeblich die Zähne daran ausgebissen. Ich wundere mich nur darüber, dass keiner den Herbstwald im Yellow Wood gesehen hat, denn der gibt den letzten Zeilen noch einen schönen, besonders nachhaltigen Sinn. Viel Erfolg weiterhin.

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