Schabbes in Ofra

29. Dezember 2007

The Schatz Family (4 out of 7)
Familie Schatz (teilweise): Lisa, Yecheskel, David und Malachi. Die drei Mädchen waren fotoscheu…

••• Der Schabbes in Ofra ist wie im Flug vergangen. Familie Schatz, bei denen ich zu Besuch war und die über drei Ecken verwandt ist mit der Frau eines Freundes von mir, hat mich aufgenommen wie ein Familienmitglied. Yecheskel kam mit dem Auto, um mich vom Tor der Siedlung abzuholen. Er hatte zuvor die älteste Tochter zu einer Freundin in einen anderen Jeschuv gebracht, dafür zwei Freundinnen der mittleren Tochter mitgebracht: kids exchange über Schabbes. Etwa eine Stunde vor Schabbes kamen wir am Haus an. Ich habe nur noch schnell meine Ankunft verkündet, und dann mussten wir uns schon umziehen für Schabbes.

Ich bin auffällig hier. Der Unterschied zur wochediken Kleidung besteht lediglich darin, dass man ein weisses Hemd anzieht. Mit Schabbes-Anzug, Krawatte und Hut bin ich deutlich overdressed, ein Jecke eben.

Diese Bezeichnung haben sich die deutschstämmigen Juden schon zu Beginn des letzten Jahrhunderts eingehandelt, weil sie hier auch bei heissestem Wetter in Weste und Jackett gingen. So bin ich also als Jecke sofort erkennbar. Aber meine Kleidung ist auch irreführend, denn schwarzer Anzug, weisses Hemd und schwarze Kippa (oder Hut), das tragen hier nur die Haredim. Sie sind nicht besonders gut angesehen, weil sie keinem bürgerlichen Beruf nachgehen, nicht in der Armee dienen. Ihr Lebensinhalt ist Torah und nichts als Torah. Die Männer lernen tagsüber in der Jeschiva. Die Frauen – häufig mit fünf bis zehn oder mehr Kindern – müssen den Alltag managen: Arbeit, Kinderbetreuung, Haushalt. Sie müssen sich um alles kümmern. Das entspricht ja nun nicht gerade meinem Lebensentwurf.

Es entspricht auch nicht dem Lebensentwurf der Leute in Ofra. Das sind etwa 500 Familien, alle irgendwann einmal eingewandert – aus Amerika, Kanada, Jemen, Indien, Russland und neuerdings auch Frankreich. Das Klima ist modern orthodox, ausserordentlich angenehm, bei aller Religiosität ein Gefühl von laissez faire. Ich habe den Eindruck, dass sie mit allem Religiösen viel lockerer umgehen, als ich es gewohnt bin. Ich wusste gar nicht, dass ich mich so weit am schwarzen Rand bewege. Da musste ich schon mal schlucken.

Malachi
Malachi ist nur wenig jünger als mein Sohn David. Die Jungs hätten sich bestimmt gut verstanden.

Malachi (benannt nach dem Propheten) – was soviel heisst wie: mein Engel – ist der jüngste Schatz der Familie, ein richtiger Sonnenschein. Er hat uns nachts in die sfardische Synagoge begleitet, wo drei sehr gute Sänger die schirei ha-vakaschot vorgebetet haben, eine Sammlung von Fürbitten, Psalmen und liturgischen Gedichten in wundervollen orientalischen Melodien. So schön war es, dass Malachi schon nach wenigen Minuten eingeschlafen ist. Wir haben länger gelauscht, sind aber irgendwann auch weggeduselt…

Malachi and David
David ist 10, schon ein guter Schachspieler und fit in Torah, dass einem die Augen aufgehen

Ofra hat einen Eruv. Das bedeutet, der Ort ist über Schabbes auf eine bestimmte Art abgeschlossen, so dass man im ganzen Ort am Schabbes tragen kann. Weil auch keine Autos fahren, können die Kinder so auf der Strasse spielen, Ball, Frisbee, alles mögliche. Sehr komfortabel, und den schlafenden Malachi konnten wir nachts im Kinderwagen nach Hause schieben.

Was mich irritierte: Dass mein Banknachbar in der Synagoge eine Pistole am Gürtel trug und eine Reihe vor mir ein halbautomatisches Gewehr auf dem Boden lag. Einige Leute im Jeschuv sind neben ihrer normalen Arbeit mit Sicherheitsaufgaben betraut und tragen auch am Schabbes Waffen. Tatsächlich kann man den nächsten arabischen Ort von der Synagoge aus sehen. Als wir zu Minchah gingen, hörten wir sogar laut und deutlich den Muezzin singen, der im Ort nebenan die Gläubigen in die Moschee rief.

Es wirkt alles sehr friedlich. Aber das ist es leider nicht. Es wurde mir mehrfach bestätigt, dass man als Jude nicht lebend aus diesen Orten herauskommt. Das ist für mich besonders schwer vorstellbar nach dem friedvollen Eindruck dieses Schabbes in Ofra.

Ich muss mich unbedingt üben in der nahöstlichen Art, in Busse zu steigen. Es gelingt mir immer, als letzter oder eben gar nicht an Bord zu kommen. Deswegen hätte ich beinahe am Freitag den letzten Bus nach Ofra nicht mehr nehmen können. Er war wirklich voll, vor allem mit Schülern, die in Yerushalayim lernen und über Schabbes nach Hause in eine der Siedlungen gefahren sind. Auch bei der Abfahrt von Ofra hatte ich schon zweimal mein Gepäck unten im Bus verstaut und konnte dann doch nicht mitfahren, weil ich mich wie durch Wunder jeweils wieder am äussersten Rand der Menge wiederfand, die einsteigen wollte. So hat sich die Abreise ein wenig verzögert. Aber schliesslich kam ich doch noch weg.

In Yerushalyim habe ich ein Taxi genommen. Der arabische Taxifahrer war ungemein freundlich. Arabische Musik dröhnte aus den Boxen. Es war kein weiter Weg mehr nach Bakah…

8 Reaktionen zu “Schabbes in Ofra”

  1. ksklein

    „Ich bin auffällig hier. Der Unterschied zur wochediken Kleidung besteht lediglich darin, dass man ein weisses Hemd anzieht. Mit Schabbes-Anzug, Krawatte und Hut bin ich deutlich overdressed, ein Jecke eben.“

    Ich bin jetzt mal gemein und verrate auch, dass Du so am Strand warst. ;)

    „Ich wusste gar nicht, dass ich mich so weit am schwarzen Rand bewege. Da musste ich schon mal schlucken.“

    Ich sag´s doch: Bleib zwei, drei Wochen dort und komm „cool“ zurück. Drück Dich. :D

    Und es freut mich, dass Du Schabbes bei so einer netten (und modernen) Familie gelandet bist.

  2. Benjamin Stein

    Jaja, ich bin tatsächlich in Tel Aviv mit meinen englischen Schuhen durch den Sand geschlurft. :-) Aber was soll’s! Schön wars!

  3. ksklein

    das ist ja die hauptsache… :)

  4. Jens-Christian Fischer

    Ich wusste gar nicht, dass ich mich so weit am schwarzen Rand bewege. Da musste ich schon mal schlucken.

    Mein lieber Freund, ich freue mich ausserordentlich, dass Du einen alternativen religiösen Lebensentwurf kennenlernst. Dass du bereits weit am schwarzen Rand bist, das sehen wir schon lange. Wenn du jetzt die Grautöne kennen und leben lernst: Wunderbar!

  5. ksklein

    von leben war noch keine rede! *zwinker

  6. Benjamin Stein

    Mein lieber Freund, ich freue mich ausserordentlich, dass Du einen alternativen religiösen Lebensentwurf kennenlernst.

    Das Alternative besteht in der gesellschaftlichen Normalität. Was in Deutschland die grösste Auffälligkeit ausmacht (Essen, Schabbes, Kleidung), ist hier eben kein Problem. In Ofra z. B.: Es war eben Schabbes, für alle. Wer müsste da Diskussionen führen oder Arrangements treffen. Man kann überall essen gehen. Und nicht die Kippa ist auffällig, sondern die Farbe der Kippa macht den Unterschied. Vielleicht könnte man es so sagen: Man muss nichts verteidigen am eigenen Lebensentwurf, weil es einem nicht streitig gemacht wird. Vom Lebensentwurf finde ich mich hier ganz automatisch in der Mitte. Das macht es sehr angenehm.

  7. Post aus Ofra « Turmsegler

    […] Ich habe eine Mail bekommen von Yechezkel und Lisa aus Ofra. Während meiner letzten Reise nach Israel habe ich sie – zusammen mit der Herzdame – […]

  8. David Schatz im ZDF « Turmsegler

    […] David Schatz, der älteste Sohn von Yechezkel und Lisa auf Ofra, berichtete vor kurzem im ZDF über sein Leben in der Siedlung im Westjordanland. Glücklicherweise kann man den Beitrag auch online anschauen. Wenn ihr also wissen wollt, wie der Bus aussah, mit dem Wechsler nach Ofra fuhr, und wie es dort tatsächlich aussah… […]

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