Das elfte Sonett

14. August 2007

Als ich dich in das fremde Land verschickte
Sucht ich dir, rechnend mit sehr kalten Wintern
Die dicksten Hosen aus für den (geliebten) Hintern
Und für die Beine Strümpfe, gut gestrickte!

Für deine Brust und für unten am Leibe
Und für den Rücken sucht ich reine Wolle
Damit sie, was ich liebe, wärmen solle
Und etwas Wärme von dir bei mir bleibe.

So zog ich diesmal dich mit Sorgfalt an
Wie ich dich manchmal auszog (viel zu selten!
Ich wünscht, ich hätt das öfter noch getan!)

Mein Anziehn sollt dir wie ein Ausziehn gelten!
Nunmehr ist, dacht ich, alles gut verwahrt
Daß es auch nicht erkalt, so aufgespart.

Bertolt Brecht (1934)

••• Die Herzdame verreist. Und ich will sie doch gut verpackt wissen, wenn sie so ohne mich in die Fremde zieht…

Auch wenn es nicht Winter ist. Und wenn auch die Reise hoffentlich nicht annähernd so lange dauern wird wie jene, auf die Brecht hier seine Geliebte Margarethe Steffin schicken musste. Sie litt an Tuberkulose und wurde zur Genesung in die winterliche Sowjetunion geschickt, um sich – weitab von Nazideutschland – erholen und wieder zu Kräften kommen zu können.

Es wurde eine lange Trennung aus diesem Kuraufenthalt. Denn es führte kein Weg zurück nach Deutschland. Via Skandinavien ging Margarete Steffin wie auch Brecht selbst ins amerikanische Exil.

3 Reaktionen zu “Das elfte Sonett”

  1. ksklein

    :) vielleicht sollte ich wirklich mal dicke wollunterwäsche ausprobieren, dann geht auch das schlittenfahren mit rock besser. ;)
    schön, dass du auch mal ein heiteres gedicht bringst.

  2. Julia

    Heiteres Gedicht? Ich empfinde das als zutiefst melancholisch… aber sooo schön! Eines meiner absoluten Brecht-Lieblinge!

  3. Katie

    Ich bin zufällig auf die Seite gestoßen, weil ich den Text suchte, und ich finde es sehr schön, dass es einen Ort gibt, wo Gedichte diskutiert werden. Das Gedicht suchte ich, weil mir Brocken davon einfielen, als ich neulich meinem Freund in Skiunterwäsche gegenüberstand. Was ich an dem Gedicht so schön finde, ist diese Fürsorglichkeit und die große körperliche Vertrautheit, bei der Anziehen genauso schön – und vielleicht auch genauso erotisch – ist wie Ausziehen. Ich stelle mir, dass es auch keine Rolle spielt, ob der „geliebte Hintern“ dick ist. Melancholisch? Ja. Aber ich habe immer daran geglaubt, dass sie wiederkommt.

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