Kleiner Donnerstagabend

Montag, den 13. August 2007

für Claire

Kleiner Donnerstagabend
Was erwartest du auf dem Platz der Waffen
Unter deinem Schal aus schottischem Schatten?
Der Wind dreht sich um deine Röcke
Der Regen kämmt dein rotes Haar
Ich möchte dir gern ein liebes Wort sagen
Damit du dich nicht so allein fühlst
Am Ufer der Nacht
Aber ich muß abreisen
Die Erde dreht sich und reißt mich mit
Dem Freitag entgegen

Yvan Goll, aus: „Métro de la Mort“ (1934)
Deutsche Nachdichtung: Claire Goll

••• Zum Abschluss der kleinen Reihe zu Yvan Goll noch ein zweites Gedicht aus „Métro de la Mort“ und ebenfalls eines für seine Frau Claire.

Der Wind dreht sich um deine Röcke
Der Regen kämmt dein rotes Haar
Ich möchte dir gern ein liebes Wort sagen

Das spricht mir heute sehr aus dem Herzen.

Die Hochöfen des Schmerzes

Freitag, den 10. August 2007

Yvan Goll (1891 - 1950)

In den Hochöfen des Schmerzes
Welches Erz wird da geschmolzen
Die Eiterknechte
Die Fieberschwestern
Wissen es nicht

Tagschicht
Nachtschicht allen Fleisches
Blühn die Wunden und die Feuer
Wild in den Salpetergärten
Und den heißen Rosenäckern

Asphodelen meiner Angst
An den Abhängen der Nacht

Ach was braut der Herr der Erze
In den Herzen? Den Schrei
Den Menschenschrei aus dunklem Leib
Der wie ein geweihter Dolch
Unsre Totensonne schlitzt

Yvan Goll, aus:
„Traumkraut“ (1941-1949)

••• Nach dem „Traumkraut“-Vorwort nun heute auch ein Gedicht aus dem Zyklus, der in meiner Goll-Ausgabe nur in Auszügen abgedruckt ist.

Ausgerechnet dieses Gedicht hat der Herausgeber dabei ausgespart. Im Nachwort hingegen bringt er es und bemerkt – mit sehr dezentem Naserümpfen – den Reichtum an Genitiv-Metaphern. Das, so habe auch ich es gelernt, gilt ja als poetische Kardinalsünde.


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Traumkraut

Donnerstag, den 9. August 2007

Katsushika Hokusai: The Mad Poet
Katsushika Hokusai: The Mad Poet

••• Nachdem Yvan Goll zwanzig Jahre Französisch und Englisch gesprochen und geschrieben hatte, kehrte er kurz vor seinem Leukämietod zum Deutschen zurück. Sein letzter Zyklus „Traumkraut“, der erst postum erschien, thematisiert den Schmerz, den Verfall und die Todesnähe. Und er schrieb ihn – in seiner „Muttersprache“.

Einige Sätze, rekonstruiert aus dem kurzen , verlorengegangenen oder von Yvan Goll zerrissenen Vorwort zu „Traumkraut“ , das er, zusammen mit den Gedichten, 16 Tage vor seinem Tod, Alfred Döblin und dessen Frau, Marcel Mihalovici und mir, die an seinem Krankenbett im Amerikanischen Hospital in Paris saßen, vorlas.

Claire Goll

Jetzt, dem Tode nahe, glaube ich in den Gedichten des „Traumkraut“ zum erstenmal dem Geheimnis des Wortes nahegekommen zu sein.

Es ergeht mir wie dem Meister des japanischen Farbholzschnitts, Katsushika Hokusai, der, neunzigjährig, auf seinem Sterbebette seufzte: „Wären mir nur noch zehn, ja nur noch fünf Lebensjahre vergönnt, dann würde ich ein vollkommener Künstler werden!“


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Katsushika Hokusai

Mittwoch, den 8. August 2007

Katsushika Hokusai: Mt Fuji and Roots
Katsushika Hokusai: Mt Fuji and Roots

••• Diese Bilder haben etwas mit Yvan Goll zu tun. Was? Morgen mehr…


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Der Engel

Mittwoch, den 8. August 2007

in the metro - © lorseau@deviantart
in the metro – © lorseau@deviantart

für Claire

Einmal geht der Engel
Auch ganz nah an dir vorbei.
Es ist ein regnerischer Montag
Du fühlst dich älter als die Welt
Die Stiefel schlecht geputzt
Das Herz gänzlich verrostet

Aber deines Schicksals Engel geht vorbei
Dich mit Güte überschwemmend
Und einem rosa Lächeln
Halt ihn fest!
Dreh dich um!
Bevor er nur noch dem Winde gleicht.

Yvan Goll, aus: „Métro de la Mort“ (1934)
Deutsche Nachdichtung: Claire Goll

••• Unter den nach dem Umzug wiederentdeckten Büchern war auch ein dicker Reclam-Band mit einem Querschnitt durch das lyrische und Prosawerk von Yvan Goll. Gestern habe ich ihn zur Hand genommen, vielleicht weil der Titel „Gefangen im Kreise“ sehr gut zu meiner momentanen Verfassung passt.

Und schon nach einigem Blättern stosse ich auf eine Zeile, die ich für eine eigene gehalten, aber offenbar im „Libellenflügel“ doch zitiert hatte: „Einmal geht der Engel / Auch ganz nah an dir vorbei.“


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Einst griffst du meinen Namen

Montag, den 11. Dezember 2006

Einst griffst du meinen Namen
Auf deiner Feuerharfe
Wo wir auch hintraten
Wuchs vierblättriger Klee

Wir schwiegen wie zwei Gärten zur Nacht
Vorm Flüstern der Quellen unsrer Herzen
Es gab nur Festtage in deinen Blicken
Unsre Hände waren voller Gebete

Die Vögel sangen nichts als Hymnen
So sehr liebten wir uns
Heute wein ich allein
Die heimatlosen Tiere

Schlafen im Sägmehl meiner Haare
Der Spiegel des Sees zersprang
Deine tausend nährenden Lächeln
Liegen auf seinem Grund

Umsonst such ich dich:
Du bist abgereist
Nach dem sechsten Kontinent
Und nahmst unsre Sonntage mit

Claire Goll (1901-1977)
aus: Poemes de la Vie et de la Mort (1927)

••• Irena Stasch hat sich die Mühe gemacht, eine Online-Anthologie deutschsprachiger Liebeslyrik zusammenzustellen. Derzeit umfasst die Sammlung über 3500 Gedichte von 124 Dichtern und Dichterinnen deutscher Sprache. Wenngleich auf deutsche Werke ausgerichtet, finden sich in Irina Staschs Online-Sammlung inzwischen auch Übersetzungen, etwa des „Hohelieds“. Liebeslyrik aus anderen Kulturkreisen und Sprachen stellt Frau Stasch in ihrem Online-Monatsmagazin „Das Liebes – Poetische – Manuskript“ vor.

Und was finde ich da auf den Deutsche-Dichterinnen-Seiten? Ein Gedicht von Claire Goll. Ein Büchlein mit Texten von Claire und Yvan Goll habe ich einmal in der Berliner S-Bahn verloren. Das Gedicht habe ich nicht vergessen.