Mein letzter Kranz

Sonntag, den 15. Juli 2007
Was blumengeschmückt ist, das mögen auch die Götter gerne anschauen, ihr Blick wendet sich ab, wenn jemand ohne Kranz naht.

Sappho

••• Sie ist da, die Ausgabe 4 von spa_tien. Sichtung und Auswahl der Texte, Redaktionskonferenzen per Skype etc. etc. – das alles hat mir grossen Spass gemacht, den beiden Mitübeltätern und Markus A. Hediger wohl nicht minder.

Kultig in diesem Heft ist sicher der Sonettenkranz von . Markus und ich haben diverse Überredungskünste aufwenden müssen, dem Autor die Veröffentlichungserlaubnis zu entringen. Doch wir waren erfolgreich.


Den ganzen Beitrag lesen »

Begegnung

Donnerstag, den 28. Juni 2007

Als wir begannen, schamlos zu betrachten
des andren Lippen, Augen, Hand und Haar
vergaßen wir sehr bald, darauf zu achten
was vorher uns die größte Angst noch war:
daß ohne Müh der andre uns erkennte.

Ich war darauf nicht sonderlich erpicht
daß mit dem ersten Wort uns nicht mehr trennte
Verschwiegenes, das meint: den kennst du nicht.

Sagt ich: Zur Offenheit gehört auch Mut
da riefst du: Feigling! Hast mich so genannt
und ich war stumm und Traurigkeit wohl da.

Doch wurd ich froh am Ende, als ich sah:
Wir hatten uns – trotz allem – doch erkannt.
Und wußt es: So – und nur so – war es gut.

© Benjamin Stein (1989)

An eine, die vorüberging

Mittwoch, den 13. Juni 2007

Der Straßenlärm betäubend zu mir drang.
In großer Trauer, schlank, von Schmerz gestrafft,
Schritt eine Frau vorbei, die mit der Hand gerafft
Den Saum des Kleides hob, der glockig schwang;

Anmutig, wie gemeißelt war das Bein.
Und ich, erstarrt, wie außer mich gebracht,
Vom Himmel ihrer Augen, wo ein Sturm erwacht,
Sog Süße, die betört, und Lust, die tötet, ein.

Ein Blitz … dann Nacht! – Du Schöne, mir verloren,
Durch deren Blitz ich jählings neu geboren,
Werd in der Ewigkeit ich dich erst wiedersehn?

Woanders, weit von hier! zu spät! soll’s nie geschehn?
Dein Ziel ist mir und dir das meine unbekannt,
Dich hätte ich geliebt, und du hast es geahnt!

Charles Baudelaire

••• Vor 150 Jahren erschien die Erstausgabe der “Fleurs du Mal” von Charles Baudelaire, eine Sammlung von 100 Gedichten, deren Bedeutung für die moderne Lyrik kaum zu überschätzen ist.

Der vorgestern erschienene “Spiegel” widmet in seinem allzu schmalen Kulturteil diesem “Gründungsdokument der Moderne” einen zweiseitigen Artikel. Geschrieben ist er von Michael Krüger, Geschäftsführer des Münchner Carl Hanser Verlags und Herausgeber der vorwiegend mit Lyrik befassten Literaturzeitschrift “akzente”.

Die Modernität ist das Vorübergehende, das Entschwindende, das Zufällige, ist die Hälfte der Künste, deren andere Hälfte das Ewige und Unabänderliche ist.

Dass Krüger Baudelaire ausgerechnet mit diesen Worten zitiert, kommt nicht von ungefähr. Sein kurzer Beitrag wirft im Vorbeigehen auch einen Blick auf die Moderne in der Literatur. Seine Äusserungen – etwa zu Joyce’s “Finnegans Wake” – haben meine Sympathie; doch sie werden die Leserschaft zweifellos polarisieren.

Die Lektüre lohnt jedenfalls, eine Diskussion wohl auch. Leider ist die Internetanbindung hier im Hotel seit Tagen gestört. Diesen Beitrag sende ich vom Handy aus. Ob und wie ich mich an einer Diskussion beteiligen kann, ist daher leider ungewiss.

Der Rhythmus

Freitag, den 1. Juni 2007

Die Uhr hat unter Keuchen zwölf geschlagen
im Nachbarsaal, der finster ist und leer;
die Augenblicke, das Sekundenheer,
das ins Vergessen eilt mit unsren Tagen,

jagt wieder weiter, achtet nicht der Klagen
und prägt das Muster neu im Zeitenmeer;
vom Rhythmus - träumerisches Ungefähr
laß ich mich neu dem Ziel entgegentragen.

Die Augen öffnen sich, das Licht ist grell,
ich hör mein Herz in seinem Weiterschreiten
und dieser Zeilen abgemeßnes Gleiten,
die Sphärenharmonien klingen hell.

Uns treibt der Rhythmus. Ziellos sind die Weiten!
Doch ohne ihn erstürb’ das Leben schnell.

Ivan Bunin (1912)

••• Und dank Hilbi hier eine lyrische Ergänzung zum letzten Beitrag. Ich kann ja nichts dafür: Schon wieder ein Sonett!

Gereimtes Versmass

Mittwoch, den 30. Mai 2007

••• Heute steht Leserverschickung auf dem Programm. Aber nicht ins Landschulheim wird verschickt, sondern nach nebenan, ins Arbeitsjournal von Alban Nikolai Herbst. Gestern nämlich stand auf seinem Programm wieder mal eine Variation der Sonettenform, und zwar eine, die ich originell finde.


Den ganzen Beitrag lesen »

Autorenbesuch

Donnerstag, den 24. Mai 2007

••• Zu den schönsten Momenten meines Bloggerdaseins gehört es, wenn Autoren, die hier besprochen wurden, höchstselbst dem Turmsegler einen Besuch abstatten und dabei auch noch einen Kommentar hinterlassen. In der Debatte um die Übersetzungen der Shakespeare- hat sich nun Christa Schuenke zu Wort gemeldet. Ich werde es mir nicht nehmen lassen, Sie nach ihrer Meinung zur Weinert-Übertragung der zu befragen. Die Grundannahmen beider Übersetzer sind ja sehr unterschiedlich…

Nachtrag: Es sieht so aus, als würde sich zu einem Gastbeitrag hinreissen lassen. Aber es kann ein paar Wochen dauern, sagt sie. Ich warte gern…

Männliche und weibliche Reime

Dienstag, den 22. Mai 2007

••• Vorgestern kam ein dickes E-Mail-Paket von Undine Materni. Darin unter anderem eine Neuübersetzung der Shakespeare-. Sie stammt von Jan Weinert, geboren 1963 in Jena und selbst umtriebiger Lyriker und Erzähler. Einmal begonnen, konnte ich nicht aufhören zu lesen; und eines ist klar: Diese Übertragung verdrängt für mich nun jene von Frau Schuenke ganz gründlich. Der Hauptgrund ist die ungeheure Textnähe, die Weinert in seiner Nachdichtung gelingt. Doch ganz nah ist Weinert dem Original auch in der musikalischen Stimmung der .

Letzteres konnte ich nur erfühlen, ohne es genauer belegen zu können. Glücklicherweise lieferte mir Undine Materni auch die Erklärung: männliche und weibliche Reime.


Den ganzen Beitrag lesen »

Vergleich ich dich mit einem Sommertag?

Freitag, den 18. Mai 2007
Shall I compare thee to a summer’s day?
Thou art more lovely and more temperate:
Rough winds do shake the darling buds of May,
And summer’s lease hath all too short a date:
Sometime too hot the eye of heaven shines,
And often is his gold complexion dimmed,
And every fair from fair sometime declines,
By chance, or nature’s changing course untrimmed:
But thy eternal summer shall not fade,
Nor lose possession of that fair thou ow’st,
Nor shall death brag thou wander’st in his shade,
When in eternal lines to time thou grow’st,
So long as men can breathe, or eyes can see,
So long lives this, and this gives life to thee.

Vergleich ich dich mit einem Sommertag?
Du hast mehr Maß und größre Lieblichkeit.
Die Maienknospe, die verzärtelt lag,
Schlägt rauher Wind; kurz währt des Sommers Zeit.
Des Himmels Auge brennt manchmal zu heiß,
Sein goldnes Antlitz, oft trübt sich’s für lang.
Und alles Schöne gibt die Schönheit preis,
Sei’s Zufall, sei’s des Wandels kruder Gang.
Doch nie soll deines Sommers Pracht ermatten,
Nie soll zerschleißen deiner Schönheit Kleid,
Nie Tod sich brüsten, daß in seinem Schatten
Du gehst: Im Vers zwingst du die Sterblichkeit.
Solang ein Mensch noch atmet, Augen sehn,
Solang dies steht, so lang wirst du bestehn.

William Shakespeare, Sonett Nr. XVIII
Übertragung: Christa Schuenke
© der Übertragung Straelener Manuskripte Verlag 1994

••• Mit Stefan Georges Übertragung dieses Sonetts konnte meine Frau sich gar nicht anfreunden. Als sie das Original gelesen hatte, meinte sie: So ein schönes Gedicht; und was ist in der Übertragung davon übrig geblieben?

So streng würde ich mit George nicht umspringen wollen. Aber tatsächlich liest sich die Übersetzung von da schon ganz anders und fängt, wie ich meine, deutlich mehr von der ursprünglichen Atmosphäre dieses Sonetts ein. Aus diesem Grund hier – speziell für meine Herzdame – das Sonett Nr. XVIII von Shakespeare noch einmal, diesmal übersetzt von .

Das böse Kind als alter Mann

Freitag, den 11. Mai 2007

Er hat noch immer diesen Blick
er will noch immer töten
der aus dem Anbeginn der Föten
dem ungeschiedenen Schlick

sich zäh und bös herausgelöst
der langsam, durstig, niemals satt
sich aus dem Ich gerichtet hat
und uns entblößt.

So frei der alte Mann und so allein
so stolz und so erbarmungslos
blieb er erbarmungslos gemieden

und will noch immer keinen Frieden
steht an der Pforte, würgt den Raucherkloß
laut raus. Und rotzt ihn auf den Stein.

© Alban Nikolai Herbst (2007)

••• Für beginnt heute der Countdown. Am morgigen Samstag wird er in der wundervollen Villa des Literarischen Colloqium Am Sandwerder in Berlin zum Finale um den diesjährigen Döblin-Preis antreten. Courage hat er; die muss man ihm nicht wünschen. Was man ihm wünschen kann: eine gute Hand gehabt zu haben bei der Auswahl aus den 1000 Seiten seines Roman-Typoscripts, um die ihm zugestandenen 25 Minuten des Wettlesens zu bestreiten. Und überhaupt: Hals und Beinbruch! So sagt man doch – auf dem Theater. Das sei ihm von Herzen gewünscht.

Aber es war nicht Prosa, über die ich an einem der letzten Tage in seinem Weblog gestolpert bin; nein, es war – ein Sonett.


Den ganzen Beitrag lesen »

Über die Untreue der Weiber

Dienstag, den 8. Mai 2007

Vielleicht würd ich es ihr sogar gestatten
Zu andern Männern sich nach Lust zu legen
Warum nicht etwas Freiheit? Meinetwegen!
Wenn jeder Griff der Fünfminutengatten

Sie nur nicht gleich so sehr verändern würde!
Selbst wenn es gar nicht so besonders glückte
Wenn ihr nur einer mal am Hintern rückte
Spielt sie bestimmt fortan doch die Verführte

Und sehr Geheimnisvolle! Die verschlagen
Den Besserwisser jetzt hereingelegt hat
Da der nicht weiß, und wehe, wenn er’s wüßte!

Daß sie den Hintern damals doch bewegt hat!
Wenn auch nur gegen Ende sozusagen …
Und so entsteht ein Riß, der nicht entstehen müßte.

Bertolt Brecht (1927)

••• Dass ich mich für von der ersten Begegnung mit ihnen an so sehr begeistern konnte, verdanke ich Brecht. Er schert sich nicht um die Vorgabe der thematischen Aufteilung innerhalb des Sonetts. Und er wagt immer wieder Experimente mit erstaunlicher Wirkung. Wer sagt denn, im Sonett müssten die Sätze oder Nebensätze mit der Zeile enden? Indem er die Sätze um die Zeilenenden und damit auch um die Reime quasi herumfliessen lässt, verschwindet das Getragene, das im Sonett so leicht zum Stolzieren gerät. Nahezu prosaisch klingt Brecht hier - und das inmitten einer strengen Form.

Dem Fluss des Gesagten zum Opfer gefallen ist auch das Reimschema der Terzette. Und doch - spätestens wenn man das Gedicht laut liest, wird klar, dass hier jedes Wort am rechten Platz ist.

Das nenne ich meisterhaften Umgang mit einer strengen klassischen Form! Sie ist da und und wirkt, doch aus dem Hintergrund. Nicht die Spur von Selbstzweck, sondern ganz Mittel zum Zweck.