/Richard/ Es ist ein Kreisen, kein Punkt, kein Ort, wo ich anhalten könnte, ausruhen für einen Augenblick, einen fliehenden Moment lang. Ich muß kreisen, unaufhaltsam, rastlos, bis zur Müdigkeit, bis zur Erschöpfung und bis über sie hinaus um das magische Zentrum eines Auges, den Abgrund einer geweiteten Pupille, das lidlose Auge der Nacht.
Es ist ein Film. Jemand traktiert ein Klavier. Es ist ein Film, in dem ich mir selbst zusehe.
Erst ist da nicht mehr als eine graue, leicht gewellte Ebene und in ihr, sich schlängelnd, ein dunkles Band, auf dem ein kleinblauer Punkt reitet im Rhythmus der weißen Hände auf den Tasten des Klaviers. Tremolo.
Die Kamera fährt näher auf den Punkt zu. Es ist eine Mühle an einem Bach, und ich bin mit Hanfseilen auf das Mühlrad gebunden, auf das von oben Wasser niederstürzt, ein stumpfsinnig gleichmäßiges Fallen. Das Rad dreht sich, hebt mich hoch, dreht sich, trägt mich hinab, dreht sich und taucht mich kopfüber ins Wasser.
Es ist ein Film. Jemand traktiert ein Klavier. Es ist ein Film, und die Leinwand reißt unter dem Aufprall des Lichts, kreuz und quer tausend Risse, haarfein. Der Projektor zerfällt zu einem Haufen von Kinderschuhen, Haaren und Zahnprothesen. Die weißen Hände verkrampfen sich, und das Klavier explodiert unter dem Aufschrei zerreißender Saiten.
Es ist ein Film. Jemand traktiert einen kleinblauen Punkt. Er reitet im Kreis um ein Auge, den Abgrund einer geweiteten Pupille, die lidlose Nacht.
In einer Großstadt bricht ein Bus durch die Straßendecke hindurch in einen U-Bahn-Tunnel. Mehrere Menschen sterben. Zwei von ihnen – ein Mann Mitte Dreißig und eine junge Frau – können erst nach Wochen geborgen werden. Unterdessen fristen die beiden eine Existenz in einem scheinbar zeitlosen Reich zwischen Leben und Tod, Träumen und Ahnungen, Tanz und Taumel. Sie finden sich wieder in der dünnen Wand zwischen zwei Wohnungen, einem leeren Raum zwischen zwei fremden Leben, in dem nur sie sich bewegen können. In Enge und mitunter in Furcht versuchen sie, sich noch einmal selbst in die Seele zu gehen und den Abschied hinauszuzögern, den Abschied von ihren Irrtümern und sorgsam verborgenen Gefühlen, liebevollen und erschreckenden Erinnerungen. Und wenn sie auch nicht umkehren können, verändert sich auf dem letzten Stück Wegs doch noch einmal ihr Leben und das der Menschen zu beiden Seiten der Wand – auf magische Weise und unbemerkt vom lebendigen Rest der sie umgebenden Welt.
••• Was, bitte, ist ein Roman? Manche sagen, es handle sich dabei schlicht um eine längere Prosaform, die nicht einer der strikter definierten Formen wie etwa der Novelle angehört. Wir könnten es hier mit einem Roman zu tun haben. Und tatsächlich stand zunächst genau dies auf dem Cover des Manuskripts. Ich wollte keine Verwirrungen. Was immer mir vorschwebte beim Schreiben, sollte keine Rolle spielen müssen für den Leser. Warum dann hier doch diese Angabe?
Der Text, um den es hier geht, ist ein Mosaik aus Monologen. Die beteiligten Personen sprechen selbst. Chronologie spielt nicht wirklich eine Rolle. Das Erleben der Personen ist nicht gleichzeitig; wenn es sich überschneidet, sind es nur Momente der Berührung. Wie wir sehen werden, leben sie möglicherweise nicht einmal in der selben Zeit, der selben Welt. Eine kleine Irritation verursacht zudem die Stimme des Daniel, die zweifach auftaucht. Es handelt sich um den gleichen Körper, wahrscheinlich nicht den gleichen Menschen, zu verschiedenen Zeiten. Daniel (2) spricht einige Monate nach Daniel (1).
Die Komposition der Stücke ist musikalisch motiviert. Die Motive, die von den einzelnen Monologen vorgegeben werden, fügen sich zu einer grösseren Form, sollten aber auch als Einzelmotive bestehen können. Zusammengefasst sind sie zu drei Kapiteln, analog den Sätzen etwa einer Sonate. Auch diese Sätze sollten für sich selbst stehen können und sich mit den anderen zu einem Ganzen zusammenzufügen.
Ich glaube nicht, dass es für den Leser eine Rolle spielt, was da geplant war. Entsprechend wollte ich für die Form zwischen Buchdeckeln, keine Hinweise auf die Musik. Die Kapitel sind lediglich mit Nummern überschrieben; und lange Zeit waren die einzelnen Stimmen, die Motivgeber, nicht mit Namen versehen. Der Wechsel zwischen den Personen war nur durch zwei Punkte .. und einen Absatz angedeutet.
Für die Online-Darstellung hier an dieser Stelle möchte ich aber doch die musikalischen Intentionen zeigen. Denn hier kann der Text nach den verschiedenen Lesarten zerlegt und dargestellt werden. So bekommt jede Stimme ihre eigene Tag-Seite und ihren eigenen RSS-Feed. Wer möchte, kann sie jeweils für sich lesen, in der Reihenfolge des Erscheinens. Der Haupt-Zweig und Haupt-RSS-Feed bringen die einzelnen Stücke in der Reihenfolge des Manuskripts.
Gesprochen werden alle Stimmen von mir selbst. Folgerichtig sind alle RSS-Feeds Podcasts.
[Update 28. 04. 2008: Die Feeds stehen nur noch in Form eines statisches Abzugs als Referenz zur Verfügung. Links darin können eventuell defekt sein. Der Inhalt wurde jedoch auf dem Stand der ursprünglichen Online-Präsentation belassen.]