Chanson einer Dame im Schatten

Dienstag, den 5. Mai 2009

Michael Nyman
Michael Nyman

Wenn die Schweigsame kommt und die Tulpen köpft:
Wer gewinnt?
Wer verliert?
Wer tritt an das Fenster?
Wer nennt ihren Namen zuerst?

Es ist einer, der trägt mein Haar.
Er trägts wie man Tote trägt auf den Händen.
Er trägts wie der Himmel mein Haar trug im Jahr, da ich liebte.
Er trägt es aus Eitelkeit so.

Der gewinnt.
Der verliert nicht.
Der tritt nicht ans Fenster.
Der nennt ihren Namen nicht.

Es ist einer, der hat meine Augen.
Er hat sie, seit Tore sich schliessen.
Er trägt sie am Finger wie Ringe.
Er trägt sie wie Scherben von Lust und Saphir:
er war schon mein Bruder im Herbst;
er zählt schon die Tage und Nächte.

Der gewinnt.
Der verliert nicht.
Der tritt nicht ans Fenster.
Der nennt ihren Namen zuletzt.

Es ist einer, der hat, was ich sagte.
Er trägts unterm Arm wie ein Bündel.
Er trägts wie die Uhr ihre schlechteste Stunde.
Er trägt es von Schwelle zu Schwelle, er wirft es nicht fort.

Der gewinnt nicht.
Der verliert.
Der tritt an das Fenster.
Der nennt ihren Namen zuerst.

Der wird mit den Tulpen geköpft.

© , aus: »Niemandsrose«

••• Einige halten Michael Nymans Musik ja für Pop. Die Bezeichnung seines Kammerorchesters als » Band« mag den Schluss nahelegen, dass er es selbst nicht wesentlich anders sieht. Whatever!

Ich bin auf ihn aufmerksam geworden über die Soundtracks zu den Greenaway-Filmen, namentlich »Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber«. Die Liebhaber-Box mit sämtlichen dieser Soundtracks war dann auch meine erste Nyman-Anschaffung. Anschaffung? Wenn ich es recht bedenke, war diese Box wohl ein Geschenk… Dabei blieb es aber nicht. Zu meinen Lieblingsstücken von Nyman gehören sein Klavierkonzert und die »Musique à Grande Vitesse« (MGV), ein Auftragswerk zur Inbetriebnahme des französischen Hochgeschwindigkeitszuges TGV und ein perfekter Soundtrack für »zügige« Fahrten auf einer leeren deutschen Autobahn ohne Tempolimit. Beide Stücke sind übrigens auf einer CD zu haben.

Ich habe Nymans Veröffentlichungen lange nicht verfolgt. Gestern bin ich per Zufall auf seine Vertonung von sechs Celan-Gedichten gestoßen. Das ist nun ein Muss für Nyman- und für Celan-Fans, umso mehr, wenn - wie bei mir - beides zusammenkommt.

Hillary Summers singt: »Chanson einer Dame im Schatten«
in der Vertonung von
Band, aus: »Six Celan Songs«

Herzzeit

Donnerstag, den 4. September 2008

Ingeborg Bachman / Paul Celan: Herzzeit (Briefwechsel)
Ingeborg Bachman / Paul Celan: Herzzeit (Briefwechsel)

Ich habe Dich heute lieb und so gegenwärtig…

••• Weil mir heute so verliebt zumute ist, kommt hier ein Post ganz speziell für die Herzdame, die vor lauter Blog-Verfolgen (und allerhand anderen unaufschiebbaren Dingen) gar nicht mehr zum Bücherlesen kommt. Nicht zum Lesen von gedruckten und zum Lesen von noch nicht gedruckten schon gar nicht. Das ist schade. Aber was soll man machen.

Damit ihr diese Perle, die ich vor einigenTagen erstanden habe, nicht ganz entgeht, hier also eine Kostprobe aus “Herzzeit”, einem Band aus dem Suhrkamp-Verlag, der den Briefwechsel zwischen und dokumentiert - eine wunderbare, aber ziemlich komplexe Liebesgeschichte…


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Tenebrae

Freitag, den 2. Mai 2008

Tregua – Luis Vence
Tregua – © Luis Vence

Nah sind wir Herr,
nahe und greifbar.

Gegriffen schon, Herr,
ineinander verkrallt, als wär
der Leib eines jeden von uns
dein Leib, Herr.

Bete, Herr,
bete zu uns,
wir sind nah.

Windschief gingen wir hin,
gingen wir hin, uns zu bücken
nach Mulde und Maar.

Zur Tränke gingen wir, Herr.

Es war Blut, es war,
was du vergossen, Herr.

Es glänzte.

Es warf uns dein Bild in die Augen, Herr.
Augen und Mund stehn so offen und leer, Herr.
Wir haben getrunken, Herr.
Das Blut und das Bild, das im Blut war, Herr.

Bete, Herr.
Wir sind nah.


aus: “Sprachgitter”

••• Eine Ergänzung zum Video von gestern: “Tenebrae” stammt aus dem Band “Sprachgitter”. Ich war zunächst verwundert über die christliche Symbolik, die man bei Celan nicht vermuten würde. Der Schlüssel zum Verständnis liegt im Titel, dessen Bedeutung ich nachschlagen musste.


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Zwei Gedichte von Luft

Donnerstag, den 1. Mai 2008

Ich setzte den Fuß in die Luft und sie trug (Poem)

Hoffnung und Liebe! Alles zertrümmert!
Und ich selber, gleich einer Leiche,
Die grollend ausgeworfen das Meer,
Lieg ich am Strande,
Am öden, kahlen Strande,
Vor mir woget die Wasserwüste,
Hinter mir liegt nur Kummer und Elend,
Und über mich hin ziehen die Wolken,
Die formlos grauen Töchter der Luft,
Die aus dem Meer, in Nebeleimern,
Das Wasser schöpfen,
Und es mühsam schleppen und schleppen,
Und es wieder verschütten ins Meer,
Ein trübes, langweilges Geschäft,
Und nutzlos, wie mein eignes Leben.

••• Es dauerte einen Moment, bis ich im obigen Video erkannte. Es handelt sich um einen Ausschnitt aus dem Film-Poem oder Poem-Film “Poem – Ich setzte den Fuß in die Luft und sie trug”.

Es lohnt, den Ausschnitt bis zum Ende anzuschauen. Es werden zwei Gedichte inszeniert. Das zweite stammt von : “Tenebrae”. Das muss ich mir einmal heraussuchen und genauer besehen.

Verblüfft war ich bei diesem Video aber besonders vom ersten Gedicht. Ich hatte keine Ahnung, von wem es stammt, wie es heißt. Und nie und nimmer wäre ich auf den Namen des Autors gekommen: Heinrich Heine.


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Zürich, Zum Storchen

Samstag, den 22. Dezember 2007

Vom Zuviel war die Rede, vom
Zuwenig. Von Du
und Aber-Du, von
der Trübung durch Helles, von
Jüdischem, von
deinem Gott.

Da-
von.
Am Tag einer Himmelfahrt, das
Münster stand drüben, es kam
mit einigem Gold übers Wasser.

Von deinem Gott war die Rede, ich sprach
gegen ihn, ich
liess das Herz, das ich hatte,
hoffen:
auf
sein höchstes, umröcheltes, sein
haderndes Wort —

Dein Aug sah mir zu, sah hinweg,
dein Mund
sprach sich dem Aug zu, ich hörte:

Wir
wissen ja nicht, weisst du,
wir
wissen ja nicht,
was
gilt.

Paul Celan

••• Diese “Rückspiegel”-Funktion macht mir mitunter richtig Freude. “Was zählt” taucht heute im Rückspiegel auf. Und Undine Materni schickt mir soeben obiges Celan-Gedicht mit besten Wünschen fürs kommende Jahr.

Da braucht es einen solchen Zufall, um mich darauf aufmerksam zu machen, dass ich mit Celan geplaudert haben muss, als ich in “Was zählt” schrieb:

Wir wissen ja nicht, was wahr ist,
sagst du. Wir können nur sagen,
was zählt.

Das Unbewusste schreibt. Da sieht mans mal wieder.

In Ägypten

Montag, den 3. Dezember 2007

: In Ägypten
Video Art: Herry Dim
Musik: Peter Habermehl
Rezitation: Berthold Damshäuser

Du sollst zum Aug der Fremden sagen: Sei das Wasser.
Du sollst, die du im Wasser weißt, im Aug der Fremden suchen.
Du sollst sie rufen aus dem Wasser: Ruth! Noëmi! Mirjam!
Du sollst sie schmücken, wenn du bei der Fremden liegst.
Du sollst sie schmücken mit dem Wolkenhaar der Fremden.
Du sollst zu Ruth und Mirjam und Noëmi sagen:
Seht, ich schlaf bei ihr!
Du sollst die Fremde neben dir am schönsten schmücken.
Du sollst sie schmücken mit dem Schmerz um Ruth, um Mirjam und Noëmi.
Du sollst zur Fremden sagen:
Sieh, ich schlief bei diesen!

Paul Celan (1920-1970)

••• Noch ein letzter der Celan-Video-Texte, die ich gestern auf YouTube fand. (Die älteren Beiträge zur “Todesfuge” und “Umsonst” habe ich mit den entsprechenden Video-Links aktualisiert.)

Es wäre einiges dazu zu schreiben. Doch vorerst will ich es mir nur merken… Alles weitere später - vielleicht.

Mandorla

Sonntag, den 2. Dezember 2007

spricht: Mandorla

In der Mandel - was steht in der Mandel?
Das Nichts.
Es steht das Nichts in der Mandel.
Da steht es und steht.
Im Nichts - wer steht da? Der König.
Da steht der König, der König.
Da steht er und steht.
Judenlocke, wirst nicht grau.
Und dein Aug - wohin steht dein Auge?
Dein Aug steht der Mandel entgegen.
Dein Aug, dem Nichts stehts entgegen.
Es steht zum König.
So steht es und steht.
Menschenlocke, wirst nicht grau.
Leere Mandel, königsblau.

Paul Celan (1920-1970)

••• Auf der Suche nach ein wenig mehr Informationen über Lars-Arvid Brischke, aus desses Poetik-Essay ich letzte Woche hier zitierte, stiess ich auf den Metroproleten, das Weblog-Alter-Ego von Brischke. Nur 78 Zugriffe, beklagte der Metroprolet, hätte obiges Video bei YouTube, und: “jeder pimpf hat mehr”. Nun, inzwischen sind es 10x so viele. Und die Turmsegler fügen bestimmt noch einige Views hinzu.

PS: Was “Mandorla” bedeutet, darüber musste ich mich nun von einem Pfarrer aufklären lassen. Und dass die Namen Mandel/Mendel von Immanuel (”G’tt mit uns”) kommen, das hätte ich auch nicht gewusst.

Ein ungewöhnlicher Celan, finde ich, und/aber immer wieder zu hören.

Mohn und Gedächtnis

Sonntag, den 25. November 2007

Mohn - © Adsy Bernart 2007

Mohn - © Adsy Bernart 2007

DIE Hand voller Stunden, so kamst du zu mir – ich sprach:
Dein Haar ist nicht braun.
So hobst du es leicht auf die Waage des Leids, da war es schwerer als ich…

Sie kommen auf Schiffen zu dir und laden es auf, sie bieten es feil auf den Märkten der Lust –
Du lächelst zu mir aus der Tiefe, ich weine zu dir aus der Schale, die leicht bleibt.
Ich weine: Dein Haar ist nicht braun, sie bieten das Wasser der See, und du gibst ihnen Locken…
Du flüsterst: Sie füllen die Welt schon mit mir, und ich bleib dir ein Hohlweg im Herzen!
Du sagst: Leg das Blattwerk der Jahre zu dir – es ist Zeit, daß du kommst und mich küssest!

Das Blattwerk der Jahre ist braun, dein Haar ist es nicht.

Paul Celan, aus: “Mohn und Gedächtnis”
© Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart (1952)

••• Seit Wochen geht mir diese Zeile im Kopf umher:

… und ich bleib dir ein Hohlweg im Herzen!

Und heute war sie schliesslich der Ausgangspunkt für ein “Selbstporträt als Seraph”. Das freilich hat mit dem Thema des obigen Gedichtes gar nichts zu tun. Aber ich wollte das Gedicht doch bringen, schon um mich selbst später daran zu erinnern, woher der Hohlweg kam.

Das “Selbstporträt” kann hier erst bringen, wenn ich es noch ein wenig “durchgeatmet” habe.

herzland

Samstag, den 11. August 2007

Paul Celan

das gedicht kann, da es ja eine erscheinungsform der sprache und damit seinem wesen nach dialogisch ist, eine flaschenpost sein, aufgegeben in dem - gewiß nicht immer hoffnungsstarken - glauben, sie könnte irgendwo und irgendwann an land gespült werden, an herzland vielleicht. gedichte sind auch in dieser weise unterwegs: sie halten auf etwas zu.

Paul Celan

[via: nirmana-cittany]

Das Wort bleibt ungesagt

Freitag, den 27. Juli 2007

Osiip Mandelstam
Ossip Mandelstam (1891-1938)

Das Wort bleibt ungesagt, ich finds nicht wieder,
Die blinde Schwalbe flog ins Schattenheim,
Zum Spiel, das sie dort spielen. (Zersägt war ihr Gefieder.)
Tief in der Ohnmacht, nächtlich, singt ein Reim.

Die Vögel — stumm. Und keine Immortelle.
Glashelle Mähnen — das Gestüt der Nacht.
Ein Kahn treibt, leer, es trägt ihn keine Welle.
Das Wort: umschwärmt von Grillen, unerwacht.

Und wächst, wächst wie es Tempeln, Zelten eigen,
Steht, jäh umnachtet, wie Antigone,
Stürzt stygisch-zärtlich und mit grünem Zweige,
Als blinde Schwalbe stürzt es nieder, jäh.

Beschämung all der Finger, die da sehen,
O die Erkenntnis einst, so freudenprall.
O Aoniden, ihr — ich muß vor Angst vergehen,
Vor Nebeln, Abgrund, Glockenton und Schall.

Wer sterblich ist, kann lieben und erkennen,
Des Finger fühlt: ein Laut, der mich durchquert…
Doch ich — mein Wort, ich weiß es nicht zu nennen,
Ein Schemen war es — es ist heimgekehrt.

Die Körperlose, immer, Stund um Stunde,
Antigone, die Schwalbe, überall…
Wie schwarzes Eis, so glüht auf meinem Munde
Erinnerung an Stygisches, an Hall.

Ossip Mandelstam (1920)
Nachdichtung: Paul Celan

••• Ach, wieder so einen alten DDR-Reclam-Schatz ausgegraben. Von Mandelstam wird noch mehr zu berichten sein. Der Clou an dieser Ausgabe, einer Sammlung von 80 Gedichten aus seinem Gesamtwerk: Viele Gedichte werden neben dem Original in verschiedenen Nachdichtungen präsentiert.