Abel und Kain

Freitag, den 1. Februar 2008

I

Stamm Abels, schlafe, iss und trinke;
Gott lächelt gnädig dir;

Stamm Kains, in Schmutz und Schlamm versinke,
Verende wie ein Tier.

Stamm Abels, deines Opfers Spende
Umkost die Engelein;

Stamm Kains, wann naht sich wohl das Ende,
Das Ende deiner Pein ?

Stamm Abels, üppig deine Weide,
Der Herde Schar gesund;

Stamm Kains, was heult dein Eingeweide
Vor Hunger wie ein Hund?

Stamm Abels, wärme Leib und Seele
Am heimischen Herd voll Ruh,

Stamm Kains, ein Schakal in der Höhle
Vor Kälte zittre du!

Stamm Abels, deine Zahl vermehre,
Dein Gold selbst hecke dir;

Stamm Kains, dem heissen Herzen wehre,
Und hüte deine Gier.

Stamm Abels, gras auf allen Wegen,
Den Raupen gleich an Zahl!

Stamm Kains, auf deinen wirren Wegen
Lieg’ Kampf und Todesqual.

II

Stamm Abels, wenn du einst verendet,
Dein Aas die Sonne frisst!

Stamm Kains, du hast noch nicht vollendet,
Was deines Amtes ist;

Stamm Abels, deines Eisens Klinge
Dem Wurfspiess ward zum Spott!

Stamm Kains, zum Himmel auf dich schwinge,
Zur Erde schleudre Gott!

Charles Baudelaire
aus: “Les Fleurs du Mal - Die Blumen des Bösen”
Übertragung: Therese Robinson
© Georg Müller Verlag München (1925)
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Die Verleugnung des heiligen Petrus

Freitag, den 1. Februar 2008

Was macht nur Gott mit diesem Meer der Flüche,
Das Tag für Tag zu seinem Throne schwillt ?
Wie ein Tyrann, von Fleisch und Wein gestillt,
Schläft er bei dem Geheul der Lästersprüche.

Der Opfer Schrein auf grauser Marterstatt
Scheint er wie holden Symphonien zu lauschen,
Denn trotz der Ströme Bluts, die um ihn rauschen.
Wird seine Wollust nicht der Greuel satt.

Denkst, Jesus, du an jenes Ölbergs Schatten,
Wo kindlich du dein Flehn ihm dargebracht,
Der hoch im Himmel deiner Qual gelacht,
Als sie den zarten Leib durchbohrt dir hatten?

Befleckt, bespieen deine Göttlichkeit,
Als dir das Gassenvolk mit frechem Hohne
Auf’s Haupt gepresst die spitze Dornenkrone,
Auf’s Haupt, das einer Menschheit du geweiht;

Da, als du hingst von schwerer Qual zerbrochen,
Am Kreuze hoch, die Arme ausgereckt,
Das bleiche Antlitz schweiss- und blutbedeckt,
Durchbohrt wie eine Scheibe und zerstochen,

Gedachtest du da milder Tage Schein,
Da du auf laubgeschmückten, sonnigen Wegen,
Auf sanftem Maultier zogst der Stadt entgegen,
Ein heiliges Gelübde zu erneu’n?

Da aus dem Tempel du im Zornesglanze
Die Händler jagtest, niedrig’ Volk der Gier,
Und da du König wardst? – Hat nicht die Reue dir
Das Herz durchbohrt noch vor der scharfen Lanze?

– Wahrlich, ich meide gerne dies Geschlecht,
Dem Traum und Tat nie eins zu sein begehrte,
Kämpf ich, so fall’ ich auch mit meinem Schwerte!
Petrus verleugnete den Herrn mit Recht.

Charles Baudelaire
aus: “Les Fleurs du Mal - Die Blumen des Bösen”
Übertragung: Therese Robinson
© Georg Müller Verlag München (1925)
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Die Liebe und der Schädel

Dienstag, den 29. Januar 2008

Die Liebe hat zu ihrem Thron
Der Menschheit Haupt erkoren,
Sitzt auf dem Schädel nun voll Hohn
In fröhlich Spiel verloren.

Bläst runde Blasen in die Luft,
Die hoch zu steigen scheinen,
Als wollten sie mit Glanz und Duft
Die Welt dem Äther einen.

Doch schwebt er in die Luft hinaus,
Der Ball aus buntem Schaume,
Zerspringt er, sprüht die Seele aus,
Gleich einem goldnen Traume.

Bei jeder Blase, die entflohn,
Hör’ ich den Schädel flehen:
»Dies Spiel voll Grausamkeit und Hohn,
Wird’s nie zu Ende gehen?

Hör’, was dein Mund so frevelhaft
Den Lüften preisgegeben,
Das, Mörder, das war meine Kraft,
Mein Hirn, mein Blut, mein Leben.«

Charles Baudelaire
aus: “Les Fleurs du Mal - Die Blumen des Bösen”
Übertragung: Therese Robinson
© Georg Müller Verlag München (1925)
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Eine Reise nach Kythera

Montag, den 28. Januar 2008

I

Mein Herz, ein Vogel, fröhlich aufwärts fliegend,
Umschwebt voll Heiterkeit des Segels Tau,
Das Schiff rollt unterm klaren Himmelsblau,
Ein Engel, in der Sonne Glanz sich wiegend.

Doch jene Insel, schwarz und düster dort;
Kythera ist’s, durch Ruhmesklang erhaben,
Einstmals das Paradies der alten Knaben,
Ein armes Land jetzt und ein finstrer Ort.

Insel der Feste, süsser Heimlichkeiten!
Noch immer schwebt der Liebesgöttin Bild
Hier überm Meer, wie Duft so feurigmild,
Dass Lieb’ und Sehnsucht unsere Herzen weiten.

Insel, von Myrten, Blumen überblüht,
Von jedem Land, von jeder Zeit gefeiert,
Wo der Verliebten Seufzer sanft verschleiert,
Wie Weihrauch einen Rosenwald durchglüht,

Wie ewiges Girren liebeskranker Tauben!
Und jetzt, – nur Wüste, felsigdürre Welt,
Vom scharfen Schrei der Vögel wild durchgellt.
Und dennoch will ich an ein Wunder glauben!

II

Kein Tempel ragt aus schattiger Büsche Wand,
Nicht seh’ ich junge Priesterinnen schreiten
Durch Blumen hin, voll heisser Heimlichkeiten.
Im leisen Lufthauch flatternd das Gewand.

Doch wie wir nah genug der Küste streben,
Dass unser Segel scheucht der Vögel Schwarm,
Erkenn ich eines schwarzen Galgens Arm
Zypressengleich vom klaren Blau sich heben.

Und wilde Vögel, eng beisammen sitzend,
Zernagen des Gehenkten morschen Leib,
Unreine Schnäbel, wie zum Zeitvertreib
In Fäulnis tauchend und das Blut verspritzend.

Des Toten Augen starren Löchern gleich,
Die Därme sieht man blutig sich ergiessen,
Die Henker ihre grausige Lust gemessen,
Zerstören diesen Leib mit Hieb und Streich.

Und unter ihm schleicht neidisch das Gelichter,
Vierfüssig Volk, die Schnauze hochgestreckt,
Aus ihrer Mitte sich der Grösste reckt,
Wie aus der Knechte Schar der blutige Richter.

Kytheras Kind, Kind blauer Himmelsluft,
So duldest du die grausige Schmach mit Schweigen,
So sühnst du deiner Liebesfeste Reigen,
Der Frevel Last verwehrt dir Sarg und Gruft.

Spasshafter Toter, deine Leiden alle
Sind meine! Wie der Wind dich hebt und neigt
Ein bittrer Ekel mir zum Munde steigt,
Der alten Schmerzen aufgewühlte Galle.

Vor dir, du Armer, hab’ ich sie gefühlt
Mit ihren Schnäbeln, Krallen, scharfen Zähnen
Die wilden Raben, Geier und Hyänen,
Die einst so gern zerfleischt mich und zerwühlt.

Des Himmels Blau kann mich mit Lust nicht füllen,
Ich fühle nur noch Qual und Götterfluch
Und möchte, ach wie in ein Leichentuch
Mein Herz in dieses trübe Gleichnis hüllen.

Auf Venus’ Insel alles mir zerrann,
Ein Galgen blieb, daran mein Bild zu schauen. –
Gib, Herr, mir Kraft und Mut, dass ohne Grauen
Hinfort ich auf mich selber blicken kann!

Die Verwandlung des Vampirs

Montag, den 28. Januar 2008

Das Weib mit rosigem Mund begann den Leib zu recken,
Wie sich die Schlange dreht auf heissem Kohlenbecken,
Und in den Schnürleib fest die Brüste eingezwängt,
Sprach diese Worte sie, von Moschus ganz durchtränkt:
»Mein Mund ist rot und feucht, und auf des Lagers Kissen
Kann alle Tugend ich und alle Weisheit missen.
Die Tränen trockne ich auf meines Busens Pracht,
Mach’ Alte fröhlich, wie man Kinder lachen macht.
Wer ohne Hüllen schaut des nackten Leibes Wonnen,
Dem ist der Mond verlöscht und Himmelswelt und Sonnen!
Ich bin, mein Weiser, so geübt in Wollustglut,
Dass tödlich fast dem Mann wird der Umarmung Wut,
Und wenn ich meinen Leib den Küssen überlassen,
Die frech und schüchtern mich und zart und roh erfassen,
Dann über meinem Pfühl, der sich vor Wonne bäumt,
Ohnmächtiger Engel Schar von meinen Reizen träumt.«

Nachdem aus dem Gebein sie mir das Mark gesogen,
Dreht ich mich matt zu ihr, von Liebe hingezogen,
Um sie zu küssen, doch nichts hat mein Aug’ entdeckt,
Als einen leeren Schlauch, besudelt und befleckt!
Ich schloss die Augen schnell, gepackt von kaltem Grauen,
Und öffnete sie dann, beim hellen Licht zu schauen
An jener Puppe Statt, die neben mir geruht,
Und die zu strotzen schien von Leben, Kraft und Blut,
ein zitterndes Skelett, verwirrter Knochen Trümmer,
Daraus ein Stöhnen klang wie Wetterhahns Gewimmer,
Wie eines Schildes Schrei, das in den Angeln kracht,
Wenn es der Windstoss dreht in stürmischer Winternacht.

Charles Baudelaire
aus: “Les Fleurs du Mal - Die Blumen des Bösen”
Übertragung: Therese Robinson
© Georg Müller Verlag München (1925)
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Beatrice

Sonntag, den 27. Januar 2008

Ich ging durch kahles Land, durch sandig dürre Heide
Und klagte der Natur die Schmerzen, die ich leide,
Und wie mein Sinnen flog, vom Zufall nur gelenkt,
Fühlt’ ich, wie sich ein Dolch langsam ins Herz mir senkt.
Und sah steil über mir im schwülen Mittagsschweigen
Ein finster Wolkenbild sich mählich abwärts neigen.
Böser Dämonen Schar die finstre Wolke trug,
Zwergartig, lasterhaft, grausam und voller Lug.
Keck lenkten sie auf mich die Blicke hin wie Laffen,
Die im Vorübergehn nach einem Tölpel gaffen.
Sie lachten, flüsterten und tauschten listig flink
Manch freches Zeichen aus und manch geheimen Wink:

»Schaut dieses Zerrbild an in voller Prachtentfaltung,
Des Hamlet Schatten ist’s, nachäffend Gang und Haltung,
Sein unentschlossner Blick, im Wind sein flatternd Haar,
Ein jammervolles Bild stellt dieser Wüstling dar.
Es glaubt der Komödiant, der Lump der närrischtolle,
Weil er bis jetzt gespielt ganz artig seine Rolle,
Dass er sie alle rührt mit seinem Weh und Ach,
Adler und Grille dort und Blumen, Wald und Bach;
Selbst uns, die wir genau die alten Kniffe kennen,
Trägt er sein Leiden vor mit Heulen und mit Flennen!«

Ich hätte (denn mein Stolz, hochragend wie die Berge,
Steht überm Hohngeschrei heimtückisch böser Zwerge),
Ich hätt’ mein fürstlich Haupt stillächelnd abgewandt,
Hätt’ ich im tollen Schwarm nicht sie, nicht sie erkannt.
O Frevel, unerhört! Schwankt droben nicht die Sonne?
Sie mit dem Götterblick, sie meiner Seele Wonne,
Sie lachte meiner Not in meiner Feinde Schar,
Bot ihrer Unzucht sich schamlos und zärtlich dar.

Charles Baudelaire
aus: “Les Fleurs du Mal - Die Blumen des Bösen”
Übertragung: Therese Robinson
© Georg Müller Verlag München (1925)
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Allegorie

Mittwoch, den 23. Januar 2008

Ein wundervolles Weib, herrlich und stolz die Glieder,
Zum weingefüllten Kelch wallt ihr das Haar hernieder.
Der Liebe Gift, der Trank, den die Spelunke braut,
Sie gleiten spurlos ab am Marmor ihrer Haut.
Sie lacht dem Tod und höhnt der wilden Lust Begehren
Der beiden Drachen, die da streicheln und versehren,
Und im Vernichtungsspiel doch immer noch verschont
Die strenge Hoheit, die im festen Körper wohnt.
Ruhend der Haremsfrau, der Göttin gleich im Schreiten
Wird in der Lust sie dir des Orients Rausch bereiten;
Mit ihren Armen, die sie weit geöffnet hält,
Winkt sie der Menschheit zu, umfängt sie eine Welt.
Sie glaubt, sie weiss es, sie, die grosse Unfruchtbare,
Die unentbehrlich doch im Gang der Weltenjahre,
Dass Schönheit ein Geschenk so wundervoller Art,
Dass jedem Frevel schon durch sie Entsühnung ward.
Sie achtet Hölle nicht, nicht Fegefeuers Wehen,
Und ruft die Stunde einst, den schwarzen Pfad zu gehen,
Dann wendet sie den Blick zum Tod hin ohne Scheu,
Ein Kind, ganz unschuldvoll, ganz ohne Hass und Reu.

Charles Baudelaire
aus: “Les Fleurs du Mal - Die Blumen des Bösen”
Übertragung: Therese Robinson
© Georg Müller Verlag München (1925)
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Die Blutquelle

Dienstag, den 22. Januar 2008

Und manchmal ist’s, als strömt mein Blut von hinnen.
Wie eine Quelle hör’ ich’s schluchzend rinnen,
Allein ich hör das lange Murmeln nur
Und tast’ vergebens nach der Wunde Spur.

Und es ergiesst sich durch die Stadt tief innen,
In Ströme wandelnd Strassen, Gänge, Rinnen,
Es löscht den Durst der ganzen Kreatur
Und taucht in rote Flammen die Natur.

Den Wein, den listigen Tröster bat ich oft,
Einmal das Schrecknis, das mich quält, zu stillen,
Jedoch er schärft den Sinn, statt zu verhüllen;

Von Liebe hab’ Betäubung ich erhofft,
Allein ein Bett voll Dornen ward mir Liebe,
Sie stillte nur der wilden Mädchen Triebe.

Charles Baudelaire
aus: “Les Fleurs du Mal - Die Blumen des Bösen”
Übertragung: Therese Robinson
© Georg Müller Verlag München (1925)
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Die beiden barmherzigen Schwestern

Montag, den 21. Januar 2008

Lust und Vergänglichkeit, zwei schöne Weiber,
Die reich an Küssen sind, ein kraftvoll Paar,
Lumpenverhüllt die jungfräulichen Leiber,
Durch ewiger Arbeit Mühen unfruchtbar.

Dem Dichter sind sie liebe Zeitvertreiber;
Es bieten Freudenhaus und Grab sogar
Dem finstern Höllenfreund, dem Märchenschreiber
In ihrem Schutz ein reulos Lager dar.

Ja, Bett und Sarg, an Frevel überreich,
Sie spenden uns, barmherzigen Schwestern gleich,
Entsetzlichen Genuss und süsse Pein.

Wann kommst du, ekle Lust, und sargst mich ein?
Du, ihr Rivale, tödliches Vergessen,
Wann pfropfst auf welke Myrten du Zypressen?

Charles Baudelaire
aus: “Les Fleurs du Mal - Die Blumen des Bösen”
Übertragung: Therese Robinson
© Georg Müller Verlag München (1925)
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Verdammte Frauen

Sonntag, den 20. Januar 2008

Delphine und Hyppolyte

l

Wo matte Lampen fahles Licht verbreiten,
Auf weichem Pfühl, von Düften sanft umkreist,
Träumt Hippolyte von wilden Zärtlichkeiten,
Drin ihrer Unschuld Schleier jäh zerreisst.

Und wirre Blicke durch den Sturm sie sendet
Nach ihrer fernen Reinheit Paradies,
So wie der Wanderer sich rückwärts wendet,
Den blauen Himmel sucht, den er verliest.

Die müssigen Tränen in dem Blick, dem schlaffen,
Das Antlitz starr, von dumpfer Lust verzehrt,
Die Arme müde wie besiegte Waffen,
Das alles ihren zarten Reit vermehrt.

Delphine, ihr zu Füssen, lustdurchschauert
Misst sie mit heissem Blick voll stummer List,
Ein starkes Tier, das auf die Beute lauert,
Die schon durch seinen Zahn gezeichnet ist.

Die starke Schönheit kniend vor der zarten,
Wollüstig schlürft sie des Triumphes Trank
Und dehnt sich zu ihr hin in heissem Warten,
Nun zu empfangen ihren Liebesdank.

Sie sucht der Freude stumme Weihelieder
In ihres bleichen Opfers Angesicht,
Und jenen Dank, der von der Wimper nieder,
Ein langes Seufzen, aus der Seele bricht.

»Mein Liebling, Hippolyte, lass nun dies Brüten.
Versteh, und fasse endlich den Entschluss,
Nicht aufzuopfern deine ersten Blüten
Dem rauhen Sturm, der sie entblättern muss.

Den Eintagsfliegen gleichen meine Küsse,
Die abends kosend klare Seen umziehn,
Die deines Freundes graben tiefe Risse,
Ziehn über dich wie Pflüg und Wagen hin.

Wie plumpe, schwerbeladne Karren gehen,
Wie Pferdehuf sie grausam über dich,
O Schwester Hippolyte, lass mich dein Antlitz sehen,
Mein Leben du, mein halb und ganzes Ich.

Lass deiner Augen blauen Glanz mich trinken!
Für einen Blick lüft’ ich des Schleiers Saum
Und lasse ihn von dunkeln Wonnen sinken
Und wiege dich in einen ewigen Traum!«

Und Hippolyte, das Haupt zu ihr gewendet:
»Ich bin nicht undankbar, doch leid’ ich Qual,
Bin ruhelos, als wäre ich geschändet
Von einem nächtlich wüsten Freudenmahl.

Mir ist, als stürze auf mich dumpf Entsetzen
Und schwarzer Geister Heere wild verzerrt,
Sie wollen mich auf schwanke Stege hetzen.
Die rings ein blutigroter Himmel sperrt.

Ist, was wir tun, nicht doch ein fremd Verbrechen?
Erkläre meiner Angst und Schrecken Sinn!
Ich zittre, hör’ ich dich ‘Mein Engel’ sprechen.
Und doch reisst’s meinen Mund zu deinem hin.

Blick’ mich nicht also an, du, die ich liebe.
Auf ewig liebe, Schwester meiner Wahl,
Selbst wenn du nur Verlockung meiner Triebe,
Nur Anfang von Verdammnis, Hölle, Qual!«

Delphine schüttelt wild ihr Haar, im Grimme
Stampft auf den Dreifuss sie mit bösem Blick,
»Wer darf,« ruft sie mit herrisch rauher Stimme,
von Hölle reden bei der Liebe Glück?

Verflucht der Träumer, den zuerst es drängte,
Zu lösen den unlösbar leeren Streit,
Und der in seinem blöden Sinn vermengte
Mit Liebesdingen Recht und Ehrbarkeit!

Wer Tag mit Nacht, wer Schatten mit den Gluten,
Wer einen will, was sich auf ewig trennt,
Dem wird die lahmen Glieder nie durchfluten
Die rote Sonne, die man Liebe nennt!

Geh, wenn du willst, such’ dir den stumpfen Gatten;
Schenk seinem rohen Kuss dein Jugendglück;
Und, bleiche Reue in dem Blick, dem matten,
Geschändet und voll Graun kommst du zurück.

Man kann nur einem Herrn Genüge schaffen!«
Jedoch das Kind, ausströmend bittren Schmerz,
Schreit plötzlich auf: »Den Abgrund fühl’ ich klaffen
In meiner Brust; der Abgrund ist mein Herz!

Ein Feuerschlund, tief wie das Nichts hienieden.
Unstillbar ist des Ungeheuers Glut,
Unstillbar wie der Durst der Eumeniden,
Und ihre Fackel brennt in meinem Blut.

Dass dieser Vorhang doch die Welt verschlösse,
Dass Müdigkeit uns führ dem Schlafe zu!
Dass ich an deinem Hals den Tod genösse,
An deiner Brust des Grabes Glück und Ruh!« –

Hinab, hinab, du Schar der Opfer, walle!
Du bist zum ewigen Höllenpfad verdammt!
Versink im Abgrund, wo die Sünden alle,
Gepeitscht vom Wind, der nicht vom Himmel stammt,

Aufbrodelnd durcheinanderwirbeln, brüllen,
Lauft hin zum Ziel, ihr Schatten toll und jung;
Nie werdet eure Raserei ihr stillen,
Und eure Lust ist eure Züchtigung.

Nie seht in eurer Höhle Tag ihr schimmern;
Doch durch die Ritzen Fieberkeime ziehn;
Sie flammen auf, dass sie wie Lichter flimmern
Und gehn wie Gift durch euren Körper hin,

Die Unfruchtbarkeit eurer Jugendtage
Erschlafft die Haut, wie sie den Durst entfacht.
Und böser Lüste fürchterliche Plage
Aus eurem Fleisch kraftlose Fetzen macht.

Fern von der Welt, Verdammten gleich, Verirrten,
Durch Wüsten eilt, wie Tiere, die man jagt;
Vollendet euer Schicksal, ihr Verwirrten,
Und flieht die Hölle, die ihr in euch tragt.

II

Wie müde Tiere lagern sie im Sand,
Den Blick zum Meer gelenkt in stiller Trauer,
Es schmiegt sich Fuss an Fuss und Hand in Hand
In sanftem Sehnen und in Fieberschauer.

Die einen gehn, berauscht von Heimlichkeit,
Am Waldrand, wo der Bach raunt durch die Träume,
Und ritzen wie in erster Liebe Zeit
Geheime Zeichen in die jungen Bäume.

Andre, gleich Schwestern, wandern langsam da,
Wo Truggesichte durch die Wüste ziehen.
Wo Sankt Anton zwei nackte Brüste sah
In der Versuchung Purpurlicht erglühen.

Andre bei halberloschner Fackel Dunst
In heidnischer Gewölbe dumpfen Hallen,
Flehn deine Hilfe an in Fieberbrunst,
Bacchus, Erlöser aus der Reue Krallen.

Andre, die Brust vom Skapulier bedeckt,
Verbergen Geisseln in des Kleides Falten,
Und mischen nachts, im stillen Wald versteckt,
Taumel und Lust mit wilden Schmerzgewalten.

Jungfrauen, Teufel, Dulderinnen ihr,
Des Alltags und der Wirklichkeit Verächter,
Die ihr das Unbegrenzte liebt voll Gier,
Bald Tränen habt, bald Schreie und Gelächter,

Bis in die Hölle folgte euch mein Herz,
Das Bruderliebe und Erbarmen füllen,
Ich lieb’ euch, Schwestern, um den finstern Schmerz,
Der unstillbaren Gier und Liebe willen.

Charles Baudelaire
aus: “Les Fleurs du Mal - Die Blumen des Bösen”
Übertragung: Therese Robinson
© Georg Müller Verlag München (1925)
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