••• Ich habe das Geschäft in der Rechov Malchei Yisrael in Geula gefunden, das vor etwa 30 Jahren Yehuda Zichroni, dem Vater von Amnon Zichroni, gehörte und in dem das dritte Kapitel der “Leinwand” spielt. (Es ist das Geschäft unter dem hellbauen Transparent.) Yehuda Zichroni ist im Ruhestand. Ein sehr sympathischer junger Mann führt heute den Laden, der nun zu einer “Kette” renommierter Tallis-Geschäfte gehört: Mishkan Ha-Techelet.
Es war unglaublicher Verkehr und sehr viele Leute unterwegs. Ich musste lange warten, bis ich ein Foto ohne vorbeifahrendes Auto machen konnte.
Doch eine Quelle oder eine Grube,
in der sich Wasser angesammelt hat, bleibt rein;
wer jedoch ihr Aas berührt, wird unrein.
Leviticus 11,36
Natürlich hatten wir uns nie berührt. Das wäre undenkbar gewesen. Und doch wusste ich, als ich ihr zum ersten Mal mit gebührendem Abstand gegenüberstand, binnen Sekunden, wie ihr Haar roch, wie ihre Hüften sich anfühlten durch den Stoff ihres Kleides hindurch, wie ihre Lippen, die sich auf die meinen erst sanft schmiegten und schließlich pressten, und wie ihre Zunge schmeckte auf meiner Zunge; denn in den wenigen Sekunden, nachdem ich sie zum ersten Mal in der Wohnung von Elis Tante gesehen hatte, hatten wir uns umarmt und geküsst.
Es war mein erster Kuss. Und ich erlebte ihn, eine vollständige Unmöglichkeit, unter den Blicken von Rivkas gesamter Familie. Ich erlebte ihn, obgleich ich sicher zwei Meter von ihr entfernt stand und während ich sie nicht einmal ansah. Denn mein Blick war vor ihren Augen sofort geflüchtet. Anstatt sie anzuschauen, während Eli uns vorstellte, sah ich ihm ins Gesicht. Und es waren seine Lippen, die ich beobachtete, während er meinen Namen aussprach. Es waren seine Arme, mit denen ich Rivka umarmte. Durch seine Nase sog ich den Geruch ihres Haars und ihres Halses, und mit seiner Zunge schmeckte ich den Kuss, den sie mit ihm – Eli – getauscht hatte, vor einem Jahr vielleicht, womöglich aber auch erst vor kurzem.
Die Erregung, die ich verspürte und die mir regelrecht die Brust zuschnürte und den Atem nahm, diese Erregung war womöglich gerade deswegen so heftig und überwältigend, weil ich sie durch seine Erinnerung hindurch erfuhr, in der er sie wieder und wieder erlebt und in der sie sich mit jedem Erinnern verstärkt haben mochte, bevor sie sich nun mit meiner eigenen Erregung vermischte und sich verdoppelte, weil ich ja nicht nur den beiden bei ihrem Kuss zusah, sondern sie mit seinen Lippen küsste und mit seinen Händen festhielt und an mich zog, als wären es meine.
••• Das 4. Kapitel sollte den zweiten Plotpoint bringen und damit einen Höhepunkt und Wendepunkt in der Zichroni-Erzählung: das Einbrechen des Magischen in die bisher geordnete Vorstellungswelt Zichronis. Ausgangspunkt ist wieder einmal ein Buch, und eine neue Figur betritt die Bühne, Eli Rothstein, mit dem Zichroni auf der Yeshivah in Pekesville lernt.
Das Kapitel ist jedoch so umfangreich geraten, dass ich es geteilt habe.
Und so entführt uns das 4. Kapitel zunächst in ein fremdes Buch, in den Roman “Der Meister und Margarita” von Bulgakow.
••• Nach den Auftaktkapiteln war dieser Teil als ein erstes Plateau gedacht, ein Innehalten, bevor im Folgekapitel das Magische einbricht in die Handlung. (Wobei man einwenden könnte, dass die Geschichte um die Zizit am neues Tallis Zichronis auch nicht ganz ohne Magisches ist.)
••• Seit meiner Israel-Reise im letzten Dezember schleppe ich eine hartnäckige Erkältung mit mir herum. Am Freitag hat es mich nun endgültig flachgelegt. Die letzten zwei Tage blieb ich also im Bett. Inzwischen sieht es glücklicherweise besser aus.
Das weitere Zichroni-Kapitel, an dem ich letzte Woche geschrieben habe, ist dennoch fertig geworden. Die letzten Seiten konnte ich gestern Nacht schreiben. Aber in der kommenden Woche werde ich, fürchte ich, doch ein wenig kürzer treten müssen.
••• Heute kam ich mir vor wie ein Schreibschüler. Es gibt Augenblicke, da wünscht man sich die realistische Beschreibungskraft eines Ivan Bunin. Heute hätte ich sie gebraucht. Ob die Portion eigenes Talent hingereicht hat heute, da bin ich mir noch nicht sicher.
Zichronis Vater führt in Geula ein Geschäft für Taleisim. Dass wir ihn genau beobachten beim Knüpfen der Zizit, das ist bedeutsam für den Höhepunkt des Kapitels: eine wortlose Geste zwischen Vater und Sohn, die Zichroni so viel bedeutet, dass er sich nach Jahren noch daran erinnert. Diese Geste bliebe völlig unverständlich und somit bedeutungslos für den Leser, würde man ihn nicht zuvor eingeweiht haben in das Mysterium der Fäden, Windungen und Knoten…
••• Tatsächlich bin ich beim erneuten lauten Lesen wie vermutet noch über das eine oder andere gestolpert. Eine Korrektur werde ich noch machen. Dann lege ich dieses Kapitel erst einmal ab.
Das Nachdenken über meinen Besuch am Sonntag bei B. W. hat mich heute noch sehr beschäftigt. Das Gespräch - ich war über neun Stunden bei ihm - hat der geplanten Geschichte doch eine neue Wendung gegeben - in einem kleinen, aber doch sicher entscheidenden Detail.
Wozu ich mich auch entschlossen habe: Ich werde bewusst abrücken, von bestimmten Örtlichkeiten und biographischen Details, die vor dem Hintergrund der zugänglichen Veröffentlichungen zum Fall den Eindruck des Dokumentarischen erwecken könnten. Dem Plot tut das nicht im geringsten weh.
Was ich bedaure, dass die Person, die meine eine Hauptfigur - Amnon Zichroni - inspiriert, sicher nicht mit mir sprechen wird. B. W. hat das unmissverständlich zu verstehen gegeben. Wie heftig und mit welch widerlichen Methoden die Presse in diesem Fall allen Beteiligten zugesetzt haben muss, das war schon eine erschreckende Erkenntnis. Den ganzen Beitrag lesen »
Gefallen waren die Namen – Freud, Jung, Poe und Wilde – in einem Gespräch über den Talmud-Traktat, den ich gerade in der Yeshivah lernte: Brachot. Ich hatte ihn fast beendet, und nach vielen, vielen grossen Folioseiten voller trickreicher Gesetzesherleitungen war ich auf eine der geliebten, weil entspannenden aggadischen Passagen gestossen, keine Gesetze, keine Berechnungen, sondern Geschichten – und zwar über Träume, ihre Deutung und Bedeutung, zwei Dinge, die, wie man aus der Gemara lernen konnte, durchaus zwei völlig unterschiedliche Dinge waren.
Der Satz, der eben jene Passage einleitete, hatte mir Schwierigkeiten bereitet: Ein ungedeuteter Traum, hiess es dort, ist wie ein ungelesener Brief. Und weiter hiess es: Alle Träume folgen dem Mund. Ganz gleich, lehrten die Weisen, was wir sähen in einem Traum, Bedeutung würde es nur durch die Deutung erlangen. Einmal ausgesprochen aber hätte die Deutung Bestand und würde sich erfüllen.
Leichter, wenn auch nur ein wenig, liess sich die Frage klären, was sich hinter der stets verschlossenen Tür zum Elternzimmer verbarg. Doch wie bei so vielen Fragen in meinem Leben, so drängend sie mir auch erschienen waren, löste ich sie nicht selbst, nicht durch Raten, Erkundigungen, Forschen, nicht durch eine Tat. Die Antwort wurde mir vor die Füsse gelegt, und zwar im Wortsinne, nämlich in Gestalt eines der beiden Schlüssel, die meine Eltern für gewöhnlich immer bei sich trugen.
Die neue Wohnung lag nur wenige Strassen von der alten entfernt. Für den Umzug liehen meine Eltern sich Leiterwagen von den Nachbarn aus. Zwei Jungen aus der Nachbarschaft halfen beim Tragen. Und das, obwohl die Nachbarn unverhohlen missbilligten, dass wir nicht im Viertel blieben. Das neue Haus nämlich, wenn auch nur wenig mehr als zweihundert Meter vom alten Haus entfernt, gehörte bereits zu einer anderen Welt.