Im Zustand vollendeter Ruhe

Donnerstag, den 17. Juli 2008

[…]

Heda! ihr -
Herrschaften!
Freunde des Entsetzens,
des Läster-Grauens,
Verbrechens,
Gemetzels, -
das Schlimmste
entging euch bei all dem Getue:
mein Antlitz
im Zustand
vollendeter
Ruhe.

, aus: “Wolke in Hosen”

Ich - so groß und so überflüssig

Montag, den 5. Mai 2008

Nyota Thun - Ich - so groß und so überflüssig (Wladimir Majakowski. Leben und Werk)

••• Über Pessach hatte ich viel Zeit zum Lesen, und ich habe mich in eine ausführliche Majakowski-Biographie vertieft. Auf 384 engbedruckten Seiten beschreibt die Slawistin Nyota Thun Leben und Werk Majakowskis von der Kindheit in Georgien bis zu seinem Selbstmord im Jahr 1930 in Moskau.

Thuns Stil ist nicht gerade begeisternd. Wenn man irgendwann zuvor Valentin Katajews Majakowski-Erinnerungen gelesen hat, muss man eine solche wissenschaftlich zusammengestellte Biographie wohl etwas trocken finden. Aber - und zwar ein großes - das heißt nicht, dass Frau Thun nicht eine eigene, interessante Sicht auf Leben und Werk Majakowskis transportieren würde. Im Gegenteil: Sehr interessant ist ihre These, dass der eigentliche Dichter Majakowski in den persönlichen Dichtungen wie etwa “Wolke in Hosen” zu finden sei. Während in Majakowskis konfliktreicher jahrzentelanger Liason mit Lilja Brik den persönlichen Teil seines Scheiterns ausmacht, sieht sie in dem zum Propagandisten gewordenen Versemacher den Dichter gescheitert. Umso tragischer dieses künstlerische Scheitern - oder doch jedenfalls Verkümmern - als es von Majakowski programmatisch so gewollt war.

Wirklich neu war mir, wie vielseitig Makakowskis Produktion war. Dass er eigentlich als Maler begonnen hatte und später als Dichter immer auch zeichnete, sei es in vielen Folgen von Plakaten oder in Form von Karikaturen und Illustrationen. Auch an Filmen hat sich Majakowski versucht. Die meisten Drehbücher sind verloren, lediglich Plots noch rekonstruierbar.


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Das Notizbuch

Mittwoch, den 16. April 2008

Ein Gastbeitrag von

••• Das Notizbuch ist eine der Hauptvoraussetzungen für eine wirklich gekonnte Arbeit. Über dieses Büchlein wird gewöhnlich erst nach dem Ableben eines Schriftstellers geschrieben. Es liegt jahrelang in der Rumpelkammer herum, es wird posthum gedruckt im Schatten der »vollendeten Werke«. Aber für den Schriftsteller ist dieses Buch alles.


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Voraussetzungen für Dichtung

Dienstag, den 15. April 2008

Ein Gastbeitrag von

••• Welche Voraussetzungen sind nun für den Beginn einer dichterischen Arbeit nötig?


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Wo Tendenz ist

Montag, den 14. April 2008

Ein Gastbeitrag von

••• Bei einem dichterischen Produkt ist Neuheit Vorbedingung. Das Material an Worten und Wortzusammenstellungen, das sich dem Dichter bietet, muss umgearbeitet werden. Wenn zur Versfabrikation Wortschrott verwendet wird, muss er sich in genauer Übereinstimmung mit der Menge des neuen Rohstoffes befinden. Von der Quantität und Qualität dieses Neuen wird es abhängen, ob eine solche Legierung Gebrauchswert besitzt.

Neuheit setzt selbstverständlich nicht das dauernde Aussprechen welterschütternder Entdeckungen voraus. Jambus, freier Vers, Alliteration, Assonanz werden nicht jeden Tag neu geschaffen. Auch ihre Fortentwicklung, Vertiefung, Verbreitung bietet Arbeitsmöglichkeiten.


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Mathematiker oder Addierer

Samstag, den 12. April 2008

Ein Gastbeitrag von

••• Noch einmal mache ich sehr entschieden den Vorbehalt: Ich gebe keinerlei Regeln, wie man Dichter werden, wie man Verse schreiben soll. Solche Regeln gibt es überhaupt nicht. Dichter heißt gerade einer, der diese Regeln für die Dichtkunst schafft. Zum hundertsten Male führe ich mein bis zum Überdruss bekanntes Beispiel an.

Ein Mathematiker ist ein Mensch, der mathematische Regeln schafft, ergänzt, entwickelt, der einen neuen Beitrag zur mathematischen Wissenschaft liefert. Der Mann, der als erster die Formel »2+2=4« fand, ist ein großer Mathematiker, selbst dann, wenn er diese Wahrheit aus der Addition von je zwei Zigarettenstummeln gewonnen hat. Alle Nachfolgenden, mögen sie auch unendlich größere Dinge addiert haben, zum Beispiel eine Lokomotive und noch eine Lokomotive – alle diese Leute sind keine Mathematiker. Diese Feststellung setzt keineswegs die Arbeit desjenigen herab, der die Lokomotiven zusammenzählt. Seine Arbeit kann in Tagen einer Transportkrise hundertmal wertvoller sein als ein nackter arithmetischer Lehrsatz.


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Wie macht man Verse?

Freitag, den 11. April 2008

Ein Gastbeitrag von

••• Über dieses Thema muss ich schreiben.

In zahlreichen literarischen Diskussionen, im Gespräch mit jungen Mitarbeitern verschiedener Schriftstellerverbände (RAP, TAP, PAP und wie sie alle heißen mögen), bei der Auseinandersetzung mit Kritikern war ich oft gezwungen, die alte Lehre von der Dichtkunst wenn nicht umzustoßen, so doch mindestens zu diskreditieren. Der völlig unschuldigen alten Dichtkunst selbst haben wir natürlich kaum ein Haar gekrümmt. (Sie bekam nur etwas ab, wenn allzu eifrige Verteidiger des alten Krempels vor der neuen Kunst hinter den breiten Rücken der Denkmäler Deckung suchten.)

Umgekehrt: indem wir die Denkmäler von ihren Piedestalen herunterholten und sie geräuschvoll hin und her zerrten, haben wir den Lesern erst die »Großen« von einer völlig unbekannten, noch unerforschten Seite gezeigt.

Kinder (junge literarische Richtungen ebenfalls) interessieren sich immer dafür, wie das Schaukelpferd von innen aussieht. Nach den Bemühungen der »Formalisten« liegen die Eingeweide der papiernen Rösser und Elefanten offen zutage. Sollten die Pferde dabei einigen Schaden davongetragen haben – Entschuldigung! Mit der Poesie der Vergangenheit herumzustreiten, ist nicht unseres Amtes sie ist für uns Lehrstoff.


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Gastkolumne

Freitag, den 11. April 2008

Wladimir Majakowski••• Einen Gastbeitrag ganz besonderer Art kann ich heute ankündigen. Es handelt sich sogar um eine Reihe von Gastbeiträgen, also gewissermaßen eine Gastkolumne.

Das Thema ist schwergewichtig: Was ist Dichtung? Und: Wie schreibt man Verse? Dass ich keinen Zweifel daran hege, dass der Kolumnist uns Wesentliches zu sagen haben wird, das wird nicht verwundern, wenn ich den Namen des Autors nenne: .

Er hat übrigens zugesagt, sich an allfälligen Diskussionen hier im Turmsegler zu beteiligen.

Seht, so ward ich ein Hund

Sonntag, den 8. Juli 2007

Nun, wahrhaftig, nimmer verhehl ich es:
der Zustand hat etwas Unausstehliches!
Mein ganzes Wesen - vom Ingrimm zerfressen.
Ich mopse mich so, wie es wenige treffen;
wie ein Hund auf den Glatzkopf-Vollmond, besessen -
möcht ich hingehn,
die Welt anheulen, kläffen…

Sicher - die Nerven, gehn mir an die Nieren…
Will bißchen ausgehn,
umherspazieren.
Doch ach, keine Spur, daß die Straße mich entspannte.
Ruft irgendeine Dame rüber “Gutenabend”,
muß ich erwidern.
Sie ist eine Bekannte.
Ich wills.
Ich fühls.
Und kann nicht menschlich mich gehaben.

Was soll das? unerhört!
schlaf ich? bin ich geistesgestört?
Ich betaste mich rings,
meine Brust, jede Rippe.
Kinn und Nase - am gewohnten Sitz.
Da berühr ich den Mund -
und -
über der Lippe
ragen mir Eckzähne spitz!

Rasch bedeck ich die Schnauze,
wie wenn ich mich schneuze.
Potzblitz!
Hals über Kopf nach Hause,
statt eines Schritts
mache
ich zwei.
Vorsichtig im Bogen um die Sicherheitswache -
gellt ein Schrei: “Polizei! -
ein Schweif!”
Ich lang nach hinten - und glatt
bin ich platt!
denn was sind alle Reißzähne im Vergleich dagegen!
Bei meiner Galoppflucht entging mir ganz
mein unterm Rockschoß
verlängerter Steißbeinsegen,
mein hintenauf geringelter,
gar nicht kleiner, sehr gemeiner
Hundeschwanz!

Was nun weiter?
Jemand schrie, worauf ein Hauf sich sammelte;
schnell war ein Auflauf zusammengehäufelt,
ein Mütterchen erdrückt -
sich bekreuzigend stammelte,
kreischte etwas von einem geschwänzten Teufel.

Als dann borstensträubend,
im Begriff, zu vertieren,
die Menge mich anfiel,
bös, riesenhaft, grau -
da stand ich mit einemmal
auf allen vieren
und bellte regelrecht:
“wau! wau! wau!”

Wladimir Majakowski (1915)

••• Eigentlich hätte ich – der Vollständigkeit des Panoramas wegen – doch auch einen Revolutionsmarsch von Majakowski bringen sollen. Den “Linken Marsch” etwa, den wir in der Schule rezitieren mussten (und gern rezitierten). Aber das bringe ich nicht über mich. In der Begeisterung für die Revolution, das Neue, das Andere, fletscht doch die Blutrünstigkeit ihre Zähne. Wenn von Revolutionen die Rede ist, riecht es auch nach Mord.


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Einige Worte über meine Frau

Freitag, den 6. Juli 2007

Four Rooms

Über unbekannter Meere Uferzargen
spaziert die Mondfrau –
meine Frau.
Meine Geliebte, sie, die Rothaarfüchsin.
Der Equipage
folgt schreiend der Gestirne Schar, die wunderbar
geschmückt ist.
Sie läßt sich trauen von der Autogarage,
sie küßt sich flüchtig mit den Zeitungskiosken,
der Schleppe Milchstraße ist vom blinzelnden Pagen
verziert mit blitzenden Flitterbroschen.
Und ich?
Es brachte dem Gebrannten doch das Joch der Brauen
aus Augenbrunnen eiskalte Eimer.
In Seeseiden hingst du, in schäumenden Auen,
deine Hüften sangen, Bernsteingeigen?
Ins Gebiet der Dächerbosheit
wirfst du nicht deine flimmernden Sehnen.
In den Boulevards versinke ich, von der Schwermut der Sande umweht:
es ist doch deine Tochter –
mein Lied
im Netzstrumpf
neben den Cafés!

Wladimir Majakowski (1913)

••• Code Message: Die neue Farbe passt gut zu den Bernsteingeigen. Beim “blinzelnden Pagen” fiel mir natürlich obiger Page ein. Und bei den letzten Zeilen fühlte ich mich ganz in diese Szene versetzt.