Wem nur gehören all diese Hände?

Monday, den 30. April 2007

// Wem nur gehören all diese Hände? Wem gehört dieses Herz? Wer badet mich in diesem Traum? Wer erzählt mir von roten Kimonos und Liegestützen am Morgen? Wer küßt mich und läßt sich doch nicht berühren und fangen und ist nur gekommen, um wieder zu verschwinden wie ein Mädchentraum?

Er hat sich nicht verabschiedet

Thursday, den 19. April 2007

// Er hat sich nicht verabschiedet, obwohl ich lange gewartet habe. Viel zu lange. Unten ist es still geworden. Die Party ist aus. Die letzten Gäste sind schon gegangen. Vielleicht sitzt der Schauspieler noch in der Küche und raucht. Christa ist sicher müde. Sie wird immer müde nach dem dritten Glas Wein und braucht am nächsten Morgen eine Tasse warme Milch.

Ich habe lange gewartet, die Jeans ausgezogen, aber jetzt ist es zu spät. Das T-Shirt liegt auf dem Boden Ich habe mich nackt in die Decken gekuschelt und denke an den Kimono, der im Bad hängt und morgen wieder seinen eitlen Besitzer in die Küche begleitet.

Ich kann ihn trotzdem fühlen. Die Seide schmiegt sich um meine Haut. Ich bin bestimmt schön, sage ich mir. Es sieht nur keiner hin. Ich spüre eine Hand, die unter der Decke Kreise malt um meinen Bauchnabel, eine Hand, die mich streichelt und den Bauch warm macht. Das ist bestimmt nicht die Hand eines alten Mannes. Aber auch meine Hand ist es nicht. Das weiß ich sicher. Sie ist zärtlich, und ich will sie nicht wegstoßen. Sie malt die Kreise besser als ich. Wie soll ich da schlafen?

Ich habe keine Angst. Schließlich ist es mein Zimmer, und ich muß niemanden hereinlassen, den ich nicht mag. Das ist eine komische Nacht voller komischer Gäste. Da geht etwas Seltsames vor, mit den Gästen, mit mir und der Hand, die nicht stillhalten will. Das ist neu, aber es wärmt wie die Sonne am See. Ich werde bestimmt gut schlafen.

Der Schauspieler hat Geburtstag

Friday, den 13. April 2007

// Der Schauspieler hat Geburtstag. Er feiert ihn mit anderen Schauspielern. Sie nennen das Housewarming, aber seit es heute abend zum ersten Mal geklingelt hat, ist mir kalt.

Henry mag diese Leute, wahrscheinlich weil sie so sind wie er. Anders kann ich es mir nicht erklären. Die meisten von ihnen kamen mir vor wie Puppen. Ihre Auftritte, als Henry ihnen die Tür geöffnet hatte und sie hereinkamen, hätten ein Hinausgehen auf die Bühne sein können. Die Begrüßungen waren laut und überschwenglich, vor allem laut. Jetzt trinken sie und singen und lachen. Alles an ihnen ist laut. Ich weiß nicht, wie Christa das aushält.

Ich bin in mein Zimmer gegangen und hoffe, daß mich niemand vermißt. Ich kenne keinen von diesen Leuten, in letzter Zeit nicht einmal mehr Christa. Sie könnten leiser sein, wenn sie die Vorhänge aufziehen würden. Aber das wollen sie nicht, also müssen sie durch den Stoff sprechen, und das strengt an.

Ich glaube, wenn sie nicht gut genug gehört und gesehen werden, sind sie gar nicht da. Vielleicht kann man sie sogar ausschalten wie einen Fernseher. Aber das würden sie bestimmt sehr genau wissen und mit einer Hand immer den Schalter verdecken, damit nur ja nichts passiert und der Bildschirm nicht vor Sendeschluß schwarz wird. Es gibt verschiedene Modelle. Sie können immer nur Rollen spielen, die mit ihren Versteckgesten zusammenpassen.

Daß Christa über diese Typen schreibt, ist wirklich schräg. Aber daß sie mit dem Schauspieler ins Bett geht und ihn nun sogar noch jeden Morgen in seinem rotseidenen Kimono in unsere Küche läßt, kann ich nicht fassen. Ich weiß nicht, ob ich mich daran gewöhnen werde, daß er bleibt.

Vater stand morgens manchmal nackt in der Küche und rauchte die erste Zigarette, während er den Kaffee aufgoß. Wenn jemand hereinkam, hielt er sich den gehäkelten Topflappen vor und grinste. Das hat sie doch gemocht. Ich habe oft gesehen, wie sie ihre Hand auf seinen Po legte, ihn durch den Rauch hindurch küßte, das Gesicht verzog und ihn doch noch einmal küßte. Bei ihm war es in Ordnung.

Der Schauspieler macht vor dem Frühstück heimlich Liegestütze im Wohnzimmer, ißt Vollkornbrötchen und raucht nur, wenn er betrunken ist. Er ist auch bald fünfzig, da ist der Kimono nur standesgemäß. Aber der karierte Topflappen war doch besser.

Jetzt haben sie es unten mit Brecht: “Und ein Schiff mit acht Segeln…” Erst denke ich noch: Gott sei Dank, daß es klingelt. Aber dann gibt es ein großes Hallo, und kurz darauf kommt jemand die Treppe herauf. Es ist Henry. Sein Vater ist gekommen, und er will mich ihm vorstellen.

Er muß schon einiges getrunken haben. Seine Stimme klingt rauh. Als er sagt, daß ich hinunterkommen soll, hört es sich an wie “Bei Fuß”. Er hat mir gar nichts zu sagen. Ich gehe nicht runter. Was interessiert mich sein Vater?

Das regt ihn natürlich auf, soll es auch. Er schickt Christa zu mir. Sie ist schon ganz rot im Gesicht vom Lachen und Trinken. Aber sie bittet mich und ist wirklich fröhlich.

Ihr will ich die Freude nicht verderben. Es wird auch nur so einer sein, denke ich und gehe mit. Christa drückt meine Hand. Das ist komisch. Ich glaube, sie ist stolz auf mich, während sie mich so die Treppe hinunterführt. Das ist schon wieder lieb, und ich könnte den ganzen Trubel einfach vergessen dafür.

Erst sehe ich den Mann nur von hinten. Henry hilft ihm aus dem Mantel und nimmt seinen Hut. Ich wußte nicht, daß sein Vater so alt ist. Er bewegt sich sehr langsam, und seine fleckigen Hände zittern. Ich bin erschrocken und will ihm wirklich nicht die Hand geben, aber der Schauspielervater läßt mir gar keine Zeit. Er dreht sich zu mir um und sieht mir direkt in die Augen. Er lächelt und ist nicht mehr der gleiche.

Mit seinem Sohn hat er gar nichts zu tun. Er sieht mich an, als wäre ich die einzige auf diesem Flur, als wäre er nur meinetwegen gekommen, ganz unheimlich. Ich brauche ihm nicht die Hand zu geben. Er hat sie schon, hält sie ganz sanft und hebt sie zu seinem Mund. Aber er küßt sie nicht, hält sie nur und hört nicht auf, mir in die Augen zu sehen.

Ich wäre auch zu Ihnen hinaufgekommen, sagt er leise: Aber das traut mir keiner mehr zu.

Er lächelt noch einmal und läßt unsere Hände wieder sinken. Wenn er nicht aufhört, mich so anzusehen, muß ich entweder weinen oder ihn umarmen. Ich glaube, er sieht alles in diesen Sekunden. Das muß ein Trick sein, aber kein böser.

Ich darf ihn auch sehen, sagen seine blaßgrünen Augen unter den weißen Brauen. Er verrät mir, daß sein Bart eine große Narbe verdeckt, die quer übers Kinn geht und rot wird, wenn er sich ärgert. Er verrät mir, daß dieser Besuch nur die höfliche Länge haben wird, nicht die herzliche, und daß er die Lieder alle schon kennt. Aber er verrät mir auch, daß er Henrys Vater ist und ihn genau so ansehen kann wie mich und wie ich ihn, ohne müde zu werden, und daß auch er morgens Liegestütze macht, auch wenn er schon neunzig ist und wenn ich das eitel finde.

Er könnte aufhören mit diesem Blick. Wahrscheinlich weiß er schon alles, selbst, daß ich manchmal nachmittags im Bad vor dem Spiegel stehe und mich ansehe und mit dem Zeigefinger um meinen Bauchnabel Kreise male. Dann weiß er auch, daß ich an diesen Nachmittagen den Kimono anziehe, obwohl er Henry gehört, über den ich mich lustig mache, daß ich ihn anziehe, weil die Seide mich überall streichelt wie mit vielen Händen.

Ich muß den Kopf senken, bitte, sonst weiß er wirklich alles, denke ich noch. Da sieht er zur Seite, beugt sich zu mir und flüstert: Wenn du jetzt rot wirst, ist alles verdorben. Und er legt den Zeigefinger auf seine Lippen.

Jetzt muß ich ihn doch umarmen, ganz kurz nur, wie in Eile, damit es niemand sieht. Dann laufe ich die Wendeltreppe hinauf und drehe mich erst um, als nur er mich von unten noch sehen kann. Ich lege zwei Finger auf mein Kinn, und er winkt nach oben.

Jetzt werde ich doch wach bleiben, beschließe ich, zumindest, bis er geht und sich verabschiedet. Ich könnte Anja anrufen, denke ich, aber dann will ich ihr doch nichts erzählen. Sie ist zwar meine Freundin, aber vom Kimono weiß sie nichts. Bis vorhin war es mir noch peinlich.

Ich setze mich ans Klavier und spiele mit der rechten Hand ein paar Übungen. Ganz leise und ohne hinzusehen, nur für die Finger. Ich will die Party nicht stören. Eine Hand, die mir nicht gehört, spielt mit. Aus der Übung wird ein Stück: mit wechselnden Händen.

Immer, wenn ich nach Hause komme

Sunday, den 8. April 2007

// Immer, wenn ich nach Hause komme, sehe ich hinüber zu den Fenstern unseres Nachbarn. Geradezu lauernd starre ich auf die Jalousien mit den schräg angestellten Lamellen. Ich bin neugierig auf das, was sie verbergen, neugierig auf den Menschen, der dort wohnt und dessen Vorname mit einem “D.” beginnt.

Wir wohnen jetzt schon zwei Wochen hier, und ich habe ihn noch nie gesehen, als wäre er die ganze Zeit über abwesend, verreist, im Krankenhaus oder was auch immer. Vielleicht würde dieser Mensch mich gar nicht interessieren, hätte ich ihn gleich zu Beginn einmal gesehen, und wären da nicht diese Jalousien. Es ist unmöglich, vom Garten aus durch eines der Fenster in seine Wohnung zu sehen. Sie muß immer im Halbdunkel liegen, stelle ich mir vor, eine richtige Höhle. Was ist das für ein Mensch, der sich in diesem Dämmerlicht wohl fühlt? Ist es ein Mann? Das glaube ich fest. Wie alt ist er? Wie sieht er aus? Ich bin ihm noch nie begegnet, und ich ertappe mich dabei, wie ich Vermutung auf Vermutung anstelle, die mir alle aber nach einer Weile wieder unwahrscheinlich vorkommen, so daß ich sie durch neue ersetze, die der Wirklichkeit womöglich auch nicht viel näher sind. Ich sehe immer wieder ganz verschiedene Menschen vor mir, wenn ich über diesen scheinbar ständig abwesenden Nachbarn nachdenke. Und ich habe bemerkt, daß ich es recht oft tue.

Vielleicht ist es ähnlich wie mit meinen Vorstellungen von meinem ersten eigenen Zimmer, in das ich nun endlich eingezogen bin. Aber es ist doch auch anders, denn diese erträumten Zimmer ähnelten sich immer in gewisser Weise. Das waren Bilder meiner Wünsche und sich deswegen in vielen Details gleich. Was aber hat der Nachbar mit meinen Wünschen zu tun? Nichts, sage ich mir. Oder doch etwas? Wünsche ich ihn mir am Ende so oder so? Merkwürdiger Gedanke.

Ich denke mir immer, daß er wenigstens so alt sein muß wie der Schauspieler, also Mitte vierzig etwa. Diesen Tic mit den Jalousien würde ich Henry auch zutrauen. Dann aber überlege ich, daß er ja vielleicht im Moment gar nicht hier wohnt. Es könnte doch sein, daß er im Ausland arbeitet und nur ein paar Wochen im Jahr zu Hause ist. Vielleicht ist er am Ende genau so ein Typ wie der Schauspieler: zugeknöpft, kühl.

Aber da sind dann doch meine Wünsche. Der Gedanke an den im Ausland arbeitenden Anzugmenschen machte mich traurig, er kam mir fad vor, und ich wäre wirklich enttäuscht gewesen, wenn er sich als wahr herausgestellt hätte. Deshalb war ich froh, als diese Möglichkeit ausschied oder doch zumindest sehr unwahrscheinlich wurde. Denn ich habe den Nachbarn zwar, wie gesagt, noch nie gesehen; aber gehört habe ich ihn.

Das war vorige Woche, spät abends, so gegen halb elf. Ich war schon ins Bett gegangen, hatte aber nicht einschlafen können. Und da hörte ich plötzlich aus dem Zimmer nebenan, das zu seiner Wohnung gehört, Musik.

Es war ein Klavierkonzert, das ich nicht kannte. Irgend etwas Russisches, sehr melancholisch, dachte ich, genau das Richtige vorm Einschlafen. Er mußte die Musik ziemlich laut gestellt haben, denn ich konnte jeden Ton, selbst noch die leisen Passagen, deutlich hören, als stünde zwischen unseren Zimmern eine Tür offen. Diese Vorstellung fand ich spannend und unheimlich zugleich. Gott sei Dank hörte ich hinter der Wand keine Schritte.

Noch während die Musik lief, mußte ich eingeschlafen sein. Vielleicht bin ich ja diejenige, die einen Tic hat. Am nächsten Morgen jedenfalls lauschte ich an der Wand, aber es war kein Mucks zu hören. Auch an den folgenden Abenden blieb es still. Und wann immer ich vor dem Haus stehe und zu den Fenstern des Nachbarn hinaufsehe, rührt sich nichts, als wäre unser Haus zur Hälfte ein Geisterhaus, in dem nur ein Klavier wohnt, das eines Abends leise gerufen hat.

Der Möbelwagen kam schon früh am Morgen

Friday, den 30. March 2007

// Der Möbelwagen kam schon früh am Morgen. Christa hatte gesagt, ich könnte ruhig zur Schule gehen. Und ich war ganz froh darüber, dem Trubel zu entkommen. Die letzte Woche war ohnehin aufregend genug gewesen. Wir hatten alles in Kisten verpackt: Geschirr, Wäsche, Bücher, allen möglichen Krimskrams. Was da so zum Vorschein gekommen ist, und was wir alles weggeworfen haben. Da habe ich erst bemerkt, was so ein Umzug bedeutet, weniger vom Aufwand her, eher vom Gefühl. Ich meine diesen Wagemut, sich von verschiedenen Dingen zu trennen, an denen man immer zu hängen glaubte.

Das waren so Dinge wie die kleine weiße Porzellanschale, die Vater als Aschenbecher benutzt hatte und die seit der Scheidung nutzlos im Küchenschrank stand. Es rauchte ja keiner von uns. Aber Christa hatte sie nie wegwerfen wollen, obwohl sie wirklich nicht schön und schon angeschlagen war. Jetzt aber kam sie in den Müll. Und wie sie sie wegwarf – nach einem kurzen Zögern, doch dann mit einer ganz resoluten Bewegung. Wenn der Umzug nicht gewesen wäre, hätte sie die Schale im Küchenschrank stehen lassen. Vielleicht nur, um sich ab und an wieder ein Bild zurückzurufen, das schwer zurückzurufen sein mußte. Denn zu dieser weißen Porzellanschale gehörte eine Zigarette, eine von denen, die Vater geraucht hatte. Und wenn sie die sah, fiel ihr vielleicht auch wieder ein, wie er sie gehalten hatte, und seine Hand, Vater, wie er rauchte, während er an unserem Küchentisch saß, der nun auch einen anderen Platz bekommen würde.

Ich habe Christa genau beobachtet, als sie den kleinen Aschenbecher wegwarf, nachdem sie ihn einen Moment betrachtet und in der Hand gewogen hatte, wie um herauszufinden, ob er schwer genug wog für sie, um ein Recht darauf zu haben, an den neuen Ort hinübergerettet zu werden. Aber dann warf sie ihn doch weg, als würde sie etwas wegwischen. Und ich dachte: vielleicht sollte man öfter umziehen.

Der Möbelwagen war schon früh am Morgen gekommen. Christa und der Schauspieler halfen, die Kisten aufzuladen. Das Klavier sollte erst gegen Mittag abgeholt werden. Ich könnte ruhig zur Schule gehen, sagte Christa. Und als ich mich verabschiedete, umarmte sie mich und gab mir einen Kuß. Das tat sie sonst nicht, wenn ich morgens zur Schule ging. Und an diesem Morgen war ich froh darüber, daß sie es tat. Es war wie ein Versprechen.

Als ich nach der Schule zu unserer neuen Wohnung kam, war der Möbelwagen schon wieder fort. Von der Straße aus deutete nichts darauf hin, daß heute jemand hier eingezogen war. Nur das provisorische Pappschild hätte auffallen können, das der Schauspieler an der Eingangstür zu dem kleinen Garten vor unserem Haus angebracht hatte und auf dem mit seiner dekorativen Handschrift unsere Namen standen: Lang und Lange. Ich mußte lächeln bei dem Gedanken, daß Christa sich nur ein »e« anheiraten würde. Ein einziger Buchstabe würde den Unterschied ausmachen. Wer weiß, ob überhaupt jemand unter unseren ferneren Bekannten die Veränderung bemerken würde, wenn wir es ihnen nicht sagten.

Ich mochte noch nicht in die neue Wohnung gehen und blieb noch einen Moment vor dem Haus stehen. Es ist ein Backsteinbau, ein Zweifamilienhaus aus den sechziger Jahren, die Vorderfront bis hoch zur Dachrinne von Efeu überwuchert. Im Vorgarten wachsen Disteln und Löwenzahn.

Unser Nachbar hat einen eigenen Hauseingang. „D. Klein“ steht auf dem weißen Emailschild an seiner Tür. In diesem Teil des Hauses waren die Fenster mit Jalousien verhängt, deren schräg angestellte Lamellen den Blick in die Zimmer versperrten. Das hatte etwas Verschleierndes, auf gewisse Art Geheimnisvolles, ganz wie das „D.“ auf dem Schild, das den Namen nur andeutete. Ich überlegte, was dieses „D.“ bedeuten könnte. Doch ich kam auf keinen Namen, den ich für möglich gehalten hätte.

Warum überhaupt sah ich mir das alles so genau an? Es spielte ja doch keine Rolle, ob es mir gefiel. Ich würde hier wohnen müssen, ob ich wollte oder nicht. Deswegen hatte ich auch nicht mitgehen wollen, als Christa und der Schauspieler sich mit dem Makler trafen, um die Wohnung anzusehen. Vielleicht hätten sie mich ja sogar nach meiner Meinung gefragt. Aber am Ende wäre es dann doch ganz allein ihre Entscheidung gewesen. Da war es mir lieber, erst hierher zu kommen, wenn ich genau wußte, daß nichts mehr zu ändern war.

Schließlich klingelte ich doch an unserer Tür. Der Schauspieler öffnete, sagte nur Hallo und ging gleich wieder daran, Kisten auszupacken, Regale aufzustellen und mit Christa die Schränke einzuräumen. Sie waren schon recht weit. Das wunderte mich, wie schnell sie sich einrichteten. Aber sie hatten Tage zuvor ja schon stundenlang diskutiert, wie sie unsere und Henrys Möbel stellen würden.

In der unteren Etage gibt es neben Küche und Bad nur einen Raum, der das Wohnzimmer werden soll. Vom Flur aus führt eine breite Wendeltreppe hinauf in die zweite Etage. Hier gibt es zwei Zimmer: das neue gemeinsame Schlafzimmer der beiden und den Raum, der mir gehören soll. Christa sagte, ich solle gleich hinaufgehen und es mir ansehen. Das Klavier hätten die Möbelträger unter Flüchen schon nach oben gebracht.

Ich ging nicht sofort hinein, sondern stand noch eine ganze Weile vor der Tür meines ersten eigenen Zimmers. Doch als ich dann vorsichtig die Klinke hinuntergedrückt hatte und die Tür langsam, Stück für Stück, öffnete, wußte ich mit einem Mal, daß ich dieses Haus wirklich mochte. Daß ich die Wohnung mochte und mein erstes eigenes Zimmer, das wie durch ein Wunder genau so war, wie ich es mir gewünscht hatte – direkt unter dem Dach mit von der Türseite aus schräg abfallender Decke. Es hat zwei Dachfenster, durch die der Himmel geradezu hereinzufallen scheint, und an der Giebelseite ein französisches Fenster mit einem alten schmiedeeisernen Gitter. An der Wand gegenüber dem großen Fenster, an die die Nachbarwohnung grenzen muß, stand das Klavier, mitten im Raum meine Liege und ringsherum die Kisten, in denen ich meine Sachen für den Umzug verstaut hatte.

Ich schloß die Tür und ging langsam in meinem neuen Reich umher. Etwa vier Meter sind es von der Tür bis zur gegenüberliegenden Wand, fünf vom Fenster aus bis zum Klavier. Ich versuchte, mir vorzustellen, wie das Zimmer mit allen Möbeln aussehen würde. Der Schreibtisch, den Christa mir abgetreten hatte, sollte ans Fenster. Den kleinen Schrank und die Regale, die wir gekauft hatten, würde ich auf die Türseite stellen und das Bett an die Wand gegenüber der Tür, so daß ich im Liegen aus dem Dachfenster in den Himmel sehen könnte.

Ich ließ mich auf meine Liege fallen, verschränkte die Hände unter dem Kopf und sah durch das kleine Fenster über mir hinaus auf die Wolken. Kaum bist du hier, dachte ich, fängst du an zu träumen.

Mir gefiel dieser Raum, und ich würde ihn in Besitz nehmen, das wußte ich, ihn okkupieren, mit Beschlag belegen und etwas aus ihm machen, das ganz und gar mir und nur mir gehört.

Ich hatte mich auf den Umzug gefreut

Tuesday, den 27. March 2007

// Ich hatte mich auf den Umzug gefreut, auf die neue Wohnung, mein erstes eigenes Zimmer. Wer weiß, wie viele Male ich es in Gedanken schon eingerichtet habe, auf immer andere Weise, wie lange ich schon davon träume, in dieses Zimmer einzuziehen.

Ich erinnere mich gut, wie oft sich meine Vorstellungen davon gewandelt hatten im Laufe der Zeit. Einmal stellte ich mir alte Möbel vor, ein anderes Mal ganz moderne, einmal Tapeten ohne Muster, ein andermal mit. Oder ich nahm mir vor, die Wände mit geometrischen Figuren zu bemalen. Ich hatte sogar überlegt, welche Bilder man kaufen könnte und lange nach etwas Passendem gesucht. Gekauft habe ich nichts. Vielleicht, dachte ich dann immer, würde es ja ein dunkles Zimmer sein, in dem so ein Bild gar nicht zur Geltung käme. Aber vorgestellt, vorgestellt hatte ich mir mein Zimmer unzählige Male. Und immer hatte es ein anderes Gesicht.

Platz mußte sein für das Klavier und die Bücher. Mehr wollte ich gar nicht. Es würde phantastisch sein. Ich könnte üben, ohne daß ständig Türen klappten, jemand umherlief, Christa oder der Schauspieler, Geschlurfe, Geflüster, das einem den Nerv tötet, alle Konzentration raubt.

Früher ging es ja, als ich noch mit Christa allein war. Sie hat in der Küche gesessen und gearbeitet, wenn ich übte. Das machte ihr nichts. Aber seit der Schauspieler bei uns wohnt, ist es schlimm. Er heißt Henry, und sie schläft mit ihm. Sie lieben sich, sagen sie. Zumindest halten sie einander fest, seit sie sich kennengelernt haben. Das war vor einem halben Jahr. Vielleicht ist es auch ein wenig länger her.

Christa war zu einer Premiere ins Theater gefahren. Sie sollte eine Rezension schreiben. Das Stück kam nicht gut weg, aber einer der Schauspieler. Den fand sie sehr überzeugend in seiner Rolle. Nach der Vorstellung hat sie sich noch mit ihm unterhalten und muß ihn wohl auch sehr beeindruckt haben. Jedenfalls kam sie erst nach Mitternacht nach Hause.

Ich hatte mich im Nachthemd in die Küche gesetzt, aus dem Fenster gestarrt und gewartet. Als schließlich ein Taxi vorm Haus hielt, stieg schnell ein Mann aus und half Christa aus dem Auto. Es war nicht der Taxifahrer. Vielleicht ein Kollege, dachte ich. Sie sprachen ziemlich laut und lachten. Er brachte sie noch zur Haustür. Jetzt werden sie sich umarmen, dachte ich. Sicher wird er versuchen, sie zu küssen, dachte ich auch. Denn daß sie nach dem Stück noch irgendwo ausgewesen sein mußten, war doch klar – so ausgelassen beide und er so galant.

Vielleicht, dachte ich, fragt er auch, ob er nicht noch einen Moment mit hinaufkommen könne. Diese Szene sah ich richtig vor mir. Und sie würde sagen: meine Tochter… Und ihn vertrösten.

Ich ging ins Bett. Kurz darauf hörte ich Christa die Treppe heraufkommen. Sie hatte Schwierigkeiten beim Aufschließen. Bestimmt haben sie Wein getrunken, dachte ich. Als sie im Korridor Licht machte, rollte ich mich im Bett zusammen und stellte mich schlafend. Sie würde sicher nach mir sehen, und ich wollte nicht mit ihr reden müssen, wenn sie getrunken hatte. Ich schlief auch gleich ein und hörte sie nicht mehr kommen.

Am nächsten Morgen arbeitete sie schon, als ich aufstand. Die Rezension mußte fertig werden. Sie hatte sich Milch aufgesetzt. Also hatte ich recht gehabt, dachte ich, sagte nur Guten Morgen und verschwand im Bad. Wir sprachen nicht über den Abend. Bestimmt weiß sie bis heute nicht, daß ich sie beobachtet habe.

Ein paar Tage später kam er das erste Mal zu uns. Christa stellte uns einander vor, und ich sagte: Ich glaube, ich kenne ihn schon von irgendwo her. Aber sie hat auch das nicht verstanden.

Er hat mich gleich geduzt und meinte, ich solle ihn Henry nennen. Mir kam das merkwürdig vor, aber ich sagte nichts weiter. Für mich ist er nur „der Schauspieler“. Denn er spielt alles, sogar sich selbst.

Ich weiß nicht, was Christa an ihm findet. Er redet immer so laut, so gut artikuliert, wie auf der Bühne. Man weiß nicht, ob er nicht vielleicht eine Rolle übt, wenn er mit einem spricht. Wenn er zu mir sagt, kommt es mir vor, als deklamiere er mit Genuß vier Buchstaben, irgendein Wort, einen Begriff, nur nicht meinen Namen. Manchmal tut er mir leid. Er kann scheinbar überhaupt nicht natürlich sein. Oder ist das vielleicht seine Natur? Dann frage ich mich erst recht, was sie an ihm findet. Vielleicht ist er ein guter Liebhaber.

Er war dann immer öfter bei uns und blieb auch über Nacht. Christa und er schliefen im Wohnzimmer auf der Couch. Zu zweit muß es dort ganz schön eng sein. Aber das ist ja gut so und gefällt ihnen. Manchmal bin ich nachts aufgewacht und habe sie gehört. Es war, als würde ich daneben stehen. Er stöhnte laut, und Christa schien leise zu weinen. Am Ende klang es wie ein Aufschrei. Die Stille danach war bedrückend.

Einmal habe ich es ihr gesagt: Ich habe euch gehört heute nacht. Sie ist doch tatsächlich rot geworden. Aber sie hat gelächelt, mich umarmt und gesagt: Ich liebe ihn, , ich liebe ihn wirklich.

In diesem Moment fühlte ich mich nicht wie sechzehn, sondern wie ein ganz kleines Mädchen in Muttis Armen. Es war schön dort, warm. Wir waren uns nah, und ich hätte sie am liebsten fester und fester gedrückt, sie gar nicht mehr fortgelassen. Wie ein kleines Mädchen. Dabei hatte sie zum ersten Mal seit langem ganz offen mit mir gesprochen, wie von Frau zu Frau, und ich glaubte ihr, was sie sagte. Ich glaubte ihr wirklich. Nur verstehen konnte ich es nicht.

Der Schauspieler hat mir noch nie in die Augen gesehen. Wenn er mit mir spricht, sucht sein Blick irgendeinen Punkt im Raum, über meinem Kopf oder ganz woanders. Doch in die Augen hat er mir noch nie gesehen. Immer wirkt er unehrlich, alle Rede und jede Geste einstudiert, Routine, abrufbar. Schon seit der ersten Nacht, als er Christa mit dem Auto nach Hause gebracht hat, mag ich ihn nicht. Aber ich hoffe immer, daß sie es nicht merkt. Sie soll glauben, daß ich froh bin über ihr Glück.

Seit zwei Monaten ist er fast täglich da, auch tagsüber, wenn Christa in der Redaktion ist. Er geht im Wohnzimmer auf und ab und lernt Rollen. Wenn ich üben will, geht er in die Küche. Aber er spricht so laut, daß ich es deutlich durch die Tür höre. Ich kann mich nicht konzentrieren, es ist schrecklich. Manchen Satz spricht er zehnmal und öfter, immer wieder.

Meist gehe ich dann aus, besuche Anja oder irgendwen anderen. Oder ich laufe einfach durch die Straßen. Wenn Christa kommt, unterhalten sie sich. Sie küssen sich, und man sieht ihre Zunge, flink wie die einer Schlange. Das regt mich wahnsinnig auf. Vielleicht nur, weil sie meine Mutter ist und ich weiß, daß er heimlich die Augen öffnet, während sie ihn küßt. Ich will ihnen nicht zusehen müssen. Ich komme mir überflüssig vor und mache in der Küche Hausaufgaben oder lese.

Er ist zärtlich zu ihr, denke ich. Dabei bin ich immer froh, wenn ich ihm nicht die Hand zu geben brauche, wenn wir uns Guten Tag sagen. Er hat so einen festen Händedruck. Fast tut er mir weh. Und die Berührung ist mir unangenehm, ohne daß ich genau wüßte warum.

Abends ist er im Theater. Dann setze ich mich ans Klavier und beginne ein paar Übungen. Doch meist höre ich schon nach kurzer Zeit wieder auf. Mir tut der Kopf weh. Die Hände wollen nicht. Es ist einfach zu spät.

Warum ist er tagsüber nicht in seiner Wohnung? habe ich Christa gefragt.

Er sagt, er liebt die Atmosphäre hier, dieses Zimmer. Stell dir vor: Ich sei anwesend, selbst wenn ich nicht hier bin. Das inspiriert ihn.

Aber ich kann nicht üben!

Er bemüht sich um eine größere Wohnung, sagte sie: Damit wir zusammenziehen können und du endlich ein eigenes Zimmer bekommst, in dem du ungestört bist.

Natürlich, dachte ich: Sie wollen zusammen bleiben, in eine Wohnung ziehen, vielleicht sogar heiraten. Aber ein eigenes Zimmer, das würde phantastisch sein. Ich könnte in Ruhe üben, ohne daß ständig Türen klappten, jemand umherlief, Christa oder der Schauspieler, Geschlurfe, Geflüster, das Gebetmühlengeklapper der immer und immer wieder geübten Sätze von Henrys Rollen.

Ich hatte mich auf den Umzug gefreut, schon wegen des Zimmers.

Ein anderes Blau

Thursday, den 22. March 2007

Yves Klein: Obsession de la lévitation (Foto: Harry Shunk)

Prosa für sieben Stimmen
von
Benjamin Stein
Edition Neue Moderne 2008
ISBN: 978-3-9523-2364-9
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In einer Großstadt bricht ein Bus durch die Straßendecke hindurch in einen U-Bahn-Tunnel. Mehrere Menschen sterben. Zwei von ihnen – ein Mann Mitte Dreißig und eine junge Frau – können erst nach Wochen geborgen werden. Unterdessen fristen die beiden eine Existenz in einem scheinbar zeitlosen Reich zwischen Leben und Tod, Träumen und Ahnungen, Tanz und Taumel. Sie finden sich wieder in der dünnen Wand zwischen zwei Wohnungen, einem leeren Raum zwischen zwei fremden Leben, in dem nur sie sich bewegen können. In Enge und mitunter in Furcht versuchen sie, sich noch einmal selbst in die Seele zu gehen und den Abschied hinauszuzögern, den Abschied von ihren Irrtümern und sorgsam verborgenen Gefühlen, liebevollen und erschreckenden Erinnerungen. Und wenn sie auch nicht umkehren können, verändert sich auf dem letzten Stück Wegs doch noch einmal ihr Leben und das der Menschen zu beiden Seiten der Wand – auf magische Weise und unbemerkt vom lebendigen Rest der sie umgebenden Welt.

••• Was, bitte, ist ein Roman? Manche sagen, es handle sich dabei schlicht um eine längere Prosaform, die nicht einer der strikter definierten Formen wie etwa der Novelle angehört. Wir könnten es hier mit einem Roman zu tun haben. Und tatsächlich stand zunächst genau dies auf dem Cover des Manuskripts. Ich wollte keine Verwirrungen. Was immer mir vorschwebte beim Schreiben, sollte keine Rolle spielen müssen für den Leser. Warum dann hier doch diese Angabe?

Der Text, um den es hier geht, ist ein Mosaik aus Monologen. Die beteiligten Personen sprechen selbst. Chronologie spielt nicht wirklich eine Rolle. Das Erleben der Personen ist nicht gleichzeitig; wenn es sich überschneidet, sind es nur Momente der Berührung. Wie wir sehen werden, leben sie möglicherweise nicht einmal in der selben Zeit, der selben Welt. Eine kleine Irritation verursacht zudem die Stimme des Daniel, die zweifach auftaucht. Es handelt sich um den gleichen Körper, wahrscheinlich nicht den gleichen Menschen, zu verschiedenen Zeiten. Daniel (2) spricht einige Monate nach Daniel (1).

Die Komposition der Stücke ist musikalisch motiviert. Die Motive, die von den einzelnen Monologen vorgegeben werden, fügen sich zu einer grösseren Form, sollten aber auch als Einzelmotive bestehen können. Zusammengefasst sind sie zu drei Kapiteln, analog den Sätzen etwa einer Sonate. Auch diese Sätze sollten für sich selbst stehen können und sich mit den anderen zu einem Ganzen zusammenzufügen.

Ich glaube nicht, dass es für den Leser eine Rolle spielt, was da geplant war. Entsprechend wollte ich für die Form zwischen Buchdeckeln, keine Hinweise auf die Musik. Die Kapitel sind lediglich mit Nummern überschrieben; und lange Zeit waren die einzelnen Stimmen, die Motivgeber, nicht mit Namen versehen. Der Wechsel zwischen den Personen war nur durch zwei Punkte .. und einen Absatz angedeutet.

Für die Online-Darstellung hier an dieser Stelle möchte ich aber doch die musikalischen Intentionen zeigen. Denn hier kann der Text nach den verschiedenen Lesarten zerlegt und dargestellt werden. So bekommt jede Stimme ihre eigene Tag-Seite und ihren eigenen RSS-Feed. Wer möchte, kann sie jeweils für sich lesen, in der Reihenfolge des Erscheinens. Der Haupt-Zweig und Haupt-RSS-Feed bringen die einzelnen Stücke in der Reihenfolge des Manuskripts.

Gesprochen werden alle Stimmen von mir selbst. Folgerichtig sind alle RSS-Feeds Podcasts.

[Update 28. 04. 2008: Die Feeds stehen nur noch in Form eines statisches Abzugs als Referenz zur Verfügung. Links darin können eventuell defekt sein. Der Inhalt wurde jedoch auf dem Stand der ursprünglichen Online-Präsentation belassen.]

Der Ablauf gemäss Manuskript

Feed Tag
Inhaltsverzeichnis x x

Die Stimmen

Feed Tag
Daniel (1)
Daniel (2)

Ich danke nochmals herzlich allen Schlüsselversteckern:
1. Schlüssel - Hans J. Hilbig aka sturznest
2. Schlüssel - Susanne Sarfatti aka SuMuze
3. Schlüssel - Michael Perkampus aka Himself
4. Schlüssel - Kerstin S. Klein aka snowflakes & blackvampires
5. Schlüssel - Sudabeh Mohafez aka euka-pirates
6. Schlüssel - Winnies Hügel
7. Schlüssel - Markus A. Hediger aka hanging lydia
Torschlüssel - Christine Marendon aka Tsade