/Nadia/ Der See ist ruhig. Leise rauschen die Wellen, wenn sie wie eine kühle Hand über den Ufersand streifen. Es ist die immer gleichbleibende Geste: Beruhigung, wie unter Liebenden.
Ich komme vom Blau zum Rot, ich atme mich durch vom Wasser zum Feuer und werde dich fangen und fesseln und dich aussetzen inmitten der Glut meiner Abwesenheit.
Wenn du zu mir kommen willst, mußt du fliegen lernen, die Flügel pflegen, sie spreizen und üben, üben. Du mußt dich emporschwingen, aus der Glut aufsteigen und den See überqueren. Du mußt das Meer überqueren, den Ozean hinter dir lassen und die Provinzen jenseits des Schlafes suchen. Dort werde ich auf dich warten, mit leeren Händen, ein leerer Krug, der gefüllt werden will.
Den Weg mußt du selber finden. Ich kann dir Zeichen geben, leise Signale, die dich vielleicht in die Irre führen, in einen Sturm, ein Gewitter, einen Dauerregen, einen Dorn. Der Weg ist weit, und die Gefahr liegt bei dir. Mich kann sie nicht treffen. Doch du bist ihr ausgeliefert. Du mußt den Mut finden. Du mußt mich ausfindig machen, den Salamander durch alle Feuer jagen, vom Rot zum Blau, dich vom Feuer zum Wasser atmen und feststellen, daß du ein Herz hast, das sich vor Trägheit fürchtet und bewegt sein will und immerfort rasen.
Was immer du warst in meinem Traum, in meinen Wünschen – jetzt bist du ein schwarzer Mann. Dein Mantel ist schwarz, und die Mütze ist schwarz, selbst der Schal und die Augen wie Kohlen. Aber was ich Schwarz nenne, ist nur ein anderes Blau für den Himmel. Es gehört dir nicht, es gehört mir nicht. Es ist blau.
/Nadia/ Dieses Bett ist zu groß für mich allein. Das habe ich immer gewußt. Ich kann dieses Nachthaus nicht allein bewohnen, das voller Gespenster ist, die mich von einer Ecke zur anderen drängen. Ich habe die Kissen vom Wohnzimmersofa um mich gestapelt. Das ist eine Federmauer, ein Daunenzaun. Doch auf jedem Kissen tanzt ein Troll und schneidet mir finstre Grimassen. Papas Prinzessin schläft nicht, sie findet keine Ruhe, als wäre die Matratze mit Erbsen gefüllt. Ich kann sie nicht an die Kobolde verfüttern. Sie mögen Erbsen nicht. Sie leben von den Tränen kleiner Mädchen, die in den großen Nachthäusern am See das Malheft des Himmels mit Ihrer Furcht vor der Dunkelheit auspinseln, damit die Nacht schneller vergeht.
Wer hat mich nur in diesem viel zu großen Bett ausgesetzt?, in diesem fremden Bett?, in dieser Koboldwelt, in der die Luft nach Vaterschweiß riecht? Mein Papa sägt und hobelt im Keller an immer noch größeren Betten, in denen noch mehr Platz ist für Sofakissen und Gebirge aus Decken und eine kleine Prinzessin nach der anderen, die alle nicht schlafen, weil die Kobolde sie immerzu anfassen wollen, sobald sie die Augen schließen.
Die Kobolde kommen jede Nacht; und die Grimassen sind immer die selben. Man kann nur versuchen, durch sie hindurch zu sehen, als wären sie nicht da, den Blick ganz starr auf das Fenster hinter ihnen zu heften, das Glas zu durchdringen und zu den Sternen zu fliehen, die müde über dem See hängen.
So ist es ein Gefängnis mit guter Aussicht, denn das Fenster geht zum Seeufer hinaus. Und wenn auch die Trolle ihre Fratzen nicht tauschen wollen gegen freundlichere Gesichter und jede Nacht nur immer wieder mit der gleichen Geschichte und dem gleichen trotzigen Tanz ankommen, so schenkt mir doch der See, wenn die Sicht klar ist, immer wieder eine neue Tröstung, von der mein Papa nichts weiß.
Der See ist ja auch eingesperrt zwischen den Ufern. Wenn er wachsen wollte, würde man Dämme vor die Straßen bauen und ihn nicht zu mir heraufkriechen lassen. Aber er ist ein gutmütiger Gefangener, der sich jede Nacht ein neues Gesicht ausdenkt, das er mir zeigen kann. Er kann mir den Mond spiegeln oder Wellenmuster durchs Dunkel treiben. Er kann den Kobolden drohen, und manchmal gelingt es ihm sogar, sie für eine Weile zu verjagen, damit ich schlafen kann.
Warum kannst du dich nicht zu mir in mein Kinderbett legen, mich in den Arm nehmen und ganz langsam atmen? Warum kannst du nicht für einen Augenblick so still mit mir liegen und nichts sagen und nur mein Beschützer sein und alle bösen Geister vertreiben? Warum kannst du nicht auf meinen Herzschlag lauschen, der ruhig und immer ruhiger wird, aber bestimmt nicht anhält? Warum kannst du nicht einbrechen in mein Gefängnis, die Tür öffnen und mich hinaustragen und weit fortbringen? So weit fort, daß keiner der Kobolde mich je wieder einfangen und zurückbringen kann in das Prinzessinnengefängnis, in das Nachthaus am See, in dem der Papa nachts auf Zehenspitzen über den Flur schleicht wie ein als Mann verkleideter Kobold, der Prinzessinnen nachstellt, sie einfängt und einsperrt zwischen Decken und Kissen und seinen Geruch überall eingräbt, ins Haar, in die Kissen, in die Decken, selbst in die Trolle und ihre Grimassen, in jeden Winkel der Seele.
Das Bett ist zu klein für uns beide, sagst du und lachst. Du findest das komisch. Du ahnst nicht, daß meine Finger Messer sind mit scharfen Klingen. Ich werde dir das Herz aus der Brust reißen, wenn du nicht aufhörst zu lachen. Ich werde dich in einen Kobold verwandeln und im See ertränken, wenn du das Nachthaus nicht aufbrichst und niederreißt. Dann bleibt es Nacht am See, und es bleibt Nacht in der Stadt. Das hast du dann von deinem Lachen.
/Nadia/ Ich habe noch nicht zu Ende getanzt. Da sind noch viele Figuren in die Luft zu schneiden, mit rudernden Armen und ängstlich verhaltenem Atem.
Ich habe so oft an Geländern hoher Brücken gelehnt und stumpf hinabgesehen und mir den Flug ohne Wiederkehr ausgemalt, den Absprung ins Leere. Ich habe mir Kinderlieder vorgesungen, um mir Mut zu machen und bin doch nicht gesprungen. Es gab immer einen Grund, es beim Hinabschauen zu lassen und den Sprung zu verschieben auf eine andere Angstminute. Niemand, sagte ich mir, weiß, wie schön ich singen kann. Niemand weiß, welch kraftvolle Musik in meinen Adern pulst und gehört werden will. Ich bin ein Orchester, das Kinderlieder in Symphonien verwandelt. Das habe ich mir auch vorgesagt an den Brückengeländern.
Mein Herz ist immer und immer wieder gesprungen und kam doch nie unten an. Es ist nie auf den Asphalt geprallt, nie in den Flüssen versunken, um den Fischen ein Haus zu sein.
Der Sprung und die Kinderlieder und die Erinnerung an die Brückengeländer – das ist ein Purpurband, an dem ich mich immer zurückhangeln kann durch alle meine Tage bis hin zu meinem Kinderzimmer, bis hin zu den Kissentürmen, auf denen Prinzessinnen stehen, die ihre Mädchenaugen herausreißen und in die Tiefe werfen, damit sie im Schloßgraben langsam vermodern.
Und jetzt kommst du und willst mir weismachen, daß sie all die Jahre überdauert haben und streng aus dem Schlamm in die Höhe starren und mir einen fesselnden Blick entgegenschleudern und mich hinabziehen wollen. Du kommst und sagst, es ist Zeit für den Sprung. Jetzt soll es nicht mehr hinausschiebbar sein, die Flügel gespreizt, alle Muskeln gespannt. Jetzt sei der Morgen gekommen.
Aber ich muß noch viele Stierkämpfe zeichnen und noch viele Kinderlieder als Totenmessen singen im heißen Sand der Arena. Meine Füße sind des Tanzes lang noch nicht müde. Ich weiß es jetzt: Du kannst mich nicht zwingen, den Sprung zu wagen. Ganz gleich, wie dicht am Abgrund ich tanzte, um den Absturz bin ich immer herumgetanzt und habe nur kokettiert mit der Tiefe.
Ich halte noch fest an dem Purpurband. Ich springe noch nicht. Du kannst das gern Blut nennen, was mir vom Mundwinkel tropft. Es schmeckt bitter wie Liebe und macht mich trunken, denn ich lebe. Ich lebe dort oben auf den Prinzessinnenzinnen und schleudere den modernden Augen nur ein Lachen entgegen. Ich werde dir zeigen, wie lebendig ich bin und wie weit der Morgen noch entfernt ist und wie ich mich festtanzen kann in der Wand, um noch bleiben zu können.
Wenn du längst schon fort bist mit allen Koffern und Träumen, werde ich immer noch tanzen. Und das Boot legt ab ohne mich und bringt dich allein fort über den See.
Wenn du gehen willst, geh. Doch ich bin nicht bei dir. Ich bleibe.
/Nadia/ Dieser Tanz ist für dich, du Narr. Er ist nicht anders als sonst. Er ist so, wie ich ihn immer tanze. Das müßte dir doch gefallen, ein Tanz für stumpfe Augen und taube Ohren, ein Friedenstanz um deinen Kopf. Das Cello tut, was es kann.
Du bist ein mieses Stück Mann, mich nicht anzusehen zwischen den Schleiern. Am Ende erzählst du mir, nur zum Zeitvertreib, vom roten Schirm in der kleinen Passage und einer anderen Frau, die in deinen Träumen die Brücke macht und einen Nacken hat, der sich vorm Stiefel nicht fürchtet, nur weil du ihn trägst.
Das sind alles Lügen. Mir bist du gefolgt. Mich hast du angesehen. Mich willst du haben, mit allen Gesichtern, allen Namen. Ich bin nicht blind, und ich höre nicht auf, eine Frau zu sein, nur weil du den Atem anhältst, um mich zu erschrecken. Das Schöne wohnt nah am Grauen. Sie sind Nachbarn und grüßen sich freundlich, wenn sie sich treffen. Also sieh mich auch jetzt an. Das Blut auf den Lippen verdanke ich dir. Hast du es schon vergessen?
Du bist erbärmlich feige. Wie kannst du nur so schnell müde werden, während der Stier noch lebt und mit den Hufen im Sand scharrt? Sie werden dich auspfeifen, sie werden dich einsperren. Du hast sie und mich um etwas betrogen. Das ist nicht mehr gutzumachen.
Ich werde dir zeigen, was ein Stierkampf ist. Ich werde dir zeigen, wie man liebt und was es bedeutet, jemandem in die Seele zu gehen. Vielleicht wird dich das heilen, ganz sicher sogar. Gib den Degen her und die Muleta. Gib deine Träume her, die Mühlräder und Mauern, die Gewehre und lebendigen Brücken. Mit deinen Träumen werde ich den Stier aufspießen, wenn du zu feige bist, es zu tun. Vor deinen Augen werde ich mich in einen anderen verlieben. Das ist ganz einfach. Ich muß nur die Beine öffnen, und das Herz geht nach.
Das Spiel kennst du noch nicht? Laß es uns üben, mein müder Torero. Das Horn im Bauch gibt einen feurigen Schmerz, den kühlt nur das Blut, wenn es langsam in den Sand fließt. Mich stört es nicht. Du sagst, ich sei tot. Aber wo du aufhörst zu atmen aus Feigheit, fange ich gerade erst an.
Sieh her: Ich höre nicht auf zu tanzen. Wendest du dich nach rechts von mir ab und lauschst dem Spiel eines Mädchens, dem noch nie ein Fremder die Finger geleckt hat, dann gehört die andere Seite der Wand ganz mir. Dann wird die Wand zur Arena. Dann ist er der Mann, dem ich gehöre.
Schau mir zu und mache aus Feigheit den Spanner auf der Tribüne. Aus sicherer Entfernung kannst du allein vom Zusehen kommen. Also nimm den schalen Genuß. Du hast keine Ahnung von Liebe, keine Ahnung vom Kampf.
Ich werde keine Müdigkeit dulden, kein Wegsehen, keinen Gedanken an eine andere Frau. Ich werde die Lieblosigkeit ausmerzen mit einem Stich in den Nacken. Ich werde den Stoß führen, damit du siehst, wie das geht, wenn man ein mutiges Herz hat, ein Herz, das etwas wagt.
Dieser Tanz war für dich, in Schleiern unter dem Glockenmantel, ein Friedenstanz um deinen Kopf. Eine Liebe, die stark ist, kann alles und jeden lieben, sogar den Feigling. Aber sie wirft sich nicht weg.
/Nadia/ Mir ist es egal, was du sagst. Ich glaube dir ohnehin nicht. Du bist ein Lügner. Du hättest auf mich hören können, statt zwischen meine Augen zu starren. Das kenne ich schon von anderen Männern. Du bist nicht anders als sie, hältst jede Träne für einen Regentropfen und lächelst noch, selbst wenn ich anfange zu schreien.
Das ist ein dummes Spiel, weißt du? Es macht müde wie Arbeit. Es ist ganz vergeblich. Und morgen erinnerst du dich nicht mehr an mich.
Warum hätte ich dich nur ansehen sollen? Warum nur ein einziges liebes Wort versuchen? Wenn ich mich an dich kralle, daß meine Nägel scharf in deine Haut schneiden, das merkst du. Das weckt dich auf, aber nicht, wenn ich meine Haare wie einen Schleier vor meine Augen fallen lasse, weil jeder Blick durch meine Pupillen auf eine Wunde fällt und ich doch niemandem weh tun kann, nicht einmal dir. Da merkst du nichts von mir. Da bist du ganz blind und ganz taub und ein ganzer Mann.
Ich hatte dich schon bemerkt, als du noch weit hinter mir gingst. Du mußtest schneller gehen mit dem Atem geiler Böcke. Der greift dir ganz flink in den Nacken wie eine nasse Hand, wenn du nicht fortläufst. Ich wußte genau, was du tust. Daß du mich einholen wirst an der Haltestelle, daß du mich weiter ansehen wirst, weil du kein Gespür hast für Augenblicke, in denen man von niemandem angesehen werden will.
Als der Bus kam und ich die Tränen mit dem Ärmel wegwischte zu all dem Regen, da hast du den Kopf gesenkt. Das hat dir eine Chance gegeben. Wärst du stehengeblieben, nicht eingestiegen, hätte ich dich lieben können für diesen Augenblick Hinwegsehen ohne Zurück, ohne Bitte.
Aber ich irre mich immer. Ich irre mich nie. Du hast die Witterung aufgenommen, die Nase schon zwischen meinen Brüsten. Das riecht, wie du es magst, nicht wahr? Das wird dich immer überführen. Du solltest deine Nase abreißen und dich nicht weiter mit einer Verräterin verbünden, wenn du jagen mußt, weil du es nicht lassen kannst. So wirst du immer erkannt, und dein ganzes Spiel ist schon zu Ende, bevor du auch nur anlegen konntest, und der Hirschfänger bleibt eingesperrt. So vergeblich, da gibts kein Ergeben. Da wird nichts verschenkt.
Was bleibt dir anderes übrig, als dich neben mich zu setzen? Du willst ein Spiel haben, ein unheimliches Spiel, das dich lange wachhält, das dich begeistert und anmacht. Du schwenkst die Muleta, die Hand fest um den Degen, und ich weiche nicht aus. Aber manchmal, das weißt du noch nicht, stirbt der Torero, und die Ohren bleiben am Kopf, und ich lebe weiter.
Noch ist gar nichts entschieden. Es wird dir nie gelingen, den Tropfen zu entdecken, den ich küssen möchte. Mein Blick wird schneller sein und zu einem anderen springen, wenn du mir zu nahe gekommen bist. Du glaubst mir nicht. Aber das ist wirklich vergeblich, wenn ich es auch glauben möchte, manchmal, manchmal glaube ich es, aber ganz müde.
Was hindert dich auszusteigen? Noch kannst du gehen, wohin du willst. Noch ist nichts entschieden.
Steig aus und gehe in dieses Café unter den roten Schirm. Der sieht aus, als würde er auf dich warten. Du willst doch nicht böse werden und so tun, als würde er dir gar nichts bedeuten? Du kannst auf einen anderen Nacken zielen und im Dunkeln den Degen loslassen und ein Ohr erbeuten, wenn es gut war, oder auch zwei. Das ist ein Spiel unter Männern, nicht wahr? Da stehe ich nur dazwischen und muß die Stiche hinnehmen.
Mein Ohr kannst du nicht bekommen. Das macht dich rasend. Ich weiß es. Da kannst du wirklich böse werden und den Bus nach vorn sinken und eine Frau schreien lassen und mit der Schlinge kommen, um mich anzubinden, um mich aus der Arena zu schleifen, auch wenn ich nicht tot bin. Das tut mir alles nicht weh, hörst du. Ich greife dir an den Schwanz und kralle mich fest. Schrei doch, wenn du weißt, wie das geht. Das wird dir noch weh tun, wenn alles vorüber ist.
Glaubst du mir nicht? Warum schreist du nicht? Warum siehst du mich an? Wie kannst du selbst jetzt noch lächeln, wo du nicht mal mehr atmest? Wie kannst du mir jetzt noch deine Augen zeigen und keine Angst haben und noch immer so tun, als meintest du mich?
Mir ist es gleich, was deine Augen sagen. Ich kann darüber nur lächeln. Du bist ein Lügner, und deine Augen sind Lügner. Die Glassplitter lügen, die uns schneiden. Auch die Metallschlinge lügt, die uns einfängt. Aber heute ist es eine schöne Lüge. Nach ihr hört es auf zu regnen.
In einer Großstadt bricht ein Bus durch die Straßendecke hindurch in einen U-Bahn-Tunnel. Mehrere Menschen sterben. Zwei von ihnen – ein Mann Mitte Dreißig und eine junge Frau – können erst nach Wochen geborgen werden. Unterdessen fristen die beiden eine Existenz in einem scheinbar zeitlosen Reich zwischen Leben und Tod, Träumen und Ahnungen, Tanz und Taumel. Sie finden sich wieder in der dünnen Wand zwischen zwei Wohnungen, einem leeren Raum zwischen zwei fremden Leben, in dem nur sie sich bewegen können. In Enge und mitunter in Furcht versuchen sie, sich noch einmal selbst in die Seele zu gehen und den Abschied hinauszuzögern, den Abschied von ihren Irrtümern und sorgsam verborgenen Gefühlen, liebevollen und erschreckenden Erinnerungen. Und wenn sie auch nicht umkehren können, verändert sich auf dem letzten Stück Wegs doch noch einmal ihr Leben und das der Menschen zu beiden Seiten der Wand – auf magische Weise und unbemerkt vom lebendigen Rest der sie umgebenden Welt.
••• Was, bitte, ist ein Roman? Manche sagen, es handle sich dabei schlicht um eine längere Prosaform, die nicht einer der strikter definierten Formen wie etwa der Novelle angehört. Wir könnten es hier mit einem Roman zu tun haben. Und tatsächlich stand zunächst genau dies auf dem Cover des Manuskripts. Ich wollte keine Verwirrungen. Was immer mir vorschwebte beim Schreiben, sollte keine Rolle spielen müssen für den Leser. Warum dann hier doch diese Angabe?
Der Text, um den es hier geht, ist ein Mosaik aus Monologen. Die beteiligten Personen sprechen selbst. Chronologie spielt nicht wirklich eine Rolle. Das Erleben der Personen ist nicht gleichzeitig; wenn es sich überschneidet, sind es nur Momente der Berührung. Wie wir sehen werden, leben sie möglicherweise nicht einmal in der selben Zeit, der selben Welt. Eine kleine Irritation verursacht zudem die Stimme des Daniel, die zweifach auftaucht. Es handelt sich um den gleichen Körper, wahrscheinlich nicht den gleichen Menschen, zu verschiedenen Zeiten. Daniel (2) spricht einige Monate nach Daniel (1).
Die Komposition der Stücke ist musikalisch motiviert. Die Motive, die von den einzelnen Monologen vorgegeben werden, fügen sich zu einer grösseren Form, sollten aber auch als Einzelmotive bestehen können. Zusammengefasst sind sie zu drei Kapiteln, analog den Sätzen etwa einer Sonate. Auch diese Sätze sollten für sich selbst stehen können und sich mit den anderen zu einem Ganzen zusammenzufügen.
Ich glaube nicht, dass es für den Leser eine Rolle spielt, was da geplant war. Entsprechend wollte ich für die Form zwischen Buchdeckeln, keine Hinweise auf die Musik. Die Kapitel sind lediglich mit Nummern überschrieben; und lange Zeit waren die einzelnen Stimmen, die Motivgeber, nicht mit Namen versehen. Der Wechsel zwischen den Personen war nur durch zwei Punkte .. und einen Absatz angedeutet.
Für die Online-Darstellung hier an dieser Stelle möchte ich aber doch die musikalischen Intentionen zeigen. Denn hier kann der Text nach den verschiedenen Lesarten zerlegt und dargestellt werden. So bekommt jede Stimme ihre eigene Tag-Seite und ihren eigenen RSS-Feed. Wer möchte, kann sie jeweils für sich lesen, in der Reihenfolge des Erscheinens. Der Haupt-Zweig und Haupt-RSS-Feed bringen die einzelnen Stücke in der Reihenfolge des Manuskripts.
Gesprochen werden alle Stimmen von mir selbst. Folgerichtig sind alle RSS-Feeds Podcasts.
[Update 28. 04. 2008: Die Feeds stehen nur noch in Form eines statisches Abzugs als Referenz zur Verfügung. Links darin können eventuell defekt sein. Der Inhalt wurde jedoch auf dem Stand der ursprünglichen Online-Präsentation belassen.]