Herr Grau schnappt nach Luft

Freitag, den 5. März 2010

»Graupausen« • Eine Gastkolumne von Markus A. Hediger

… translation always involves an encounter, if not a confrontation…
Rainer Kohlmayer
in: »Der Literaturübersetzer zwischen Original und Markt«

1
Herr Grau hat der befremdlichen Begegnung mit seiner Heimat im Institut für Kulturvermittlung und –förderung nach einigem Ringen etwas Positives abgewinnen können: Wenn, so fragt er sich, ich mich in meiner eigenen Heimat nicht mehr Zuhause fühle, bedeutet das nicht, dass ich mit meinem Übersetzungsprojekt weiter vorangeschritten wäre, als ich dachte? Bruanien und die Lebensart seiner Bewohner muss mir bereits ein bisschen ans Herz gewachsen sein, sonst hätte ich mich doch nicht wie ein Fremder auf heimischem Boden gefühlt? Dieser Befund ermutigt Herrn Grau, und voller Elan beschließt er, seine Übersetzung nun noch dezidierter – und vor allem systematisch – voranzutreiben.


Den ganzen Beitrag lesen »

Herr Grau wittert Heimatluft

Freitag, den 26. Februar 2010

»Graupausen« • Eine Gastkolumne von Markus A. Hediger

… translation always involves a whole series of transformations that reach well beyond the purely linguistic dimension to reflect a different view of the world. …
Joanna Nowicki, Michaël Oustinoff
in: »Translation and Globalisation«

1
Bis tief in jede Nacht hinein ziehen Bruanier schwatzend, lachend, manchmal singend unter Herrn Graus Schlafzimmerfenster vorbei. Abend für Abend liegt er in seinem Bett und versucht, einen sauberen, klaren Gedanken zu fassen. Nichts ruft den Schlaf schneller herbei als ein aufgeräumter Geist und eine Seele, die mit sich im Reinen ist. Der Lärm aber, der von der Straße durch die geschlossenen Fenster in sein Zimmer dringt, lenkt ihn ab, bringt ihn auf andere Gedanken, andauernd. In seinem Kopf sieht’s aus, als habe da einer als Kind nie gelernt, sein Zimmer aufzuräumen.

2
Nach einer unruhigen, von unordentlichen Träumen durchrüttelten Nacht sind es in den frühen Morgenstunden dann Hupen und Sirenen, die ihn aus dem Schlaf reißen, heulende Vorboten eines Lärms, der ihn den ganzen Tag hindurch begleiten wird. Müde richtet Herr Grau sich auf. Auf der Bettkante kauernd, versucht er sich zu erinnern, wie er trotz allem in den Schlaf hat finden können, doch da fällt sein Blick auf die achtlos über eine Stuhllehne geworfene Kleidung des Vortags, dann auf die Kommode, auf der sich Zettel, Münzen, Bücher, eine Zahnbürste und eine leere Kekspackung den Platz streitig machen.
Den ganzen Beitrag lesen »

Herr Graus Höhenangst

Freitag, den 19. Februar 2010

»Graupausen« • Eine Gastkolumne von Markus A. Hediger

… Translation always involves cultural translation.
Cristina Ungureanu
in: »Equivalence. Theory & Text Analysis« (Word-Datei)

1
Die vom Arzt verordnete Nackenmassage hat Herrn Grau gut getan. Noch immer spürt er die kräftigen aber geschmeidigen Hände des Physiotherapeuten auf seinen verhärteten Muskeln. Wie er da bäuchlings auf dem Schragen lag und durchgewalkt wurde – die bloße Erinnerung daran jagt ihm einen wohligen Schauer vom Nacken bis ins Steißbein hinab. Es entgeht ihm auch nicht, dass er Geringfügigkeiten, an denen er sich bislang immer störte, jetzt gelassener hinnimmt. Nur um ein Beispiel zu nennen: Seit seiner Ankunft in Bruanien hat er sich wegen seiner ins Farblose gehenden Haut unwohl gefühlt und sie dafür verantwortlich gemacht, dass er keinen Anschluss zu den Einheimischen fand. Ihretwegen erkannte man in ihm sofort einen Fremden.


Den ganzen Beitrag lesen »

Herr Grau zerfällt zu Asche

Montag, den 15. Februar 2010

»Graupausen« • Eine Gastkolumne von Markus A. Hediger

… translation always involves hindrances …
Adel Salem Bahameed
in: »Arabic-English Intercultural Translation«

1
Seit Herr Grau den Entschluss gefasst hat, die Übersetzung seines Ichs voranzutreiben, ertappt er sich vermehrt dabei, wie er sich wünscht, es hätte ihn nicht nach Bruanien, sondern in ein anderes Land verschlagen. Zum wiederholten Mal ist es ihm jetzt schon passiert, dass er eine seiner Eigenschaften in die Landessprache übertragen wollte und sich plötzlich um Aspekte erweitert sah, in denen er sich nicht wiedererkannte.
Den ganzen Beitrag lesen »

Übersetzte Identität

Donnerstag, den 11. Februar 2010

••• Als mein Großvater 1933 auf Schleichwegen Deutschland verließ, hatte er nur noch seine Mutter, die ihn an der Hand hielt, und die Sachen, die er am Leib trug. Er trug freilich auch Erinnerungen mit sich, etwa an seinen Vater, wenige Tage zuvor in der Nacht abgeholt und totgeschlagen. Und natürlich hatte er die deutsche Sprache, die einzige, die er verstand. Auch seine Mutter und seine Sprache hätte er verlieren sollen, wäre es nach dem Willen der »Gastgeber« im Exil-Land gegangen.

Er kam in die Sowjetunion. Stalin misstraute den deutschen Exilanten, und so trennte man die Kinder von den Eltern, um wenigsten sie noch zu loyalen Sowjetkommunisten erziehen zu können. Man schickte die Kinder ins »Allunions-Pionierlager Artek«. Deutsch zu sprechen, war dort verboten. Die Sprache des Feindes abzulegen und ins Russische einzutauchen, war elementarer Bestandteil des Umerziehungsprozesses.


Den ganzen Beitrag lesen »