Das Café in der kleinen Passage

Freitag, den 6. April 2007

// Das Café in der kleinen Passage ist ein grausiger Ort, wenn ich geschminkt hinaustrete und du nicht auf mich wartest. Nichts dürfte dich abhalten. Diese Zeit gehört mir und dir. Du bist es doch, dem ich diese Geschichte erzähle, immer wieder, jeden Tag. Jeder andere versteht sie. Nur du siehst mir nicht in die Augen. So muß ich sie dir immer und immer wieder erzählen. Nur für dich bin ich hier. Weißt du es nicht?

Ganz gleich, welche Rollen ich abends im Theater spiele: Das hier bin ich. Die Frau, die jeden Mittag in der kleinen Passage den Hut aufs Pflaster stellt und in deine Richtung spielt. Die Frau, die Gesten erfindet, immer neue Regungen der Hand, des Gesichts, die immer nur dir erzählt, was du nicht hören willst. Ich kann erst aufhören, wenn du weißt, was meine Wimper dir sagen will. Und bis dahin darf dich nichts abhalten. Das weißt du.

Ich ahnte es noch nicht heute morgen. Ich ahnte es nicht, als ich mein Kostüm in die Tasche stopfte, zur Schminke, zum Warten, zu all meinem Spielen an den Mittagen. Aber ich ahnte es, ein erstes Mal ahnte ich, was geschehen war, als dein Platz leer blieb. Der Kellner hob die Achseln, und ich ging noch einmal hinein und sagte dem Spiegel vieles, was er besser nicht wissen sollte.

Das Schließfach bleibt heute leer. Deine Aktentasche fährt mit dir im Bus und wird dich fressen, wenn du nicht rechtzeitig aussteigst. Sie wird dich fressen, weil du jeden Tag nur auf Umwegen zu mir kommst. Du bist immer zu spät, selbst wenn du pünktlich bist. Sie wird dich fressen. Heute wird sie es tun.

Ich habe lange gewartet. Angerufen habe ich nicht. Kein Telefon erreicht dich, wenn du nicht bei mir bist. Ich habe mir die Worte für die Abendbühne vorgesagt, bis es dunkel wurde. Ich habe die Worte für die Nachtbühne geprobt in den Pausen zwischen meinen Auftritten, den Kopf in den Nacken gelegt. Durch den zweiten Rang ging ein Riß. Für wen soll ich spielen, wenn du mir nicht mehr zusiehst?

Was auch immer ich ahnte am Mittag – am Abend wußte ich, daß der Hof deine Schritte freigegeben hat, daß ich dir nicht mehr nachschauen werde, weil du nicht mehr kommst und nicht mehr gehst. Ich kann durch die Wohnung gehen und alle Türen öffnen und schließen, und es wird nicht dasselbe sein. Ich kann in den Spiegel springen wie in ein tiefes Wasser, doch du wartest dort nicht.

Du hast die Zigarette zertreten, als der Bus hielt. Du bist eingestiegen und hast dich neben ein Mädchen gesetzt, das ebenso träumte wie du. Der Herbst ist an euch vorübergeflogen, und Blätter und Regen peitschten die Scheiben, als wären es eure Augen. Auf deinen Knien lag die Aktentasche und schnappte nach deinen Händen.

Es hat dir gefallen, so durch den Regen zu fahren. Darüber hast du mich vergessen. Ist es nicht so, daß ein paar Tropfen genügten, die am Glas entlangzitterten? Du fuhrst vorüber an der kleinen Passage. Du hättest aussteigen sollen. Ich hätte noch einmal vor deinen blinden Augen gespielt, wärst du nur ausgestiegen.

Ich stehe allein am Bühnenausgang, und das grüne Licht mit dem Wort Exit wird rot. Ich gehe allein nach Hause, öffne die Tür allein, gehe allein durch die Räume und rufe nach dir. Und ich lausche allein auf eine Antwort und höre allein niemanden außer mir selbst.

Das Telefon fällt über mich her wie ein Raubtier mit der Nachricht, daß Busse Menschen verschlingen mitsamt gefräßigen Aktentaschen. Daß ich Puder und Lippenstifte, Kajal und Perücken verschenken und auf den Wind hören muß, der wie irr durch den Hof tobt und dich ruft. Und du antwortest nicht.

Ich soll aufhören zu rufen, soll aufhören zu fragen. Ich soll jede Träne hinwegspielen und an Lächellügen durch den Tag hangeln. Das alles könnte ich tun. Aber ich bin nicht mehr da. Das kann ich jedem sagen: Mich hat es nie gegeben. Ich war nur der Schatten, der von dir auf mich fiel. Und der Vorhang rauschte dazwischen wie ein Schwert durch Seide.

Dein Ausgehen am Morgen

Freitag, den 23. März 2007

1

// Dein Ausgehen am Morgen: ein Wort, ein Kuß; so flüchtig.

Während du über den Hof gehst, stehe ich am Fenster und winke. Doch du drehst dich nicht um, bemerkst mein Winken nicht und mein plötzliches Innehalten. Wie ich langsam die Hand sinken lasse und lächle, enttäuscht und entschuldigend zugleich, als hätte ich einen Fremden mit einem Freund verwechselt und ihn überschwenglich gegrüßt als jemanden, der er nie war.

Du hast die Hoftür geöffnet und bist fortgegangen. Du hast dich nicht umgedreht; und so ist dir all dies entgangen: mein Winken, mein Innehalten, mein stilles Aufgeben vor dem Tag, als ich die Gardine wieder vors Fenster zog und ins Dunkel des Zimmers zurücktrat.

Wo bist du, wenn ich mich über mich beuge im großen Spiegel auf dem Flur? Wenn ich zu der Frau, die mir von dort entgegensieht, sage, daß sie sich kämmen soll; und niemand antwortet und nichts geschieht?

Die Zigarette im Mundwinkel läufst du unruhig den Boulevard entlang. Am Bahnhof hast du die Aktentasche ins Schließfach gesperrt, den Mantel aufgeknöpft und die Haare aus der Stirn gestrichen.

Es ist Zeit.

Du steuerst auf das Café zu in der kleinen Passage, vor dem ich jeden Tag spiele, gegen Mittag. Ich werde noch vor dem Spiegel sitzen, wenn du dort ankommst, vor dem Spiegel sitzen mit Kamm, Pomade und Schminke. Und so wirst du beschließen zu warten und einen Cognac bestellen.

Du weißt: Es kann nicht lange dauern, bis ich hinauskomme. Die Schminke ist ein gutes Alibi, noch Zeit verstreichen zu lassen. Doch auch diese Galgenfrist hat ein Ende. Und das Rouge muß wirken.

Dann werde ich hinausgehen, den Klingelhut vor mir aufs Pflaster stellen und zu spielen beginnen. Von deinem Tisch aus wirst du mir lange zuschauen, genau auf all meine Gesten achten und die Regungen meines Gesichts: Was tut der Mund? Was die Augen?

Du wirst versuchen, dir alles genau einzuprägen, um es später vielleicht einmal wiederholen zu können. Das nennst du sprechen: Meinem Körper die Stimme ablauschen und sie kopieren. Du bestaunst meine Umarmung, meine Küsse ins Leere; und du glaubst, nicht zu wissen, wen ich küsse, doch daß ich liebe.

So kommst du, wie ausgehungert, jeden Tag. Abends sitzt du im zweiten Rang des Theaters, das Opernglas an die Augen gepreßt, und mittags hier, an deinem Tisch im Café. Dein Zuschauen ist eine Art, von Liebe zu träumen, ohne an sie zu glauben: Sehen Sie meine Frau; mir genügt ihr Spiel. Und ich soll schweigen.

Nachher wirst du die Rechnung begleichen, das Café verlassen und eine Münze in meinen Hut werfen, um mir nichts schuldig zu bleiben vor dem Abend. Es beruhigt dich und schmerzt nur ein wenig.

Wie soll ich die Perücke herunterreißen, meine Rolle verlassen? Ich habe dir einen zweiten Cognac kommen lassen. Ich will die Münze nicht und daß du gehst ohne ein Wort. So steht es auf dem Zettel, den der Kellner dir reicht, mit einem Gruß von mir: Du solltest mich sehen, wenn ich dir winke. Du würdest erstaunt sein über dein Gefühl und umkehren.

Warum kommst du hierher? Was schaust du mir zu? Für dich ist doch all dies nur Geste und ich nur Mimin, die die Schminke liebt, den Spiegel und die Flucht auf die Bühne. Du versuchst, meine Gesten zu deinen zu machen und verzweifelst, weil es nie gelingt und dein Spielen nur ein ratloses Suchen ist.

Du hast nicht begriffen, daß ich um mehr spiele als um deine achtlos in meinen Hut geworfene Münze. Und nichts begriffen von der Vergeblichkeit meines Spiels und meines Winkens am Morgen. Du hast nichts begriffen.

Das ist ein Tag für dich: der Mantel offen, im Mundwinkel glimmt die Zigarette, und auf dem Bahnhof liegt, gebändigt im Schließfach, die Aktentasche: meine Frau, die Mimin, meine Frau, die die Schminke liebt und sich über den Spiegel beugt, bevor ich komme und wenn ich gehe.

Das ist ein Tag für dich wie alle anderen.

Du bist fortgegangen und hast dich nicht umgedreht.

Ein anderes Blau

Donnerstag, den 22. März 2007

Yves Klein: Obsession de la lévitation (Foto: Harry Shunk)

Prosa für sieben Stimmen
von
Benjamin Stein
Edition Neue Moderne 2008
ISBN: 978-3-9523-2364-9
»» Bestellung über den Verlag

In einer Großstadt bricht ein Bus durch die Straßendecke hindurch in einen U-Bahn-Tunnel. Mehrere Menschen sterben. Zwei von ihnen – ein Mann Mitte Dreißig und eine junge Frau – können erst nach Wochen geborgen werden. Unterdessen fristen die beiden eine Existenz in einem scheinbar zeitlosen Reich zwischen Leben und Tod, Träumen und Ahnungen, Tanz und Taumel. Sie finden sich wieder in der dünnen Wand zwischen zwei Wohnungen, einem leeren Raum zwischen zwei fremden Leben, in dem nur sie sich bewegen können. In Enge und mitunter in Furcht versuchen sie, sich noch einmal selbst in die Seele zu gehen und den Abschied hinauszuzögern, den Abschied von ihren Irrtümern und sorgsam verborgenen Gefühlen, liebevollen und erschreckenden Erinnerungen. Und wenn sie auch nicht umkehren können, verändert sich auf dem letzten Stück Wegs doch noch einmal ihr Leben und das der Menschen zu beiden Seiten der Wand – auf magische Weise und unbemerkt vom lebendigen Rest der sie umgebenden Welt.

••• Was, bitte, ist ein Roman? Manche sagen, es handle sich dabei schlicht um eine längere Prosaform, die nicht einer der strikter definierten Formen wie etwa der Novelle angehört. Wir könnten es hier mit einem Roman zu tun haben. Und tatsächlich stand zunächst genau dies auf dem Cover des Manuskripts. Ich wollte keine Verwirrungen. Was immer mir vorschwebte beim Schreiben, sollte keine Rolle spielen müssen für den Leser. Warum dann hier doch diese Angabe?

Der Text, um den es hier geht, ist ein Mosaik aus Monologen. Die beteiligten Personen sprechen selbst. Chronologie spielt nicht wirklich eine Rolle. Das Erleben der Personen ist nicht gleichzeitig; wenn es sich überschneidet, sind es nur Momente der Berührung. Wie wir sehen werden, leben sie möglicherweise nicht einmal in der selben Zeit, der selben Welt. Eine kleine Irritation verursacht zudem die Stimme des Daniel, die zweifach auftaucht. Es handelt sich um den gleichen Körper, wahrscheinlich nicht den gleichen Menschen, zu verschiedenen Zeiten. Daniel (2) spricht einige Monate nach Daniel (1).

Die Komposition der Stücke ist musikalisch motiviert. Die Motive, die von den einzelnen Monologen vorgegeben werden, fügen sich zu einer grösseren Form, sollten aber auch als Einzelmotive bestehen können. Zusammengefasst sind sie zu drei Kapiteln, analog den Sätzen etwa einer Sonate. Auch diese Sätze sollten für sich selbst stehen können und sich mit den anderen zu einem Ganzen zusammenzufügen.

Ich glaube nicht, dass es für den Leser eine Rolle spielt, was da geplant war. Entsprechend wollte ich für die Form zwischen Buchdeckeln, keine Hinweise auf die Musik. Die Kapitel sind lediglich mit Nummern überschrieben; und lange Zeit waren die einzelnen Stimmen, die Motivgeber, nicht mit Namen versehen. Der Wechsel zwischen den Personen war nur durch zwei Punkte .. und einen Absatz angedeutet.

Für die Online-Darstellung hier an dieser Stelle möchte ich aber doch die musikalischen Intentionen zeigen. Denn hier kann der Text nach den verschiedenen Lesarten zerlegt und dargestellt werden. So bekommt jede Stimme ihre eigene Tag-Seite und ihren eigenen RSS-Feed. Wer möchte, kann sie jeweils für sich lesen, in der Reihenfolge des Erscheinens. Der Haupt-Zweig und Haupt-RSS-Feed bringen die einzelnen Stücke in der Reihenfolge des Manuskripts.

Gesprochen werden alle Stimmen von mir selbst. Folgerichtig sind alle RSS-Feeds Podcasts.

[Update 28. 04. 2008: Die Feeds stehen nur noch in Form eines statisches Abzugs als Referenz zur Verfügung. Links darin können eventuell defekt sein. Der Inhalt wurde jedoch auf dem Stand der ursprünglichen Online-Präsentation belassen.]

Der Ablauf gemäss Manuskript

Feed Tag
Inhaltsverzeichnis x x

Die Stimmen

Feed Tag
Daniel (1)
Daniel (2)

Ich danke nochmals herzlich allen Schlüsselversteckern:
1. Schlüssel - Hans J. Hilbig aka sturznest
2. Schlüssel - Susanne Sarfatti aka SuMuze
3. Schlüssel - Michael Perkampus aka Himself
4. Schlüssel - Kerstin S. Klein aka snowflakes & blackvampires
5. Schlüssel - Sudabeh Mohafez aka euka-pirates
6. Schlüssel - Winnies Hügel
7. Schlüssel - Markus A. Hediger aka hanging lydia
Torschlüssel - Christine Marendon aka Tsade