Wem nur gehören all diese Hände?

Montag, den 30. April 2007

// Wem nur gehören all diese Hände? Wem gehört dieses Herz? Wer badet mich in diesem Traum? Wer erzählt mir von roten Kimonos und Liegestützen am Morgen? Wer küßt mich und läßt sich doch nicht berühren und fangen und ist nur gekommen, um wieder zu verschwinden wie ein Mädchentraum?

Der Morgen ist nah

Sonntag, den 29. April 2007

// Der Morgen ist nah, und bald werden wir aufbrechen müssen. Am Tagufer wartet das Boot, das uns fortbringen wird. Und die Koffer stehen bereit. Das sind die Koboldkoffer, die Regentropfenkoffer, die mit Zeitungspapier ausgestopfte Brust.

Doch dieses Gepäck ist zu schwer und wird uns auf der Reise nichts nützen. Am anderen Ufer wartet kein neues Leben. Wir müssen alles verschenken, bevor das Boot ablegt, die Tür öffnen und die Worte hinauslassen. In ganzen Sätzen sprechen ohne Furcht vor Verrat.

Es ist wohl zu spät, noch einmal von zu Hause aufzubrechen, die Tür zu schließen, die Treppe hinunterzugehen, auf den Hof hinaus. Es ist wohl zu spät, mich umzudrehen und zu dir hinaufzuwinken. Dieser Weg ist abgeschnitten.

Aber ich kann noch eine Hand nehmen und ein Gesicht streicheln. Ich kann noch einer Haut die Gewißheit schenken, daß jede Pore lebt. Einen Satz habe ich noch, und ein Kuß ist mir geblieben. Und ich kann auch das Boot mit kräftigen Schlägen über den nächtlichen See ans andere Ufer rudern und dir die Angst vor dem Abschied nehmen. Ich bin noch nicht tot.

Dieses Bett ist zu groß für mich allein

Freitag, den 27. April 2007

// Dieses Bett ist zu groß für mich allein. Das habe ich immer gewußt. Ich kann dieses Nachthaus nicht allein bewohnen, das voller Gespenster ist, die mich von einer Ecke zur anderen drängen. Ich habe die Kissen vom Wohnzimmersofa um mich gestapelt. Das ist eine Federmauer, ein Daunenzaun. Doch auf jedem Kissen tanzt ein Troll und schneidet mir finstre Grimassen. Papas Prinzessin schläft nicht, sie findet keine Ruhe, als wäre die Matratze mit Erbsen gefüllt. Ich kann sie nicht an die Kobolde verfüttern. Sie mögen Erbsen nicht. Sie leben von den Tränen kleiner Mädchen, die in den großen Nachthäusern am See das Malheft des Himmels mit Ihrer Furcht vor der Dunkelheit auspinseln, damit die Nacht schneller vergeht.

Wer hat mich nur in diesem viel zu großen Bett ausgesetzt?, in diesem fremden Bett?, in dieser Koboldwelt, in der die Luft nach Vaterschweiß riecht? Mein Papa sägt und hobelt im Keller an immer noch größeren Betten, in denen noch mehr Platz ist für Sofakissen und Gebirge aus Decken und eine kleine Prinzessin nach der anderen, die alle nicht schlafen, weil die Kobolde sie immerzu anfassen wollen, sobald sie die Augen schließen.

Die Kobolde kommen jede Nacht; und die Grimassen sind immer die selben. Man kann nur versuchen, durch sie hindurch zu sehen, als wären sie nicht da, den Blick ganz starr auf das Fenster hinter ihnen zu heften, das Glas zu durchdringen und zu den Sternen zu fliehen, die müde über dem See hängen.

So ist es ein Gefängnis mit guter Aussicht, denn das Fenster geht zum Seeufer hinaus. Und wenn auch die Trolle ihre Fratzen nicht tauschen wollen gegen freundlichere Gesichter und jede Nacht nur immer wieder mit der gleichen Geschichte und dem gleichen trotzigen Tanz ankommen, so schenkt mir doch der See, wenn die Sicht klar ist, immer wieder eine neue Tröstung, von der mein Papa nichts weiß.

Der See ist ja auch eingesperrt zwischen den Ufern. Wenn er wachsen wollte, würde man Dämme vor die Straßen bauen und ihn nicht zu mir heraufkriechen lassen. Aber er ist ein gutmütiger Gefangener, der sich jede Nacht ein neues Gesicht ausdenkt, das er mir zeigen kann. Er kann mir den Mond spiegeln oder Wellenmuster durchs Dunkel treiben. Er kann den Kobolden drohen, und manchmal gelingt es ihm sogar, sie für eine Weile zu verjagen, damit ich schlafen kann.

Warum kannst du dich nicht zu mir in mein Kinderbett legen, mich in den Arm nehmen und ganz langsam atmen? Warum kannst du nicht für einen Augenblick so still mit mir liegen und nichts sagen und nur mein Beschützer sein und alle bösen Geister vertreiben? Warum kannst du nicht auf meinen Herzschlag lauschen, der ruhig und immer ruhiger wird, aber bestimmt nicht anhält? Warum kannst du nicht einbrechen in mein Gefängnis, die Tür öffnen und mich hinaustragen und weit fortbringen? So weit fort, daß keiner der Kobolde mich je wieder einfangen und zurückbringen kann in das Prinzessinnengefängnis, in das Nachthaus am See, in dem der Papa nachts auf Zehenspitzen über den Flur schleicht wie ein als Mann verkleideter Kobold, der Prinzessinnen nachstellt, sie einfängt und einsperrt zwischen Decken und Kissen und seinen Geruch überall eingräbt, ins Haar, in die Kissen, in die Decken, selbst in die Trolle und ihre Grimassen, in jeden Winkel der Seele.

Das Bett ist zu klein für uns beide, sagst du und lachst. Du findest das komisch. Du ahnst nicht, daß meine Finger Messer sind mit scharfen Klingen. Ich werde dir das Herz aus der Brust reißen, wenn du nicht aufhörst zu lachen. Ich werde dich in einen Kobold verwandeln und im See ertränken, wenn du das Nachthaus nicht aufbrichst und niederreißt. Dann bleibt es Nacht am See, und es bleibt Nacht in der Stadt. Das hast du dann von deinem Lachen.

Ich soll entlassen werden

Donnerstag, den 26. April 2007

/Daniel/ Ich soll entlassen werden. Diese Entscheidung kam überraschend für mich; und ich kann mir wirklich nicht erklären, warum Dr. Anthony plötzlich seine Meinung geändert hat und es für ungefährlich hält, das Gefängnistor aufzuschließen und mich wieder nach Hause gehen zu lassen.

Wie lange war ich hier einquartiert? Wie lange haben diese Gespräche mit Dr. Anthony gedauert, die Antäuschungen und Einwicklungen?

Ich habe viele Masken getragen, viel totes Fleisch über die Seele gezogen. Jetzt probiere ich Prinzengewänder, Seide und Cashmere und leihe mir eine hellere Farbe fürs Haar und einen dunkleren Teint. Ich bereite mich auf die Flugstunden ohne Fallschirm vor, auf meine Herrschaft über die Luftregionen. Das Zepter wird mir gereicht, und die Krone bekommt einen festen Sitz.

Laß uns sehen, ob ich zum König tauge. Laß uns sehen, ob die Zeit zum Regieren schon gekommen ist.

Dr. Anthony nickt zu allem nur noch zustimmend und macht mir Mut. Wenn ich ihm nur trauen könnte. Wenn ich nur glauben könnte, daß er mich nicht nur von einer Enge in eine andere schickt.

Er wollte wissen, warum ich fliegen lernte. Und ich erinnerte mich, daß ich sehr früh am Morgen erwacht war. Ich lag allein in meinem Bett, aber in meiner Hand fühlte ich noch deutlich die Wärme ihres Bauches. Ich hatte nicht geträumt. Sie war wirklich zu mir gekommen. Sie hatte wirklich bei mir gelegen, den Tanz unterbrochen für eine kleine Ewigkeit, atemlos.

Ich erinnerte mich auch, daß das Laken feucht gewesen war. Und spätestens, als ich die Decke beiseite geschoben hatte, war ich vollends wach. Ich lag in Blut. Ich wußte, es war nichts geschehen. Ich hatte nur meinen Arm um sie gelegt, meine Hand auf ihren Mädchenbauch. Und ich hatte versucht, ihrem Atem nachzuspüren, doch ihr Bauch hatte sich nicht bewegt, und es war kein Laut zu vernehmen.

Mein Herz raste, und ich atmete tief, als müßte ich für uns beide nach Luft ringen. Das Gefühl ihres Bauches in meiner Hand war ein Schlaflied aus einem fernen Land. Ich spürte, daß sie Schutz gesucht hatte und nur deswegen zu mir gekommen war, weil sie sich fürchtete, am Morgen allein zu erwachen.

So waren wir eingeschlafen.

Wundert dich nicht dein Glück

Mittwoch, den 25. April 2007

// Wundert dich nicht dein Glück beim Zwiebelschneiden: die erlaubten Tränen? Schrecken dich nicht deine Träume, in denen du Messer schleifst mit großen glänzenden Klingen, um den Geliebten zu töten? Ängstigt dich nicht deine Kunst der Verkleidung? Schmerzt sie dich nicht wie den Tropfen Regen, der die Berührung ersehnt deiner Haut, wenn er rinnt über die ewig haftende Schminke auf deinem sterbensgesunden Gesicht? Was kann dich noch verwunden, noch schrecken? Im Vorübergehen brennen dich glühende Eisen, und du bleibst stumm.

Das Bild auf der Wand

Dienstag, den 24. April 2007

/Daniel/ Das Bild auf der Wand steckt voller Leben und steigt herab zu mir und kommt in mein Bett. Ich weiß nicht, wie das möglich ist. Und ich weiß noch immer nicht, woher dieses Mädchen kommt. Aber ich ahne jetzt, daß sie wirklich für mich getanzt hat, daß ich gemeint war und daß sie meinetwegen hier ist, tanzt, lächelt, weint und wartet und aus der Wand heraussteigt und auf mich zukommt.

Sie wirft den Glockenmantel ab. Sie läßt das Kleid herabgleiten. Sie zieht das Hemd über den Kopf mit verkreuzten Armen und steigt aus dem Mädchenhöschen. Sie kommt sehr langsam quer durchs Zimmer herüber zu meinem Bett. Und ich ahne wohl, was sie vorhat, aber ich habe keine Ahnung, ob sie kalt sein wird, ob ich sie überhaupt berühren kann oder ob sie durch mich hindurchgehen wird oder an mir vorüberschweben. Ich weiß nicht, ob das ein Fiebertraum ist oder nur eine schwüle Nachtwirklichkeit. Ich kann es nicht sagen.

Ich rechne damit, daß ihre Konturen verschwimmen werden, sobald sie nahe genug bei mir ist, daß ich meine Hand nach ihr ausstrecken könnte, um ihre Haut zu ertasten. Aber sie löst sich nicht auf. Sie kommt näher und weicht auch nicht aus, als ich meine Arme hebe. Kaum ist sie nahe genug bei mir, daß meine Fingerspitzen den blonden Flaum auf ihrem Bauch ertasten können, bleibt sie stehen. Ihr Bauch vibriert unter meinen Fingern. Sie hat die Augen geschlossen und hält den Atem an.

Sie hebt die Decke und will sich zu mir legen. Zeig mir dein Gesicht, will ich sagen, sprich mit mir. Doch sie wendet sich ab, zieht die Decke bis zu den Schultern hoch und dreht mir den Rücken zu. Sie preßt ihren Po in meinen Schoß und ist gewiß nicht kalt und will doch gewärmt werden, und ich glaube, sie fürchtet sich. Also lege ich meinen Arm um sie und halte sie fest. Sie atmet noch immer nicht.

Ich habe noch nicht zu Ende getanzt

Montag, den 23. April 2007

// Ich habe noch nicht zu Ende getanzt. Da sind noch viele Figuren in die Luft zu schneiden, mit rudernden Armen und ängstlich verhaltenem Atem.

Ich habe so oft an Geländern hoher Brücken gelehnt und stumpf hinabgesehen und mir den Flug ohne Wiederkehr ausgemalt, den Absprung ins Leere. Ich habe mir Kinderlieder vorgesungen, um mir Mut zu machen und bin doch nicht gesprungen. Es gab immer einen Grund, es beim Hinabschauen zu lassen und den Sprung zu verschieben auf eine andere Angstminute. Niemand, sagte ich mir, weiß, wie schön ich singen kann. Niemand weiß, welch kraftvolle Musik in meinen Adern pulst und gehört werden will. Ich bin ein Orchester, das Kinderlieder in Symphonien verwandelt. Das habe ich mir auch vorgesagt an den Brückengeländern.

Mein Herz ist immer und immer wieder gesprungen und kam doch nie unten an. Es ist nie auf den Asphalt geprallt, nie in den Flüssen versunken, um den Fischen ein Haus zu sein.

Der Sprung und die Kinderlieder und die Erinnerung an die Brückengeländer – das ist ein Purpurband, an dem ich mich immer zurückhangeln kann durch alle meine Tage bis hin zu meinem Kinderzimmer, bis hin zu den Kissentürmen, auf denen Prinzessinnen stehen, die ihre Mädchenaugen herausreißen und in die Tiefe werfen, damit sie im Schloßgraben langsam vermodern.

Und jetzt kommst du und willst mir weismachen, daß sie all die Jahre überdauert haben und streng aus dem Schlamm in die Höhe starren und mir einen fesselnden Blick entgegenschleudern und mich hinabziehen wollen. Du kommst und sagst, es ist Zeit für den Sprung. Jetzt soll es nicht mehr hinausschiebbar sein, die Flügel gespreizt, alle Muskeln gespannt. Jetzt sei der Morgen gekommen.

Aber ich muß noch viele Stierkämpfe zeichnen und noch viele Kinderlieder als Totenmessen singen im heißen Sand der Arena. Meine Füße sind des Tanzes lang noch nicht müde. Ich weiß es jetzt: Du kannst mich nicht zwingen, den Sprung zu wagen. Ganz gleich, wie dicht am Abgrund ich tanzte, um den Absturz bin ich immer herumgetanzt und habe nur kokettiert mit der Tiefe.

Ich halte noch fest an dem Purpurband. Ich springe noch nicht. Du kannst das gern Blut nennen, was mir vom Mundwinkel tropft. Es schmeckt bitter wie Liebe und macht mich trunken, denn ich lebe. Ich lebe dort oben auf den Prinzessinnenzinnen und schleudere den modernden Augen nur ein Lachen entgegen. Ich werde dir zeigen, wie lebendig ich bin und wie weit der Morgen noch entfernt ist und wie ich mich festtanzen kann in der Wand, um noch bleiben zu können.

Wenn du längst schon fort bist mit allen Koffern und Träumen, werde ich immer noch tanzen. Und das Boot legt ab ohne mich und bringt dich allein fort über den See.

Wenn du gehen willst, geh. Doch ich bin nicht bei dir. Ich bleibe.

Das Fest ist vorbei

Sonntag, den 22. April 2007

// Das Fest ist vorbei. Die Gäste haben sich ausgesungen und ausgetanzt und sich ausgelacht und eine Nacht ausgeatmet; und jetzt ist es Zeit zu gehen.

Wie uns niemand begrüßt hat, als wir kamen, so wird uns auch niemand verabschieden wollen. Wir waren die unerkannten Gäste am Party-Buffet. Wir waren die Erinnerungsfetzen, die in einer abwesenden Minute vor dem inneren Auge eines angetrunkenen Tänzers vorüberhuschten. Du weißt es ja: Niemand hat uns eingeladen; wir wurden nicht bestellt, und ich glaube sogar, daß außer uns selbst niemand wirklich weiß, daß wir hier sind.

Während sie stiller werden, sich immer öfter ansehen und verstohlene Blicke auf ihre Handgelenke werfen, und während sie nach den Mänteln greifen, um sich auf den Weg zu machen, während ein Abschied den anderen ablöst, müssen wir uns fragen, warum wir noch hier sind und ob es nicht auch für uns Zeit wird zu gehen. Hast du dich nie gefragt, warum wir in diesem Betongefängnis ausgesetzt wurden? Hast du dich nie gefragt, warum das Blut auf deinen Lippen nicht trocknet?

Unsere Zeit wurde angehalten. Und wir sollten uns nicht länger betrügen: Für uns heißt das nur, daß man unser Sterben ausgesetzt hat für einige Tage oder auch nur Stunden. Ein Beschluß, für den wir den Grund nicht kennen. Eine Galgenfrist, um die wir nicht gebeten haben. Du solltest noch tanzen. Ich sollte noch schauen und tasten und ein junges Mädchen verführen und Grashalme zählen in deinen Augen.

Meine Großmutter verließ nie das Haus, ohne zuvor noch fünf Minuten auf ihrem Stuhl neben der Tür zu sitzen und mit offenen oder geschlossenen Augen das kleine Heim zu vermessen. Ich habe mich immer gefragt, warum sie jedesmal einen Abschied zelebrieren mußte, als würde sie dieses Mal nicht zurückkehren und müßte die Atmosphäre des Raumes an diesem Tag, zu dieser Stunde, ganz in sich aufnehmen, in sich einschließen, einbrennen und versiegeln, um ihn nie verlieren zu können – die Erinnerung festgenagelt an die Netzhautleinwand – als wäre jeder Gang zum Supermarkt um die Ecke womöglich der letzte Ausflug, ein Weggehen ohne Wiederkehr. Das Auto würde fortwährend in Achten und großen Schleifen über regennasse Straßen einem beweglichen Ziel hinterhersetzen, ohne je anzukommen. Ein Abschied, so regennaß und graulich grau wie Provinzbahnhöfe um Mitternacht.

Daran müssen wir denken, vergiß das nicht. Wir sind nicht hier, um zu bleiben. Wir sind hier, um eine kleine, eine kurze Rast zu genießen vor einem neuen Aufbruch. Du kannst sicher so tun, als wüßtest du nichts davon. Aber es wird dir nichts nützen. Du wirst dich, wenn der Augenblick kommt, nicht festkrallen können in der Wand, um nicht fortgerissen zu werden. Du wirst dich, wenn das Boot ablegt, nicht am Ufer eingraben können, um noch zu bleiben.

Vielleicht mußten wir sein, was wir waren; aber wir können gewiß nicht bleiben, was wir sind.

Das schmale Rinnsal, das aus deinem Mundwinkel quillt, wird kräftiger werden, und schließlich wird das Leben in einem armdicken Strahl aus dir herausbluten. Es liegt in der Natur deines Tanzens, daß die Schuhe zu früh durchgetanzt sind, wie es in der Natur meines Wartens unter den Sonnenschirmen lag, daß mein Herz einschlafen mußte mitten am Tag.

Vielleicht sind wir nur hier, um den wortlosen Abschied zu lernen, um langsam aus uns herauszutreten und Adieu zu sagen – zu Sonnenschirmen und Glockenmänteln und fratzenhaften Erinnerungsschatten, fleischigen Fetzen verwesender Herzkammerteppiche.

Die Dienerschaft hat Dauerausgang. Es liegt nun ganz bei uns, und wir müssen selbst die Hände ins Blut tauchen und uns aus dem Schoß ziehen und noch einmal Atem schöpfen und einen Schrei ausstoßen und eine Umarmung riskieren und eine Fünfminutenfrist genießen auf dem Stuhl neben der Tür zur mitternächtlichen Bahnhofswelt. Das ist eine Abschiedsnacht. Das ist unsere Abschiedsnacht.

Das Fest ist vorbei, die Gäste gegangen, und nur wir sind noch geblieben. Und auch dieses Innehalten wird noch vorübergehen und wie eine müde Welle an einem Ufer auslaufen und sich erschöpfen.

Tanze, tanze, aber du wirst dich doch schon bald auf dem Großmutterstuhl neben der Mitternachtstür wiederfinden. Ich habe es dir gesagt. So bist du gewarnt. So kannst du das Blutrinnsal mit deinen Händen auffangen, wenn es herausbrechen will.

Dann bin ich bei dir.

Ich kann Ihnen eine Geschichte erzählen

Freitag, den 20. April 2007

3

/Daniel/ Ich kann Ihnen eine Geschichte erzählen: von der Leidenschaft des Schwebens, von jenen Augenblicken, in denen die Zeit stehenbleibt, damit das Herz ein paar Schläge aufholen kann.

Wenn der Löwe langsam über den Konzertflügel schleicht, müde, und mit seinem Schwanz über die Tasten wischt, ganz sorglos, ein dumpfer Akkord.

Wenn ein Mädchen am Morgen lächelnd die Augen aufschlägt und die Wand streichelt, an der sein Bett steht. Und ein Mann, dessen Mund vernäht ist, dennoch sprechen lernt durch seine Augen.

Wenn eine Wand zwischen zwei ungleichen Zimmern zum Ablegeplatz eines Bootes wird und sich zwei eine Rast verdienen vor der langen, letzten Ausfahrt über den See.

Wenn die Uhren mit all ihren Pendeln und Zeigern, dem Stundenschlagen und Sekundentick eine neue Sprache erfinden, mit der man Wände durchdringt, ganz gleich, wie dick sie auch sind und wer immer hinter ihnen in Gedanken wach liegt oder träumend schläft.

Wenn die Stimmen der Väter und Großväter, Mütter und Tanten und Schwestern immer leiser werden und hinter dem Fächer langsam verstummen und ihre Worte ganz allmählich vergessen werden und neuen Worten Platz machen, die besser für sanfte Gespräche und eine Erklärung taugen.

Ein Ton blieb ungespielt. Einen Satz hast du nie gesprochen. Eine Geste mußtest du immer verstecken, weil sie alles verraten hätte. Die tote Großmutter im Bettkasten und die weißen Flecken im Laken. Das Whiskyglas und die leeren Flaschen. Die gesprengte Sonne und die geliehene Schönheit. Den heimlichen Kuß in die eigene Hand. Und die Wut und den Stolz und das laute Gefühl, das keinen Ausgang findet aus dem Gefängnis der Haut.

Es ist eine Geschichte mit Toten und Gästen, die ohne Einladung kommen und ebenso unerwartet verschwinden, wie sie aufgetaucht waren. Es ist eine Geschichte, die über einen Konzertflügel schleicht, müde, ein dumpfer Akkord. Es ist nur eine Notiz auf dem Rand einer Zeitung, die leicht versehentlich im Altpapier endet, wenn man sie nicht auswendig lernt und sich vorsagt am Morgen und sich vorsagt am Abend.

Man muß den Vorsager machen, um herauszufinden, wo die Wanderung begonnen hat. Man muß den Vorsager machen, um das Gepäck beisammen zu halten. Man muß den Vorsager machen und sich die Geschichten vorsagen, so oft man es braucht.

Diese Geschichte, sage ich, wollen Sie bestimmt nicht hören und blitze Dr. Anthony mit Kampfeslust an. Doch er rührt sich gar nicht, schüttelt nicht den Kopf, sondern sagt, ganz leise, nur: Doch.

Er hat sich nicht verabschiedet

Donnerstag, den 19. April 2007

// Er hat sich nicht verabschiedet, obwohl ich lange gewartet habe. Viel zu lange. Unten ist es still geworden. Die Party ist aus. Die letzten Gäste sind schon gegangen. Vielleicht sitzt der Schauspieler noch in der Küche und raucht. Christa ist sicher müde. Sie wird immer müde nach dem dritten Glas Wein und braucht am nächsten Morgen eine Tasse warme Milch.

Ich habe lange gewartet, die Jeans ausgezogen, aber jetzt ist es zu spät. Das T-Shirt liegt auf dem Boden Ich habe mich nackt in die Decken gekuschelt und denke an den Kimono, der im Bad hängt und morgen wieder seinen eitlen Besitzer in die Küche begleitet.

Ich kann ihn trotzdem fühlen. Die Seide schmiegt sich um meine Haut. Ich bin bestimmt schön, sage ich mir. Es sieht nur keiner hin. Ich spüre eine Hand, die unter der Decke Kreise malt um meinen Bauchnabel, eine Hand, die mich streichelt und den Bauch warm macht. Das ist bestimmt nicht die Hand eines alten Mannes. Aber auch meine Hand ist es nicht. Das weiß ich sicher. Sie ist zärtlich, und ich will sie nicht wegstoßen. Sie malt die Kreise besser als ich. Wie soll ich da schlafen?

Ich habe keine Angst. Schließlich ist es mein Zimmer, und ich muß niemanden hereinlassen, den ich nicht mag. Das ist eine komische Nacht voller komischer Gäste. Da geht etwas Seltsames vor, mit den Gästen, mit mir und der Hand, die nicht stillhalten will. Das ist neu, aber es wärmt wie die Sonne am See. Ich werde bestimmt gut schlafen.