Die Frau des Flusshändlers

Montag, den 16. Juni 2008

Fu Hi liebte die hohe Wolke und den Berghang,
Leider starb er an Alkohol.

••• Das Poesiealbum 279 - gerade erschienen - hielt eine Überraschung und eine Enttäuschung parat. Das Heft versucht, eine bei aller Kleinheit doch repräsentative Auswahl von Gedichten Ezra Pounds auf den nur 32 Seiten des Poesiealbums zu präsentieren.

Das ist womöglich ein vermessenes Unterfangen. In jedem Fall aber gelingt es, den Leser neugierig zu machen auf den Dichter Pound und seine Dichtung. Natürlich sind einzelne der Cantos abgedruckt, jedoch auch Gedichte jenseits der »Großdichtungen«. Soweit die Überraschung.

Was nun die Enttäuschung angeht: Dass Bert Brecht sich liebend gern bei den Ideen anderer bediente und mitunter auch Ideen- und Textarbeit bspw. seiner Frauen für sich vereinnahmte, das ist nicht neu. Für mich erstaunlich aber - und eben auch enttäuschend - wie stark er sich thematisch und stilistisch offenbar auch bei bedient hat. (Er müsste ihn wohl im Original gelesen haben. Hier wären denn wieder einmal die Literaturwissenschaftler gefragt…)

Ein Beispiel gefällig?


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Der abgerissene Strick

Montag, den 20. August 2007

Rope - © by matt-west@deviantart

Rope — © by matt-west@deviantart

Der abgerissene Strick kann wieder geknotet werden.
Er hält wieder, aber
Er ist zerrissen.

Bertolt Brecht

••• Wie oft habe ich diese Verse gelesen oder auch zitiert — und zwar immer im Zusammenhang mit Beziehungen, die, nach Verletzungen zumeist, zu zerbrechen drohten. Und ich habe dabei innerlich jeweils eifrig genickt. Aber man kann sich auch fortgesetzt heftig irren. Und das hier ist so ein Fall.


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Das elfte Sonett

Dienstag, den 14. August 2007

Als ich dich in das fremde Land verschickte
Sucht ich dir, rechnend mit sehr kalten Wintern
Die dicksten Hosen aus für den (geliebten) Hintern
Und für die Beine Strümpfe, gut gestrickte!

Für deine Brust und für unten am Leibe
Und für den Rücken sucht ich reine Wolle
Damit sie, was ich liebe, wärmen solle
Und etwas Wärme von dir bei mir bliebe.

So zog ich diesmal dich mit Sorgfalt an
Wie ich dich manchmal auszog (viel zu selten!
Ich wünscht, ich hätt das öfter noch getan!)

Mein Anziehn sollt dir wie ein Ausziehn gelten!
Nunmehr ist, dacht ich, alles gut verwahrt
Daß es auch nicht erkalt, so aufgespart.

Bertolt Brecht (1934)

••• Die Herzdame verreist. Und ich will sie doch gut verpackt wissen, wenn sie so ohne mich in die Fremde zieht…


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Über die Untreue der Weiber

Dienstag, den 8. Mai 2007

Vielleicht würd ich es ihr sogar gestatten
Zu andern Männern sich nach Lust zu legen
Warum nicht etwas Freiheit? Meinetwegen!
Wenn jeder Griff der Fünfminutengatten

Sie nur nicht gleich so sehr verändern würde!
Selbst wenn es gar nicht so besonders glückte
Wenn ihr nur einer mal am Hintern rückte
Spielt sie bestimmt fortan doch die Verführte

Und sehr Geheimnisvolle! Die verschlagen
Den Besserwisser jetzt hereingelegt hat
Da der nicht weiß, und wehe, wenn er’s wüßte!

Daß sie den Hintern damals doch bewegt hat!
Wenn auch nur gegen Ende sozusagen …
Und so entsteht ein Riß, der nicht entstehen müßte.

Bertolt Brecht (1927)

••• Dass ich mich für von der ersten Begegnung mit ihnen an so sehr begeistern konnte, verdanke ich Brecht. Er schert sich nicht um die Vorgabe der thematischen Aufteilung innerhalb des Sonetts. Und er wagt immer wieder Experimente mit erstaunlicher Wirkung. Wer sagt denn, im Sonett müssten die Sätze oder Nebensätze mit der Zeile enden? Indem er die Sätze um die Zeilenenden und damit auch um die Reime quasi herumfliessen lässt, verschwindet das Getragene, das im Sonett so leicht zum Stolzieren gerät. Nahezu prosaisch klingt Brecht hier - und das inmitten einer strengen Form.

Dem Fluss des Gesagten zum Opfer gefallen ist auch das Reimschema der Terzette. Und doch - spätestens wenn man das Gedicht laut liest, wird klar, dass hier jedes Wort am rechten Platz ist.

Das nenne ich meisterhaften Umgang mit einer strengen klassischen Form! Sie ist da und und wirkt, doch aus dem Hintergrund. Nicht die Spur von Selbstzweck, sondern ganz Mittel zum Zweck.

Zum vierten Male teilst du mir mit

Montag, den 23. April 2007

Zum vierten Male teilst du mir mit
Daß du alle Brücken hinter dir verbrannt hast
Alle Briefe vernichtet, alle Behauptungen zurückgenommen hast
Dich in einem Taumel des Neuen befindest und
Diesmal endgültig.
Lieber hätte ich von dir gehört, du seist
Neuem auf der Spur, brauchtest aber Zeit
Seist gut gelaunt und freuest dich
Deiner guten Beziehungen.
Denn so sehe ich dich nur bald wieder
Am Bau neuer Brücken, Sammeln von Briefen und Aufstellen von Behauptungen
Müdigkeit des Alten, und wieder nicht endgültig.

Bertolt Brecht

••• Ich habe nicht die leiseste Ahnung, warum mir dieses Gedicht heute in den Sinn kam. Ausgerechnet heute. Ich habe keine Ahnung.

Morgens und abends zu lesen

Donnerstag, den 8. Februar 2007

Umbrella - by NELA.LAZAREVIC

Der, den ich liebe,
Hat mir gesagt,
Daß er mich braucht.
Darum
Gebe ich auf mich acht
Sehe auf meinen Weg
Und fürchte von jedem
Regentropfen
Daß er mich erschlagen
könnte.

Bertolt Brecht

••• Assoziation zu Gabriela Mistrals Vers

Auf meinen Leib achte ich nur, damit ich dein Grab schützen kann vor Regen und Schnee.

aus “Falls der Tod kommt”.

Die Ballade von den Mädchen

Mittwoch, den 17. Januar 2007

Plum

Die Ballade von den Mädchen, die keinen Mann mehr finden

Sie haben alle einen Abend lang
und hautnackt blank
im grünen Gras gelegen.
Und haben da in solcher Nacht
den Mann um seinen Schlaf gebracht,
sie wußten wohl weswegen.
Das war im Sommerjahr ihr schönster Traum,
denn winters grünt im Wald kein Pflaumenbaum.

Im Pflaumenbaum da sang die Nachtigall
noch manches Mal das Lied vom Sündenfall.
Und oben bei den Schafen
da stand ein fetter Mond und ließ
den Knaben, der so schön auf seiner Flöte blies,
die ganze Nacht nicht schlafen.
Er hat an das, was nachher kommt, gedacht
und in der Früh sich aus dem Staub gemacht.

Da banden sich die Mädchen einen Kranz ins Haar
und klopften an bei Jesu Engelschar,
daß er sie von den Bösewichtern
erlöse für und für.
Doch Petrus stand mit seinem Sarraß vor der Tür
und zeigte auf den See, da irrten sie herum, die Lichter,
die Angedenken aus der Pflaumenzeit
in einem dicken Würmerkleid.

So manche Frau trägt immer noch die Jungfernhaut,
obwohl ihr Haar schon dünn ist und ergraut.
Die ganze Nacht brennt in der Kammer Licht
und aus dem Spiegel grinst ein häßliches Gesicht.
Da möchte sie das Bild zerschmeißen.
Doch Glück und Glas, das reimt sich nie
auf Pflaumenbaum und Zitterknie.

François Villon, aus: “Die lasterhaften Balladen des François Villon”
Nachdichtung von Paul Zech
© 1962-2006 Deutscher Taschenbuch Verlag, München


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Über die Verführung von Engeln

Dienstag, den 2. Januar 2007

Crying angel, lost her wings, cannot fly home.... © Mortus-Phallustein

verführt man gar nicht oder schnell.
Verzieh ihn einfach in den Hauseingang
Steck ihm die Zunge in den Hals und lang
Ihm untern Rock, bis er sich nass macht, stell
Ihn, das Gesicht zur Wand, heb ihm den Rock
Und fick ihn. Stöhnt er irgendwie beklommen
Dann halt ihn fest und lass ihn zweimal kommen
Sonst hat er dir am Ende einen Schock.

Ermahn ihn, dass er gut den Hintern schwenkt
Heiß ihn dir ruhig an die Hoden fassen
Sag ihm, er darf sich furchtlos fallen lassen
Dieweil er zwischen Erd und Himmel hängt -

Doch schau ihm nicht beim Ficken ins Gesicht
Und seine Flügel, Mensch, zerdrück sie nicht.

Bertolt Brecht (1948)

••• Da von Engeln die Rede war, heute ein Gedicht für meine Frau. haben für mich schon immer eine besondere Rolle gespielt. Im “Alphabet” treten Seraphim - das sind Feuerengel - gehäuft in Gestalt von Frauen auf. Beziehungen mit ihnen sind nicht ungefährlich.

Sagt meine Frau: Was haben die davon, transzendental verehrt zu werden? Ausserdem ist die Gefährdungslage eine ganz andere. Flügel sind so zerbrechlich…

Gesang von einer Geliebten

Samstag, den 9. Dezember 2006

(7. Psalm)

  1. Ich weiß es, Geliebte: jetzt fallen mir die Haare aus vom wüsten Leben, und ich muß auf den Steinen liegen. Ihr seht mich trinken den billigsten Schnaps, und ich gehe bloß im Wind.
  2. Aber es gab eine Zeit, Geliebte, wo ich rein war.
  3. Ich hatte eine Frau, die war stärker als ich, wie das Gras stärker ist als der Stier: es richtet sich wieder auf.
  4. Sie sah, daß ich böse war, und liebte mich.
  5. Sie fragte nicht, wohin der Weg ging, der ihr Weg war, und vielleicht ging er hinunter. Als sie mir ihren Leib gab, sagte sie: Das ist alles. Und es wurde mein Leib.
  6. Jetzt ist sie nirgends mehr, sie verschwand wie die Wolke, wenn es geregnet hat, ich ließ sie, und sie fiel abwärts, denn dies war ihr Weg.
  7. Aber nachts, zuweilen, wenn ihr mich trinken seht, sehe ich ihr Gesicht, bleich im Wind, stark und mir zugewandt, und ich verbeuge mich in den Wind.

Bertolt Brecht (1920)

••• Brechts Psalmen - entstanden zu Beginn der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts - waren für mich eine grosse Inspiration. Sind es wirklich Gedichte? Handelt es sich eher um lyrische Prosa? Diese Grenzberührng faszinierte mich, und ich nahm die Idee in vielen Versuchen auf. So entstanden im Frühjahr/Sommer 1989 mehrere “Psalmen” unter dem Titel “Psalmen an den Dämon”.

Letzter Psalm

Uns ekelt Der eigene körper Im verfall Ekelt uns an unser Wort das Lügt kunst Zu gefallen Hilflos sind wir in unserer allmacht Längst sind die wälder gerodet Begradigt die flüsse Die götter verworfen als saboteure Des fortschritts unnützer trost

Dennoch haben wir städte Gebaut Moderne tempel des baal ziehen uns an Und heimlich beten wir zu ihm Reisst uns der scharfe wind der weht das schiere fleisch von den schlotternden knochen In unserem hunger Höhnt der greise prophet Uns geht es gut

Immer ist fern das ziel Wenn ich suche Mein freund Ruht im Verschwiegnen Gefallen von deinen lippen Wie herbstlaub welk jeder traum Am ende sind wir Noch nicht ganz in mantel und hut Das verbrechen Zieht ein Die verwesung besiegt das vormals ewige

In jenen letzten Monaten der DDR war der Druck unerträglich. Das Vertraute, mit dem sich nicht mehr leben liess, musste sterben. Vor der Zeit des Aufbruchs durchlebten vieler meiner Freunde - wir waren damals zwischen 17 und 20 - eine Zeit heftiger Depression. Denn es war ganz und gar unklar, wie alles ausgehen würde. Schliesslich hätten auch Panzer durch Ost-Berlin fahren können und der Staat seinen Tod noch einmal hinausschieben…

An M.

Freitag, den 8. Dezember 2006

In jener Nacht, wo du nicht kamst
Schlief ich nicht ein, sondern ging oftmals vor die Türe
Und es regnete, und ich ging wieder hinein.

Damals wußte ich es nicht: Aber jetzt weiß ich es:
In jener Nacht war es schon wie in jenen späteren Nächten
Wo du nie mehr kamst, und ich schlief nicht
Und wartete schon fast nicht mehr
Aber oft ging ich vor die Tür
Weil es dort regnete und kühl war.

Aber nach jenen Nächten und auch in späteren Jahren noch
Hörte ich, wenn der Regen tropfte, deine Schritte
Vor der Tür und im Wind deine Stimme
Und dein Weinen an der kalten Ecke, denn
Du konntest nicht herein.

Darum stand ich oft auf in der Nacht und
Ging vor die Tür und machte sie auf und
Ließ herein, wer da keine Heimat hatte.
Und es kamen Bettler und Huren, Gelichter
Und allerlei Volk.

Jetzt sind viele Jahre vergangen, und wenn auch
Noch Regen tropft und Wind geht
Wenn du jetzt kämest in der Nacht, ich weiß
Ich kennte dich nicht mehr, deine Stimme nicht
Und nicht dein Gesicht, denn es ist anders geworden.
Aber immer noch höre ich Schritte im Wind
Und Weinen im Regen und daß jemand
Herein will.

(Obgleich du doch damals nicht kamst, Geliebte, und ich
(Obgleich du doch damals nicht kamstwar es, der wartete -!)
Und ich will hinausgehen vor die Tür
Und aufmachen und sehen, ob niemand gekommen ist.
Aber ich stehe nicht auf und gehe nicht hinaus und sehe nicht
Und es kommt auch niemand. 

Bertolt Brecht (1922)