4. Juni 2010

••• »Die Leinwand« ist unter den FAZ-»Büchern der Woche«. Morgen nachzulesen in der FAZ und heute bereits online: ein sehr genauer und ganz bezaubernder Artikel von Anja Hirsch unter dem Titel »Für meines Autors Gleichung gibt es viele Lösungen«.
Wie fein Benjamin Stein die beiden Teile komponiert hat, erweist sich hier: Jan Wechsler erzählt ja tatsächlich reziprok, Amnon Zichroni dagegen eher in einer Zielgeraden von der Kindkeit an aufwärts. Nicht auszudenken, welche Linien sich noch ergeben, folgte man sogar dem Angebot, nach jedem Kapitel das Buch zu wenden, um im je anderen Strang weiterzulesen. Steins Bauplan mag mathematischen Potenzierungsgesetzen folgen. Die Vervielfältigung seiner Themen – Fälschung, Identitätsverlust, Neuschreibung – betreibt er jedoch rein poetisch, mit einer genüsslichen Freude am Dunklen, Triebhaften. Und so folgt man den verschlungenen Pfaden dieses Romans über die Leinwand unseres Selbst ausgesprochen gern.
[Autor verabschiedet sich lächelnd ins Wochenende.]
Im Rückspiegel: Die Sprache der Schöpfung (I) (14. 06. 2009)
Tags: Anja Hirsch • Die Leinwand
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3. Juni 2010
••• »Seine Eltern blendeten ihr Judentum komplett aus.« So steht es in Ijoma Mangolds Stein-Porträt »Religion ist kein Wunschkonzert«, und dies ist der einzige Satz in diesem Artikel, der nicht zutreffend ist. Ich habe das so auch nicht gesagt, vielmehr: »Jüdischkeit spielte in meinem Elternhaus absolut keine Rolle.«
Jüdische Identität hat aus nahe liegenden Gründen viel mit der Frage zu tun, ob man überhaupt jüdisch ist. Und diese Frage ist – gerade in unserer Zeit und in diesem Land – mitunter schwieriger zu beantworten, als man annehmen möchte. Denn das jüdische wie das deutsche Verhältnis zu dieser Frage ist nach der Shoah und bis heute ein – um es gelinde zu sagen – neurotisch belastetes, wenn nicht Schlimmeres.
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Im Rückspiegel: Die Sprache der Schöpfung (I) (14. 06. 2009)
Tags: Benjamin Stein • Ijoma Mangold • Ausser der Reihe
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2. Juni 2010
••• Da Jan Faktors neuer Roman die unsittliche Länge von 636 1/2 Seiten hat, werde ich wohl noch eine Weile brauchen, bis ich mehr darüber schreiben kann. »Georgs Sorgen um die Vergangenheit oder im Reich des heiligen Hodensack-Bimbams von Prag« – das ist jedenfalls mal ein gewichtiger Titel. Und eingetaucht bin ich in Faktors Erzählungen schon allein deswegen liebend gern, weil mich die Frauenwirtschaft, in der Georg in Prag aufwächst, angenehm an die Marková-Frauendynastie aus dem »Alphabet des Juda Liva« erinnert.
Eine Passage will ich, wenn ich auch noch 437 1/2 Seiten vor mir habe, doch gleich mit den Turmseglern teilen. Sie stammt aus dem Kapitel über Georgs »Hauptgroßmutter Lizzy«, die eine echte Optimistin war.
Wenn sie krank war, ließ sie sich nicht gern von anderen bedienen, sie pflegte sich am liebsten allein – leise, unauffällig, sie klagte nie. Um ihre Genesung voranzubringen, badete sie so lange im heißen Wasser, bis sie im Gesicht rot wurde wie ein Krebs – und am nächsten Tag war sie in der Regel tatsächlich wieder gesund und voller Optimismus. Ihren Optimismus versuchte sie sowieso in jeder Lebenslage zu wahren. Auch ihr erster Eindruck von Auschwitz war seinerzeit – trotz einiger Auffälligkeiten – nicht der schlechteste. Nach einem kurzen Blick aus der Fensterluke sagte sie zu ihren Töchtern noch im Viehwaggon:
- Hier wird es gut sein.
Wow! Da musste ich erst einmal absetzen.
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Im Rückspiegel: Die Sprache der Schöpfung (I) (14. 06. 2009)
Tags: Jan Faktor • Prosa
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1. Juni 2010
••• Stefan Berkholz bespricht heute auf WDR3 »Die Leinwand«. Die Buchrezensionen von WDR3 kann man übrigens via Podcast abonnieren. Unter dem Motto »Radio zum Mitnehmen« bietet der Sender sogar eine ganze Reihe spezieller Podcasts an: Design, Musik, Theater, Kunst, Kino – da ist für jeden etwas dabei.
Stefan Berkholz über »Die Leinwand«
WDR3 am 1. Juni 2010
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Im Rückspiegel: Gone Fishing (02. 06. 2009)
Tags: Stefan Berkholz • Die Leinwand
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30. Mai 2010

Blick von der (neuen) Fußgängerbrücke entlang des Kanals in Richtung der Brücke, die noch heute zur einzigen Einfahrt zum Ortsteil führt
••• Vor zwei Wochen habe ich mit einem Freund einen Rechercheausflug unternommen, den wir schon im letzten Herbst geplant hatten. Wir waren dann vom frühen Schnee überrascht worden und mussten den Ausflug verschieben.
Besagter Freund hat an diesem idyllisch anmutenden Ort als Kind gelebt. Der malerische Eindruck jedoch täuscht. Der Kanal markierte eine Grenze. Der Ort war mit hohen Zäunen umgeben. Lediglich eine Zufahrtstraße führte über die damals einzige Kanalbrücke hinein in den Wolfratshausener Ortsteil Waldram, der früher Föhrenwald hieß, während des »Dritten Reiches« ein Zwangsarbeitslager und nach 1945 ein sogenanntes »DP Camp« war, ein Lager, in dem »Displaced Persons« auf ihre Ausreise aus Deutschland warteten, zu der es in vielen Fällen nie kam.

Blick aus dem Ort auf die einzige Einfahrt zum ehemaligen DP Camp. Außen zu erkennen das Andreaskreuz. Dort verlaufen die Schienen, über die damals die Transporte das Arbeitslager und spätere DP Camp erreichten.
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Im Rückspiegel: Gone Fishing (02. 06. 2009)
Tags: Diamond District
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