Ganz gleich, wie sehr man sich verweigert, wie lange und wie stark man angekämpft hat gegen den Impuls, etwas bestimmtes zu tun – im Augenblick unmittelbar nach einer unvermeidlichen Tat wird man immer erstaunt sein, wie leicht es doch war, wie schnell geschehen und wie wenig letztendlich dazu gehörte, die Grenze zu überschreiten. Es war schwierig, ein gigantisches Hindernis, unvorstellbar zu überwinden – bevor es getan war. Sekunden später nur ist es nur noch banal.
Ich habe den Koffer geöffnet und ausgepackt.
••• Jan Wechsler bin natürlich nicht ich. Das ist nur ein Zitat.
Wenn mir wirklich jemand am Zeug flicken will und mir den Koffer untergejubelt hat, ist es allemal besser, ihn zu öffnen und mir Gewissheit zu verschaffen. Zurückgeben kann ich ihn ohnehin nicht mehr. Die Fluggesellschaft meint, beweisen zu können, ich selbst hätte ihn in Tel Aviv am Checkin-Schalter aufgegeben. Der Adressanhänger, der nun wirklich aussieht, als hätte ich selbst ihn beschriftet, spricht auch nicht gerade für meine Version, ihn noch nie zuvor gesehen, geschweige denn selbst gepackt zu haben. Und wäre das alles auch nicht der Fall, wäre es doch heute – Monate, nachdem der Kurier mir den Koffer zugestellt und mein Nachbar Molina den Empfang quittiert hat – ganz sicher für jede Reklamation zu spät.
Heda! ihr -
Herrschaften!
Freunde des Entsetzens,
des Läster-Grauens,
Verbrechens,
Gemetzels, -
das Schlimmste
entging euch bei all dem Getue:
mein Antlitz
im Zustand
vollendeter
Ruhe.
••• Fehler passieren leider, auch die unangenehmsten. Nur durch einen Zufall fiel heute auf, dass das Bestellformular der Edition Neue Moderne seit Inbetriebnahme der neuen Website nicht funktioniert. Wer immer seither Bücher des neuen Programms über diesen Weg bestellt hat, wartet nun vergeblich auf Zusendung der Bücher. Die Benachrichtigung über die Bestellung kam nie bei mir an.
Das Problem ist behoben. Wer bislang noch ohne Nachricht auf Zusendung seiner Edition-Bestellung wartet, sollte erneut bestellen. Davon nicht betroffen sind jene Leser, die via Shopping Cart / Paypal bestellt und bereits für die Bücher bezahlt haben.
Der zweite Pilotenkoffer, den ich nachweislich besessen habe, war ein Geschenk meiner Mutter anlässlich der Gründung meines Verlages.
Du wirst ja nun wieder viel fliegen müssen, meinte sie, als sie mir das Geschenk überreichte, eher besorgt als begeistert.
Ich weiß nicht, aus welchen Quellen meine Mutter ihre Informationen über den gewöhnlichen Alltag eines Verlegers bezog. Welchen Jet-Setter auch immer sie da vor Augen gehabt haben mochte, um den Inhaber eines literarischen Kleinverlages kann es sich unmöglich gehandelt haben. Aber mütterliche Fürsorge hat bekanntlich nicht nur eine unendliche Halbwertzeit; sich gegen sie aufzulehnen, ist darüber hinaus so vergeblich wie ein Kampf mit Naturgewalten. Sachliche Argumentation führt höchstens zu Komplikationen. Immerhin geht es in einem solchen Fall um hehre mütterliche Gefühle, die man besser nicht durch kleinliche Einwände verletzt.
••• Zufällig entdeckt: Wer sich in Sachen Verslehre ein wenig Auffrischung holen möchte, kann dies auf dem Weblog des “Friedrichshainer Autorenkreises” tun. Das Blog selbst ist leider durch penetrante Flash-Werbung in der Lesbarkeit eingeschränkt, nicht aber die Poetik-Sektion, in der sich die Artikel zu allen möglichen Varianten von Reim und Versmaß finden.
Was ist ein Blankvers? Puhh. Ich hätte es nicht mehr gewusst.
Ein Problem war das nicht, denn wenige Tage später kündigte ich meine Stelle bei der Zeitschrift, weil…
Das ist nun wirklich merkwürdig; und ich würde lügen, behauptete ich, nicht beunruhigt zu sein. Tatsächlich kann ich mich im Moment nicht erinnern, warum ich damals gekündigt habe.
Warum wollte ich – noch dazu ausgerechnet nach dieser Amerika-Reise – nicht mehr als Redakteur arbeiten? Ich weiß es nicht. Ich muss sogar einräumen, dass ich augenblicklich allenfalls annehme, selbst gekündigt zu haben. Sicher bin ich mir nicht.
Wahr ist, dass ich bereits zweimal in meinem bisherigen Leben einen ganz ähnlichen Koffer besessen habe. Den einen legte ich mir zu, kurz nachdem ich meine erste feste Stelle als Redakteur bei einer Monatszeitschrift angenommen hatte. Das ist unterdessen gute fünfzehn Jahre her; aber ich erinnere mich noch genau an den Kauf.
••• LaTortuga vermutet, ich wüsste nicht, was sich in besagtem Koffer befindet. O doch, denn er ist, wie man leicht erkennen kann, offen. Auch dass er tatsächlich bereits länger herumgestanden hat, lässt sich nicht leugnen. Man beachte den Staub.
Der Autor dieser “Autobiographischen Fiktionen”, als Sohn protestantischer Missionare aus der Schweiz in Brasilien geboren und aufgewachsen, wandert nach 17 Jahren Zwischenaufenthalt in der Schweiz wieder nach Brasilien aus. Die Rückkehr ins Land seiner Kindheit weckt Erinnerungen. Es ist ein Wiedereintauchen in eine andere Sprache, ein anderes Land und auch eine Wiedebegegnung mit der starken religiösen Prägung, von der er sich über Jahre in einem nicht schmerzfreien Prozess emanzipiert zu haben meinte. Viele bewältigt geglaubte Konflikte brechen erneut auf, da ihnen am früheren Ort des Geschehens nicht mehr ausgewichen werden kann.
Die neue Geographie, so scheint es, erfordert auch eine neue Biographie. Inspiriert von der Form der bekenntnishaften Kolumnen, die Nelson Rodrigues in den Jahren 1967/68 unter dem Titel “A Cabra Vadia” (Die herrenlose Ziege) in Brasilien veröffentlichte, macht sich der Autor daran, seine Biographie aus den Bruchstücken der Erinnerung zu rekonstruieren. Jedes Erzählen aber, so wird schnell deutlich, ist ein Neuerfinden, die erzählte Person wie auch ihre Biographie letzlich eine Fiktion. Die literarische Figur des Autors in diesem Buch trägt nur zufällig den gleichen Namen wie der Autor.