Manuskriptvernichtung

21. Februar 2007

••• Dass ich ein notorischer Manuskriptvernichter bin, habe ich ja schon erwähnt. Der letzten Aktion dieser Art – im März 2003, als ein Umzug in eine sehr kleine Wohnung anstand – fiel nahezu alles zum Opfer, was ich bis dahin geschrieben hatte. Aufgehoben habe ich die Manuskripte und Zettelkästen des “Alphabet” und des “Libellenflügel”, ersteres, weil es erschienen war, letzteres, weil ich auf den Trümmern dieses Manuskripts einen neuen Roman bauen wollte. Ebenfalls überlebt haben: ein unspielbares Theaterstück (in ca. 5 Evolutionsstufen), an die 15 Gedichte und zwei Erzählungen.

Warum ich die Erzählungen aufgehoben habe, kann ich nicht genau sagen. Vielleicht lag es an den persönlichen Erinnerungen, die daran hingen.

Jetzt steht wieder ein Umzug an, diesmal in eine Wohnung sehr “angemessener Grösse”. Wir sind schon beim Verpacken von Hausrat und Büchern. Und unvermeidlicherweise kommen mir da auch die Zettelkästen in die Hand und die Erzählungen. Die eine davon, werde ich ab heute in fünf Tagesfortsetzungen hier bringen.

Sollen die turmsegelnden Leser entscheiden, ob sie zurecht überlebt hat.

Bodenständig

20. Februar 2007

••• Nachdem mir letztens Madame Modeste eine Portion Heimweh verpasst hat, habe ich mich ja – wie im Beitrag angekündigt – durch die Blogrolls dieser sehr literarischen Community gehangelt und schliesslich den Überblick verloren, von wem ich zu wem gekommen bin. Insofern kann ich meinen Weg zur Bodenständigkeit nicht mehr nachvollziehen. Den zur neuen Bodenständigkeit hingegen schon. Ich kam von der Bodenständigkeit geradenwegs zur neuen Bodenständigkeit, denn die sind irgendwie verwandt, verbandelt ein bisschen artähnlich, aber doch nicht zu sehr.


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Hyperfiction

20. Februar 2007

••• Aus einem Grund, den ich heute noch nicht entschleiern mag, kommt mir ein Ticker auf Petra Öllingers Literaturwerkstatt-Blog wie gerufen: Knapp zusammengestellt eine Sammlung von Links zu Essays, Interviews und sonstigen Betrachtungen zum Thema Literatur im Kontext des Hyperlinks. Während die Inhalte den Zeitaufwand zu lohnen scheinen, ist dennoch Vorsicht geboten beim Ansteuern der Seiten. Soviel grafische und textuelle Scheusslichkeiten auf einem Haufen sind mir lange nicht mehr untergekommen. Gab es da nicht irgendwo eine Browser-Option, um alle Hintergrundbilder und Formatierungen abzuschalten…

Ende August

20. Februar 2007

Natural Architecture - © 2003-2007 ~eigenart@deviantart.com

Mit weißen Bäuchen hängen die toten Fische
zwischen Entengrütze und Schilf.
Die Krähen haben Flügel, dem Tod zu entrinnen.
Manchmal weiß ich, daß Gott
am meisten sich sorgt um das Dasein der Schnecke.
Er baut ihr ein Haus. Uns aber liebt er nicht.

Eine weiße Staubfahne zieht am Abend der Omnibus,
wenn er die Fußballmannschaft heimfährt.
Der Mond glänzt im Weidengestrüpp,
vereint mit dem Abendstern.
Wie nahe bist du, Unsterblichkeit, im Fledermausflügel,
im Scheinwerfer-Augenpaar,
das den Hügel herab sich naht.

Günter Eich, aus: “Botschaften des Regens”
© Suhrkamp Verlag 1955

Ich glaube nicht an den lieben Gott. Wie käme ich dazu. Auch an Vorbestimmung glaube ich nicht; es gibt nichts, was unser Leben lenkt. Alles, was geschieht, geschieht rein zufällig, außer, wir haben es entsprechend eingerichtet. Manchmal kommt es dann trotzdem ganz anders und manchmal haben wir Glück. Und manchmal beides zusammen.

••• So beginnt Petra Hofmanns Erzählung “Ach, mein Joseph”, die ich in der letztens hier besprochenen Ausgabe von “entwürfe” gelesen habe. “Uns aber liebt er nicht”, lässt sich das Ich bei Günter Eich vernehmen, das also die Existenz Gottes selbst nicht gleich leugnet.

Ich teile weder die eine noch die andere Ansicht und finde doch in beiden etwas Wahrhaftiges. Eingangs des täglichen jüdischen Hauptgebets, der “Sch’mone Essre”, heisst es: G’tt, gross, mächtig und furchtbar

Von lieb ist keine Rede.


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Schlußstück

19. Februar 2007

Der Tod ist groß.
Wir sind die Seinen,
lachenden Munds.
Wenn wir uns mitten im Leben meinen,
wagt er zu weinen
mitten in uns.

Rainer Maria Rilke

••• Da wir beim Thema sind… Heute lese ich einen Essay von Rabbiner Maurice Lamm über Sterbebegleitung. Und was lese ich da?

Während die Stunde der Dämmerung in der äusseren Natur leuchtende und unvergessliche Szenen hervorbringt, ist sie bei den Menschen meist grau und bleich, ein Dunst, der von der aufkommenden Finsternis verschluckt wird. Dies müsste nicht so sein. Nach dem anfänglichen Trauma sollte das Sterben als eine Stille empfunden werden, eine gelassene Heiterkeit, ein Zusammenkommen aller Ereignisse des Lebens, ein Schlussstrich, der alles zusammenfasst, ein bisher nicht gekannter Friede. Der unablässige Druck, “es zu schaffen”, der Drang nach immer mehr Besitz entfallen. Nun gibt es keinen Ruhm mehr zu ernten, keine unerreichbaren Ziele mehr zu erreichen, keine kleinlichen Machtpositionen mehr zu ergattern. Kein berühmtes Vorbild muss mehr nachgeahmt, niemand mehr beeindruckt werden. Keine Spiele sind mehr zu spielen. [...] Der Patient am Lebensende kann sich endlich loslösen von allem, was nicht mehr unmittelbar zu seinem eigenen Selbst gehört. Er kann lieben, wen er lieben möchte, es gibt keine Hintergedanken mehr. Er ist allein mit seinem Sinn und seiner Seele, mit seinen Erinnerungen, seinem Glauben und seinen Werten. [...] Es mag das erste Mal sein, dass er es sich leisten kann, in Reinheit und in völliger Aufrichtigkeit mit seinem eigenen Selbst zu leben.

Der Gedanke lohnt, ob dieser Zustand nicht auch zu erreichen wäre, bevor wir dem Tod ins Auge schauen müssen. Das wäre ein Leben.