Die Leinwand

Ein Spiegelkabinett mit zwei Eingängen. Hinter beiden Buchdeckeln beginnt je eine Geschichte. Genau in der Mitte kommt es zur Konfrontation, treffen die beiden Erzähler, Amnon Zichroni und Jan Wechsler, aufeinander.

Amnon Zichroni besitzt die Fähigkeit, Erinnerungen anderer Menschen nachzuerleben. Geboren in Jerusalem und streng jüdisch erzogen, studiert er in den USA und lässt sich in Zürich als Analytiker nieder. Dort begegnet er dem Geigenbauer Minsky, den er ermuntert, seine traumatische Kindheit in einem NS-Vernichtungslager schreibend zu verarbeiten. Beider Existenz steht auf dem Spiel, als der Journalist Jan Wechsler behauptet, das Minsky-Buch sei reine Fiktion …

Zehn Jahre später wird eben diesem Jan Wechsler ein Koffer zugestellt, der ihm bei einer Reise nach Israel verloren gegangen sein soll – doch Wechsler kann sich an den Koffer nicht erinnern. Auf den Spuren fragwürdig gewordener Erinnerungen reist er nach Israel und gerät in ein Verhör. Tatsächlich, stellt sich heraus, ist er schon einmal dort gewesen, und sein damaliger Gastgeber, Amnon Zichroni, gilt seither als vermisst …

Ein faszinierender, spannender Roman über die Unzuverlässigkeit unserer Erinnerungen und das Ringen um Identität. Meisterhaft konstruiert – und als Buch zum Wenden zugleich eine Liebeserklärung an das Medium Buch.

Online-Lesung


Online-Lesung aus »Die Leinwand (Jan Wechsler)« – Video: © zehnseiten.de
Die vollständige Lesung ist »» hier zu finden.

Veranstaltungen

Reaktionen

  • NDR Kultur, 27.01.2010

    Stein ist bisher noch kein Name im deutschen Literaturbetrieb. Sein nun erscheinender fulminanter Roman »Die Leinwand« allerdings dürfte das ändern. Derart pointiert und empathisch schreibt der 39-Jährige. (Knut Cordsen)

  • »Die Vorleser«, ZDF, 05. 02. 2010

    Wir können Ihnen dieses Buch wirklich heiß ans Herz legen: Es ist unglaublich spannend, auch unterhaltsam und witzig geschrieben. Und wenn man es gelesen hat, am Ende, wird einem bewußt, welche wirklich tiefen Themen da verhandelt wurden: Was ist Wahrheit? Was ist Erinnerung? Wer sind wir, die wir uns erinnern? Sind wir die, die wir zu sein glauben? Das ist mal wirklich was ganz Besonderes. (Amelie Fried)

  • »Ein kühnes Paradoxon: die Dekonstruktion mit den Mitteln der Spiritualität«, Glanz & Elend – Magazin für Literatur und Zeitkritik, 06. 02. 2010

    Benjamin Stein hat ein kluges Buch geschrieben. Es ist fast fehlerlos gebaut und ungeheuer komplex. Die zahlreichen Exkurse – vor allen das Judentum betreffend – sind farbig erzählt und bei aller Liebe zum Detail niemals ermüdend. Stein schreibt leicht und virtuos ohne auch nur jemals in Gefahr zu laufen, ins Seichte abzugleiten. (Lothar Struck)

  • »Jüdische Zeitung« 02/2010

    Benjamin Stein hat mit seinem Roman »Die Leinwand« ein absolut fesselndes Stück Literatur geschaffen, das sich in seiner außergewöhnlichen Vielschichtigkeit und sprachlichen Eleganz kaum auf ein bestimmtes Genre festlegen lässt und ebenso als literarischer Krimi wie als psychologischer Entwicklungsroman gelten kann. (Florian Hunger)

  • »Verwirrstück mit zwei Einstiegen«, Die Berliner Literaturkritik, 15. 02. 2010

    Die Raffinesse von Steins bravourös konstruiertem Verwirrstück liegt [...] in der Einbeziehung des Lesers, der die Leserichtung selbst bestimmen kann. Der experimentelle Stil fordert zum Wenden, Blättern und Vergleichen der beiden Erzählperspektiven auf. Damit ist »Die Leinwand« auch eine Liebeserklärung an das Medium Buch. (Julian Mieth)

  • »Gegenfüßler auf schwankendem Boden«, »Süddeutsche Zeitung«, 22. 02. 2010

    Es ist ein Januskopf von einem Buch: Egal, wie herum man es wendet, es kehrt einem immer das Gesicht zu. (Burkhard Müller)

  • »Jennys Leseecke«, 28. 02. 2010

    Es gibt Bücher, die liest man, bespricht man und vergisst man. Es gibt Bücher, die liest man, man bespricht sie ausführlich, weil sie einen Eindruck hinterlassen und behält sie in guter oder schlechter Erinnerung. Und dann gibt es Bücher, die können nicht einfach besprochen werden, weil sie so beeindruckend sind, weil sie so viel vermitteln, dass man eine ganze Weile braucht, um überhaupt zu verstehen, was einem geboten wurde. Und um ein solches Buch handelt es sich bei „Die Leinwand“ von Benjamin Stein. (Jennifer Wojcik)

Bestellmöglichkeiten

… und vergessen Sie bitte nicht die freundlichen Buchhändler(innen) in den Buchhandlungen in Ihrer Nähe!

Dokumente

Die Leinwand: Erste Notizen während der ersten Recherchereise nach Israel
Erste Notizen während der ersten Recherchereise nach Israel
Die Arbeit an der »Leinwand« wurde hier im Blog von der ersten Idee über die Recherchereisen, frühe Text- und Tonproben und die Zusammenarbeit mit Agentin und Lektor bis zur finalen Gestaltung und dem Zusammentreffen mit den Buchhandelsvertretern dokumentiert. Die Beiträge sind unter der Rubrik »Die Leinwand« zusammengefasst, blogtypisch in umgekehrt chronologischer Folge.

Leseproben

Amnon Zichroni

Benjamin Stein: Die Leinwand - Amnon Zichroni Ich glaubte lange Zeit, ich hätte so etwas wie einen sechsten Sinn. Nicht, dass ich tote Menschen sah oder etwas Vergleichbares, das man für übernatürlich hätte halten können. Es war eher das Gegenteil der Fall. Ich meinte, ein Gespür zu haben für das wirklich Vitale in Menschen, ein Gespür dafür, was sie antrieb oder hinderte, etwas zu tun, für jenen Kern in ihnen, den sie selbst in einem offenen Moment vielleicht als ihr Ich bezeichnet hätten.

Was einen Menschen ausmacht, steht ihm nicht ins Gesicht geschrieben. Es lässt sich nicht dem Klang seiner Stimme ablauschen. Man kann es nicht riechen und schmeckt es nicht einmal aus dem Tropfen Schweiß auf der Schläfe im Augenblick der Angst. Wollte man sich auf Berührungen verlassen, wäre man ganz verloren, denn Tastender und Berührter vermischen sich in der Berührung, und man kann nie sagen, ob man nicht mehr von sich selbst wahrnimmt in einem solchen Moment als von dem Menschen, den man zu erkennen hofft. Auch eine Mischung aus alldem ist es nicht.

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Jan Wechsler

Benjamin Stein: Die Leinwand - Jan Wechsler Für gewöhnlich öffnen wir am Schabbes nicht die Tür, wenn es läutet. Familie und Freunde würden nicht klingeln. Sie wären angemeldet und würden, um die vereinbarte Zeit herum, auf der gegenüberliegenden Straßenseite warten, so dass man sie vom Fenster aus sehen und nach unten gehen kann, um sie ins Haus zu lassen.

Das hat der Ewige geschickt eingefädelt: Beim Essen und am Schabbes merkt man, dass man unter Fremden lebt, im Exil. Die katholischen Nachbarn hängen keine Wäsche auf am heiligen Sonntag, würden sich aber kaum davon abhalten lassen, einen Brief zu schreiben oder nach der Messe mit dem Auto ins Grüne zu fahren. Die Studenten aus der WG eine Treppe tiefer haben von Gott, fürchte ich, nur eine ganz ungefähre Ahnung. In deutschen Großstädten ist er nicht wirklich in Mode. Von einem, der so ausgefeilte, einschränkende Forderungen an Menschen stellt wie Schabbes zu halten, will man hier heute lieber nichts Genaueres wissen.

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21 Reaktionen zu “Die Leinwand”

  1. Connie Müller-Gödecke

    Schauen Sie mal hier.

    Sie haben dort eine sehr fundierte, umfassende Rezension!

  2. Benjamin Stein

    Danke für den Hinweis. Ich werde Links zu Online-Reaktionen oben im Beitrag einfügen.

  3. Connie Müller-Gödecke

    Habe gerade gesehen, daß Sie auch Hamburg lesend aufsuchen werden.. na das schreibe ich doch sofort in den Kalender

  4. Isabella Borgward

    Hallo,

    dass Ihr Protagonist den Roman von Michael Bulgakow in einer Nacht gelesen hat, ist schwer nachvollziehbar. Hat er 12 Augen? Immerhin hat das Taschenbuch 520 Seiten.

    Bin noch am Lesen Ihres Buches und bin ziemlich aufgeregt. Noch 1/3, dann werd ich mich äußern.

    Gruß aus Berlin

  5. Benjamin Stein

    @Isabella: Er hat den Roman an einem Sommertag gelesen, vom frühen Vormittag bis Sonnenuntergang. Das kann man schon schaffen, wenn man so ausgehungert ist nach Dichtung wie der junge Zichroni. :-)

  6. ksklein

    @Connie Müller-Gödecke: Mir geistert die ganze Zeit Dein Name im Kopf herum. Die Jazzband! Stimmts?

    @IsabellaBorgward: Auch ein toller Name. Fast so schön wie ein Cadillac ´59. ;)

  7. Isabella Borgward

    Lieber Herr Stein, bei Hunger schlingt Mann, ok. Wie sind Sie auf Wilkomirski gekommen?

    @ksklein
    Das Auto war noch schöner. Mein Vater es Anfang der 50er Jahre besessen und war es auch.

    Best from Berlin

  8. Benjamin Stein

    @Isabella Borgward: Ich habe ihn 1995 kennengelernt und war von dem Geschehen, das folgte, sehr bestürzt.

  9. Isabella Borgward

    Lieber Herr Stein, antwortet hier ein Ghost? Es ist selten, dass man ein feetback bekommt. Wieviel Benjamin Stein steckt in Jan Wechsler?

    Best from Berlin

  10. Benjamin Stein

    Wieviel Benjamin Stein steckt in Jan Wechsler?

    Das wird auf ewig ein Geheimnis bleiben. Mit gleichem Recht könnten Sie übrigens fragen, wieviel Benjamin Stein in Amnon Zichroni, Eli Rothstein oder Nathan Bollag steckt…

  11. Isabella Borgward

    OK. Also doch alles ein fake! Damit muss man leben. Es muss auch furchtbar sein, orhthodoxer Jude zu sein. Die ganze Trennerei mit den Schüssel beim Essen ist ja furchtbar. und die vielen Kleingkeiten, die man umgehen kann :-)

  12. Benjamin Stein

    Also doch alles ein fake!

    Netter Versuch :-) Wer dieses Weblog ein wenig verfolgt hat, kann sich schon eher ein Urteil bilden. Die Figuren in der »Leinwand« sind Figuren, wenn auch hier und da Elemente tatsächlicher Biographien verwoben sind. Ich würde sagen, der Autor und sein Leben stecken in vielen Figuren dieses Romans.

  13. Isabella Borgward

    Nun habe ich den Roman ausgelesen und bin etwas irritiert.

  14. Benjamin Stein

    Das wundert mich nicht. Gute Literatur sollte irritieren. Genießen Sie die Wirkung. Möglicherweise ist sie in Ihrem Fall besonders stark, weil Sie sich einer falschen Identität bedienen, um hier zu kommentieren. Und nach der Lektüre der »Leinwand« müssen Sie zumindest annehmen, dass »geborgte Kleider« nicht auf Dauer verschleiern können, wer Sie wirklich sind.

  15. Isabella Borgward

    Das ist lediglich ein account, wie ihn jede/r hier und im weltweiten web benutzt.

  16. WT

    Ihr Buchhändler empfiehlt – Benjamin Stein: “Die Leinwand”. Immer freitags sprechen wir mit Buchhändlern aus ganz Deutschland. Von ihnen wollen wir wissen, wie sie Neuerscheinungen und aktuelle Entwicklungen auf dem Buchmarkt einschätzen. Heute mit Steffen Beutel vom “Buchladen am Kopernikusplatz” in Nürnberg. Deutschlandradio Kultur, Kritik.

  17. Gegenfüßler auf schwankendem Boden « Turmsegler

    [...] auf schwankendem Boden 22. Februar 2010 ••• Ausführliche Besprechung der »Leinwand« durch Burkhard Müller in der heutigen »Süddeutschen«. Das freut natürlich. Wenn [...]

  18. »Die Leinwand« auf der Leipziger Buchmesse « Turmsegler

    [...] »Die Leinwand« auf der Leipziger Buchmesse 23. Februar 2010 ••• Auch »Die Leinwand« werde ich in Leipzig vorstellen. Es wird eine Lesung, Podiumsgespräche und eine Signierstunde [...]

  19. Susann

    Lieber Benjamin, heute habe ich mir endlich “Die Leinwand” gekauft, um mich angemessen auf unser Treffen nächste Woche vorbereiten zu können. (Wobei es beim Veranstaltungsmotto “Lügen und unzuverlässige Erinnerung” auch interessant wäre, nur so zu tun, als hätte ich es gelesen. Oder ein ganz falsches Buch zu nehmen.) Jedenfalls freu ich mich – auf dein Buch, auf dich und auf unseren Abend in Köln!

  20. Benjamin Stein

    Liebe Susan, dass Du hier vorbeischaust, freut mich besonders. Als ich Dein Buch lesen wollte, war es noch nicht lieferbar. Unterdessen ist es immerhin zu mir unterwegs, so dass ich schwer hoffe, ebenfalls nicht unvorbereitet zu unserer gemeinsamen Lesung zu kommen, auf die ich mich ebenfalls schon sehr freue. Es wird meine erste Lesung seit vielen Jahren sein…

  21. Bitter im Mund « Turmsegler

    [...] eine sehr bestimmte Ahnung, dass ich es auch mögen würde. »Bitter im Mund« ist – wie »Die Leinwand« im Verlag C.H.Beck erschienen, und aus diesem Grund konnte ich in der Verlagsvorschau, in der auch [...]

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