Archiv der Kategorie 'Poetik'

Wo Tendenz ist

Montag, den 14. April 2008

Ein Gastbeitrag von

••• Bei einem dichterischen Produkt ist Neuheit Vorbedingung. Das Material an Worten und Wortzusammenstellungen, das sich dem Dichter bietet, muss umgearbeitet werden. Wenn zur Versfabrikation Wortschrott verwendet wird, muss er sich in genauer Übereinstimmung mit der Menge des neuen Rohstoffes befinden. Von der Quantität und Qualität dieses Neuen wird es abhängen, ob eine solche Legierung Gebrauchswert besitzt.

Neuheit setzt selbstverständlich nicht das dauernde Aussprechen welterschütternder Entdeckungen voraus. Jambus, freier Vers, Alliteration, Assonanz werden nicht jeden Tag neu geschaffen. Auch ihre Fortentwicklung, Vertiefung, Verbreitung bietet Arbeitsmöglichkeiten.


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Mathematiker oder Addierer

Samstag, den 12. April 2008

Ein Gastbeitrag von

••• Noch einmal mache ich sehr entschieden den Vorbehalt: Ich gebe keinerlei Regeln, wie man Dichter werden, wie man Verse schreiben soll. Solche Regeln gibt es überhaupt nicht. Dichter heißt gerade einer, der diese Regeln für die Dichtkunst schafft. Zum hundertsten Male führe ich mein bis zum Überdruss bekanntes Beispiel an.

Ein Mathematiker ist ein Mensch, der mathematische Regeln schafft, ergänzt, entwickelt, der einen neuen Beitrag zur mathematischen Wissenschaft liefert. Der Mann, der als erster die Formel »2+2=4« fand, ist ein großer Mathematiker, selbst dann, wenn er diese Wahrheit aus der Addition von je zwei Zigarettenstummeln gewonnen hat. Alle Nachfolgenden, mögen sie auch unendlich größere Dinge addiert haben, zum Beispiel eine Lokomotive und noch eine Lokomotive – alle diese Leute sind keine Mathematiker. Diese Feststellung setzt keineswegs die Arbeit desjenigen herab, der die Lokomotiven zusammenzählt. Seine Arbeit kann in Tagen einer Transportkrise hundertmal wertvoller sein als ein nackter arithmetischer Lehrsatz.


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Wie macht man Verse?

Freitag, den 11. April 2008

Ein Gastbeitrag von

••• Über dieses Thema muss ich schreiben.

In zahlreichen literarischen Diskussionen, im Gespräch mit jungen Mitarbeitern verschiedener Schriftstellerverbände (RAP, TAP, PAP und wie sie alle heißen mögen), bei der Auseinandersetzung mit Kritikern war ich oft gezwungen, die alte Lehre von der Dichtkunst wenn nicht umzustoßen, so doch mindestens zu diskreditieren. Der völlig unschuldigen alten Dichtkunst selbst haben wir natürlich kaum ein Haar gekrümmt. (Sie bekam nur etwas ab, wenn allzu eifrige Verteidiger des alten Krempels vor der neuen Kunst hinter den breiten Rücken der Denkmäler Deckung suchten.)

Umgekehrt: indem wir die Denkmäler von ihren Piedestalen herunterholten und sie geräuschvoll hin und her zerrten, haben wir den Lesern erst die »Großen« von einer völlig unbekannten, noch unerforschten Seite gezeigt.

Kinder (junge literarische Richtungen ebenfalls) interessieren sich immer dafür, wie das Schaukelpferd von innen aussieht. Nach den Bemühungen der »Formalisten« liegen die Eingeweide der papiernen Rösser und Elefanten offen zutage. Sollten die Pferde dabei einigen Schaden davongetragen haben – Entschuldigung! Mit der Poesie der Vergangenheit herumzustreiten, ist nicht unseres Amtes sie ist für uns Lehrstoff.


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Gastkolumne

Freitag, den 11. April 2008

Wladimir Majakowski••• Einen Gastbeitrag ganz besonderer Art kann ich heute ankündigen. Es handelt sich sogar um eine Reihe von Gastbeiträgen, also gewissermaßen eine Gastkolumne.

Das Thema ist schwergewichtig: Was ist Dichtung? Und: Wie schreibt man Verse? Dass ich keinen Zweifel daran hege, dass der Kolumnist uns Wesentliches zu sagen haben wird, das wird nicht verwundern, wenn ich den Namen des Autors nenne: .

Er hat übrigens zugesagt, sich an allfälligen Diskussionen hier im Turmsegler zu beteiligen.

Das Sonett als Förmchen

Mittwoch, den 19. Dezember 2007

••• In der die letzten beiden Tage hier hitzig geführten Debatte um A. N. Herbsts 1. Poetikvorlesung und meine Kritik schrieb A. N. Herbst in seinem Kommentar:

Sie halten Form für Design. Ein Sonett, und das wissen Sie nun am besten, ist aber kein Design eines Gedichtes, sondern die Form, die sich ein Ausdruck notwendig sucht.

Ich erwiderte:

Was genau ist ein Sonett mehr als Design?

Und der Frage, dachte nicht nur ich, sollte nachgeforscht werden. Dirk Schröder hat den Ball umgehend aufgenommen und bemerkt zu der Frage auf hor.de in seinem Beitrag “In den öden Fensterhöhlen”:

Für mich ist das Sonett keine Form. Sondern ein Förmchen. Ich bin kein Prokrustes, dem alles ins Bett passen muss. Aus einer Form wird ein Förmchen, wenn ihre äußerlichen, vom Werk ablösbaren Bestandteile kopiert werden. Das ist sinnvoll im Rahmen von Spielsituationen und hilfreich beim Erlernen eines verbindlichen Repertoires performativer Künste, Tanz, Chorlied usw. Es macht auch Spaß, mit Förmchen zu spielen, wie mit Grammatik, Wörtern etc. Es geht mir im Gedicht um Rhythmus. Den geben Förmchen als Instantlösung. Damit kann ich bloß Witze machen (nicht ungern), ich will sprechen mit dem Gedicht - den Förmchen aber folgen die Gedanken wie sonst dem Reim, nur etwas komplexer. Das ist genau dann angemessen, wenn das Sonett vom Sonett spricht.

Dirk Schröders Blog ist mir - leider sehr spät - erst durch diese Debatte aufgefallen. Da werde ich noch einiges an Lektüre nachholen müssen. Damit das auch ja nicht in Vergessenheit gerät, schiebe ich hor.de “Auf die Rolle”.

A. N. Herbst zu “Fallen im Kopf”

Dienstag, den 18. Dezember 2007

••• Ich freue mich sehr, dass A. N. Herbst nun doch noch Zeit gefunden hat, auf die Kritik zu seiner 1. Heidelberger Vorlesung einzugehen. Er tut dies ausführlich und widmet sich auch den bereits aufgelaufenen Kommentaren zum Beitrag.

So umfangreich fällt seine Erwiderung aus, dass ich sie gern als Beitrag hier gesehen hätte. Da sich die Erwiderung nun jedoch in den Kommentaren findet, möchte ich an dieser Stelle ausdrücklich auf sie hinweisen.

Hamburger Dogma

Donnerstag, den 6. Dezember 2007
  1. Adjektive sollen vermieden werden.
  2. Gefühle sollen nicht benannt, sondern dargestellt werden.
  3. Gebrauchte Metaphern sind verboten.
  4. Es muß im Präsens geschrieben werden.
  5. Ein Satz hat nicht mehr als fünfzehn Worte.
  6. Die Perspektive darf nicht gewechselt werden.
  7. Der allwissende Erzähler ist tot.
  8. Jeder Text, der das Hamburger Dogma erfüllt, soll vom Autor als solcher gekennzeichnet werden.

via: Lou A. Probsthayn

••• Aufmerksam geworden bin ich auf das “Hamburger Dogma” über ein Interview mit und in der aktuellen Ausgabe von EDIT (Papier für neue Texte), eine weitere Literaturzeitschrift, über die noch zu berichten sein wird. Von EDIT hinwiederum erfuhr ich aus der Bio-Bibliographie von Ulrike A. Sandig, die seit kurzem zum Redaktionsteam eben dieser Zeitschrift aus Leipzig gehört.


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Teramaschine und Poesie

Donnerstag, den 29. November 2007

Aus der Perspektive der Teramaschine, die keine Außenstehenden akzeptiert, ist Lyrik total daneben […] „Wie kommt man eigentlich dazu, Gedichte zu schreiben?“ […] „Man kommt selten dazu.“ Und man kommt nur dazu, wenn man es so weit kommen lässt. Für einen Menschen, der wie die Teramaschine tickt, wird es dazu nie kommen.

Lars-Arvid Brischke, in:
„Das Weltbewegende der Lyrik von heute“
BELLA Triste Nr. 19


BELLA triste Nr. 19
••• Die jüngste Ausgabe von BELLA Triste, über deren Sonderausgabe zur deutschen Gegenwartslyrik ich hier vor einigen Monaten geschrieben habe, wartet erneut mit einem Dossier zur Lyrik-Debatte auf. Unter den Essays, die zum Teil Erwiderungen auf Beiträge anderer Autoren in der Sonderausgabe sind, findet sich auch ein Beitrag von . Er trägt den Titel „Das Weltbewegende der Lyrik von heute“. Und nach meinem Empfinden umreisst Brischke in diesem Beitrag phantastisch, was sicher auch die Einlassungen von A. N. Herbst (in seiner Poetikvorlesung) sowie von Michael Perkampus in Kommentaren zu meiner Kritik an eben dieser Vorlesung im Subtext mit sich führen: das ambivalente Verhältnis zwischen Markt (bei Brischke die Teramaschine) und Dichtung (bei Brischke ganz auf Lyrik beschränkt).


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Fallen im Kopf

Freitag, den 23. November 2007

••• Als ich A. N. Herbsts 1. Heidelberger Vorlesung „Arbeit in der sterbenden Schriftkultur ist Arbeit am Sterben der Schriftkultur“ las, stand ich noch stark unter dem Eindruck seines ungemein gelungenen Vortrags „Das Weblog als Dichtung“. Letzteren hielt er 2005 im Rahmen des Symposions „Literatur und Strom“ im Literaturhaus Stuttgart, und ich hatte ihn unmittelbar vor der Heidelberger Lektüre mehrfach redaktionell durchzugehen, da er in der gerade in Vorbereitung befindlichen „spatien“-Buchsonderausgabe „Literarische Weblogs“ erscheinen soll.

In seinem Stuttgarter Vortrag entwickelt Herbst mit Verve und phantastischem Beispiel eine Ästhetik des literarischen Webloggens, die nicht nur den resultierenden Text sondern auch die Prozesse seines Entstehens als Kunstwerk postuliert. Die Abgrenzung zu anderen Regionen der vielfältigen Blogosphäre wird gesehen in der Reflektiertheit des öffentlichen Geschehens im Blog, aus der sich nicht nur bestimmte spezifische Formen ergeben, sondern aus der eine eigenständige Poetik in Gestalt einer Theorie des literarischen Bloggens entsteht.

Mit dem Versuch einer Abgrenzung beginnt Herbst auch seine Heidelberger Poetik-Vorlesungen, indem er die eigentlich schon ad acta gelegte Begrifflichkeit von U (Unterhaltung) und E (Ernsthaftigkeit) reanimiert und versucht, die Grenze zwischen beidem im Formellen auszumachen. Obendrein reklamiert er für die (nicht nur literarische) Kunst entschieden einen Platz in der exklusiven, dem Massenmarkt abgewandten, Nische. An seinen Ausführungen reizt mich einiges zum Ein- und Widerspruch.


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Herbst in Heidelberg

Sonntag, den 18. November 2007

Liebe ist nicht lernbar, und übertragbar nur dann, wenn etwas da ist, auf das eine Über­tragung wirken kann.

Alban Nikolai Herbst, in: “Heidelberger Vorlesungen” (I)

••• Der Herbst in Heidelberg ist schön. Ich weiss das aus erster Hand. Diesen Herbst fördert der Herbst in Heidelberg aber auch das Nachdenken über Dichtung. “Arbeit in der sterbenden Schriftkultur ist Arbeit am Sterben der Schriftkultur” titelt A. N. Herbst über seiner ersten Heidelberger Poetik-Vorlesung. Und es ist abzusehen, dass darüber viel und kontrovers diskutiert werden wird.

Ich entdecke mich dabei, dass ich aller zwei Sätze stecken bleibe und mich festhake an einer Sentenz wie der oben zitierten. Ja, hat er denn recht? (Als wenn es darauf ankäme!)

Wer immer heute hier vorbeikommt, um nach Dichtung zu schauen, möge doch bitte dieses Mal gleich wieder gehen und sich in ANHs virtuellen Hörsaal setzen, um sich selbst ein Bild zu machen. Ich selbst werde sicher demnächst noch darauf zurückkommen, wenn ich meine assoziativen Umwege zu Ende gegangen bin und - beispielsweise - klarer sehe in der Frage, ob Liebe lernbar sei oder nicht.

Und damit ich nicht vergesse, wo man sich bereits eifrig auslässt über Herbsts ersten Heidelberger Auftritt, notiere ich es mir hier:

Lockbuch
hor.de
p.-s Veranda