Archiv der Kategorie 'Poetik'

Die Sprache der Schöpfung (II)

Dienstag, den 30. Juni 2009

Ein Gastbeitrag von Markus A. Hediger

In Genesis 1 geht der Schöpfer nach einem formvollendeten Plan vor, so penibel durchstrukturiert, dass sich seine Perfektion und – möchte man fast sagen – Symmetrie sogar in der Struktur seiner sprachlichen Überlieferung niederschlägt. Gott geht weniger wie ein Künstler, als vielmehr wie ein Ingenieur vor, der einem genauen Bauplan folgt.

  • Er beschließt, was er erschaffen will und sagt es an (»Und Gott sprach«)
  • Er setzt sein Vorhaben um (»Und Gott machte«, »schuf« etc.)
  • Er beurteilt sein Werk (»Und Gott sah, dass es gut war«)

Ein durchdachtes, vollkommenes Kunstwerk also, sorgfältig orchestriert sowohl in seiner Entstehung als auch in seiner Vollendung, in das Gott am sechsten Tag den Menschen da hineinsetzt. Es ist genauso geworden, wie er es sich vorgestellt hatte, als er die ersten Worte sprach und das Licht erschuf.

Und dennoch geht etwas schief. Irgendetwas funktioniert nicht so, wie es sollte. Weshalb sonst sollte der Schöpfer sich nur wenige Zeilen später veranlasst sehen, erneut seine Hände in die Erde zu senken und die Welt ein zweites Mal zu erschaffen?

Was war es, was eine »Überarbeitung« der Schöpfung notwendig machte?


Den ganzen Beitrag lesen »

Phidias und Praxtiteles

Sonntag, den 21. Juni 2009

… im Rückblick auf eine jüngere Geschichte besinnen wir uns darauf, dass Skulpturen im antiken Griechenland erst relativ spät signiert wurden, während es zuvor keine Signaturen gab. Bis dahin dokumentierten die Bildhauer noch nicht: »Das ist mein Werk!« Als Phidias und Praxiteles später zu signieren begannen, setzten sie sich selbst in Szene: »Das habe ich geschaffen!« Etwas schaffen und das zu betonen sind zweierlei, wie unsere Kultur beweist, in der vor lauter Urhebern keine Werke mehr entstehen.

, aus: »Was ist Erkennen?«

Mitfühlende Menschlichkeit

Dienstag, den 16. Juni 2009

Jean-Marie Gustave Le Clézio (2008)
Jean-Marie Gustave Le Clézio (2008)

Literatur im 21. Jahrhundert ist der einzige Ort, das Andere zu verstehen, denn Literatur meint mitfühlende Menschlichkeit. Ich habe hier nicht die christliche Botschaft im Sinn. Ich meine die Fähigkeit, andere zu verstehen, und das Bewusstsein, mit ihnen verbunden zu sein. Um mitfühlen zu können jedoch, sollte man in der Lage sein, die Condition humaine zu begreifen, die Perspektive einer anderen Kultur zu verstehen, die Bedeutungslosigkeit von »Fremdheit« zu sehen.

Jean-Marie Gustave Le Clézio
im Interview mit Michael Skafidas
vom »Global Viewpoint« auf welt.de

••• Allein folgender Satz lässt schon aufhorchen: »Als Schriftsteller muss man bescheiden sein.« Das hört man auch nicht jeden Autor sagen.

Ich persönlich mag die Zukunft nicht

Montag, den 15. Juni 2009

Humberto Maturana
Humberto Maturana

Ich persönlich mag die Zukunft nicht, da ich sie nicht kenne. In Chile kam einmal eine Zigeunerin auf mich zu und fragte: »Darf ich Ihnen aus der Hand lesen? Ich kann weissagen.« Ich sagte: »Gnädige Frau, bitte lassen Sie meine Zukunft Zukunft bleiben, denn ich möchte in der Gegenwart möglichst wenig darüber wisssen.« Daraufhin lobte sie mich als einen klugen Menschen.

Humberto Maturana

••• Im April war ich für ein Wochenende in Berlin. Beim Sonntagsbrunch traf sich meine Abiturklasse - zum ersten Mal nach 20 Jahren. Wiedergetroffen habe ich dort auch einen Schulfreund, mit dem ich damals schon oft und angeregt diskutiert habe - über »Gott und die Welt«, wie man so sagt. Wir waren umgehend wieder im besten Gespräch, als hätten wir den Austausch nur kurz unterbrochen.

Einige Tage vor dem Urlaub erreichte mich ein Päckchen von ihm mit Büchern von . Das war mit Abstand die interessanteste Urlaubslektüre, die ich je mit auf Reisen genommen habe. Dabei ist Maturana nicht etwa Dichter, sondern - Biologe.

Worum drehen sich Maturanas Thesen? Die Welt, in der wir leben, könnte man subsumieren, ist nicht außerhalb, nicht unabhängig von uns; wir erschaffen sie gemeinsam im Prozess des Erkennens und im Verwandeln der Erkenntnis in Sprache. Realität finden wir nicht »draußen«; vielmehr entsteht sie im Auge des Betrachters. Bewußtsein schließlich findet nicht im Gehirn statt (das keineswegs, wie gern angenommen, mit verlässlichen sinnlichen Repräsentationen einer »objektiven, realen« Außenwelt operiert), sondern in den Beziehungen der Menschen untereinander.

Maturanas Ideen von der Autopoiese aller »lebenden Systeme« mit all ihren Implikationen werden mich noch eine Weile beschäftigen.

In Oxford ist was los

Dienstag, den 26. Mai 2009

••• Das 300 Jahre alte und höchst angesehene Amt des Oxford professor of poetry war jüngst neu zu besetzen. Und es wurde mit härtesten Bandagen gekämpft. Zunächst wurde der Favorit Derek Walcott aus dem Rennen geschlagen - und zwar mit einer anonym initiierten Kampagne, die an unerfreuliche, sexuell gefärbte Ereignisse seines Vorlebens erinnerte. Walcott verzichtete auf die Kandidatur, und die Mitbewerberin Ruth Padel wurde auf den ehrenwerten Posten gewählt. Nun trat auch sie nach nur wenigen Tagen zurück, denn es wurde ruchbar, dass sie höhstselbst die Informationen gestreut hatte

Wat ne schmutzige Nummer! Aber da ist was los in Oxford, das muss man schon sagen.

The writer’s guide to making a digital living

Samstag, den 9. Mai 2009

The writer’s guide to making a digital living

••• Australien ist ein Paradies für Autoren oder wird es zumindest bald sein. So jedenfalls behauptet es obiges Video. Das Geheimnis dieses unvermeidlichen Erfolgs der Autoren »down under« ist der »Writer’s guide to making a digital living«, der glücklicherweise nicht nur als Buch, sondern auch online verfügbar ist. Ein Klick in die interaktive Karte des Literatur-Universums zeigt auf, wie vielfältig für einen heutigen Autor die Möglichkeiten der digital-literarischen Ausdrucksmöglichkeiten sind. Ich war erstaunt.

Nun zähle ich wohl nicht zur Zielgruppe dieser Publikation, denn ich muss einräumen, dass ich ein Verfechter des altmodischen Buches als Literaturbehältnis bin. Ich bin durchaus für Experimente zu haben, wie »Die Leinwand« beweisen wird, aber es sind Experimente mit dem Medium Buch. Weder treibt es mich, meinen Lebensunterhalt mit Literatur zu verdienen (beim Gedanke, schreiben zu müssen, um die Miete zahlen zu können, wird mir schlagartig unwohl), noch treibt es mich, all jene in diesem Wegweiser vorgestellten Varianten der Online-Publikation zu erproben. Andere Autoren mögen das aber ganz anders sehen, und mancher Versuch in diesen neueren Medien ist sicher auch formal interessant, also im Hinblick auf die Frage, welche Rückwirkung die Form auf den Inhalt haben mag.

Generation iPod

Sonntag, den 29. März 2009

••• Endlich bringt jemand auf den Punkt, was mir seit Monaten im Kopf umhergeistert: Wie lange wird es noch Romane geben?

if:book ist ein Blog-Projekt des »Institute for the Future of the Book«. Sebastian Mary schreibt dort vor einigen Tagen über eBooks. Dabei geht es ihm nicht um die Frage, ob eBooks nun gut seien oder nicht. Es gibt sie, und sie werden ein regulärer Bestandteil der Literaturlandschaft werden. Aber Mary zieht einen Vergleich zwischen Literatur und Musikindustrie und illustriert seinen Gedanken am Beispiel des iPod: Die Frage sei nicht, ob und wie komfortabel man auf eBook-Readern längere Prosa lesen kann; die Frage sei vielmehr, ob die längere Prosa noch eine Zukunft hat.

It makes economic sense to sell LPs or CDs at a runtime of 60-odd minutes. It makes economic sense to sell books of around 80,000 words. But music for iPods can be sold song by song. So, extrapolating from this to an iPod for reading, what is the written equivalent of a single song? In a word (or 300), belles lettres.


Den ganzen Beitrag lesen »

Rashomon-Effekt (II)

Freitag, den 27. März 2009

••• Der Begriff des Rashomon-Effekts lässt sich - bedenke ich es recht - doch nicht auf die »monologische Methode« anwenden. In der Erzählung »In a Grove« von Akutagawa erzählen die am fraglichen Geschehen beteiligten Personen zwar jeweils Ihre Version des Verbrechens. Sie alle aber - zumindest alle außer einer/m - lügen, und zwar aus gesellschaftlichem Druck heraus. Sie erzählen vom Geschehenen die jeweils einzig mögliche Version, die es ihnen erlaubt, ihr Gesicht zu wahren. Gerade dieser Umstand macht »In a Grove« so bedeutsam. Während Akutagawa auf diese Weise gesellschaftliche Normen thematisiert (ohne sie explizit zur Sprache zu bringen!), interessiert mich mehr die psychologische Dimension, die Weltsicht des Einzelnen, des Subjekts. Gibt es hier Lüge, ist sie unbewusst. Wie groß ist die Diskrepanz zwischen Spiegelbild und Gespiegeltem?

Rashomon-Effekt

Donnerstag, den 26. März 2009


Rashomon – Verfilmung nach zwei Erzählungen von

••• Meine ans Ideologische grenzende Begeisterung für die »monologische Methode« – in zwei unterschiedlichen Ausprägungen exerziert sowohl im »Anderen Blau« als auch in der »Leinwand« - beruht auf dem subjektiven Wirklichkeitsverständnis, das notgedrungen aus ihr resultiert. Was ich bis eben nicht wusste: Es gibt einen Begriff dafür.

The Rashomon effect is the effect of the subjectivity of perception on recollection, by which observers of an event are able to produce substantially different but equally plausible accounts of it. A useful demonstration of this principle in scientific understanding can be found in the article “The Rashomon Effect: When Ethnographers Disagree,” by Karl G. Heider (American Anthropologist, March 1988, Vol. 90 No. 1, pp. 73-81).

It is named for Akira Kurosawa’s film Rashomon, in which a crime witnessed by four individuals is described in four mutually contradictory ways. The film is based on two short stories by Ryūnosuke Akutagawa, “Rashōmon” (for the setting) and “Yabu no naka”, otherwise known as “In a Grove” (for the story line).

Darauf gestoßen bin ich, weil ich den Link zur Roshomon-Verfilmung gesucht habe, den ich irgendwo in den Untiefen des Turmseglers vergraben zu haben meinte. Gefunden habe ich den Link zu dem frei online zugänglichen Film bei der Herzdame und liefere ihn nun hier nach.

Reue und Buße

Freitag, den 13. März 2009

The most unnoticed of all miracles is the miracle of repentance. It is not the same as rebirth; it is transformation, creation. In the dimension of time there is no going back. But the power of repentance causes time to be created backward and allows re-creation of the past to take place. Through the forgiving hand of God, harm and blemish which we have committed against the world and against ourselves will be extinguished, transformed into salvation.

Abraham Joshua Heschel
aus: »The Meaning of Repentance« (1936)
in: »Moral Grandeur and Spiritual Audacity«
Farrar Straus & Giroux, New York, 1996

••• Ich zitiere hier Heschel nach , der eben diese Passage in seinem aktuellen Beitrag zu Nabokovs »Lolita« bringt. Myers Beitrag sollte man unbedingt lesen. Er ist brilliant, Myers Prämisse unmissverständlich im Eingangssatz formuliert:

Lolita is the greatest novel ever written in English, because alone among English-language novels it is the enactment of a moral experience.

Das ist ein interessanter Ausgangspunkt. Wieder einmal legt uns die andere Sprache (das Englische) hier einen Stein in den Verständnisweg. Was Myers als »repentance« beschreibt, kann zu Deutsch Reue oder Buße heißen. Zwischen beiden Worten besteht jedoch ein dramatischer semantischer Unterschied: Reue ist nicht zwingend tätig, Buße hingegen schon. Und im Sinne von Myers These gehe ich davon aus, dass die tätige Reue gemeint sein muss, zumal Heschel von »repentance« im Sinne des Begriffs der »Umkehr« (Teschuva) spricht: Reue, Bekennen und Wiedergutmachung gehören hier untrennbar zusammen.

Worin der Unterschied zwischen Teschuva und bspw. bloßer Entschuldigung besteht, erläutert Myers in einem Follow-Up zum o. g. »Lolita«-Beitrag (Pull out his eyes, Apologize, Apologize), gespickt mit Textbeispielen aus der englischsprachigen Literatur.