Archiv der Kategorie 'Lyrik'

ER

Dienstag, den 5. Dezember 2006

Wir heben Gräber in die Luft und siedeln
Mit Weib und Kind an dem gebotnen Ort.
Wir schaufeln fleißig, und die andern fiedeln,
Man schafft ein Grab und fährt im Tanzen fort.

Er will, daß über diese Därme dreister
Der Bogen strenge wie sein Antlitz streicht:
Spielt sanft vom Tod, er ist ein deutscher Meister,
Der durch die Lande als ein Nebel schleicht.

Und wenn die Dämmrung blutig quillt am Abend,
Öffn’ ich nachzehrend den verbissnen Mund,
Ein Haus für alle in die Lüfte grabend:
Breit wie der Sarg, schmal wie die Todesstund.

Er spielt im Haus mit Schlangen, dräut und dichtet,
In Deutschland dämmert es wie Gretchens Haar.
Das Grab in Wolken wird nicht eng gerichtet:
Da weit der Tod ein deutscher Meister war.

Immanuel Weissglas (1920-1979)

••• Immanuel Weissglas war ein Schulfreund Paul Celans. Er gehört zum Phänomen der Dichtergruppe aus Czernowitz, die viele, bemerkenswerte jüdische Dichter hervorbrachte. Einen Band von ihm konnte ich bislang nicht auftreiben. Für sachdienliche Hinweise auf einen solchen wäre ich dankbar.

Eigentlich wollte ich heute an dieser Stelle über Celans “Todesfuge” schreiben, über musikalische Mittel und Kompositionstechniken in der Dichtung. Das sei kurz aufgeschoben. Das Gedicht von Weissglas entstand vor der “Todesfuge” und enthält viele der poetischen Bausteine, aus denen Celan vermutlich seine Fuge in Versen komponierte.

Ein Vergleich lohnt sich. (Stay tuned.)

Ein Blatt fällt

Sonntag, den 3. Dezember 2006

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e. e. cummings, aus: “Complete Poems 1904-1962″
Liveright Publishing, 1994

••• Nein, ganz leicht macht es uns e. e. cummings hier nicht. Für all jene, die hier ein Silbenrätsel vermuten – und die sich dessen auch sicher nicht zu schämen brauchen – hier eine Übertragung des Textes in die Ebene:

l(a leaf falls)onliness

Und als Versuch einer Übertragung ins Deutsche:

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Dazu noch der Versuch der deutschen Übertragung, nun ebenfalls in die Ebene übersetzt:

e(ein blatt fällt)insamkeit

Natürlich gehört dieses Gedicht von oben nach unten gesetzt. Die Buchstaben zeichnen den Fall des Blattes nach. Das macht es dem Leser nicht eben leichter, aber ein wenig Versenkung darf schon abverlangt werden. Schliesslich wird man mit der vielleicht sparsamsten Möglichkeit, alles über ein fallendes Blatt zu sagen, belohnt. Oder – wie man es nehmen mag – mit einer der intensivsten und treffendsten Beschreibungen eines elementaren menschlichen Gefühls.

Der Tod wird kommen…

Samstag, den 2. Dezember 2006

Der Tod wird kommen und deine Augen haben,
der Tod, der uns begleitet
von morgens bis abends, schlaflos,
dumpf, wie ein alter Gewissensbiß
oder ein törichtes Laster. Und deine Augen
werden ein leeres Wort sein,
ein verschwiegener Schrei, ein Schweigen.
So siehst du sie jeden Morgen,
wenn du dich über dich neigst, mit dir allein
im Spiegel. O teuere Hoffnung,
an jenem Tage werden auch wir es wissen,
daß du das Leben bist und das Nichts.

Für alle hat der Tod einen Blick.
Der Tod wird kommen und deine Augen haben.
Das wird sein wie das Ablegen eines Lasters,
wie wenn man ein totes Gesicht
wieder auftauchen sieht im Spiegel,
oder auf eine verschlossene Lippe horcht.
Wir werden stumm in den Strudel steigen.

Cesare Pavese, geschrieben 1950,
wenige Wochen vor seinem Freitod
Nachdichtung: Oswalt von Nostitz

••• Von Cesare Pavese wird auf diesen Seiten noch häufiger die Rede sein. Kaum ein Dichter hat mich so stark beeinflusst wie er. Und das gilt für seine Gedichte ebenso wie für die Erzählungen und Kurzromane und die betrachtenden Überlegungen zur Poetik, die er in seinen Tagebüchern “Das Handwerk des Lebens” anstellt.

Pavese ist für mich als Autor eine Liebe ohne Enttäuschungen. Wenn ich ehrlich bin, habe ich diese Liebe allerdings seit vielen Jahren nicht mehr auf die Probe gestellt. Abgesehen von den Gedichten, die mich immer begleitet haben, stehen die meisten seiner Werke schon lange unberührt im Regal. Vielleicht habe ich ein wenig Angst, dass seine Romane wie etwa “Junger Mond” heute doch nicht mehr das gleiche Echo in mir auslösen würden wie zu jener Zeit, als ich sie zum ersten Mal las: mit 17. Und ist es nicht zu wahrscheinlich, dass meine Auffassungen zur Poetik von seinen heute deutlich abweichen? Aber spielt das für Zuneigung und Verehrung eine Rolle?

Zornig war ich, dass er das Leben nicht mehr ertragen konnte und gegangen ist, obwohl es doch für ihn sicher noch vieles zu sagen gegeben hätte.

Nicht Worte. Eine Geste. Ich werde nicht mehr schreiben.

So lautet die letzte Eintragung in seinem Tagebuch vom 17. August 1950. Nur zehn Tage später starb er in Turin an einer Überdosis Schlaftabletten.

Lyrik stand am Beginn seiner literarischen Produktion. Und auch am Ende seines Lebens standen Gedichte. Wer sich mit Pavese bekannt machen möchte, sollte mit den Gedichten beginnen. Wie am Anfang schon erwähnt: Auf diesen Seiten wird von ihm noch häufiger die Rede sein.

Mutter

Freitag, den 1. Dezember 2006

Ich trage dich wie eine Wunde
auf meiner Stirn, die sich nicht schließt.
Sie schmerzt nicht immer. Und es fließt
das Herz sich nicht draus tot.
Nur manchmal plötzlich bin ich blind und spüre
Blut im Munde.

Gottfried Benn, aus: “Das Jahrhundertwerk. Sämtliche Gedichte / Künstlerische Prosa”
© 2006 Klett-Cotta

••• Hier stimmt doch etwas nicht, dachte ich immer.

Ich trage dich wie eine Wunde
auf meiner Stirn, die sich nicht schließt.

Warum dieser scheinbar verbogene Satzbau, der Relativsatz folgend auf Stirn statt auf Wunde, um die es doch wohl geht? Warum heisst es nicht etwa:

Ich trage dich auf meiner Stirn
wie eine Wunde, die sich nicht mehr schließt.

Das bedeutet eine Änderung am Versmass. Der Melodie des Textes schadet dies jedoch nicht. Doch Moment – in der Frage liegt womöglich schon die Antwort. Was schmerzt? Woraus fliesst das Herz sich nicht tot? Ist es die Wunde, oder ist es die Stirn? Die Mutter oder das Ich? Der Text lässt beide Varianten zu und die Entscheidung offen.

So gibt es keine Anklage oder Selbstanklage in diesem Text. Beide, Mutter und Sohn, halten den Konflikt lebendig. So wenig, wie die Wunde sich schliessen mag, will das Ich aufgeben, die offene Stirn auszustellen. Da das Ich aber berichtet und – sei es auch nur durch einen widerborstigen Satzbau – erkennen lässt, dass die Natur des Konflikts durchschaut ist, besteht Hoffnung.

Das Ich ist eigentlich schon dabei, sich aus der Umklammerung zu lösen. Es ist sehend geworden. Überstanden allerdings ist es noch nicht, denn …

… manchmal plötzlich bin ich blind und spüre
Blut im Munde.

Der Panther

Donnerstag, den 30. November 2006

Im Jardin des Plantes, Paris

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, daß er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille -
und hört im Herzen auf zu sein.

Rainer-Maria Rilke (1875-1926)
aus: “Die Gedichte”
© Insel Verlag 1998

••• Mein kleines Land. In dem Land, aus dem ich komme, war alles klein: der Horizont, die Möglichkeiten und vor allem die Bürger.

Das vorherrschende Gefühl meiner Jugend war Enge, Beschränktsein. Die Ursache dafür lag nicht in den verminten Grenzstreifen und dem Stacheldraht, die den Weg in Richtung Westen versperrten. Es lag mehr an der eigentümlichen Gesellschaft, der es gelang, in diesem kleinen, beschränkten Biotop die Welt zu sehen.

Ich nahm teil am Literaturkurs unseres Abiturjahrgangs. Wenigstens mit der Nase im Buch versuchten wir, unseren Horizont zu erweitern. Wir lasen Salinger, ja sogar Kerouac, und kamen uns dabei schon subversiv vor. Als einer meiner Freunde Rilkes Panther entdeckte und uns vorlas, erkannten wir alle uns wieder. Steckte nicht in uns allen diese Kraft? Und fürchteten wir nicht alle, sie würde sich eines Tages totlaufen im Käfig, hinter tausend Gitterstäben, die unser kleines Land umgrenzten und hinter denen wir die wirkliche Welt vermuteten?

Wir waren uns unserer selbst nicht sicher.