ER
Dienstag, den 5. Dezember 2006Wir heben Gräber in die Luft und siedeln
Mit Weib und Kind an dem gebotnen Ort.
Wir schaufeln fleißig, und die andern fiedeln,
Man schafft ein Grab und fährt im Tanzen fort.
Er will, daß über diese Därme dreister
Der Bogen strenge wie sein Antlitz streicht:
Spielt sanft vom Tod, er ist ein deutscher Meister,
Der durch die Lande als ein Nebel schleicht.
Und wenn die Dämmrung blutig quillt am Abend,
Öffn’ ich nachzehrend den verbissnen Mund,
Ein Haus für alle in die Lüfte grabend:
Breit wie der Sarg, schmal wie die Todesstund.
Er spielt im Haus mit Schlangen, dräut und dichtet,
In Deutschland dämmert es wie Gretchens Haar.
Das Grab in Wolken wird nicht eng gerichtet:
Da weit der Tod ein deutscher Meister war.
Immanuel Weissglas (1920-1979)
••• Immanuel Weissglas war ein Schulfreund Paul Celans. Er gehört zum Phänomen der Dichtergruppe aus Czernowitz, die viele, bemerkenswerte jüdische Dichter hervorbrachte. Einen Band von ihm konnte ich bislang nicht auftreiben. Für sachdienliche Hinweise auf einen solchen wäre ich dankbar.
Eigentlich wollte ich heute an dieser Stelle über Celans “Todesfuge” schreiben, über musikalische Mittel und Kompositionstechniken in der Dichtung. Das sei kurz aufgeschoben. Das Gedicht von Weissglas entstand vor der “Todesfuge” und enthält viele der poetischen Bausteine, aus denen Celan vermutlich seine Fuge in Versen komponierte.
Ein Vergleich lohnt sich. (Stay tuned.)


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