Archiv der Kategorie 'Lyrik'

Gar nicht nette Sonette

Donnerstag, den 13. März 2008

Luís de Camões
Luís de Camões (1524-1580)

Luís de Camões (1524-1580) gilt dank seiner “Lusiaden” als portugiesischer Nationaldichter, dessen Todestag am 10. Juni als Nationalfeiertag begangen wird. Der Elfenbein Verlag hat nun die Gedichte des Renaissance-Dichters in einer zweisprachigen Ausgabe veröffentlicht, die sich stark an sein Vorbild Petrarca anlehnen, mit Ironie und Sprachwitz diesen aber auch parodieren.

Deutschlandradio Kultur

••• Wirklich preiswert ist diese 1000-Seiten-Edition mit Gedichten des portugiesischen Shakespeare-Zeitgenossen nicht. Glaubt man den Rezensionen haben sich jedoch Übersetzer (Hans-Joachim Schaeffer) und der Verlag mit Erfolg bemüht und eine umfassende zweisprachige Edition des großen Sonettendichters vorgelegt.

Die Engel

Sonntag, den 9. März 2008

Peter Huchel 1964 im Garten seines Hauses am Hubertusweg, Foto: Roger Melis
1964 im Garten seines Hauses am Hubertusweg, Foto: Roger Melis

Ein Rauch,
ein Schatten steht auf,
geht durch das Zimmer,
wo eine Greisin,
den Gänseflügel
in schwacher Hand,
den Sims des Ofens fegt.
Ein Feuer brennt.
Gedenke meiner,
flüstert der Staub.

Novembernebel, Regen, Regen
und Katzenschlaf.
Der Himmel schwarz
und schlammig über dem Fluß.
Aus klaffender Leere fließt die Zeit,
fließt über die Flossen
und Kiemen der Fische
und über die eisigen Augen
der ,
die niederfahren hinter der dünnen Dämmerung,
mit rußigen Schwingen zu den Töchtern Kains.

Ein Rauch,
ein Schatten steht auf,
geht durch das Zimmer.
Ein Feuer brennt.
Gedenke meiner,
flüstert der Staub.

Peter Huchel (1903-1981)
aus: Die Gedichte. suhrkamp taschenbuch
© Suhkamp Verlag 1984, 1997

••• Gestern kamen die “Gesammelten Gedichte” von an. Ich habe wahllos eine Seite aufgeschlagen (206) und gleich dieses starke “Engelsgedicht” gefunden. Huchel mag ja ein wenig “alt” sein und sein Themenkreis vorwiegend beim letzten Weltkrieg und der Nachkriegszeit liegen — aber es ist in jedem Fall eine ganz eigene poetische Stimme, wie ich finde. Diesen Gedichtband von vorn bis hinten durchzusehen, darauf freue ich mich schon.

Auffällig wenig Poesie

Donnerstag, den 6. März 2008

Gab es in der Nachkriegsgeschichte schon einmal ein Jahr, in dem die deutsche Literatur so ausführlich und enthusiastisch gelobt und gefeiert wurde wie im letzten? Der Beifall brandete schon zur Frühjahrsmesse in Leipzig auf, und als die sogenannte long list zu deutschen Buchpreis verkündet wurde - immerhin zwanzig Titel -, hielten die nicht für den Buchpreis tätigen Kritiker noch schnell all die Romane ins Licht, die ihrer Meinung nach unbedingt auf der Liste hätten stehen müssen, so daß der Leser plötzlich eingeschüchtert vor einer Wand aus mehr als vierzig deutschen Romanen verzweifelte. Vierzig gute Romane in einem Jahr?

••• Vierzig gute Romane in einem Jahr? Diese Frage stellt sich Michael Krüger im Geleitwort der Akzente 1/2008. Und er beschreibt ohne viel Drumrum, was übrig sein wird von jenen 40, wenn im Frühjahr die neue Kollektion in die Buchhandlungen gekarrt wird.


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Die Bauern überliefern

Mittwoch, den 5. März 2008

Maserung in Nussbaum-Holz
Maserung in Nussbaum-Holz

Die alten Bauern sagen, daß am Binsenbruch
sie eines Tages des Büdners junge Magd gefunden,
die hing, den Rock kreuzweis mit Bast
eng unter den Knien zusammengebunden,
erwürgt am langen Schultertuch,
wippend am niedern Nußbaumast.

Die alten Bauern sagen, daß seit jenem Tag
kein Pferd das Laub des Nußbaums fressen mag,
und daß das Vieh, wenn es im Umkreis weidet,
den giftigen Schatten dieses Nußbaums meidet.

Die Bauern überliefern, daß sommers in dem Tal
die grünen Raupen fressen die grünen Bäume kahl.

Peter Huchel (1903-1981)
aus: “Gesammelte Werke, Bd. 1, Die Gedichte”
© Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. Main, 1984

••• Ein Nachtrag noch zum Poesiealbum 277 mit Gedichten von Peter Huchel. Das hier, fällt mir auf, wäre beinahe ein Sonett geworden. Beim ersten Lesen fielen mir tatsächlich nicht einmal die Reime auf, so gefangen war ich vom Bild der Magd im Nussbaum. Huchel nimmt es auch nicht so genau mit dem Versmaß. Aber das kann diesem Gedicht nicht das Geringste anhaben.

Schlucht bei Baltschik

Dienstag, den 4. März 2008

Keine Zeit braucht den Dichter so sehr wie diejenige, die ihn entbehren zu können glaubt.

Jean Paul

Poesiealbum 277 - Peter Huchel••• Gestern früh bin ich doch zur Ärztin. Die wollte mich für eine Woche ins Bett stecken. Sowas hört ein Freiberufler nun gar nicht gern. Ich wollte sie auf einen Tag runterhandeln. Gut, ich mach zwei draus und bleibe auch morgen noch im Bett. Das gibt mir nun wenigstens Gelegenheit, die Eingänge der letzten Wochen zu sichten. Da ist viel liegen geblieben, weil ich jede freie Minute am Text der “Leinwand” saß.

Eingetroffen sind zum Beispiel die ersten beiden Hefte des Poesiealbum, das - wie schon früher berichtet - vom Märkischen Verlag Wilhelmshorst seit kurzem wieder herausgegeben wird. Die Aufmachung ist identisch mit jener der früheren 276 Ausgaben. Nur die Erscheinungsweise ist vorerst noch nicht wieder monatlich. Quartalsweise erscheinen die Hefte nun. Aber das ist immerhin ein erfreulicher Neuanfang.


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Haibun

Sonntag, den 2. März 2008

That Smirking Face
That Smirking Face
A collection of Haiku and Haibun
by feat. drawings by

••• Die Herzdame hat wieder einmal etwas Interessantes entdeckt. In einer limitierten Ausgabe von 250 Stück stellt Distant Thunder Press eine Haiku/Haibun-Sammlung von Jeffrey Winke vor. Dabei handelt es sich um einen zweimal gefalteten Karton etwa in der Größe A3, beidseitig bedruckt. Die Illustrationen stammen von Matt M. Cipov.

Winke ist einer der amerikanischen Haiku-Aktivisten. Bereits 1977 zeichnete er als Mitherausgeber verantwortlich für die Third Coast Haiku Anthology, mit der die Form des japanischen Kurzgedichtes in USA zu größerer Bekanntheit gelangte. Winke blieb dem Haiku treu. Sein jüngstes Buch “What’s not there: Selected Haiku” wurde 2002 mit dem Merit Book Award ausgezeichnet.

Der kleinen Sonderedition verdanke ich nun die Bekanntschaft mit einer aus dem Haiku abgeleiteten Textform, die Prosa und Lyrik miteinander verbindet. Ich musste sofort an Sudabeh denken. Denn sie mag die Form des Haiku und ist gerade jüngst wieder sehr aktiv auf ihrem Kurzprosa-Weblog “zehn zeilen”. Der Haibun nun ist eine Verbindung von Kurzprosa und Haiku.

Die Form geht zurück auf den japanischen Haiku-Dichter Bashō (1644-1694), der in seinen Reisetagebüchern (u. a. dem berühmten “Oku no Hosomichi”) Reiseberichte und poetische Momentaufnahmen in Haiku-Form miteinander verband.

Ganz abgesehen von dieser Entdeckung haben mir die Illustrationen von Matt M. Cipov gefallen. Schade, dass es nur so eine winzige Ausgabe ist…

Für des Englischen kundige Turmsegler gibt es jedoch noch eine Online-Leseempfehlung. ist auch im “Quarterly Journal of Contemporary English Language Haibun” vertreten. Viel Spaß beim Stöbern und Entdecken.

Ein Nashorn

Mittwoch, den 27. Februar 2008

••• Heute rezitiert mal meine Tochter (5), und zwar einen Klassiker von . Ich habe mich riesig über diese Aufnahme gefreut, weil die unbändige Freude an dem Vers sich unweigerlich auf den Zuhörer überträgt. Hoffentlich bewahrt sie sich dieses Vergnügen an der Dichtung…

Aaliyah Klein spricht :

Gedächtnisstütze

Montag, den 18. Februar 2008

Haiku - Tattoo
Gefunden im Modblog

Lines to write haiku:
Observations and others
inscriptions about transitoriness.

••• Das nenne ich doch mal eine ernst gemeinte Gedächtnisstütze! Für Romanciers ist diese Variante allerdings weniger geeignet…

El Golem

Freitag, den 15. Februar 2008

: El Golem
Video: Yoleandro Gonzalez
unter Verwendung von Szenen Paul Wegeners Film “Golem”

••• Das war ein Zufallsfund. Dass Borges über den Golem geschrieben hat, war mir tatsächlich neu. Umso mehr freut es mich, dass p.- eine deutsche Übertragung in den Untiefen seiner Bücherregale finden konnte. Vielen Dank dafür.

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Heuchelnder Leser

Freitag, den 8. Februar 2008

Les Fleurs du Mal - Autorenexemplar von Baudelaire
- Autorenexemplar von Baudelaire

Wenn Notzucht, Gift und Dolch und alles Böse
Noch nicht geschmückt mit holder Stickerei
Des Schicksals Grund voll fadem Einerlei,
Dann ist’s, weil unsre Seele ohne Grösse.

••• “An den Leser” (den heuchelnden) — so überschreibt Baudelaire das Abschlussgedicht seiner “Fleurs du Mal”. Heute ist hier die 161. und damit letzte Folge erschienen. Es war eine spannende und wechselvolle Lesereise.