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	<title>Turmsegler &#187; Gastbeiträge</title>
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		<title>Kr&#246;tenwanderung</title>
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		<pubDate>Sun, 26 Jul 2009 19:12:15 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Benjamin Stein</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gastbeiträge]]></category>
		<category><![CDATA[Krötenwanderung]]></category>
		<category><![CDATA[Markus A. Hediger]]></category>

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		<description><![CDATA[&#8226;&#8226;&#8226; Es ist soweit. Markus A. Hediger macht sich zum zweiten Mal auf den One-Way nach Brasilien. Mit den Erfahrungen des »Kr&#246;tenkarneval« und des »TamTam Grand Hotel« im Hinterkopf kommt hierbei keinem das Wort »endg&#252;ltig« leicht &#252;ber die Lippen. Aber Markus w&#228;re nicht der Autor, der er ist, w&#252;rde er sich wortlos auf diese erneute [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>&bull;&bull;&bull; Es ist soweit. Markus A. Hediger macht sich zum zweiten Mal auf den One-Way nach Brasilien. Mit den Erfahrungen des <a href="http://www.amazon.de/Kr&#246;tenkarneval-Markus-Hediger/dp/3952323659/">»Kr&#246;tenkarneval«</a> und des <a href="http://www.amazon.de/Das-TamTam-Grand-Hotel-Erz&#228;hlung/dp/3905846047">»TamTam Grand Hotel«</a> im Hinterkopf kommt hierbei keinem das Wort »endg&#252;ltig« leicht &#252;ber die Lippen. Aber Markus w&#228;re nicht der Autor, der er ist, w&#252;rde er sich wortlos auf diese erneute Reise machen. In den kommenden Monaten d&#252;rfen wir hier im Turmsegler seine Gastkolumne »Kr&#246;tenwanderung« mitverfolgen, deren Beitr&#228;ge hoffentlich eines Tages gesammelt als weiterer Hediger-Band in der <a href="http://edition-neue-moderne.de/">edition neue moderne</a> erscheinen werden. Vor das Buch aber hat der Ewige das Abenteuer des Schreibens gesetzt. Und vor das Schreiben das Leben und Zweifeln. Ich bin gespannt, wie es Markus ergehen wird und wie er uns davon berichtet.</p>
<p>Die »Kr&#246;tenwanderung« kann man hier im Blog oder auch per <a href="http://feeds.feedburner.com/Kroetenwanderung">RSS-Feed</a> verfolgen.</p>
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		<title>Die Sprache der Sch&#246;pfung (III)</title>
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		<pubDate>Tue, 14 Jul 2009 09:31:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Benjamin Stein</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gastbeiträge]]></category>
		<category><![CDATA[Poetik]]></category>
		<category><![CDATA[Markus A. Hediger]]></category>

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		<description><![CDATA[
Ein Gastbeitrag von Markus A. Hediger
&#8226;&#8226;&#8226; Als ich vor einem Jahr meine autobiographischen Fiktionen beendete, ahnte ich nicht, wie sehr sie mein Selbstbild und – als Folge daraus – mein Leben bestimmen w&#252;rden. Ich hatte sie in einem rauschhaften Zustand geschrieben, der wochenlang anhielt und mich taumelnd durch eine pl&#246;tzlich eingetretene oder gefundene Kongruenz zwischen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a title="Klick zum Original" href="http://turmsegler.net/img/2009/markus_a_hediger.jpg"><img src="http://turmsegler.net/img/2009/markus_a_hediger_s.jpg" alt="Markus A. Hediger (im Stande der Unschuld?) &copy; Markus A. Hediger" /></a></p>
<p><small>Ein Gastbeitrag von <a href="http://www.skypaperpress.com/eden/index.php/site/index/" title="Nach Eden">Markus A. Hediger</a></small></p>
<p>&bull;&bull;&bull; Als ich vor einem Jahr meine <a href="http://edition-neue-moderne.de/programm/prosa-inseln/kroetenkarneval/">autobiographischen Fiktionen</a> beendete, ahnte ich nicht, wie sehr sie mein Selbstbild und – als Folge daraus – mein Leben bestimmen w&#252;rden. Ich hatte sie in einem rauschhaften Zustand geschrieben, der wochenlang anhielt und mich taumelnd durch eine pl&#246;tzlich eingetretene oder gefundene Kongruenz zwischen pers&#246;nlicher Geschichte und aktuell Erlebtem tanzen lie&#223;. Sprache wurde zur Musik, die sich selbst sang. Als das B&#252;chlein schlie&#223;lich publiziert war, wollte ich weiterschreiten, weiterarbeiten an meiner Fiktion, aber es gelang mir nicht. Es war, als hielte mich die Welt zur&#252;ck, als zw&#228;nge sie mich zum Stillstand.</p>
<p>Fiktion beschr&#228;nkt sich nicht nur auf das Geschilderte. Teil einer Fiktion ist auch ihre Konstruktion, ist auch ihre Wortwahl, ihr Rhythmus. Fiktion zeichnet sich weniger durch das aus, <i>was sie erz&#228;hlt</i>, sondern durch das <i>Wie</i>.</p>
<p>Ich hatte mein Leben gnadenlos aufrichtig, unerbittlich hart erz&#228;hlt. Was zu jenem Zeitpunkt wahrscheinlich notwendig war, denn zu lange war vieles unerledigt und unaufgearbeitet in meinem Leben liegen geblieben. </p>
<p>Was ich jedoch nicht bedacht hatte: Sprache will wirken. Sprache will in den K&#246;rper. In den auf die Publikation meines B&#252;chleins folgenden Monaten begann diese von mir f&#252;r die Beschreibung meines Lebens ausgew&#228;hlte Sprache folgerichtig mit aller gnadenlosen Aufrichtigkeit und aller unerbittlichen H&#228;rte auf mich einzuschlagen. </p>
<p>Als Gott den Baum der Erkenntnis von Gut und B&#246;se in den Garten Eden setzte und zugleich dem Menschen untersagte, von seiner Frucht zu essen, war es nur eine Frage der Zeit, dass sich eine Hand danach ausstreckte und die Frucht pfl&#252;ckte. Die einzige Form, wie die Sprache eines Verbots ihre Wirkung entfalten kann, ist seine &#220;bertretung. Erst in seiner &#220;bertretung erf&#252;llt sie sich, seine Einhaltung ist lediglich ein zeitlich beschr&#228;nktes Zur&#252;ckhalten jener sprachlichen Macht, die ihre Entfaltung dr&#228;ngend, dr&#228;ngelnd fordert. </p>
<p>Ich will an dieser Stelle nicht auf den m&#246;glichen Sinn dieses Verbots eingehen, noch darauf, was unter »Gut« und »B&#246;se« in diesem Kontext zu verstehen w&#228;re. Die Unf&#228;higkeit, Gut und B&#246;se zu unterscheiden, hei&#223;t es im Text unterschied Gott von den Menschen, bevor sie von der verbotenen Frucht a&#223;en; und die Vehemenz, mit der Gott in Genesis 3 auf die &#220;bertretung seines Verbots reagiert, zeigt, dass ihm doch einiges daran gelegen sein musste. Da stellen sich weitreichende Fragen, die in eine weites theologisch spekulatives Feld f&#252;hren.</p>
<p>Vielmehr m&#246;chte ich mein Augenmerk auf den Ablauf richten, der zum Verbotsbruch f&#252;hrte, und auf die Konsequenzen, die dies nach sich zog. Aus sprachlicher Sicht ein aufschlussreiches Szenario.</p>
<p>Bis zum Auftreten der Schlange hat der Mensch Sprache bislang »nur« dazu verwendet, die Welt, die Gott erschaffen hatte, in eine f&#252;r den Menschen erkennbare Ordnung zu bringen: Er hat den Tieren und Pflanzen Namen gegeben, damit er sie voneinander unterscheiden und zueinander in Beziehung setzen k&#246;nne. Er hat gelernt, dass Sprache sich jedoch nicht dazu eignet, Dinge zu erkennen oder zu erschaffen, die nicht vorhanden sind. Adam gab den Tieren einen Namen, war aber nicht in der Lage, durch diesen Sprachakt eine Gehilfin f&#252;r sich zu erschaffen. </p>
<p>Sprache ist zu diesem Zeitpunkt nur dies: ein Abbild des Existierenden.</p>
<p>Nun aber tritt die Schlange auf und f&#252;hrt eine neue Eigenschaft von Sprache ein: N&#228;mlich die F&#228;higkeit, Wirklichkeit zu hinterfragen und sich auszumalen, was w&#228;re, wenn: </p>
<blockquote><p>
Und die Schlange war listiger denn alle Tiere auf dem Felde, die Gott der <span style="font-variant: small-caps;">Herr</span> gemacht hatte, und sprach zu dem Weibe: Ja, sollte Gott gesagt haben: Ihr sollt nicht essen von den Fr&#252;chten der B&#228;ume im Garten?</p>
<p>Da sprach das Weib zu der Schlange: Wir essen von den Fr&#252;chten der B&#228;ume im Garten; aber von den Fr&#252;chten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: E&#223;t nicht davon, r&#252;hrt&#8217;s auch nicht an, da&#223; ihr nicht sterbt. </p>
<p>Da sprach die Schlange zum Weibe: Ihr werdet mitnichten des Todes sterben; sondern Gott wei&#223;, da&#223;, welches Tages ihr davon e&#223;t, so werden eure Augen aufgetan, und werdet sein wie Gott und wissen, was gut und b&#246;se ist. Und das Weib schaute an, da&#223; von dem Baum gut zu essen w&#228;re und da&#223; er lieblich anzusehen und ein lustiger Baum w&#228;re, weil er klug machte.
</p></blockquote>
<p>Noch bewegt sich alles auf rein sprachlicher Ebene, aber die Handlung, die &#220;bertretung des Verbots, ist hier bereits vorweggenommen: nicht mehr das Verbot steht im Vordergrund, sondern das Verbotene. Der Schleier, den das Verbot &#252;ber die Frucht gelegt hatte, ist gel&#252;ftet, der Blick darauf freigegeben. </p>
<p>Zeichentheoretisch gesehen haben Eva und die Schlange nichts anderes als das Zeichen, dargestellt durch das g&#246;ttliche Verbot, zum Anlass f&#252;r eine interpretative Arbeit zu nehmen: Sie fragen nach den Gr&#252;nden des Verbots und spekulieren &#252;ber die Folgen einer m&#246;glichen &#220;bertretung. Aus dem Verbot wird ein Diskurs. </p>
<p>Eva und die Schlange h&#228;tten sich ewig weiter dar&#252;ber unterhalten k&#246;nnen. Jedes Zeichen (hier das Verbot) kann in weitere Zeichen &#252;bersetzt werden (hier der oben bereits genannte Diskurs &#252;ber die Gr&#252;nde f&#252;r das Verbot), und diese wiederum in weitere Zeichen (Eva und die Schlange h&#228;tten sich &#252;ber die Eigenschaften Gottes unterhalten und sich danach in mystischen Spekulationen verlieren k&#246;nnen) – und so weiter und so fort. In der Zeichentheorie nennt man diese potentiell unbeschr&#228;nkte &#220;bersetzung von Zeichen in andere Zeichen »unendliche Semiose«. </p>
<p>Doch jede Semiose strebt ihrem Ende zu. Sie will keine Unendlichkeit. Die einzige Form jedoch, wie eine Semiose zu ihrem Ende finden kann, besteht darin, die Ebene der Zeichen (hier: der sprachlichen Zeichen) zu verlassen und ins Konkrete zu finden. </p>
<p>Auch Eva kann sich diesem Sog nicht entziehen: Sie greift nach der Frucht, bei&#223;t in sie hinein und reicht Adam die angebissene Leckerei: Sprache ist Handlung geworden.</p>
<p>Nun geschieht das, was Sprache allein nicht bewerkstelligen konnte: Sie werden sich ihrer Nacktheit bewusst und bedecken ihre Scham. Adam und Eva erkennen sich selbst.</p>
<p>Die Aussage dieses Textes ist gewaltig: Nicht Sprache macht den Menschen zu dem, was er ist, sondern sein Tun. Nicht Reflexion f&#252;hrt zu Selbsterkenntnis, sondern eigenm&#228;chtiges, selbstverantwortliches Handeln – welches nat&#252;rlich nicht ohne Folgen bleibt.</p>
<p>Selbsterkenntnis f&#252;hrt in der Sch&#246;pfungsgeschichte in einem ersten Schritt zur Erkenntnis von Unterschiedenheit und Trennung.</p>
<p>Die anschlie&#223;ende »Versto&#223;ung« aus dem Paradies geschieht &#8211; so gesehen &#8211; fast zwangsl&#228;ufig: Der Garten Eden ist eine Sch&#246;pfung Gottes, und darin k&#246;nnen auch nur Gesch&#246;pfe Gottes leben. Durch die Selbsterkenntnis, herbeigef&#252;hrt durch eigenst&#228;ndiges Handeln, ist nun aber eine Trennung zwischen Gott und den Menschen herbeigef&#252;hrt (die Sch&#246;pfung hat sich vom Sch&#246;pfer gel&#246;st), die einen weiteren Aufenthalt im Garten Eden unm&#246;glich macht. Das Gesch&#246;pf muss nun selbst zum Sch&#246;pfer werden und sich seine eigene Welt errichten. Mit der Versto&#223;ung aus dem Paradies in eine unwirtliche Welt beginnt die Sch&#246;pfung des Menschen.</p>
<p>Zum Schluss vielleicht dieses noch: In beiden Sch&#246;pfungsgeschichten scheint es ein Muster f&#252;r den Sch&#246;pfungsprozess zu geben: Am Anfang steht die Sprache, die schlie&#223;lich in einer Handlung m&#252;ndet. In Genesis 1 ist es Gott, der zuerst ank&#252;ndigt, was er erschaffen will. Dann tut er es. In Genesis 2 ist es der Mensch, der allem zuerst eine Sprache gibt, bevor er in der Lage ist, eigenm&#228;chtig zu handeln und selbst in die Sch&#246;pfung einzugreifen. </p>
<p>Wenn ich nun nach Brasilien zur&#252;ckkehre, muss ich eine Sprache finden, die es mir erm&#246;glicht, ein anderes Leben in Rio zu erschaffen. Eine Sprache vielleicht, die weniger die Kongruenz sucht, sondern vielleicht eher auf Assonanzen und Dissonanzen h&#246;rt. Erinnerungen und Gegenwart fallen nicht immer zusammen.</p>
<p>Ich bin nicht, der ich bin.</p>
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		<title>Die Sprache der Sch&#246;pfung (II)</title>
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		<pubDate>Tue, 30 Jun 2009 18:15:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Benjamin Stein</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gastbeiträge]]></category>
		<category><![CDATA[Poetik]]></category>
		<category><![CDATA[Markus A. Hediger]]></category>

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		<description><![CDATA[Ein Gastbeitrag von Markus A. Hediger
In Genesis 1 geht der Sch&#246;pfer nach einem formvollendeten Plan vor, so penibel durchstrukturiert, dass sich seine Perfektion und – m&#246;chte man fast sagen – Symmetrie sogar in der Struktur seiner sprachlichen &#220;berlieferung niederschl&#228;gt. Gott geht weniger wie ein K&#252;nstler, als vielmehr wie ein Ingenieur vor, der einem genauen Bauplan [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><small>Ein Gastbeitrag von <a href="http://www.skypaperpress.com/eden/index.php/site/index/" title="Nach Eden">Markus A. Hediger</a></small></p>
<p>In Genesis 1 geht der Sch&#246;pfer nach einem formvollendeten Plan vor, so penibel durchstrukturiert, dass sich seine Perfektion und – m&#246;chte man fast sagen – Symmetrie sogar in der Struktur seiner sprachlichen &#220;berlieferung niederschl&#228;gt. Gott geht weniger wie ein K&#252;nstler, als vielmehr wie ein Ingenieur vor, der einem genauen Bauplan folgt. </p>
<ul>
<li>Er beschlie&#223;t, was er erschaffen will und sagt es an (»Und Gott sprach«)</li>
<li>Er setzt sein Vorhaben um (»Und Gott machte«, »schuf« etc.)</li>
<li>Er beurteilt sein Werk (»Und Gott sah, dass es gut war«)</li>
</ul>
<p>Ein durchdachtes, vollkommenes Kunstwerk also, sorgf&#228;ltig orchestriert sowohl in seiner Entstehung als auch in seiner Vollendung, in das Gott am sechsten Tag den Menschen da hineinsetzt. Es ist genauso geworden, wie er es sich vorgestellt hatte, als er die ersten Worte sprach und das Licht erschuf. </p>
<p>Und dennoch geht etwas schief. Irgendetwas funktioniert nicht so, wie es sollte. Weshalb sonst sollte der Sch&#246;pfer sich nur wenige Zeilen sp&#228;ter veranlasst sehen, erneut seine H&#228;nde in die Erde zu senken und die Welt ein zweites Mal zu erschaffen? </p>
<p>Was war es, was eine »&#220;berarbeitung« der Sch&#246;pfung notwendig machte? </p>
<p>Vielleicht bringt ein Blick auf das Sch&#246;pfungsvorgehen, wie es in Genesis 2 beschrieben ist, etwas Klarheit in diese Frage. </p>
<p>Die in Genesis 2 erz&#228;hlte Sch&#246;pfungsgeschichte unterscheidet sich in nahezu allen Punkten – auch ganz fundamental im Erz&#228;hltechnischen – von Genesis 1. Zu gro&#223;en Teilen liest sich Genesis 2 wie ein »work in progress«. Da wird von Schritt zu Schritt entschieden, was nun als n&#228;chstes zu tun sei, das im Entstehen begriffene Werk diktiert, was es zu seiner Vollendung ben&#246;tigt. Die Unterschiede zu Genesis 1 sind so zahlreich, dass, sie alle aufzuz&#228;hlen, den Rahmen dieses Beitrags sprengen w&#252;rde. Ich beschr&#228;nke mich hier daher auf die Nennung der – in meinen Augen – zwei wichtigsten:</p>
<h4>1</h4>
<p>Anders als in Genesis 1, wo der Mensch in eine fertige Sch&#246;pfung hinein erschaffen wird, beginnt Gott in Genesis 2 sein Werk mit dem Menschen. Was in der Folge erschaffen wird, wird um den Menschen herum und f&#252;r ihn erschaffen. F&#252;r ihn pflanzt er den Garten, auf seine Bed&#252;rfnisse und seinen Geschmack hin abgestimmt. (So pflanzt Gott der HERR z.B. B&#228;ume, »lustig anzusehen und gut zu essen«.)</p>
<p>Von Anfang an ist der Mensch also Teil der Sch&#246;pfung. Dadurch, dass er von Beginn an »dabei« ist, pr&#228;gt und gestaltet er das &#252;brige Werk mit.</p>
<p>Sch&#246;pfung, hei&#223;t das, vollzieht sich auch durch und in Beziehung zum Gesch&#246;pf. </p>
<h4>2</h4>
<p>In Genesis 2 &#252;berl&#228;sst Gott es dem Menschen, Tieren und V&#246;geln einen Namen zu geben. Und – Gott verfolgt diese »Taufe« mit Neugierde. Es ist jedoch mehr als blo&#223;e Spielerei, in die er den Menschen da hineinzieht. Gem&#228;&#223; biblischem Text geht es bei dieser »Sprach&#252;bung« darum, dass der Mensch eine Gehilfin f&#252;r sich f&#228;nde. Erst als der Mensch allem einen Namen gegeben hat, »aber f&#252;r den Menschen keine Gehilfin gefunden ward«, erst da nimmt Gott eine seiner Rippen und formt daraus die Frau.</p>
<p>Diese Episode ist in zweifacher Hinsicht wenn nicht merk- so doch denkw&#252;rdig: </p>
<ul>
<li>Es ist die Sprache, die der Welt eine Struktur gibt und es dem Menschen erm&#246;glicht, mit ihr in Beziehung zu treten. Erst nachdem der Mensch allem einen Namen gegeben hat, erkennt er, dass in ihr keine Gehilfin zu finden ist. </li>
<li>Die Sprache selbst kann nicht erzaubern, was nicht vorhanden ist. Noch einmal muss Gott Hand anlegen und dem Mann eine Frau zur Seite stellen, damit er ihr einen Namen geben und sie als Gehilfin erkennen kann. </li>
</ul>
<p>Hier wird sehr deutlich, wie zentral die Rolle ist, die Genesis 2 dem Menschen in der Sch&#246;pfung beimisst. Erst durch ihn und sein Mitwirken in ihr wird Gott bewusst, dass die Sch&#246;pfung nicht vollkommen ist. Er muss nachbessern und erschafft die »M&#228;nnin«. </p>
<p>Wie unsicher Gott sich angesichts dieser zweiten Sch&#246;pfung ist, wird deutlich, wenn man sich vor Augen f&#252;hrt, was – verglichen mit der ersten – in dieser Erz&#228;hlung fehlt. </p>
<p>Nicht ein einziges Mal wird in Genesis 2 von Gott gesagt: »Und er sah, dass es gut war.« </p>
<p>Noch ein weiterer Riss geht durch diese zweite Sch&#246;pfung, doch dazu im n&#228;chsten Teil mehr. </p>
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		</item>
		<item>
		<title>Die Sprache der Sch&#246;pfung (I)</title>
		<link>http://turmsegler.net/20090614/die-sprache-der-schoepfung-i/</link>
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		<pubDate>Sun, 14 Jun 2009 21:22:28 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Benjamin Stein</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gastbeiträge]]></category>
		<category><![CDATA[Markus A. Hediger]]></category>

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		<description><![CDATA[Ein Gastbeitrag von Markus A. Hediger
&#8226;&#8226;&#8226; In den beiden Sch&#246;pfungsgeschichten, wie sie in der Bibel zu finden sind, spielt Sprache eine zentrale Rolle. Obwohl die beiden Sch&#246;pfungsberichte (sowohl in den beschriebenen Ereignissen als auch in den angewandten literarischen Stilmitteln) nicht unterschiedlicher sein k&#246;nnten, haben sie doch eines gemeinsam: In beiden dient Sprache in der einen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><small>Ein Gastbeitrag von <a href="http://www.skypaperpress.com/eden/index.php/site/index/" title="Nach Eden">Markus A. Hediger</a></small></p>
<p>&bull;&bull;&bull; In den beiden Sch&#246;pfungsgeschichten, wie sie in der Bibel zu finden sind, spielt Sprache eine zentrale Rolle. Obwohl die beiden Sch&#246;pfungsberichte (sowohl in den beschriebenen Ereignissen als auch in den angewandten literarischen Stilmitteln) nicht unterschiedlicher sein k&#246;nnten, haben sie doch eines gemeinsam: In beiden dient Sprache in der einen oder anderen Form als Sch&#246;pfungswerkzeug. In dieser kurzen Serie von Beitr&#228;gen werde ich die Rolle der Sprache in den Sch&#246;pfungsgeschichten, wie sie in Genesis 1 und in Genesis 2 erz&#228;hlt werden, etwas genauer untersuchen und aus diesen &#220;berlegungen heraus im letzten Beitrag schlie&#223;lich auch die Gr&#252;nde herauszuarbeiten versuchen, die zur Vertreibung des Menschen aus dem Paradies f&#252;hrten.</p>
<p>In christlichen Kreisen wird – wenn von der Sch&#246;pfungsgeschichte die Rede ist – meist die Version aus Genesis 1 zitiert. In formelhaftem, liturgischem fast aber nichtsdestotrotz (oder vielleicht gerade deshalb) kraftvollem und poetischem Stil wird erz&#228;hlt, wie Gott die Erde und die Himmel schuf. Als Kind h&#246;rte ich diese Geschichte immer und immer wieder und ich h&#246;rte sie gern. „Der Herr sprach: Es werde… Und es wurde…“ Mir gefiel das. Ich war fasziniert von diesem Wesen, das in der Lage war, durch Sprache allein aus dem Chaos diese F&#252;lle an Dingen zu erschaffen, die mich umgaben. Was f&#252;r eine Sprache war das, die so etwas vollbringen konnte? Meine Sprache besa&#223; diese Macht &#252;ber die Materie nicht. Wenn ich auf einen Brocken Erde einsprach, geschah nichts. Steine bewegten sich nicht, wenn ich sie beschwor. Das Maiskorn schlug nicht aus, wenn ich ihm befahl. Staub blieb liegen, wenn ich es aus der Ecke des Raumes zur T&#252;r hinaus beorderte. </p>
<p>Je &#246;fter ich in der Nachahmung der g&#246;ttlichen Sprache scheiterte, je gr&#252;ndlicher ich in meinen Sch&#246;pfungsexperimenten versagte, desto neugieriger und hartn&#228;ckiger wurde ich in meiner Suche nach dem Geheimnis, der dieser Sprache zugrundelag. </p>
<p>R&#252;ckblickend war diese kleine Geschichte mit ihren gro&#223;en Geheimnissen vielleicht der Ausl&#246;ser daf&#252;r, dass ich mich f&#252;r das Linguistikstudium entschloss. Ganz sicher war sie die treibende Kraft hinter meiner Leidenschaft f&#252;rs Schreiben, das – so glaubte ich lange – eine Nachahmung des g&#246;ttlichen Sch&#246;pfungsprozesses war: der Schriftsteller, der durch das Wort allein Welten entstehen lie&#223; und Schicksale zu steuern in der Lage war. Vielleicht steckte dahinter die Hoffnung, durch das eigene sch&#246;pferische Tun einen Blick in die Karten DES Sch&#246;pfers werfen zu k&#246;nnen. </p>
<p>K&#252;rzlich dachte ich dar&#252;ber nach, weshalb das Buch Genesis die Sch&#246;pfungsgeschichte zweimal und auf zwei so unterschiedliche Weisen erz&#228;hlt. Liest man sie hintereinander, erweckt das Buch den Eindruck, die erste Sch&#246;pfung sei – aus welchen Gr&#252;nden auch immer, der Text schweigt sich dar&#252;ber aus – gescheitert und habe eine zweite Erschaffung der Welt notwendig gemacht. Ein Verdacht stieg in mir auf: Die erste Sch&#246;pfung war das Ergebnis g&#246;ttlicher Sprache, einer Sprache, die der Mensch nicht verstand (es war nicht <i>seine</i> Sprache, die die Erde und alles Leben auf ihr ordnete) und in der er folglich nicht lebensf&#228;hig war. Gott sah, was er erschaffen hatte, und sah, dass es gut war. Aber es war gut in <i>seinen</i> Augen, nicht jedoch in den Augen des Menschen. Erst in der zweiten Sch&#246;pfung sollte Gott es dem Menschen erlauben, die Tiere und Pflanzen selbst zu benennen.</p>
<p>Es war ein gewagter Verdacht und ich wollte auf Nummer sicher gehen. Also nahm ich die Bibel hervor, las die Sch&#246;pfungsgeschichte nochmals durch und erschrak: Vierzig Jahre lang war ich einem B&#228;ren aufgesessen! Vierzig Jahre lang hatte ich mich an einer Geschichte abgem&#252;ht und aufgerieben, die so in der Bibel nicht stand! Gott – musste ich lesen – hatte die Welt nicht durch die Sprache allein erschaffen. Zwar stand in Genesis 1 tats&#228;chlich und wiederholt: »Es werde…«, »Es sammle…«, »Es wimmle…«, doch darauf folgte in den meisten F&#228;llen nicht ein »und es wurde…« sondern: »Und Gott <i>machte</i>…«, »Und Gott <i>trennte</i>…«, »Und Gott <i>schuf</i>…« … Ganz unmissverst&#228;ndlich war zu lesen, dass auf das Wort eine <i>Handlung</i> folgte, dass also eine wie auch immer geartete physische Interaktion mit der Materie stattfand. Es gab gar keine g&#246;ttliche Sprache, die auf magische Weise &#252;ber die Materie gebot… </p>
<p>Mir ist im Nachhinein klar, weshalb das Christentum die Sch&#246;pfungsgeschichte zu einer Demonstration g&#246;ttlicher Sprachgewalt hochstilisiert und daf&#252;r eine sorgf&#228;ltige Lekt&#252;re ihres heiligen Textes geopfert hat. Das Christentum ist eine Wortreligion, nicht nur in dem Sinne, dass es sich auf eine Auswahl heiliger Texte beruft, sondern auch, weil es das Heil in der Verk&#252;ndung von Gottes Wort sieht. Es ist das Wort, das den Menschen erl&#246;st, es ist der Glaube an das Wort, das ihn von seinem Elend befreit und ihm den Weg zur Ewigkeit frei macht. Im Anfang war das Wort, hei&#223;t es zu Beginn des Johannesevangeliums: eines der sch&#246;nsten aber in ihren Auswirkungen auch verheerendsten Bibelstellen, denn es bekr&#228;ftigt nochmals die Herrschaftsverh&#228;ltnisse: das Wort herrscht &#252;ber die Materie. Die K&#246;rperfeindlichkeit, die in christlichen Kreisen noch immer weit verbreitet ist, ist eine Folge dieses Machtanspruchs des Worts. </p>
<p>Das Bild eines Gottes, der seine H&#228;nde schmutzig machte, als er die Welt erschuf, passt nicht in die Vorstellung eines Glaubenssystems, das die Erl&#246;sung des Geistes und den Tod als die Befreiung von den Versuchungen des K&#246;rpers herbeisehnt. </p>
<p>In der Zeichentheorie, die die Struktur von Zeichen und deren Interpretationsprozesse untersucht, ist viel von der unendlichen Semiose die Rede. Ein Zeichen kann in immer weitere Zeichen &#252;bersetzt werden, ein Spiel, das unendlich vorgetrieben und betrieben werden kann. Es gibt jedoch einen Punkt, in dem dieser Prozess vor&#252;bergehend seinen Finalen Interpretanten, d.h. sein Ende findet: Und das ist der Punkt, in dem die Interpretation eines Zeichens in eine konkrete Handlung m&#252;ndet. Wenn etwas, das wir sehen, h&#246;ren, lesen oder sagen, eine Aktion ausl&#246;st, findet die Unendlichkeit in die Gegenwart: sie wird konkret und <i>sch&#246;pft</i>. Sch&#246;pfung, hei&#223;t das, ist ein materieller Vorgang. Der geistige Prozess, der ihr vorangeht, ist nur das Vorspiel. Verharrt das Wort aber im Geistigen, bleibt es irrelevant. </p>
<p>Sprache will – und will immer &#8211; in den K&#246;rper. Gott sei Dank.</p>
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		<title>Meines Vaters B&#252;cher</title>
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		<pubDate>Mon, 02 Feb 2009 05:35:43 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Benjamin Stein</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gastbeiträge]]></category>
		<category><![CDATA[Alexander Nicolai]]></category>
		<category><![CDATA[Gustav Meyrink]]></category>

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		<description><![CDATA[Ein Gastbeitrag von Alexander Nicolai
&#8226;&#8226;&#8226; Die B&#252;cher meines Vaters haben im Leben und Wohnen meiner Familie immer schon einen besonderen Raum eingenommen. Nie wurden sie an Dritte ausgeliehen, und auch in Zeiten finanzieller Not schlug mein Vater beharrlich jedes ihm gemachte Angebot aus, auch nur eines davon zu verkaufen. &#196;u&#223;erlich betrachtet gab diese Sammlung nicht [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><small>Ein Gastbeitrag von <a href="http://chronochrom.net/">Alexander Nicolai</a></small></p>
<p><img class="alignleft" width="230" height="313" src="http://turmsegler.net/img/Gustav-Meyrink.jpg" alt="Gustav Meyrink" />&bull;&bull;&bull; Die B&#252;cher meines Vaters haben im Leben und Wohnen meiner Familie immer schon einen besonderen Raum eingenommen. Nie wurden sie an Dritte ausgeliehen, und auch in Zeiten finanzieller Not schlug mein Vater beharrlich jedes ihm gemachte Angebot aus, auch nur eines davon zu verkaufen. &#196;u&#223;erlich betrachtet gab diese Sammlung nicht viel her. Sie bestand und besteht aus abgegriffenen B&#252;chern, teilweise illegal angefertigten Kopien, die erst sp&#228;ter gebunden wurden, teils auch aus abgetippten Manuskripten in Form einer Loseblatt-Sammlung. Die meisten dieser Werke sind nicht einmal &#252;ber antiquarische Quellen zu beziehen, nur wenige wurden noch einmal aufgelegt, andere waren niemals einem &#246;ffentlichen Publikum zug&#228;nglich. Mit dem Umfang und der Vielfalt einer Bibliothek wie der eines <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Alexander_von_Bernus">Alexander von Bernus</a> oder <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Carl_Gustav_Jung">Carl Gustav Jung</a> konnte die Sammlung nie mithalten. Weniger erlesen ist sie indes auch nicht, und gemein mit diesen beeindruckenden Bibliotheken ist vor allem ihr Zweck. Soweit ich zur&#252;ckdenken kann, sch&#228;rfte mein Vater mir immer wieder ein, dass die Sicherheit dieser B&#252;cher im Ernstfall oberste Priorit&#228;t habe, und das es im Falle eines ihn pl&#246;tzlich ereilenden Todes meine erste Pflicht sei, diese B&#252;cher an mich zu nehmen, bevor andere ihre H&#228;nde danach ausstrecken k&#246;nnten. Die Antworten auf alle Fragen, so erkl&#228;rt er es mir bis zum heutigen Tage, seien in diesen Werken zu finden.</p>
<p>Was f&#228;ngt man in jungen Jahren mit solch einer Erkl&#228;rung an? Wenig.</p>
<p>Die Schule war mir ein Gr&#228;uel, allem voran ihres autorit&#228;ren Wesens wegen, und auch mit dem Lesen hatte ich anfangs deutliche Schwierigkeiten &ndash; bis ich etwa im Alter von acht Jahren zur Leseratte mutierte. In den folgenden Jahren las ich alles, was ich in die Finger bekommen konnte. Lang vor einer anzunehmen notwendigen Reife verschlang ich Werke von Hugo, von Goethe, von Gorki und vielen anderen namhaften Autoren. Nat&#252;rlich las ich auch B&#252;cher, die f&#252;r Kinder geschrieben wurden. Detektivroman-Serien, Astrid Lindgren und Oliver Hassencamp. Freilich hinderte mich das auch nicht daran, Hammett und Woolrich zu lesen. Allein die B&#252;cher meines Vaters blieben mir verschlossen. Mit zunehmendem Alter begann ich zu begreifen, dass sie von Magie und Mystik handelten, doch sie zu lesen, gestaltete sich f&#252;r mich als geradezu unm&#246;gliches Vorhaben. Begann ich mit einem, so wurde ich urpl&#246;tzlich unglaublich m&#252;de. Oft ertappte ich mich dabei, mehrere Seiten gelesen zu haben, ohne mich auch nur an eine einzige Zeile erinnern zu k&#246;nnen. Nicht selten wurden meine Versuche auch durch &#228;u&#223;ere, vermeintlich zuf&#228;llige Ereignisse unterbrochen. Postboten oder Nachbarn klingelten an der T&#252;r, oder das Telefon riss mich fort, und Klassenkameraden, mit denen ich eher wenig zu schaffen hatte, luden zu interessanten und vielversprechenden Dingen ein.</p>
<p>Dieses Ph&#228;nomen sich verschlie&#223;ender B&#252;cher beobachtete ich in den folgenden Jahren immer wieder, an mir selbst wie auch an anderen. Es ist vielleicht dem der Musik vergleichbar, wenn man eine CD geschenkt bekommt und mit der Musik zuerst gar nichts anzufangen wei&#223;, nur um dann Jahre sp&#228;ter wieder darauf zu sto&#223;en und zu erkennen, wie gut, wie bewegend und passend sie doch ist.</p>
<p>Dem Geheimnis der B&#252;cher meines Vaters versuchte ich mich unterdessen auf anderem Wege zu n&#228;hern. So las ich B&#252;cher &#252;ber Psychologie und versuchte mich an denen der Philosophie. Letztere bestachen allerdings vorwiegend durch ihre unfassbare Langatmigkeit und die durch m&#246;glichst viele Fremdw&#246;rter herbeigef&#252;hrte Unverst&#228;ndlichkeit. Mit gr&#246;&#223;tem Willen &#252;bersetzte ich mir diese B&#252;cher, um dann allerdings meist den Eindruck gewinnen zu m&#252;ssen, dass diese Philosophen zutiefst ungl&#252;ckliche und verbitterte Menschen gewesen sein mussten. Ich gestatte mir hier, die Namen Nietzsche und Schopenhauer zu erw&#228;hnen. Deren Gedanken und Denkverm&#246;gen ungeachtet, m&#246;chte der Leser selbst entscheiden, was er von deren Person h&#228;lt.</p>
<p>Derart ins Leere gef&#252;hrt, beschloss ich gegen Ende meiner Schulzeit, die Suche in B&#252;chern einzustellen und stattdessen im realen Leben fortzusetzen. Ist denn auch das Leben nicht weit interessanter? Stellt es einem nicht nur pragmatischere Fragen, sondern auch umfassendere? Und hei&#223;t es nicht, das Leben selbst schreibe die besten Geschichten?</p>
<p>Zufrieden mit dieser sp&#228;ten und f&#252;r mich doch neuen Einsicht, bewarb ich mich um eine Zivildienststelle beim Diakonischen Werk, die in meinem Wohnort mit einer Filiale vertreten war, die sich um Obdachlose k&#252;mmert, die Wandernden Kost und Unterkunft gew&#228;hrt und Willige wieder in ein geregeltes Arbeitsleben zur&#252;ckzuf&#252;hren versucht. Ich wurde Kapo einer Gruppe von Menschen, die mir zwar intellektuell nicht das Wasser reichen konnten, mir daf&#252;r aber an Lebenserfahrung und handwerklichem Geschick um L&#228;ngen voraus waren. Und ich genoss dieses Leben, die harte Arbeit von sieben bis f&#252;nf, die Erz&#228;hlungen meiner Leute in den Pausen. Wie es wirklich ist, das Leben auf der Stra&#223;e, das Leben im Gef&#228;ngnis, wie herablassend einen die Gesellschaft behandelt, und wie man sie im seinen Sinne manipuliert. Ich erfuhr, wozu ein Hund alles gut sein kann, wo und wie man am ertragreichsten bettelt, und was man macht, wenn winterliche Temperaturen am eigenen Leben nagen.</p>
<p>Leider fand dieses Leben schon nach neun Monaten ein Ende, ich wurde als Gruppenleiter ins M&#246;bellager versetzt. Dabei war Verkaufen noch nie meine St&#228;rke, und um Preise zu feilschen, war und ist mir zutiefst widerw&#228;rtig. Andererseits brauchte das Lager jemanden, der die »Korruption« und das heillose Chaos, das dort herrschte in den Griff bekam. Ersteres fand schnell ein Ende, denn niemand wagte es, unter meinen Augen komplette Wohnzimmereinrichtungen f&#252;r 50 Mark zu verkaufen und das Geld in die eigene Tasche zu stecken. Und inmitten des Chaos wendete sich f&#252;r mich dann das Ph&#228;nomen sich verschlie&#223;ender B&#252;cher ins Gegenteil. Ich fand mich in einem Raum wieder, dem ehemaligen K&#252;hlraum einer Schlachterei, und sah mich mit B&#252;chern konfrontiert. Tausenden B&#252;chern, einfach Fuhre f&#252;r Fuhre hineingekippt. B&#252;cher Verstorbener, verblichen und mitunter von Angeh&#246;rigen, die darin Geld vermuteten, zerfleddert, B&#252;cher aus Haftanstalten, bis hin zu von den Siegerm&#228;chten indizierten Machwerken. Mit einem Seufzer setzte ich mich auf einen mittig liegenden B&#252;cherberg, zog meinen Tabak aus der Tasche, drehte mir eine Zigarette und begann, inmitten all des Papiers zu rauchen. Wie sollte ich das alles ordnen, und zwar in einem dynamischen System, das auch mit Erweiterungen und Verk&#228;ufen klarkommen musste? Wahllos griff ich nach einem der B&#252;cher, als hielte es eine Antwort bereit, schlug es auf und begann zu lesen.</p>
<p>»Der Anfang« &ndash; las ich, an einer x-beliebigen Stelle beginnend, und stutzte &#252;ber den eigent&#252;mlichen Zufall, gerade auf dieses Wort gesto&#223;en zu sein &ndash; »ist es, der dem Menschen fehlt. Nicht, dass es so schwer w&#228;re, ihn zu finden, &ndash; nur die Einbildung, ihn suchen zu m&#252;ssen, ist das Hemmnis. Das Leben ist gn&#228;dig; jeden Augenblick schenkt es uns einen Anfang. Jede Sekunde dr&#228;ngt uns die Frage auf: Wer bin ich? &ndash; Wir stellen sie nicht; das ist der Grund, weshalb wir den Anfang nicht finden.«</p>
<p>Es w&#228;re gelogen, behauptete ich, diese Passage des <a href="http://www.amazon.de/Das-gr&#252;ne-Gesicht-okkulter-Schl&#252;sselroman/dp/3548244394/">»Gr&#252;nen Gesichts«</a> von <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Gustav_Meyrink">Gustav Meyrink</a> damals als erstes gelesen zu haben; tats&#228;chlich erinnere ich mich lediglich daran, den gr&#246;&#223;ten Teil des &#252;brigen Tages darin gelesen zu haben. Die B&#252;cher blieben unsortiert, und so sie nicht schon recycelt wurden, werden sie immer noch dort liegen. Dieses eine Buch aber fesselte mich und besch&#228;ftigt mich heute noch. In einer vorhergehenden Passage l&#228;sst Meyrink die Figur des Lazarus Eidotter zu Dr. Sephardi sagen: »Was is Jud, was is Christ, was is &#228; Heide? &#196; Name f&#252;r die wo &#228; Religion haben statt &#228;n Glauben.« Ein Satz, &#252;ber den nachzudenken, f&#252;r jene, die sich mit entsprechenden Fragen befassen, sicher empfehlenswert ist.</p>
<p>Den Inhalt des gesamten Romanes mit wenigen Worten auszuloten, ist ein schwieriges Unterfangen. Wie in jedem der Romane Meyrinks stellt die Liebe in ihrer mystischen Komponente einen Weg der Erl&#246;sung dar. Das »Gr&#252;ne Gesicht« beschreibt einen dieser Wege, die »Br&#252;cke des Lebens«, eine in der Kabbala verortete Methode der Beherrschung der Gedanken, bedingend die unsterbliche Liebe zu einer Person anderen Geschlechts. Dieses Thema besch&#228;ftigt mich noch heute, als Mensch, als Suchender, als Liebender und nat&#252;rlich auch als Autor.</p>
<p>Was ist Liebe? Welche Bedeutung hat sie als unsterbliches Moment, und als vor&#252;bergehendes? Fragen, die sich theoretisch er&#246;rtern lassen, f&#252;r mein reales Leben aber auch immer schon konkrete Bedeutung hatten. Die grundlegende Dualit&#228;t unseres Seins, Mann und Frau, Licht und Dunkel, Plus und Minus, Gut und B&#246;se… findet sich ihre &#220;berwindung in der Liebe? Und transzendiert die Vereinigung ein h&#246;heres Prinzip, eine Existenz, der unsere erst zugrunde liegt? Wer oder was h&#228;lt die F&#228;den in der Hand, an denen wir h&#228;ngen? Der Dichter Michael Perkampus sagte im Rahmen einer erhitzten Diskussion dazu einmal: »Ficken ist die einzige Gottesschau.« Dass sie eine ist, daran hege ich pers&#246;nlich nicht den geringsten Zweifel, aber ist sie die einzige? Und vom Erkennen zum Beschreiten des Weges: Wer bin ich, was liegt vor mir, und wohin f&#252;hrt es? Solcherlei Fragen sind das zentrale Thema fast aller Weltanschauungen, insbesondere jener, die man »okkult« zu nennen pflegt.</p>
<p>Die Lekt&#252;re des »Gr&#252;nen Gesichtes« er&#246;ffnete mir hier neue Termini und Perspektiven. Im weiteren geht Meyrink auch auf zentrale Elemente der Kabbala und j&#252;discher Mythen ein, dies allerdings in einer Weise, die zwar verst&#228;ndlich ist (und daher macht) wohl aber auch nur bedingt »richtig« oder vollst&#228;ndig ist. Ein Religionswissenschaftler f&#228;nde sicher viele Passagen, an denen etwas hinzuzuf&#252;gen oder zu korrigieren w&#228;re. F&#252;r einen »Glaubens-Wissenschaftler« hingegen ist es eine reiche Quelle an Inspiration. Wer keines von beiden sein m&#246;chte, f&#228;nde immerhin einen gut geschriebenen und stellenweise ergreifenden Roman.</p>
<p>F&#252;r mich selbst stellte dieses Werk, wenn auch keinen Wendepunkt, so doch eine Wegmarke dar. Einen Punkt auf der Strecke des Lebens, hinter den man nicht mehr zur&#252;ckfallen kann. Seit damals verschlie&#223;en sich auch die B&#252;cher meines Vaters nicht mehr, sie &#246;ffnen sich nach und nach, informieren mich, stellen Fragen immer wieder neu und zwingen mich, einen Reichtum an Perspektiven zu erschlie&#223;en, die alles in ein neues Licht r&#252;cken, Allt&#228;gliches ebenso wie Geschriebenes. Und schlie&#223;lich, jenseits aller &#220;berlegungen, finde ich mich als lebendes Wesen vor, inmitten einer lebendigen Welt, und ich staune: Ist das alles nicht ein Wunder?</p>
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		<title>Innovation und »anthropologische Kehre«</title>
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		<pubDate>Thu, 05 Jun 2008 22:05:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Benjamin Stein</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gastbeiträge]]></category>
		<category><![CDATA[Poetik]]></category>
		<category><![CDATA[Claudia Öhlschläger]]></category>

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		<description><![CDATA[Literarische Weblogs stellen unter Beweis, dass der Begriff Literatur, im speziellen Sinne als »Dichtung« verstanden, radikal erweitert wird; denn es wird weder qualitativ und quantitativ zwischen gedichteten, fiktionalen oder gebrauchs- und alltagssprachlichen Texten unterschieden. Hinzu kommt die Gleichordnung von Text (»Versprachlichung der Schrift«), Bildern und H&#246;rbeispielen. Wie und wo also verlaufen die Grenzen der Literatur, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<blockquote><p>Literarische Weblogs stellen unter Beweis, dass der Begriff Literatur, im speziellen Sinne als »Dichtung« verstanden, radikal erweitert wird; denn es wird weder qualitativ und quantitativ zwischen gedichteten, fiktionalen oder gebrauchs- und alltagssprachlichen Texten unterschieden. Hinzu kommt die Gleichordnung von Text (»Versprachlichung der Schrift«), Bildern und H&#246;rbeispielen. Wie und wo also verlaufen die Grenzen der Literatur, wenn wir gedruckte Texte, die wir bisher nicht zur Literatur gez&#228;hlt haben, im Spiegel solcher hybriden Literatur-Formate im Internet betrachten?</p></blockquote>
<p>&bull;&bull;&bull; Im letzten Teil ihres Vortrags geht Claudia &#214;hlschl&#228;ger auf den von A. N. Herbst f&#252;r literarische Weblogs gepr&#228;gten Begriff der »anthropologischen Kehre« ein. Wie versprochen, gibt es den Vortrag auch <a href="http://turmsegler.net/downloads/Claudia_Oehlschlaeger_Weblogs.pdf">druckbar als PDF</a>.</p>
<p>Ich kann nur hoffen, dass die vielen Leser der letzten Tage nur darauf gewartet haben, dass das Sequel zu Ende geht, um nun im Anschluss in die Diskussion einzusteigen. Wenn dem so ist, w&#252;nsche ich eine vergn&#252;gliche und erhellende Debatte.</p>
<p><a href="http://turmsegler.net/20080603/zum-konzept-literarischer-weblogs/#h-4">Den ganzen Beitrag lesen &raquo;</a></p>
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		<title>Vernetzung, Prozessualit&#228;t, imaginative Aktion</title>
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		<pubDate>Wed, 04 Jun 2008 22:10:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Benjamin Stein</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gastbeiträge]]></category>
		<category><![CDATA[Poetik]]></category>
		<category><![CDATA[Claudia Öhlschläger]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Imaginationsaktivit&#228;t des Rezipienten wird auch dahingehend gefordert, als Wirklichkeit und Fiktion im Weblog entgrenzt werden. Aufgrund des engen Kontakts zwischen Autor und Leser kann die Fiktion so gestaltet werden, dass sie als Wirklichkeit rezipiert wird. So kann der Leser beispielsweise nicht wissen, ob sich der Autor, wie behauptet, auf  Recherchereise in Israel befindet, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<blockquote><p>Die Imaginationsaktivit&#228;t des Rezipienten wird auch dahingehend gefordert, als Wirklichkeit und Fiktion im Weblog entgrenzt werden. Aufgrund des engen Kontakts zwischen Autor und Leser kann die Fiktion so gestaltet werden, dass sie als Wirklichkeit rezipiert wird. So kann der Leser beispielsweise nicht wissen, ob sich der Autor, wie behauptet, auf  Recherchereise in Israel befindet, oder das nur schreibt, ob er <a href="http://turmsegler.net/20080114/die-rueckseite-der-ansichtskarte/">von einem Herrn namens Amnon Zichroni Post bekommen</a> hat, oder dieser nur eine erfundene Figur des Autors ist. Wir kennen solche Verwirrspiele mit vermeintlichen Wirklichkeitsreferenzen aus den Romanen <a href="http://www.amazon.de/exec/obidos/search-handle-url?%5Fencoding=UTF8&#038;search-type=ss&#038;index=books-de&#038;field-author=Winfried%20G.%20Sebald">W. G. Sebalds</a>; da jedoch das Weblog ein Forum darstellt, das eben nicht nur Fiktion ist, sondern auch der Berichterstattung wie einem Nachrichtenkanal dient, sind Wirklichkeit und Fiktion kaum zu unterscheiden.</p></blockquote>
<p>&bull;&bull;&bull; Weiter gehts mit Claudia &#214;hlschl&#228;gers Vortrag. Thematisiert wird das spezielle Wechselspiel zwischen Wirklichkeit und Fiktion. Im weiteren Verlauf wird das <a href="http://turmsegler.net/tag/musen/">Musen-Sequel</a>, das vor kurzem hier pr&#228;sentiert wurde, als Fallbeispiel herangezogen.</p>
<p><a href="http://turmsegler.net/20080603/zum-konzept-literarischer-weblogs/#h-2">Den ganzen Beitrag lesen &raquo;</a></p>
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		<title>Texte mit verk&#252;mmerter Autorfunktion?</title>
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		<pubDate>Tue, 03 Jun 2008 22:05:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Benjamin Stein</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gastbeiträge]]></category>
		<category><![CDATA[Poetik]]></category>
		<category><![CDATA[Claudia Öhlschläger]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Instanz des Autors kehrt in literarischen Weblogs also wieder, und vielleicht ist es gerade dieser Tatbestand, der dieses Internet-Genre nach dem verk&#252;ndeten Ende postmoderner Beliebigkeit so attraktiv werden l&#228;sst. Jedoch m&#252;ssen wir nach der Beschaffenheit dieses Autors fragen. Es handelt sich um einen Autor, der sich dem Gesetz der Konstruktion des Ich durch eine [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<blockquote><p>Die Instanz des Autors kehrt in literarischen Weblogs also wieder, und vielleicht ist es gerade dieser Tatbestand, der dieses Internet-Genre nach dem verk&#252;ndeten Ende postmoderner Beliebigkeit so attraktiv werden l&#228;sst. Jedoch m&#252;ssen wir nach der Beschaffenheit dieses Autors fragen. Es handelt sich um einen Autor, der sich dem Gesetz der Konstruktion des Ich durch eine Instanz des Anderen konsequent unterwirft.</p></blockquote>
<p>&bull;&bull;&bull; Der Vortrag von Claudia &#214;hlschl&#228;ger wird fortgesetzt mit &#220;berlegungen zur These Andreas Rosenfelders, der Weblogs als »Texte mit verk&#252;mmerter Autorfunktion« beschreibt.</p>
<p><a href="http://turmsegler.net/20080603/zum-konzept-literarischer-weblogs/#h-1">Den ganzen Beitrag lesen &raquo;</a></p>
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		<title>Zum Konzept literarischer Weblogs</title>
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		<pubDate>Tue, 03 Jun 2008 12:28:05 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Benjamin Stein</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gastbeiträge]]></category>
		<category><![CDATA[Poetik]]></category>
		<category><![CDATA[Claudia Öhlschläger]]></category>

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		<description><![CDATA[Ein Gastbeitrag von Claudia &#214;hlschl&#228;ger (Paderborn)
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Studierende,mein Vortrag befasst sich mit einem literarischen Internet-Format, das sich immer st&#228;rker durchzusetzen beginnt und in der &#246;ffentlichen Diskussion der Gegenwart immer h&#228;ufiger zur Sprache kommt. Und doch ist es bisher kaum zum Gegenstand literaturwissenschaftlicher &#220;berlegungen gemacht worden:1 das literarische Weblog.
Der Begriff &#187;Weblog&#171; setzt [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><small>Ein Gastbeitrag von <a href="http://turmsegler.net/tag/claudia-oehlschlaeger/"><strong>Claudia &#214;hlschl&#228;ger</strong></a> (Paderborn)</small></p>
<p>Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Studierende,<br/><br/>mein Vortrag befasst sich mit einem literarischen Internet-Format, das sich immer st&#228;rker durchzusetzen beginnt und in der &#246;ffentlichen Diskussion der Gegenwart immer h&#228;ufiger zur Sprache kommt. Und doch ist es bisher kaum zum Gegenstand literaturwissenschaftlicher &#220;berlegungen gemacht worden:<a href="#foot-1"><small><sup>1</sup></small></a> das literarische Weblog.</p>
<p>Der Begriff &raquo;Weblog&laquo; setzt sich zusammen aus &raquo;Web&laquo; (engl.: Netz, Internet) und &raquo;Log&laquo; f&#252;r Logbuch. Logb&#252;cher bezeichnen urspr&#252;nglich eine in der Seefahrt &#252;bliche Form der Aufzeichnung t&#228;glicher Ereignisse, sie &#228;hneln also dem Tagebuch. Weblogs oder auch Blogs im Netz sind Kommunikations- und Publikationsplattformen mit Tagebuchcharakter.<a href="#foot-2"><small><sup>2</sup></small></a> Die Forschung kennt verschiedene Typen von Weblogs; nach formalen Kriterien unterscheidet man etwa offene von geschlossenen Weblogs, &#246;ffentliche von privaten Weblogs. Nach inhaltlichen Gesichtspunkten haben sich sogenannte Fachblogs, Fotoblogs, Werbeblogs, Metablogs, Journalistische Blogs und Literarische Blogs herauskristallisiert. Um letztere wird es im heutigen Vortrag gehen.<a href="#foot-3"><small><sup>3</sup></small></a></p>
<p>Der typische Aufbau eines Blogs (hier gezeigt am Beispiel des <a href="http://www.ahg.twoday.net/">Notizblog</a>) sieht in etwa so aus:</p>
<ul>
<li> ein datierter Weblogtext, das sogenannte &raquo;posting&laquo;</li>
<li>unterhalb des Weblogtextes befindet sich meist ein Kommentarbereich</li>
<li>es gibt in der Regel eine Kalenderleiste, &#252;ber die &#228;ltere Texte chronologisch geordnet zug&#228;nglich sind </li>
<li>eine &raquo;Blogroll&laquo;, die mit Links zu empfohlenen Weblogs oder Weblogs befreundeter Blogger/-innen f&#252;hrt (hier unter der Rubrik &raquo;Links&laquo;)</li>
<li>ein Link zu pers&#246;nlichen Informationen &#252;ber die Blogger/-in</li>
</ul>
<p>Literarische Weblogs gibt es schon seit Ende der 90er Jahre. Besonders bekannt geworden ist etwa Rainald Goetz´ Online-Tagebuch &raquo;Abfall f&#252;r alle&laquo;, das er zwischen 1998 und 1999 betrieb und t&#228;glich mit Notizen in L&#228;nge von ein bis sieben Seiten best&#252;ckte. Allerdings wurde dieses Weblog nicht weitergef&#252;hrt; das Tagebuch erschien 1999 bei Suhrkamp in Form eines 860 Seiten starken Buches. Auf der Seite der Zeitschrift <em>Vanity Fair</em> betreibt Goetz seit dem vergangenen Jahr sein neues Kultur-Blog unter dem Titel <a href="http://www.vanityfair.de/extras/rainaldgoetz/">&raquo;Klage&laquo;</a>: Der Leser wird durch die Politik, die Kunst, die Geschichte Berlins und damit auch &raquo;durch den Kopf&laquo; des Autors gef&#252;hrt.<a href="#foot-4"><small><sup>4</sup></small></a> </p>
<p>Auch der Austausch zwischen K&#252;nstlern und Schriftstellern (Elke Naters, Sven Lager) auf der Internet-Literatur-Plattform <em>am-pool.de</em> liegt inzwischen brach und ist bei Kiepenheuer &#038; Witsch als Buch mit dem Titel &raquo;the buch&laquo; erschienen.<a href="#foot-5"><small><sup>5</sup></small></a></p>
<p>Dasselbe gilt f&#252;r das Internet-Projekt <a href="http://www.hettche.de/buecher/null.htm"><em>Null</em></a>, das von Thomas Hettche und Jana Hensel 1999 initiiert wurde und Erz&#228;hlungen, aber auch politische Stellungnahmen von etwa 35 jungen Autoren im Zeitraum von einem Jahr umfasst. Die online-Anthologie liegt inzwischen in konventioneller Buchform vor, sie ist 2000 beim DuMont Verlag erschienen. <a href="#foot-6"><small><sup>6</sup></small></a></p>
<p>Gegen den berechtigten Eindruck, literarische Internet-Projekte bzw. das literarische online-Tagebuch w&#252;rden sich vielleicht doch nicht durchsetzen k&#246;nnen, erheben sich neuerdings Stimmen, die von der Etablierung der &raquo;bislang einzig ad&#228;quaten Form der Internetliteratur&laquo; sprechen. <a href="#foot-7"><small><sup>7</sup></small></a></p>
<p>Die Blog-Schriftsteller Markus A. Hediger, Benjamin Stein und Hartmut Abendschein haben j&#252;ngst einen Band mit dem Titel <a href="http://www.amazon.de/Literarische-Weblogs-Sonderausgabe-von-spatien/dp/3905846004/">&raquo;literarische weblogs&laquo;</a> herausgegeben, in dem erstmals eine Programmatik literarischer Weblogs entwickelt wird. <a href="#foot-8"><small><sup>8</sup></small></a> Das Vorwort der Redaktion allerdings deutet auf einen Diskussionsbedarf hinsichtlich des Literaturbegriffs hin.</p>
<p>Um sich der Frage nach dem Literaturbegriff anzun&#228;hern, m&#246;chte ich in drei Schritten vorgehen. Der Stellenwert sogenannter literarischer Weblogs soll unter literaturtheoretischen Gesichtspunkten reflektiert werden. Erstens m&#246;chte ich nach Konzepten von Autorschaft fragen; zweitens wird es um die Netzwerk-Struktur von Weblogs gehen und hiervon ausgehend um das geforderte Rezeptionsverhalten. Damit verbunden sind &#220;berlegungen zum Umgang mit dem Verh&#228;ltnis von Wahrheit und Fiktion; drittens schlie&#223;lich m&#246;chte ich eine These des Blog-Autors Alban Nikolai Herbst &#252;berdenken, der zufolge sich eine &raquo;anthropologischer Kehre&laquo; abzeichne. Herbst geht davon aus, dass sich nicht nur der Mensch durch den Kontakt mit den Neuen Medien ver&#228;ndert habe, sondern zugleich das Wissen &#252;ber den Menschen. <a href="#foot-9"><small><sup>9</sup></small></a></p>
<p>Ich werde mich in diesem Vortrag auf das Fallbeispiel eines literarischen Weblogs konzentrieren, das sich f&#252;r eine literaturwissenschaftliche Betrachtung dieses Genres als besonders fruchtbar erweist: Auf das literarische Web-Log des <a href="http://turmsegler.net">&raquo;Turmsegler&laquo;</a>.</p>
<h3><a id="h-1"></a>1. Texte mit verk&#252;mmerter Autorfunktion?</h3>
<p>Weblogs seien, so schreibt Andreas Rosenfelder in einem Artikel der Zeitschrift <em>Literaturen</em>, &raquo;Texte mit verk&#252;mmerter Autorfunktion&laquo;. Denn Weblogs konstituierten sich aus &raquo;unreinen Quellen&laquo; und gingen im Gebrauch auf – &raquo;wie Bedienungsanleitungen, G&#228;stebucheintr&#228;ge oder Postwurfsendungen.&laquo;<a href="#foot-10"><small><sup>10</sup></small></a></p>
<p>Zun&#228;chst f&#228;llt auf, dass literarische Weblogs nicht ausschlie&#223;lich literarische Texte der Blog-Betreiber pr&#228;sentieren, sondern &#252;ber Literatur, aber auch kulturelle Events handeln und diese verhandeln. Wenn literarische Weblogs vorwiegend &#252;ber Literatur und Kultur sprechen, so bahnen sie Wege des Lesens. Im Sinne der urspr&#252;nglichen Bedeutung des &raquo;Logbuchs&laquo; k&#246;nnte man sie als &raquo;Reisebeschreibungen&laquo; durch die Welt gedruckter oder nicht gedruckter Texte bezeichnen. Sind die Blog-Besucher einmal auf die zitierten Texte aufmerksam gemacht worden, sehen sie sich aufgefordert, ihren eigenen Standpunkt zu formulieren und mit dem Autor direkt in Kontakt zu treten. Aus den Kommentardialogen entwickelt sich ein Diskurs &#252;ber Literatur, &#252;ber literarische Vorlieben, idealer Weise auch &#252;ber Regeln und Ma&#223;st&#228;be des Schreibens, im besten Fall handelt es sich um poetologische Reflexionen.</p>
<p>Das literarische Weblog ist somit ein Format, das die strikte Trennung von Autor- und Leserfunktion aufhebt. In den Kommentaren werden die Leser (Blog-Besucher) zu Ko-Produzenten, der Blog-Autor wiederum legt sich verschiedene Masken zu: Er pr&#228;sentiert sich als Leser, als Literaturkritiker, als Schreiber, als Verwalter literarischen und kulturellen Wissens, als Experte f&#252;r Literatur und Kultur. Dennoch l&#246;st sich der Autorbegriff nicht hinter der persona (Maske) auf. Im Kontext der Hypertextdebatte hat man vom Verschwinden des Autors zugunsten einer kollektiven Autorschaft gesprochen; mit den literarischen Weblogs verh&#228;lt es sich anders. Sie dienen, wie Weblogs im allgemeinen, der Ausbildung einer Netz-Identit&#228;t, oder sagen wir: der Konstruktion einer Leser- und Schreiber-Identit&#228;t.<a href="#foot-11"><small><sup>11</sup></small></a></p>
<p>Die Instanz des Autors kehrt in literarischen Weblogs also wieder, und vielleicht ist es gerade dieser Tatbestand, der dieses Internet-Genre nach dem verk&#252;ndeten Ende postmoderner Beliebigkeit so attraktiv werden l&#228;sst. Jedoch m&#252;ssen wir nach der Beschaffenheit dieses Autors fragen. Es handelt sich um einen Autor, der sich dem Gesetz der Konstruktion des Ich durch eine Instanz des Anderen konsequent unterwirft.<a href="#foot-12"><small><sup>12</sup></small></a>  Das individuelle Profil bildet sich erst im Vollzug des Dialogs mit den Weblog-Besuchern heraus. Meine These lautet, dass auch die vom Autor zitierte Literatur anderer Autoren im Dienste dieser Profilbildung von Autorschaft steht. Die Arbeit an der Konstitution dieses komplexen Autor-Ich reicht zuweilen bis hin zu Ausk&#252;nften &#252;ber pers&#246;nliche Vorlieben, Geschm&#228;cker, Gewohnheiten, Zust&#228;nde, unternommene Reisen, Treffen, private Konstellationen. Ein <a href="http://turmsegler.net/20080507/ueber-musen-vorgeschichte/#comment-7002">Kommentar</a> aus dem literarischen Weblog &raquo;Turmsegler&laquo; trifft diesen Sachverhalt recht genau, wenn es hei&#223;t: &raquo;ich zumindest lese lieber pers&#246;nliche dinge des autors und seine werke als theoretische dinge.&laquo; Die <a href="http://turmsegler.net/20080507/ueber-musen-vorgeschichte/#comment-7008">Antwort</a>, die ein anderer Kommentator darauf gibt, lautet: &raquo;das ist wohl der interessanteste ansatz einer rezeption.&laquo;<a href="#foot-13"><small><sup>13</sup></small></a></p>
<p>Das pers&#246;nliche Profil eines Blog-Autors, das keineswegs authentisch sein muss, ist mit der Vorstellung von Kreativit&#228;t und Produktivit&#228;t aufs engste verbunden. Damit verschiebt sich im Fall des literarischen Weblogs der Traum des unendlichen, kollektiven Textes, wie ihn der Hypertext zu verwirklichen versprach, hin zu einem Konzept von Autorschaft, das auf Selbsterfindung ausgerichtet ist. Diese Selbsterfindung vollzieht sich prozessual und in Auseinandersetzung mit einer Instanz des/der Anderen.</p>
<h3><a id="h-2"></a>2. Vernetzung, Prozessualit&#228;t, imaginative Aktion</h3>
<p>Literarische Weblogs pr&#228;sentieren sich als Publikationsforen, die nicht-linear aufgebaut sind. Wie beim Hypertext ist die Leserichtung nicht vom Anfang bis zum Ende vorgezeichnet. Auch das literarische Weblog verf&#252;gt &#252;ber Hyperlinks, die verschiedene Textbausteine und Informationen miteinander verkn&#252;pfen. Es obliegt dem Rezipienten, die Reihenfolge der Verkn&#252;pfung und damit auch die Art der Kombination der Wissensbausteine zu bestimmen.<a href="#foot-14"><small><sup>14</sup></small></a></p>
<p>Nicht nur Texte werden pr&#228;sentiert, sondern auch Bilder, Fotos, Videoclips; die Pr&#228;sentation erfolgt simultan, alles ist gleichzeitig zu sehen, zu h&#246;ren, zu lesen. Mit Blick auf die mannigfaltigen Verkn&#252;pfungsoptionen kann von einer Erweiterung des Rezeptionsraumes in quantitativer Hinsicht gesprochen werden; hinsichtlich der Kombination verschiedener Medien und damit auch unterschiedlicher Rezeptionsweisen (H&#246;ren, Sehen, Denken) haben wir es zugleich mit einer qualitativen Erweiterung des Rezeptionsraumes zu tun. Das Paradigma eines sich in der Zeit entfaltenden Lesens, wie es die Buchlekt&#252;re kennzeichnet, ist f&#252;r das literarische Weblog nicht mehr pr&#228;gend.<a href="#foot-15"><small><sup>15</sup></small></a> Da die Textbausteine, Bilder, Fundst&#252;cke literarischer Weblogs heterogen sind<a href="#foot-16"><small><sup>16</sup></small></a>, sind hier andere und neue Formen der Rezeption gefordert. Der Rezipient ist aus einem festen r&#228;umlichen Koordinatensystem gel&#246;st, seine Lesebewegung folgt einer Spur, die sich im Vollzug des Lesens erst bahnt; der Rezeptionsakt dehnt sich f&#246;rmlich aus; der Rezipient passt sein Leseverhalten &#252;berdies der fragmentarischen und knappen Form der pr&#228;sentierten Eintr&#228;ge in literarischen Weblogs an. Oftmals erscheinen Eintr&#228;ge unvollst&#228;ndig und es bedarf eines weiteren Mausklicks, um sie ganz lesen zu k&#246;nnen. Der Leser unterbricht also den Leseakt immer wieder aufs Neue, um anderen Links und Spuren zu folgen. Kritisch gesprochen kommt es zu einer &raquo;Defokussierung&laquo;, da der Nutzer sich auf alle Elemente des Bildschirms gleichzeitig zu konzentrieren lernen muss: Es wird zuweilen mehr &raquo;geklickt und geguckt&laquo; als tats&#228;chlich gelesen.<a href="#foot-17"><small><sup>17</sup></small></a> Andererseits erw&#228;chst aber gerade aus dieser Bruchst&#252;ckhaftigkeit der Pr&#228;sentation das energetische Potential einer imaginativen Rezeption. Leerstellen und L&#252;cken innerhalb eines Mediums und zwischen den Medien aktivieren nachweislich die Imagination des Rezipienten.<a href="#foot-18"><small><sup>18</sup></small></a></p>
<p>Die Imaginationsaktivit&#228;t des Rezipienten wird auch dahingehend gefordert, als Wirklichkeit und Fiktion im Weblog entgrenzt werden. Aufgrund des engen Kontakts zwischen Autor und Leser kann die Fiktion so gestaltet werden, dass sie als Wirklichkeit rezipiert wird. So kann der Leser beispielsweise nicht wissen, ob sich der Autor, wie behauptet, auf  Recherchereise in Israel befindet, oder das nur schreibt, ob er <a href="http://turmsegler.net/20080114/die-rueckseite-der-ansichtskarte/">von einem Herrn namens Amnon Zichroni Post bekommen</a> hat, oder dieser nur eine erfundene Figur des Autors ist. Wir kennen solche Verwirrspiele mit vermeintlichen Wirklichkeitsreferenzen aus den Romanen <a href="http://www.amazon.de/exec/obidos/search-handle-url?%5Fencoding=UTF8&#038;search-type=ss&#038;index=books-de&#038;field-author=Winfried%20G.%20Sebald">W. G. Sebalds</a>; da jedoch das Weblog ein Forum darstellt, das eben nicht nur Fiktion ist, sondern auch der Berichterstattung wie in einem Nachrichtenkanal dient, sind Wirklichkeit und Fiktion kaum zu unterscheiden.</p>
<h3><a id="h-3"></a>3. Benjamin Stein: Turmsegler</h3>
<p>Ich m&#246;chte die bis hierin skizzierten Eigenschaften des literarischen Weblogs am Beispiel des »Turmsegler« etwas genauer demonstrieren. Der sogenannte »Header« (Briefkopf) ist in unserem Beispiel dem Themenkomplex Literatur angepasst – und dies in doppelter Weise: Der Name »Turmsegler« geht auf <a href="http://turmsegler.net/20061126/der-turmsegler/">ein Gedicht des franz&#246;sischen Dichters René Char</a> zur&#252;ck.<a href="#foot-19"><small><sup>19</sup></small></a> Der Titel erscheint vor einer Reihe B&#252;cher. Der Weblog »Turmsegler« begreift sich (vgl. <a href="http://turmsegler.net/20061125/erinnern-und-entdecken/">»Erinnern und Entdecken«</a>) als Archiv des Vergessenen und wieder zu Entdeckenden, als eine Plattform des kulturellen und kollektiven Ged&#228;chtnisses. Der Turmsegler, so hei&#223;t es bei René Char, verabscheut die h&#228;usliche Schwalbe, er streicht davon »in die Finsternis« und »schreit seine Freude rings um das Haus«.<a href="#foot-20"><small><sup>20</sup></small></a> Der Autor, der sich hinter dem Weblog »Turmsegler« verbirgt, gibt seine Identit&#228;t preis. </p>
<p>Ein Link auf der rechten Seite unter der Rubrik »Seiten« f&#252;hrt zu seiner <a href="http://turmsegler.net/autoren/">Biographie</a>: 1970 geboren, Studium der Judaistik und Hebraistik an der FU und HU Berlin, erste Ver&#246;ffentlichung eines Romans mit dem Titel <a href="http://www.amazon.de/gp/redirect.html%3FASIN=3250102725%26tag=turmsegler-21%26lcode=xm2%26cID=2025%26ccmID=165953%26location=/o/ASIN/3250102725%253FSubscriptionId=0EMV44A9A5YT1RVDGZ82">»Das Alphabet des Juda Liva«</a> beim Ammann Verlag, Z&#252;rich (sp&#228;ter <a href="http://www.amazon.de/gp/redirect.html%3FASIN=3423124318%26tag=turmsegler-21%26lcode=xm2%26cID=2025%26ccmID=165953%26location=/o/ASIN/3423124318%253FSubscriptionId=0EMV44A9A5YT1RVDGZ82">bei dtv M&#252;nchen</a> erschienen). T&#228;tigkeit als technischer Redakteur bei einem M&#252;nchner Verlag (starker journalistischer Background), Gr&#252;ndung der Fa. Ivorix und dort Gesch&#228;ftsf&#252;hrer, mit Computerprogrammen unter Einsatz k&#252;nstlicher Intelligenz und Business Intelligence Consulting im Auftrag anderer Firmen befasst. Seit 2007 Mitherausgeber der Literaturzeitschrift <a href="http://www.spatien.net">spa<em>_tien</em></a>, 2008 Mitherausgeber der Anthologie <a href="http://www.amazon.de/Literarische-Weblogs-Sonderausgabe-von-spatien/dp/3905846004/">»Literarische Weblogs«</a>. 2008: <a href="http://edition.laermende-akademie.com/neuemoderne/2008/04/28/benjamin-stein-ein-anderes-blau/">»Ein anderes Blau«</a>. Prosa f&#252;r 7 Stimmen, <a href="http://edition.laermende-akademie.com/neuemoderne/">Edition Neue Moderne</a>.</p>
<p>Die Vernetzungsstruktur auf der Oberfl&#228;che muss hier nicht mehr erl&#228;utert werden.<a href="#foot-21"><small><sup>21</sup></small></a> Inhaltlich gestaltet sich die Vernetzung komplex, da dem Blog-Besucher keine Leserichtung vorgegeben wird. Er muss diese selbst finden. Lassen Sie mich die m&#246;gliche Herstellung einer solchen Ordnung am Beispiel des Eintrags vom 7. Mai 2008 und drei Folgeeintr&#228;gen etwas genauer erl&#228;utern.</p>
<p>Am 7. Mai wird unter der &#220;berschrift <a href="http://turmsegler.net/20080507/ueber-musen-vorgeschichte/">»&#220;ber Musen (Vorgeschichte)«</a> ein Foto des &#8211;  hier rauchenden &#8211; russisch-amerikanischen Schriftstellers und Literaturnobelpreistr&#228;gers Joseph Brodsky (1940-1996) gezeigt. Der Beitrag selbst erz&#228;hlt von der vergeblichen Suche des Blog-Autors Benjamin Stein nach einer biographischen Information &#252;ber einen  &#8211; &#252;brigens erfundenen  &#8211; Herrn namens Amnon Zichroni.</p>
<blockquote><p>Warum ich das alles erw&#228;hne? Nur aus einem Grund: H&#228;tte ich an jenem Tag nicht dort warten m&#252;ssen, w&#228;re mir kaum jener Band mit Liebesgedichten des Nobelpreistr&#228;gers Joseph Brodsky in die H&#228;nde gefallen, der nun vor mir liegt.<a href="#foot-22"><small><sup>22</sup></small></a></p></blockquote>
<p>Der Beitrag verf&#252;gt &#252;ber mehrere Hyperlinks, die ihn kontextualisieren. Durch Anklicken des rot markierten Begriffs <a href="http://turmsegler.net/category/die-leinwand/">»Leinwand«</a> erfahren wir mehr &#252;ber ein aktuelles Romanprojekt Benjamin Steins. Durch Anklicken des Begriffs <a href="http://turmsegler.net/20080406/unbestimmbarer-verlust/">»Zigaretten-Problem«</a> kommen wir auf eine Seite vom 6. April 2008, auf der &#252;ber heftige Gef&#252;hle eines unbestimmbaren Verlusts gesprochen wird; durch Anklicken des Links »Joseph Brodsky« kommen wir auf einen Wikipedia-Eintrag, der uns Informationen &#252;ber den russisch-amerikanischen Schriftsteller bereit stellt. Von den Liebesgedichten Joseph Brodskys, die den Blog-Autor, wie er schreibt, »kalt« lassen, f&#252;hrt unter der Rubrik »Im R&#252;ckspiegel« der Weg zu einem Gedicht von Bertolt Brecht mit dem Titel <a href="http://turmsegler.net/20070508/uber-die-untreue-der-weiber/">»&#220;ber die Untreue der Weiber«</a> aus dem Jahr 1927.</p>
<p>Beim »R&#252;ckspiegel« handelt es sich im &#252;brigen um eine <a href="http://turmsegler.net/20070828/wp-plugin-rearview-mirror/">automatische Funktion</a>, die unter jedem Eintrag erscheint und diesen mit einem Tagesbeitrag des Vorjahres verlinkt. Im Sinne eines Zufallsfunds geraten wir also mit einem Mausklick auf den Eintrag vom 8. Mai 2007 mit dem Gedicht von Bertolt Brecht, mit einem weiteren Mausklick auf das Symbol eines Lautsprechers wird uns das Gedicht durch die Stimme des Blog-Autors »Turmsegler« zu Geh&#246;r gebracht.</p>
<p>Am <a href="http://turmsegler.net/20080508/ueber-musen-stimme-der-sprache/">Folgetag, dem 8. Mai 2008</a> erfahren wir, dass der Beitrag »&#220;ber Musen (Vorgeschichte)« als Bestandteil eines Sequels zu verstehen ist, als Teil der Fortf&#252;hrung eines Themenstranges, den der Blog-Besucher wiederum zu ermitteln hat. Ich schlage vor, die Ermittlung des Themenstranges mittels erkennbarer Kontiguit&#228;tsbeziehungen zu verfolgen. Der Eintrag vom 8. Mai 2008 enth&#228;lt ein ausf&#252;hrliches Zitat aus Joseph Brodskys Essayband »Der sterbliche Dichter. &#220;ber Literatur, Liebschaften und Langeweile«. Dieses Zitat stiftet eine Verbindung zwischen dem am Vortag er&#246;ffneten Geschlechter- und Liebesdiskurs und dem Thema Autorschaft. Unter dem Motto <a href="http://turmsegler.net/20080508/ueber-musen-stimme-der-sprache/">»&#220;ber Musen (Stimme der Sprache)«</a> beziehen der Blog-Autor und die Kommentatoren seines Eintrags Stellung zu der von Brodsky aufgeworfenen Frage nach Qualit&#228;t, Gestalt und Funktion der Muse als Inspirationsquelle des Dichters. Wir haben es also mit Kontiguit&#228;tsbeziehungen zwischen einander angrenzenden Begriffen zu tun. Diese Beziehungen sind beliebig erweiterbar und beziehen sowohl Text-, wie auch Bild- und Tonmaterial mit ein. Im Fall des »Turmsegler« liegt es nahe, die metonymische Verkettung von Lexemen wie Liebe-Geschlecht-Muse-Dichter-Rausch als mehr oder weniger explizite Angrenzungen an ein Konzept von Autorschaft zu betrachten. Dieses Konzept wird im Vollzug des Dialogs zwischen zwei Blog-Autoren ermittelt, und zwar im Sinne der oben beschriebenen Konstitution einer Autor-Identit&#228;t.<a href="#foot-23"><small><sup>23</sup></small></a></p>
<p>Aus folgenden Dialogen wird deutlich, dass das Musen-Sequel des »Turmsegler« ein romantisches Modell von Autorschaft aufruft. Dieses Modell will den Autor nicht als blo&#223;en »Scribenten« sehen, sondern autorisiert und legitimiert ihn als &#8216;Inhaber der Sprache&#8217;. Autoerotik, Geniediskurs, Au&#223;enseitertum, Rauscherfahrung bilden Konstituenten dieser sich im Vollzug der Dialoge entfaltenden Selbstvergewisserung zweier Autoren.<a href="#foot-24"><small><sup>24</sup></small></a> Die M&#246;glichkeit einer metonymischen Verkettung setzt sich bis in den <a href="http://turmsegler.net/20080514/you-know-im-no-good/">nachfolgenden Beitrag vom 14. Mai 2008</a> fort. Dieser Eintrag zeigt einen Videoclip mit Amy Winehouse, diese wiederum in musikalischer Aktion: Sie singt den Song »You know I´m no good«. Die Rede von der Muse als »bewusstseinserweiternder Droge« vom Vortag verkn&#252;pft sich mit der inzwischen zur Ikone mutierten Souls&#228;ngerin, in der sich Drogenkonsum und K&#246;nnerschaft vereinen.</p>
<h3><a id="h-4"></a>4. Innovation und »anthropologische Kehre«?</h3>
<p>Dieser kurze Einblick in die Netzwerkstruktur eines literarischen Weblogs konnte verdeutlichen, dass der Leser eines Weblogs aufgefordert ist, an der Konstitution eines in medialer Hinsicht hybriden Textgebildes mitzuwirken, das sich schier unendlich verzweigt. Der Zufall als Inbegriff des Spontanen und kreativer Produktivit&#228;t erwies sich hierbei als ein durchaus kalkulierter Generator von Sinnstiftung. Sp&#228;testens hier kommt die Frage auf, ob wir Netzwerkstrukturen auch in gedruckten literarischen Texten vorfinden. Auf diese Frage gibt die literaturwissenschaftliche Forschung indirekt eine Antwort, indem sie auf die wechselseitige Beziehung zwischen Hypertexten und zentralen Thesen der poststrukturalistischen Literaturtheorie hinweist.<a href="#foot-25"><small><sup>25</sup></small></a> Zu denken w&#228;re hier etwa an die Metapher vom ´Text als Netz´, die sowohl bei Michel Foucault, bei Roland Barthes oder Jacques Derrida zu finden ist. Oder an den Begriff des »Rhizoms«<a href="#foot-26"><small><sup>26</sup></small></a>, der beispielsweise neue Einsichten in die narrative Struktur von Kafka-Texten gegeben hat.<a href="#foot-27"><small><sup>27</sup></small></a> W&#228;hrend Foucault und Derrida die Netzmetapher in Anspruch nehmen, um die Grenzen des Textes zu thematisieren, betont Roland Barthes in »Die Lust am Text« den Akt der prozessualen Entstehung des Textgewebes.<a href="#foot-28"><small><sup>28</sup></small></a></p>
<p>Prozessualit&#228;t gilt nun der Programmatik Alban Nikolai Herbsts zufolge als <em>das</em> Erkennungsmerkmal des Weblogs.<a href="#foot-29"><small><sup>29</sup></small></a> Literarische Texte im Netz erscheinen in dieser Perspektive als reale Umsetzung postmoderner literaturtheoretischer Programme. Auch die Theorie von der Intertextualit&#228;t eines literarischen Textes geht von der Pr&#228;misse aus, dass der Text kein abgeschlossenes Produkt darstellt, dass der Leser aktiv am Schreiben teilnimmt und ein Text aus einem Mosaik von Zitaten besteht.<a href="#foot-30"><small><sup>30</sup></small></a> W&#228;hrend nun aber das Modell des Hypertextes auf eine kollektive Autorschaft im Netz ausgerichtet ist,<a href="#foot-31"><small><sup>31</sup></small></a> haben wir es im Fall des literarischen Weblogs mit einer Netzstruktur zu tun, die, wie wir gesehen haben, der prozessualen und unabschlie&#223;baren Selbstkonstitution eines Autor-Ich dient, das freilich nicht mit sich selbst identisch wird.<a href="#foot-32"><small><sup>32</sup></small></a> Unterscheidet sich das literarische Weblog darin von literarischen Tageb&#252;chern in gedruckter Form? Ja und nein. Das entscheidende Novum scheint dort zu liegen, wo sich mittels der Kommentarfunktion ein unmittelbarer Dialog zwischen Blog-Autor und Blog-Besuchern entwickelt, wobei letztere ihrerseits oft Autoren sind.</p>
<p>Das Weblog er&#246;ffnet gegen&#252;ber dem gedruckten Buch die M&#246;glichkeit, den permanenten Wechsel zwischen Sender- und Empf&#228;ngerposition, zwischen Produzent und Konsument &#228;hnlich flexibel zu gestalten wie es im gesprochenen Gespr&#228;ch der Fall ist.<a href="#foot-33"><small><sup>33</sup></small></a> Die Kommentarfunktion macht den Eintrag zum Teil einer am m&#252;ndlichen Gespr&#228;chsmodus orientierten Interaktion.<a href="#foot-34"><small><sup>34</sup></small></a> Der Blog-Autor ist somit nicht nur ein sich in seinem fiktionalen Gegen&#252;ber selbst lesender Autor.<a href="#foot-35"><small><sup>35</sup></small></a> Er ist durch die Kommentarfunktion der Instanz des Anderen/der Anderen in einem komplexeren Ma&#223; ausgesetzt als dies im herk&#246;mmlichen, gedruckten Tagebuchformat der Fall sein kann. Es sei denn, er weist  Kommentare, die den Prozess der Selbstkonstitution oder das Konzept gef&#228;hrden k&#246;nnten, von vornherein ab, indem er sie erst gar nicht in seinen Blog aufnimmt.<a href="#foot-36"><small><sup>36</sup></small></a> Weblogs sind somit Foren des kommunikativen Austauschs zwischen Lesern von m&#246;glicherweise ganz unterschiedlicher sozialer Herkunft, Profession und Intention. Dieser Befund erweist sich auch hinsichtlich stilistischer Ver&#228;nderungen als interessant. Blogger arbeiten bevorzugt mit Abk&#252;rzungen, mit Emoticons, mit Inflektivkonstruktionen (infinite und unflektierte Pr&#228;dikate: *b&#246;seguck*, *freu*, *kicher*).<a href="#foot-37"><small><sup>37</sup></small></a> Weblogs stiften auch &#252;ber solche sprachlichen Besonderheiten Gemeinschaften, Zirkel, Verb&#252;nde.<a href="#foot-38"><small><sup>38</sup></small></a> Weblogs eignet damit nicht nur eine kommunikative und interaktive, sondern eine soziale Funktion, die man als weiteren Motor von Kreativit&#228;t betrachten kann.<a href="#foot-39"><small><sup>39</sup></small></a></p>
<p>Wie ist es nun um die »anthropologische Kehre« bestellt? Mit diesem Begriff ist offenbar eine Richtungs&#228;nderung angedeutet; es sei dahingestellt, ob Alban Nikolai Herbst auf einen Begriff in der Sp&#228;tphilosophie Heideggers anspielt, der als Abkehr Heideggers von der Subjektphilosophie und vom Anthropozentrismus gedeutet wurde.<a href="#foot-40"><small><sup>40</sup></small></a> Wenn das literarische Weblog das Wissen des Menschen &#252;ber sich selbst erweitert und ver&#228;ndert, dann eventuell dahingehend, dass es auf den Konstruktionscharakter von Identit&#228;ten und die Bedeutung der Instanz des Anderen aufmerksam macht und diese Einsicht medial realisiert. In jedem Fall erf&#228;hrt der Literaturbegriff eine Richtungs&#228;nderung. Literarische Weblogs stellen unter Beweis, dass der Begriff Literatur, im speziellen Sinne als »Dichtung« verstanden, radikal erweitert wird; denn es wird weder qualitativ und quantitativ zwischen gedichteten, fiktionalen oder gebrauchs- und alltagssprachlichen Texten unterschieden. Hinzu kommt die Gleichordnung von Text (»Versprachlichung der Schrift«), Bildern und H&#246;rbeispielen. Wie und wo also verlaufen die Grenzen der Literatur, wenn wir gedruckte Texte, die wir bisher nicht zur Literatur gez&#228;hlt haben, im Spiegel solcher hybriden Literatur-Formate im Internet betrachten? Fast ist man geneigt, den literarischen Weblog als einen Paratext in Gro&#223;format zu bezeichnen, als eine ins Zentrum gestellte Fu&#223;note, die die Ordnung der Dinge umkehrt, indem sie die Peripherie zum Zentrum macht. Weblog-Autoren freuen sich, wenn sie auch in diesem Sinne im Netz dem Zentrum des konventionellen Literaturbetriebs entrinnen k&#246;nnen.</p>
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<p><ol><small></p>
<li><a id="foot-1"></a>Eine gewisse Ausnahme stellen sprachwissenschaftliche Untersuchungen dar, die sich f&#252;r sprachstilistische Transformationsprozesse interessieren, also f&#252;r die Beeinflussung der Kommunikation durch ein Medium.</li>
<li><a id="foot-2"></a>Im Kontext seiner Entstehung in der 90er Jahren fungierte das Weblog als Protokoll der Internet-Aktivit&#228;ten eines Autors / einer Autorin. Ein Autor (&raquo;Blogger&laquo;) dokumentierte seine &raquo;Surftour&laquo; durch das Internet, indem er zu besuchten Seiten einen Kommentar schrieb oder Internetseiten verlinkte. Der Tagebuchcharakter des Weblogs setzte sich immer st&#228;rker durch, die Unterscheidung zwischen Blogs und sogenannten &raquo;Diarys&laquo; begann sich Ende der 90er Jahre zunehmend aufzul&#246;sen.</li>
<li><a id="foot-3"></a>Sylvia Ainetter: Blogs-Literarische Aspekte eines neuen Mediums. Eine Analyse am Beispiel des Weblogs Miagolare. Wien, Berlin 2006, S. 24ff.</li>
<li><a id="foot-4"></a>Florian Ilies: Das St&#246;bern stirbt. In: Die Zeit Internet spezial Mai 2008, Teil 3: Wie das Internet unsere Kultur ver&#228;ndert, S. 21. <a href="http://www.vanityfair.de/extras/rainaldgoetz/">http://www.vanityfair.de/extras/rainaldgoetz/</a></li>
<li><a id="foot-5"></a><a href="http://www.amazon.de/Buch-Leben-am-pool/dp/3462029932">http://www.amazon.de/Buch-Leben-am-pool/dp/3462029932</a></li>
<li><a id="foot-6"></a>Jana Hensel; Thomas Hettche (Hrsg.): Null. Literatur im Netz. K&#246;ln 2000. Aufsehen erregte wiederum das Internet-Projekt (<a href="http://www.riesenmaschine.de">http://www.riesenmaschine.de</a>), weil eine ihrer aktiven Bloggerinnen Kathrin Passig f&#252;r ihre Erz&#228;hlung &raquo;Sie befinden sich hier&laquo; 2006 den Ingeborg-Bachmann-Preis verliehen bekam.</li>
<li><a id="foot-7"></a>Illies, Das St&#246;bern stirbt.</li>
<li><a id="foot-8"></a>Der Band erschien als Sonderband der Zeitschrift <a href="http://www.spatien.net">&raquo;spa_<em>tien</em>. zeitschrift f&#252;r literatur&laquo;</a>  auch als Printversion bei der edition taberna kritika, Bern 2007. Im Jahr 2004 riefen die Autoren Hartmut Abendschein und Markus A. Hediger die Internetplattform <a href="http://www.litblogs.net">&raquo;litblogs.net&laquo;</a> ins Leben. Dieses Internetportal sollte es erm&#246;glichen, die besten Weblogs deutschsprachiger Autoren und Autorinnen in einer Art Echtzeit-Magazin zu vereinen. Auf einen Blick wollte man den Leserinnen und Lesern verschiedene Literatur-Online-Arbeiten zug&#228;nglich machen. Gegenw&#228;rtig sind im Portal litblogs.net 17 Weblogs zu finden, deren Beitr&#228;ge eingelesen und auf einer Seite chronologisch pr&#228;sentiert werden.</li>
<li><a id="foot-9"></a>Alban Nikolai Herbst: Das Weblog als Dichtung. Einige Thesen zu einer m&#246;glichen Poetologie des Weblogs. In: Markus A. Hediger, Benjamin Stein, Hartmut Abendschein (Hg.): <a href="http://www.amazon.de/Literarische-Weblogs-Sonderausgabe-von-spatien/dp/3905846004/">Literarische Weblogs. (Spatien, Sonderausgabe)</a>. Bern 2007, S. 26. </li>
<li><a id="foot-10"></a>Andreas Rosenfelder: Ein Labyrinth, das keine Sackgassen kennt. Nachrichten aus der aufregenden Grauzone zwischen Literatur und Nicht-Literatur: Wie sind die Texte in Weblogs beschaffen? In: Literaturen 11, II, 2006, S. 52-58.</li>
<li><a id="foot-11"></a>Peter Matussek: Without Adresses. Anti-Topologie als Motiv von Netz-Kunst. In: Netzwerke. Eine Kulturtechnik der Moderne. Hrsg. von J&#252;rgen Barkhoff, Hartmut B&#246;hme und Jeanne Riou. K&#246;ln, Weimar, Wien 2004, S. 319-333. &raquo;Bevor ich aufgeh&#246;rt habe zu schreiben, habe ich aufgeh&#246;rt zu lesen.&laquo; <a href="http://turmsegler.net/20061125/erinnern-und-entdecken.">http://turmsegler.net/20061125/erinnern-und-entdecken</a>.</li>
<li><a id="foot-12"></a>Nach Matussek handelt es sich bei dieser Konstruktionsleistung der Ichwerdung um eine &raquo;anthropologische Grundgegebenheit&laquo;, die Jacques Lacans Psychoanalyse dargelegt hat. Matussek, Without Adresses, S. 320.</li>
<li><a id="foot-13"></a><a href="http://turmsegler.net/20080507/ueber-musen-vorgeschichte/#comments">http://turmsegler.net/20080507/ueber-musen-vorgeschichte/#comments</a></li>
<li><a id="foot-14"></a>Uwe Wirth: Hypertextualit&#228;t als Gegenstand einer „intermedialen Literaturwissenschaft“. In: Grenzen der Germanistik. Hrsg. von Walter Ehrhart. Alban Nikolai Berg f&#252;hrt in diesem Zusammenhang den Begriff der „bricolage“ von Lévi-Strauss an:„ Der eigentliche Charakter der bricolage, die Montage n&#228;mlich aus objets trouvés e cherchés, entzieht sich aus eigentumsjuristischen Gr&#252;nden der Darstellung. Auch hier ist das Netz, aufgrund sowohl seiner Internationalit&#228;t, die die verschiedenen Gesetze gegeneinanderstemmt, als auch wegen seines anonymen Charakters die noch am wenigsten sanktionierte und sanktionierbare Plattform einer der Wahrheit und nicht dem Entertainment verpflichteten Kunstbewegung. Herbst, Das Weblog als Dichtung, S. 27.</li>
<li><a id="foot-15"></a>Vgl. „Vorwort“. In: Netzwerke. Eine Kulturtechnik der Moderne. Hrsg. von J&#252;rgen Barkhoff, Hartmut B&#246;hme und Jeanne Riou. K&#246;ln 2004, S.7-16, hier S. 7.</li>
<li><a id="foot-16"></a>Literaturkritik, Essayistisches, pers&#246;nliche Leseerfahrungen, Werbeanzeigen f&#252;r B&#252;cher, Kommentare zu bestimmten Websites, biographische Angaben zum jeweiligen Autor etc.</li>
<li><a id="foot-17"></a>In diesem Sinne argumentiert kritisch Evelyn Finger: Verzettelt im Netz. In: Die ZeitInternet Spezial, Mai 2008, Teil 3: Wie das Internet unsere Kultur ver&#228;ndert, S. 10-11, hier S. 11.</li>
<li><a id="foot-18"></a>Vgl. Matussek, Without Adresses, S. 329.</li>
<li><a id="foot-19"></a><a href="http://turmsegler.net/20061125/erinnern-und-entdecken">http://turmsegler.net/20061125/erinnern-und-entdecken</a></li>
<li><a id="foot-20"></a><a href="http://turmsegler.net/20061126/der-turmsegler/">http://turmsegler.net/20061126/der-turmsegler/</a>. Zitiert wird aus René Char: Der erz&#228;hlende Quell (1947), in: ders.: Einen Blitz bewohnen. Frankfurt/Main 1995.</li>
<li><a id="foot-21"></a>Unter der Rubrik »Kommentare« auf der rechten Men&#252;leiste k&#246;nnen die Kommentare zu vergangenen Beitr&#228;gen aufgerufen  werden. Diese Kommentare beinhalten wiederum Links, die zu anderen Weblogs oder Websites weiterleiten. Unter der Rubrik »Seiten« werden Neuerscheinungen des Autors, aber auch das literarische Weblog-Netzwerk, dem er angeh&#246;rt, vorgestellt. Zwei Links verweisen auf die Plattform <a href="http://litblogs.net">litblogs.net</a> und die online-Literaturzeitschrift <a href="http://www.spatien.net">spa_<em>tien</em></a>. An der rechten Seite erscheint die »Blogroll«, der Link »Literatur im Netz« verbindet mit Websites zu Autoren und Autorinnen, wie beispielsweise mit dem Ingeborg-Bachmann-Forum oder dem M&#252;nchner Lyrik-Kabinett.</li>
<li><a id="foot-22"></a><a href="http://turmsegler.net/20080507/ueber-musen-vorgeschichte/#more-810">http://turmsegler.net/20080507/ueber-musen-vorgeschichte/#more-810</a></li>
<li><a id="foot-23"></a>Vgl. Brigitte Rath: »Angrenzende Widerspiegelungen«. Personal Blogs als metonymische Autobiographien. In: parapluie. Elektronische zeitschrift f&#252;r kulturen. k&#252;nste. literaturen. <a href="http://parapluie.de/archiv/autobiographien/blogs/">http://parapluie.de/archiv/autobiographien/blogs/</a>, gesehen am 14.5.2008. Ich zitiere eine Passage aus dem Eintrag des »Turmseglers« vom 12. Mai 2008 mit dem Titel »&#220;ber Musen (Altra Ego)« und eine Passage aus dem Kommentar, den Perkampus, ein anderer Blog-Autor, dazu abgibt. Benjamin Stein schreibt: &raquo;Die Muse in ihrer k&#246;rperlichen (menschlichen) Erscheinung ist der bewusst oder unbewusst gew&#228;hlte Spiegel oder auch ein Verst&#228;rker f&#252;r die Signale, die zu schwach w&#228;ren, um von sich aus h&#246;rbar zu werden. Was auch immer &#8216;diktiert&#8217; wird, war im Dichter (die –innen m&#246;gen verzeihen, sie sind selbstredend einbezogen) vorhanden.&laquo; Perkampus reagiert: &raquo;mir gef&#228;llt die gew&#228;hlte analogie mit dem spiegel. ich halte jeden k&#252;nstlerischen ausdruck f&#252;r genau diese eitelkeit, die uns in einen Spiegel blicken l&#228;&#223;t. warum sonst sollten wir uns derart mitteilen. der k&#252;nstler macht auf sich aufmerksam, was er selbst darin verarbeitet, ist schlussendlich wieder er selbst als organ der sublimation. [...] hier k&#228;me ich wieder auf die romantik zur&#252;ck, die die beziehung dichter/muse gro&#223;artig beherbergt. [...] brodsky, das ist ersichtlich, hat die beziehung zu einer muse v&#246;llig richtig erkannt. man mu&#223; da nicht nachdenken. jene, die das ph&#228;nomen erleben, haben das gleiche vokabular parat, so dass ersichtlich wird, dass es hier nicht um theorien sondern um wirklichkeiten geht.&laquo; <a href="http://turmsegler.net/20080512/ueber-musen-altra-ego/#comments">http://turmsegler.net/20080512/ueber-musen-altra-ego/#comments</a></li>
<li><a id="foot-24"></a>Der Diskurs &#252;ber den Rausch als kreativen Impulsgeber wird im Eintrag vom 14. Mai 2008 fortgesetzt – in Form eines Videos, der die in Drogenskandale verwickelte amerikanische Souls&#228;ngerin Amy Winehouse in k&#252;nstlerischer Aktion pr&#228;sentiert.</li>
<li><a id="foot-25"></a>George Landow: Hypertext 2.0. The Convergence of Contemporary Critical Theory and Technology. Baltimore, London 1997; zit. Nach Uwe Wirth: Hypertexttheorie und Literaturtheorie: ein kritischer Vergleich. In: Beate Burtscher-Becher; Martin Sexl (Hrsg.): Theory Studies? Konturen komparatistischer Theoriebildung zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Innsbruck u.a. 2001, S. 129-143, hier S. 129; auch Uwe Wirth: Hypertextualit&#228;t als Gegenstand einer »intermedialen Literaturwissenschaft«. In: Grenzen der Germanistik. Hrsg. von Walter Erhart. 2004, S. 410-430, hier S. 413f.</li>
<li><a id="foot-26"></a>Michel Foucault: Arch&#228;ologie des Wissens. Frankfurt/Main 31988. Jacques Derrida: &#220;berleben. In: Ders.: Gestade. Wien 1994, S. 119-218. Gilles Deleuze; Félix Guattari: Rhizom. Berlin 1977. Hierzu Wirth, Hypertexttheorie und Literaturtheorie, S. 131.</li>
<li><a id="foot-27"></a>Vgl. Gilles Deleuze; Félix Guattari: Kafka. F&#252;r eine kleine Literatur. Frankfurt/Main 1976.</li>
<li><a id="foot-28"></a>Roland Barthes: Die Lust am Text. Frankfurt/Main 1986, S. 94.</li>
<li><a id="foot-29"></a>Alban Nikolai Herbst: Das Weblog als Dichtung. Einige Thesen zu einer m&#246;glichen Poetologie des Weblogs. In: Markus A. Hediger, Benjamin Stein, Hartmut Abendschein (Hg.): Literarische Weblogs. (Spatien, Sonderausgabe). Bern 2007, S. 9. </li>
<li><a id="foot-30"></a>Vgl. Julia Kristeva: Sèméiôtiké – Recherches pour une sémanalyse. Paris 1969; zit. n. Wirth, Hypertextualit&#228;t als Gegenstand einer »intermedialen« Literaturwissenschaft, S. 413. Dies.: La révolution du langage poétique. Paris 1967, S. 59. Deutsch: Die Revolution der poetischen Sprache. Frankfurt/Main 1978, S. 68.</li>
<li><a id="foot-31"></a>Wirth, Hypertexttheorie und Literaturtheorie, S, 131.</li>
<li><a id="foot-32"></a>Rosenfelder spricht sogar von der »intellektuellen Selbstbeobachtung«. In: Ders., Ein Labyrinth, das keine Sackgassen kennt, S. 55.</li>
<li><a id="foot-33"></a>Sandbothe, Theatrale Aspekte, S. 6.</li>
<li><a id="foot-34"></a>Vgl. hierzu Doris Tophinke: Zwischen Alltagschronistik und narrativer Interaktion: Erz&#228;hlen in privaten Weblogs. Vortrag anl&#228;sslich der Tagung »Wirklichkeitserz&#228;hlungen« an der Universit&#228;t Wuppertal, April 2008. Vortragsmanuskript. Sandbothe spricht von der »Versprachlichung der Schrift«. Vgl. ders., Theatrale Aspekte, S. 6.</li>
<li><a id="foot-35"></a>Ralph-Rainer Wuthenow: Europ&#228;ische Tageb&#252;cher. Darmstadt 1990, S.1. </li>
<li><a id="foot-36"></a>Dieses Faktum der Regulierung steht in einem Spannungsverh&#228;ltnis zu den technischen M&#246;glichkeiten einer unendlichen Aufnahme aller denkbaren Kommentare. </li>
<li><a id="foot-37"></a>Ainetter, Blogs, S. 35ff.</li>
<li><a id="foot-38"></a>Ein kleiner Blog erh&#228;lt beispielsweise eine gr&#246;&#223;ere Relevanz, wenn er von m&#228;chtigeren Blogs verlinkt wird. Rosenfelder, Ein Labyrinth, das keine Sackgassen kennt, S. 57. Vgl. auch Jan Schmidt: Weblogs. Eine kommunikationssoziologische Studie. Konstanz 2006.</li>
<li><a id="foot-39"></a>Herbst, Das Weblog als Dichtung, S. 20. Vgl. auch Mike Sandbothe: Theatrale Aspekte des Internet. <a href="http://www.dichtung-digital.de/Interscene/Sandbothe">http://www.dichtung-digital.de/Interscene/Sandbothe</a>, gesehen am 22.4.08.</li>
<li><a id="foot-40"></a>Nach der nicht mehr vom Menschen und seinem Seinsverst&#228;ndnis her das Sein gedacht werden &#8211; wie in &#8220;Sein und Zeit&#8221; -, sondern es sollte nun vom Sein her der Mensch und die endliche Wirklichkeit gedacht werden.</li>
<p></small></ol></p>
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		<title>Literaturwissenschaft im Turmsegler</title>
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		<pubDate>Tue, 03 Jun 2008 12:10:34 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Benjamin Stein</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gastbeiträge]]></category>
		<category><![CDATA[Poetik]]></category>
		<category><![CDATA[Claudia Öhlschläger]]></category>

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		<description><![CDATA[&#8226;&#8226;&#8226; Claudia &#214;hlschl&#228;ger, Professorin f&#252;r  Vergleichende  Literaturwissenschaft in Paderborn, hielt am 17. Mai 2008 vor Akademikerkollegen in Erlangen einen Vortrag &#252;ber verschiedene literaturwissenschaftlich interessante Aspekte literarischer Weblogs. Als sie w&#228;hrend der Vorbereitung auf diesen Vortrag  aufgrund der spa_tien-Sonderausgabe &#187;Literarische Weblogs&#171; bei mir als Mitherausgeber nach Literatur- und Blog-Hinweisen nachfragte,  war ich [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>&bull;&bull;&bull; Claudia &#214;hlschl&#228;ger, Professorin f&#252;r  Vergleichende  Literaturwissenschaft in Paderborn, hielt am 17. Mai 2008 vor Akademikerkollegen in Erlangen einen Vortrag &#252;ber verschiedene literaturwissenschaftlich interessante Aspekte literarischer Weblogs. Als sie w&#228;hrend der Vorbereitung auf diesen Vortrag  aufgrund der <a href="http://www.spatien.net/">spa_<em>tien</em></a>-Sonderausgabe <a href="http://www.amazon.de/Literarische-Weblogs-Sonderausgabe-von-spatien/dp/3905846004/">&raquo;Literarische Weblogs&laquo;</a> bei mir als Mitherausgeber nach Literatur- und Blog-Hinweisen nachfragte,  war ich ihr gern behilflich. Internet-Technologien, soziale Netzwerke, Blogs und Blog-Plattformen sind im Wissenschaftsbetrieb noch immer alles andere als wohlbekannt. Daher auch der Versuch, &#252;ber einen Vortrag das Wissenschaftspublikum n&#228;her mit dem Thema vertraut zu machen.</p>
<p>Nat&#252;rlich habe ich mir im Gegenzug die M&#246;glichkeit nicht entgehen lassen, Claudia &#214;hlschl&#228;gers Vortrag hier im Turmsegler online pr&#228;sentieren zu k&#246;nnen. Ich werde das Manuskript mit den im Text erw&#228;hnten Verlinkungen zu den Online-Beispielen versehen und hier in den kommenden Tagen in Fortsetzungen als Gastbeitrag publizieren. </p>
<p>Ich vermute stark, dass so manche ge&#228;u&#223;erte Position zu Widerspruch seitens der Blog-Autoren reizen wird. Zur Diskussion lade ich alle Turmsegler herzlich ein. Frau &#214;hlschl&#228;ger wird die Kommentare in den kommenden Tagen mitverfolgen und sich ggf. selbst zu Wort melden, wenn sich Fragen oder Diskussionen ergeben.</p>
<p>Im letzten Post dieses literaturwissenschaftlichen Sequels von Claudia &#214;hlschl&#228;ger werde ich das Manuskript auch zusammenh&#228;ngend als PDF zum Download zur Verf&#252;gung stellen. </p>
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		<title>Sie sagt: Bauchhirn</title>
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		<pubDate>Fri, 23 May 2008 01:00:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Perkampus</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gastbeiträge]]></category>
		<category><![CDATA[Michael Perkampus]]></category>

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		<description><![CDATA[Ein Gastbeitrag von: Michael Perkampus
&#8220;Ich bin jetzt da&#8221;, sagte sie und lachte. Am Telefon wurde mir hei&#223;, ich verbrannte bereits in ihrer Stimme, ich war ihr vollkommen ergeben. Sag, was du von mir verlangst, und ich werde nicht z&#246;gern, auf der Stelle zu tun, wie mir gehei&#223;en!
Alles an dieser Frau entsprach einem Bild, das tief [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><small>Ein Gastbeitrag von: <a href="http://laermende-akademie.com/perkampus/wordpress/" title="Michael Perkampus: Veranda">Michael Perkampus</a></small></p>
<p><a href="http://laermende-akademie.com/perkampus/wordpress/" title="Michael Perkampus by turmsegler, on Flickr"><img class="alignleft" src="http://farm3.static.flickr.com/2366/2511408297_23d0c999df_o.jpg" width="146" height="160" alt="Michael Perkampus" /></a><a href="http://turmsegler.net/20080520/belletristik/#comment-7083">&#8220;Ich bin jetzt da&#8221;</a>, sagte sie und lachte. Am Telefon wurde mir hei&#223;, ich verbrannte bereits in ihrer Stimme, ich war ihr vollkommen ergeben. <em>Sag, was du von mir verlangst, und ich werde nicht z&#246;gern, auf der Stelle zu tun, wie mir gehei&#223;en!</em></p>
<p>Alles an dieser Frau entsprach einem Bild, das tief in mir plaziert worden war, bevor ich mich aufmachen musste, allein mit meinen Schatten und der verschwindenden Erfahrung. F&#252;r diesmal. In uns allen steckt ein Tresor, dort in dieser tiefsten Kammer – vielleicht ist dort das Geheimnis unseres wahren Ich zu finden, die Treppe runter, dann links, Sie wissen schon…</p>
<p>In diesem Tresor, umgeben nur von einem Leuchten in Farben, die wir gar nicht kennen, die unsere Augen nicht wahrzunehmen verm&#246;gen, liegen all unsere Erinnerungen an die Zukunft verborgen.</p>
<p>Erst sp&#228;ter fragte ich mich also: Wer waren wir? Unsere Geschichte ging jetzt weiter, jetzt in der Vergangenheit. <em>Ich bin da.</em></p>
<p>Und ihre Stimme konnte es beabsichtigt haben oder nicht: ich kannte sie, sie entsprach meiner W&#228;rme, meiner Hitze, meinem Vergl&#252;hen. Stimmen dr&#252;cken wie die Augen eines Menschen die Seele aus.</p>
<p>Sie kennen das: Ihnen gef&#228;llt ein Lied, und sie h&#246;ren es nicht nur deshalb immer wieder, weil Ihnen die Melodie so zusagt, sondern weil ein gewissen Wort in einer gewissen Weise ausgesprochen wird. Sie halten das f&#252;r banal und sagen es nicht weiter, Sie erz&#228;hlen es nicht einmal Ihren besten Freunden, Sie genie&#223;en es ganz f&#252;r sich alleine, spulen oder zippen zur&#252;ck. Und: Bauchhirn. Das ist meins. Mein Schmachten, mein Zittern, mein Wort, artikuliert von ihr, in die ich mich derartig verliebt hatte, dass mir jedesmal, wenn ich ihre Stimme h&#246;rte, nicht etwa die Schmetterlinge im Magen zappelten, sondern darin geboren wurden, sich entpuppten und aufw&#228;rts stoben.</p>
<p>Wenn wir intonieren &#8211; die Lippen vibrieren &#8211; weben wir den Zauber. Der Gedanke bekommt seinen K&#246;rper und schwebt, wie das Licht, unaufh&#246;rlich und f&#252;r alle Zeiten durch den Raum.</p>
<p>Fr&#252;her liebte ich die K&#246;rper derer, die mir K&#246;rper waren, der andere K&#246;rper, der K&#246;rper, in den ich eindrang, der K&#246;rper, an dem ich mich verging. Sie aber war mir Klang, und sie war das, was auch ich war. Und ob sie es selbst so verstand? Ich sah auch sie leicht zitternd in der Dunkelheit am Boden sitzen, um uns herum der L&#228;rm, die Musik, die Bewegung der anderen, die mit uns in diesem Raum sa&#223;en, ihrer eigenen Spur folgten, denkend, dass sie mit uns beiden in einem Raum s&#228;&#223;en, Musik h&#246;rten, L&#228;rm verursachten…</p>
<p>Und sie sah mich an, aber es war mehr: sie sah mein Wesen an. Hatte sie es entdeckt?</p>
<p>Ich bin da. Wir trafen uns zum ersten Mal, und wir waren nicht allein. Was w&#252;rde geschehen ohne die st&#246;renden Blitze der anderen, f&#252;r die sie nichts konnten, dachten sie doch selbst, sie seien von nennbarem Interesse. Sie ahnten es nicht, sie kannten es nicht. Sie sp&#252;rten es jedoch und wurden bestimmt von einer Unruhe erfasst, wie wenn man sich in einem Geb&#228;ude aufh&#228;lt, in dem es spukt. Man glaubt nicht daran, man glaubt nicht, was man h&#246;rt, man geht da rein, und man f&#252;hlt, dass etwas nicht stimmt, aber man sagt es, wie im Falle der ganz besonderen Intonation eines Wortes, nicht weiter.</p>
<p>Und ich wusste, dass ich nicht einfach zu ihr hingehen konnte, sie nicht einfach k&#252;ssen konnte. Wir geh&#246;rten uns, und wir trafen uns zum ersten Mal in einem Studio, um Texte einzulesen. Sie setzte sich vor das Mikro, sie war die Sonne und der Mond zu gleichen Teilen, sie war der Inbegriff dessen, was ich mir vorstellte, wenn ich die Augen schloss und an jene dachte, die ich unbedingt und f&#252;r alle Zeiten lieben wollte. Die Aufnahme lief und sie las ihren Text.</p>
<p>Sie sagte: &#8220;Bauchhirn&#8221;. In diesem Moment starb ich in der alten Welt und betrat eine neue.</p>
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		<title>Das Notizbuch</title>
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		<pubDate>Tue, 15 Apr 2008 23:37:36 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Wladimir Majakowski</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gastbeiträge]]></category>
		<category><![CDATA[Poetik]]></category>
		<category><![CDATA[Wie macht man Verse]]></category>
		<category><![CDATA[Wladimir Majakowski]]></category>

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		<description><![CDATA[Ein Gastbeitrag von Wladimir Majakowski
&#8226;&#8226;&#8226; Das Notizbuch ist eine der Hauptvoraussetzungen f&#252;r eine wirklich gekonnte Arbeit. &#220;ber dieses B&#252;chlein wird gew&#246;hnlich erst nach dem Ableben eines Schriftstellers geschrieben. Es liegt jahrelang in der Rumpelkammer herum, es wird posthum gedruckt im Schatten der »vollendeten Werke«. Aber f&#252;r den Schriftsteller ist dieses Buch alles.
Angehenden Dichtern fehlt naturgem&#228;&#223; [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><small>Ein Gastbeitrag von Wladimir Majakowski</small></p>
<p>&bull;&bull;&bull; Das Notizbuch ist eine der Hauptvoraussetzungen f&#252;r eine wirklich gekonnte Arbeit. &#220;ber dieses B&#252;chlein wird gew&#246;hnlich erst nach dem Ableben eines Schriftstellers geschrieben. Es liegt jahrelang in der Rumpelkammer herum, es wird posthum gedruckt im Schatten der »vollendeten Werke«. Aber f&#252;r den Schriftsteller ist dieses Buch alles.</p>
<p>Angehenden Dichtern fehlt naturgem&#228;&#223; ein solches B&#252;chlein, es fehlen Praxis und Erfahrung. Selbstgepr&#228;gte Verse sind selten, die Gedichte daher verw&#228;ssert, langatmig. Ein Anf&#228;nger wird, wie begabt er auch sei, niemals auf Anhieb etwas Starkes schreiben. Andererseits ist eine Erstlingsarbeit immer »frischer«, da sie die Vorfabrikate des ganzen bisherigen Lebens enth&#228;lt.</p>
<p>Lediglich ein Bestand an sorgf&#228;ltig durchdachten Vorfabrikaten gibt mir die M&#246;glichkeit, rechtzeitig mit einem Gedicht fertig zu werden, da die Norm meiner Ausarbeitung bei richtiger Arbeit acht bis zehn Zeilen pro Tag betr&#228;gt.</p>
<p>Der Dichter wertet jede Begegnung, jedes Plakat, jedes Ereignis unter allen Umst&#228;nden nur als Material f&#252;r Wortpr&#228;gung. Fr&#252;her verbohrte ich mich so in diese Arbeit, dass ich sogar Angst davor hatte, Worte und Ausdr&#252;cke auszusprechen, die ich f&#252;r k&#252;nftige Verse zu verwenden gedachte: ich wurde m&#252;rrisch, langweilig und einsilbig.</p>
<p>Es muss im Jahre 13 gewesen sein, als ich aus Saratow nach Moskau zur&#252;ckkehrte und &#8211; um einer Reisegef&#228;hrtin meine Ungef&#228;hrlichkeit zu beweisen &#8211; erkl&#228;rte, ich sei »kein Mann, sondern eine Wolke in Hosen«. Kaum hatte ich es gesagt, begriff ich, dass sich dieser Ausdruck in einem Gedicht verwenden lie&#223;. Wenn er aber nun von Mund zu Mund ginge und sinnlos vergeudet w&#252;rde? Von furchtbarer Unruhe gepackt, verh&#246;rte ich etwa eine halbe Stunde lang das M&#228;dchen mit Hilfe von Suggestivfragen und beruhigte mich erst, als ich mich &#252;berzeugt hatte, dass meine Worte ihr schon durchs andere Ohr hinausgeflogen waren.</p>
<p>Zwei Jahre sp&#228;ter verwandte ich »Wolke in Hosen« als Titel f&#252;r ein ganzes Werk.</p>
<p align="right"><small>Fortsetzung folgt</small></p>
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		<title>Voraussetzungen f&#252;r Dichtung</title>
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		<pubDate>Tue, 15 Apr 2008 08:19:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Wladimir Majakowski</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gastbeiträge]]></category>
		<category><![CDATA[Poetik]]></category>
		<category><![CDATA[Wie macht man Verse]]></category>
		<category><![CDATA[Wladimir Majakowski]]></category>

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		<description><![CDATA[Ein Gastbeitrag von Wladimir Majakowski
&#8226;&#8226;&#8226; Welche Voraussetzungen sind nun f&#252;r den Beginn einer dichterischen Arbeit n&#246;tig?

Vorliegen einer Aufgabe innerhalb der Gesellschaft, einer Aufgabe, deren L&#246;sung nur mit Hilfe eines dichterischen Produkts denkbar ist: ein sozialer Auftrag. (Interessantes Thema f&#252;r eine Spezialarbeit: die Nicht&#252;bereinstimmung des sozialen und des Verlagsauftrags.)
Genaues Wissen oder, richtiger, Bewusstsein von den Bed&#252;rfnissen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><small>Ein Gastbeitrag von Wladimir Majakowski</small></p>
<p>&bull;&bull;&bull; Welche Voraussetzungen sind nun f&#252;r den Beginn einer dichterischen Arbeit n&#246;tig?</p>
<ol>
<li>Vorliegen einer Aufgabe innerhalb der Gesellschaft, einer Aufgabe, deren L&#246;sung nur mit Hilfe eines dichterischen Produkts denkbar ist: ein sozialer Auftrag. (Interessantes Thema f&#252;r eine Spezialarbeit: die Nicht&#252;bereinstimmung des sozialen und des Verlagsauftrags.)</li>
<li>Genaues Wissen oder, richtiger, Bewusstsein von den Bed&#252;rfnissen Ihrer Klasse (oder der Gruppe, die Sie vertreten) in dieser Frage, das hei&#223;t eine Zielsetzung.</li>
<li>Material: Worte. St&#228;ndige Auff&#252;llung der Vorratskammern und Speicher Ihres Sch&#228;dels mit notwendigen, ausdrucksvollen, raren, erfundenen, erneuerten, erzeugten und allerlei anderen Worten.</li>
<li>Betriebseinrichtung und Produktionsmittel: Feder, Bleistift, Schreibmaschine, Telefon. Kost&#252;m f&#252;r Milieustudium. Fahrrad f&#252;r Fahrten in die Redaktion. Herbeigezauberte Mahlzeiten. Schirm, um im Regen schreiben zu k&#246;nnen. Wohnfl&#228;che, gro&#223; genug, um bei der Arbeit auf und ab zu gehen. Verbindung mit einem Zeitungsausschnittb&#252;ro zwecks Zusendung von Material &#252;ber Fragen, die die Provinz bewegen. Und so weiter, und so fort. Schlie&#223;lich auch noch Pfeife und Zigaretten.</li>
<li>Technik der Wortbearbeitung (unendlich individuell, stellt sich bei t&#228;glicher Arbeit erst im Laufe der Jahre ein): Reime, Versma&#223;e, Alliteration, Bilder, Banalisierung des Stils, Pathos, Schlussstrophe, Titel, Disposition und so weiter, und so weiter. </li>
</ol>
<p>Schon diese allgemein gehaltenen, elementaren Regeln der dichterischen Arbeit er&#246;ffnen neue M&#246;glichkeiten f&#252;r die tarifm&#228;&#223;ige Einstufung und literarische Beurteilung poetischer Erzeugnisse.</p>
<p>Die Posten Material, Ausr&#252;stung und Technik k&#246;nnen unmittelbar in Form von Wertungspunkten angerechnet werden.</p>
<p>Liegt sozialer Auftrag vor? Ja. Zwei Punkte. Zielsetzung? Zwei Punkte. Gereimt? Ein weiterer Punkt. Alliterationen? Noch ein halber Punkt. Und f&#252;r den Rhythmus ein zus&#228;tzlicher Punkt: das eigenartige Metrum machte eine Autobusfahrt erforderlich. M&#246;gen die Kritiker ruhig l&#228;cheln, aber ich w&#252;rde die Verse eines Alaskadichters (bei gleicher Qualit&#228;t nat&#252;rlich) h&#246;her einsch&#228;tzen als beispielsweise die eines Einwohners von Jalta.</p>
<p>Im Ernst! Dem Alaskamann setzt die K&#228;lte zu. Er muss sich einen Pelz kaufen. Und die Tinte im F&#252;llhalter friert ihm ein. Der Mann in Jalta aber schreibt, Palmen im Hintergrund. An Orten, die auch ohne Verse sch&#246;n sind.</p>
<p align="right"><small>Fortsetzung folgt</small></p>
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		<title>Wo Tendenz ist</title>
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		<pubDate>Sun, 13 Apr 2008 23:30:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Wladimir Majakowski</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gastbeiträge]]></category>
		<category><![CDATA[Poetik]]></category>
		<category><![CDATA[Wie macht man Verse]]></category>
		<category><![CDATA[Wladimir Majakowski]]></category>

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		<description><![CDATA[Ein Gastbeitrag von Wladimir Majakowski
&#8226;&#8226;&#8226; Bei einem dichterischen Produkt ist Neuheit Vorbedingung. Das Material an Worten und Wortzusammenstellungen, das sich dem Dichter bietet, muss umgearbeitet werden. Wenn zur Versfabrikation Wortschrott verwendet wird, muss er sich in genauer &#220;bereinstimmung mit der Menge des neuen Rohstoffes befinden. Von der Quantit&#228;t und Qualit&#228;t dieses Neuen wird es abh&#228;ngen, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><small>Ein Gastbeitrag von Wladimir Majakowski</small></p>
<p>&bull;&bull;&bull; Bei einem dichterischen Produkt ist Neuheit Vorbedingung. Das Material an Worten und Wortzusammenstellungen, das sich dem Dichter bietet, muss umgearbeitet werden. Wenn zur Versfabrikation Wortschrott verwendet wird, muss er sich in genauer &#220;bereinstimmung mit der Menge des neuen Rohstoffes befinden. Von der Quantit&#228;t und Qualit&#228;t dieses Neuen wird es abh&#228;ngen, ob eine solche Legierung Gebrauchswert besitzt.</p>
<p>Neuheit setzt selbstverst&#228;ndlich nicht das dauernde Aussprechen weltersch&#252;tternder Entdeckungen voraus. Jambus, freier Vers, Alliteration, Assonanz werden nicht jeden Tag neu geschaffen. Auch ihre Fortentwicklung, Vertiefung, Verbreitung bietet Arbeitsm&#246;glichkeiten. </p>
<p>»Zweimal zwei ist vier« ist an und f&#252;r sich leblos und auch nicht lebensf&#228;hig. Man muss diesen Lehrsatz anzuwenden wissen (Regeln). Man muss seine Unersch&#252;tterlichkeit an einer Reihe von Tatsachen aufzeigen (Beispiel, Inhalt, Thema). </p>
<p>Daraus erhellt, dass Beschreibung, Abbildung der Wirklichkeit in der Poesie keinen Anspruch auf Selbst&#228;ndigkeit haben. Eine derartige Arbeit ist notwendig, aber sie muss wie die Arbeit des Schriftf&#252;hrers auf einem Kongress gewertet werden. Sie ist ein einfaches »Verhandelt beschlossen«. Darin liegt die Tragik der Handlangerarbeit: die Verhandlung kommt f&#252;nf Jahre hinterher, und der Beschluss ebenfalls mit einiger Versp&#228;tung nachdem die anderen ihn inzwischen ausgef&#252;hrt haben!</p>
<p>Poesie beginnt dort, wo Tendenz ist.</p>
<p>Die Verse »Geh ich allein auf die Stra&#223;e hinaus&#8230;« sind meiner Meinung nach eine Werbung f&#252;r das Spazierengehen junger M&#228;dchen mit Dichtern. Einer allein, sehn Sie mal, das ist ja soo langweilig! Ach, wenn man doch Versen, die zum Eintritt in die Konsumgenossenschaften auffordern, eine solche &#220;berzeugungskraft verleihen k&#246;nnte!</p>
<p>Die alten Anleitungen zum Dichten machen ihrem Namen zweifellos keine Ehre. Sie sind nur eine Darlegung historischer, Gewohnheit gewordener Methoden des Schreibens. Es w&#228;re richtiger, diese B&#252;cher nicht »Wie man schreiben soll«, sondern »Wie man geschrieben hat« zu nennen.</p>
<p>Ehrlich gesagt: Ich kenne weder Jamben noch Troch&#228;en. Ich habe sie nie auseinanderhalten k&#246;nnen und werde sie auch nie auseinanderhalten. Nicht etwa, weil das so schwierig w&#228;re, sondern weil ich bei meiner Dichterarbeit nie etwas mit diesem Zeug zu tun hatte. Sollten sich Bruchst&#252;cke derartiger Versma&#223;e hie und da finden, so habe ich einfach etwas niedergeschrieben, was mir im Ohr klang, denn man st&#246;&#223;t eben immer wieder auf solche Motive wie »Abw&#228;rts auf dem Wolgastrome&#8230;«</p>
<p>Ich habe mich oftmals an das Studium der Metrik gemacht, habe auch ihre Mechanik erfasst, sie aber sp&#228;ter immer wieder vergessen. Diese Dinge, die die Lehrb&#252;cher der Poesie zu neunzig Prozent f&#252;llen, machen in meiner praktischen Arbeit nicht einmal drei aus!</p>
<p>Beim Dichten gibt es nur f&#252;r den Anfang einige allgemeing&#252;ltige Regeln. Und das auch nur, weil es so &#252;blich ist. Wie beim Schach. Die ersten Z&#252;ge sind nahezu gleich. Danach aber beginnt man, einen neuen Angriff zu ersinnen. Ein Zug, mag er auch noch so genial sein, vertr&#228;gt in der n&#228;chsten Partie in der gleichen Situation keine Wiederholung. Nur ein unerwarteter Zug bringt den Gegner aus dem Konzept.</p>
<p>Genau wie unerwartete Reime im Gedicht.</p>
<p align="right"><small>Fortsetzung folgt</small></p>
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		<title>Mathematiker oder Addierer</title>
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		<pubDate>Sat, 12 Apr 2008 19:30:41 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Wladimir Majakowski</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gastbeiträge]]></category>
		<category><![CDATA[Poetik]]></category>
		<category><![CDATA[Wie macht man Verse]]></category>
		<category><![CDATA[Wladimir Majakowski]]></category>

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		<description><![CDATA[Ein Gastbeitrag von Wladimir Majakowski
&#8226;&#8226;&#8226; Noch einmal mache ich sehr entschieden den Vorbehalt: Ich gebe keinerlei Regeln, wie man Dichter werden, wie man Verse schreiben soll. Solche Regeln gibt es &#252;berhaupt nicht. Dichter hei&#223;t gerade einer, der diese Regeln f&#252;r die Dichtkunst schafft. Zum hundertsten Male f&#252;hre ich mein bis zum &#220;berdruss bekanntes Beispiel an.
Ein [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><small>Ein Gastbeitrag von Wladimir Majakowski</small></p>
<p>&bull;&bull;&bull; Noch einmal mache ich sehr entschieden den Vorbehalt: Ich gebe keinerlei Regeln, wie man Dichter werden, wie man Verse schreiben soll. Solche Regeln gibt es &#252;berhaupt nicht. Dichter hei&#223;t gerade einer, der diese Regeln f&#252;r die Dichtkunst <em>schafft</em>. Zum hundertsten Male f&#252;hre ich mein bis zum &#220;berdruss bekanntes Beispiel an.</p>
<p>Ein Mathematiker ist ein Mensch, der mathematische Regeln schafft, erg&#228;nzt, entwickelt, der einen neuen Beitrag zur mathematischen Wissenschaft liefert. Der Mann, der als erster die Formel »2+2=4« fand, ist ein gro&#223;er Mathematiker, selbst dann, wenn er diese Wahrheit aus der Addition von je zwei Zigarettenstummeln gewonnen hat. Alle Nachfolgenden, m&#246;gen sie auch unendlich gr&#246;&#223;ere Dinge addiert haben, zum Beispiel eine Lokomotive und noch eine Lokomotive &ndash; alle diese Leute sind keine Mathematiker. Diese Feststellung setzt keineswegs die Arbeit desjenigen herab, der die Lokomotiven zusammenz&#228;hlt. Seine Arbeit kann in Tagen einer Transportkrise hundertmal wertvoller sein als ein nackter arithmetischer Lehrsatz.</p>
<p>Man wird mir entgegnen, ich renne offene T&#252;ren ein. Das sei doch alles selbstverst&#228;ndlich.</p>
<p>Weit gefehlt.</p>
<p>Achtzig Prozent des gereimten Unsinns werden von unseren Redaktionen nur darum gedruckt, weil die Redakteure entweder keine Vorstellung von der Dichtkunst der Vergangenheit haben oder nicht wissen, wozu Gedichte gut sind. Die Redakteure kennen nur ein »Mir gef&#228;llt&#8217;s« oder »Mir gef&#228;llt&#8217;s nicht« und vergessen dabei, dass man den Geschmack <em>bilden</em> kann und muss. Fast alle Redakteure haben sich mir gegen&#252;ber beklagt, sie verst&#228;nden es nicht, Gedichtmanuskripte zur&#252;ckzuschicken. Sie f&#228;nden keine passenden Worte bei solchen Gelegenheiten.</p>
<p>Ein t&#252;chtiger Redakteur m&#252;sste dem Dichter erkl&#228;ren: »Ihre Verse sind &#228;u&#223;erst korrekt. Sie sind nach der dritten Auflage des Handbuches zur Versfabrikation hergestellt. Alle ihre Reime sind erprobt und l&#228;ngst durch das vollst&#228;ndige Reimlexikon bekannt. Da ich im Augenblick keine guten neuen Gedichte habe, nehme ich gerne die Ihrigen. Ich bezahle sie wie die Arbeit eines guten Kopisten: drei Rubel pro Seite, unter der Bedingung, dass drei Kopien eingereicht werden.«</p>
<p>Er wird danach entweder das Schreiben aufgeben oder sich ans Dichten wie an einen Beruf machen, der viel Arbeit verlangt. Jedenfalls wird er aufh&#246;ren, sich besser zu d&#252;nken als ein Lokalreporter, der f&#252;r seine drei Rubel pro Notiz wenigstens mit neuen Ereignissen aufwarten kann. Der Lokalreporter rennt immerhin seine Schuhsohlen auf der Suche nach Skandalaff&#228;ren und Br&#228;nden ab, w&#228;hrend ein Poet der genannten Art h&#246;chstens seine Spucke zum Umbl&#228;ttern der Seiten verausgabt.</p>
<p align="right"><small>Fortsetzung folgt</small></p>
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		<title>Wie macht man Verse?</title>
		<link>http://turmsegler.net/20080411/wie-macht-man-verse/</link>
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		<pubDate>Fri, 11 Apr 2008 07:51:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Wladimir Majakowski</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gastbeiträge]]></category>
		<category><![CDATA[Poetik]]></category>
		<category><![CDATA[Wie macht man Verse]]></category>
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		<description><![CDATA[Ein Gastbeitrag von Wladimir Majakowski
&#8226;&#8226;&#8226; &#220;ber dieses Thema muss ich schreiben.
In zahlreichen literarischen Diskussionen, im Gespr&#228;ch mit jungen Mitarbeitern verschiedener Schriftstellerverb&#228;nde (RAP, TAP, PAP und wie sie alle hei&#223;en m&#246;gen), bei der Auseinandersetzung mit Kritikern war ich oft gezwungen, die alte Lehre von der Dichtkunst wenn nicht umzusto&#223;en, so doch mindestens zu diskreditieren. Der v&#246;llig [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><small>Ein Gastbeitrag von Wladimir Majakowski</small></p>
<p>&bull;&bull;&bull; &#220;ber dieses Thema muss ich schreiben.</p>
<p>In zahlreichen literarischen Diskussionen, im Gespr&#228;ch mit jungen Mitarbeitern verschiedener Schriftstellerverb&#228;nde (RAP, TAP, PAP und wie sie alle hei&#223;en m&#246;gen), bei der Auseinandersetzung mit Kritikern war ich oft gezwungen, die alte Lehre von der Dichtkunst wenn nicht umzusto&#223;en, so doch mindestens zu diskreditieren. Der v&#246;llig unschuldigen alten Dichtkunst selbst haben wir nat&#252;rlich kaum ein Haar gekr&#252;mmt. (Sie bekam nur etwas ab, wenn allzu eifrige Verteidiger des alten Krempels vor der neuen Kunst hinter den breiten R&#252;cken der Denkm&#228;ler Deckung suchten.)</p>
<p>Umgekehrt: indem wir die Denkm&#228;ler von ihren Piedestalen herunterholten und sie ger&#228;uschvoll hin und her zerrten, haben wir den Lesern erst die »Gro&#223;en« von einer v&#246;llig unbekannten, noch unerforschten Seite gezeigt.</p>
<p>Kinder (junge literarische Richtungen ebenfalls) interessieren sich immer daf&#252;r, wie das Schaukelpferd von innen aussieht. Nach den Bem&#252;hungen der »Formalisten« liegen die Eingeweide der papiernen R&#246;sser und Elefanten offen zutage. Sollten die Pferde dabei einigen Schaden davongetragen haben &ndash; Entschuldigung! Mit der Poesie der Vergangenheit herumzustreiten, ist nicht unseres Amtes sie ist f&#252;r uns Lehrstoff.</p>
<p>Unser st&#228;ndiger Hass trifft vor allem die romanzen-selig-n&#246;rgelnde Spie&#223;b&#252;rgerlichkeit. Alle, die alte Dichtkunst nur darum f&#252;r gro&#223; halten, weil auch sie genau so geliebt haben wie Onegin seine Tatjana (welcher Gleichklang der Seelen!), weil auch ihnen Dichter verst&#228;ndlich sind (im Gymnasium gelernt!), weil Jamben auch ihren Ohren lieblich klingen.</p>
<p>Uns ist dieses seichte Affentheater deshalb verhasst, weil es um die schwierige und wichtige Kunst der Dichtung die Atmosph&#228;re erotischer Emotionen schafft, die Atmosph&#228;re des Glaubens daran, dass nur an der »ewigen Poesie« jegliche Dialektik abprallt und der Prozess der dichterischen Produktion einzig und allein darin besteht: den Blick verz&#252;ckt nach oben zu richten in der Erwartung, der himmlische Geist der Poesie werde einem in Tauben-, Pfauen- oder Strau&#223;engestalt auf die Glatze herabschweben. </p>
<p>Diese Herrschaften sind unschwer zu widerlegen. Es gen&#252;gt, die Liebe der Tatjana und »die Triebe, die einst Ovid so reich besang«, neben einen Entwurf des Ehegesetzes zu stellen, das puschkinsche »entt&#228;uschte Lorgnon« Donezk-Kumpels vorzutragen, oder vor Demonstranten am 1. Mai herzulaufen und zu deklamieren: »Mein Onkel tut sehr brav und bieder!«</p>
<p>Nach Versuchen dieser Art d&#252;rfte wohl kaum ein junger Mensch, der vor Eifer brennt, alle Kraft f&#252;r die Revolution einzusetzen, ernstlich Lust versp&#252;ren, sich mit einem so veralteten Handwerk wie dem Dichten zu befassen.</p>
<p>Dar&#252;ber ist viel geschrieben und geredet worden. Der l&#228;rmende Beifall des Publikums war immer zun&#228;chst auf unserer Seite. Aber auf den Beifall folgten skeptische Stimmen: »Ihr zerst&#246;rt nur und schafft nichts! Die alten Lehrb&#252;cher sind schlecht, wo aber sind neue? Gebt uns die Regeln f&#252;r eure Dichtkunst! Gebt uns Lehrb&#252;cher!«</p>
<p>Der Hinweis darauf, dass die alte Dichtkunst anderthalb Jahrtausende existiert, unsere aber nur an die drei&#223;ig Jahre, ist als Entschuldigung wenig wirksam. Sie wollen schreiben und wollen wissen, wie man das macht? Warum man sich weigert, eine Sache als Dichtung anzuerkennen, die nach allen Regeln des Lehrbuchs mit untadeligen Reimen, in Jamben und Troch&#228;en abgefasst ist?</p>
<p>Sie haben das Recht, von den Dichtern zu verlangen, dass sie ihre Berufsgeheimnisse nicht mit ins Grab nehmen.</p>
<p>Ich will von meinem Handwerk nicht als Haarspalter schreiben, sondern als Praktiker. Mein Aufsatz hat gar keine wissenschaftliche Bedeutung. Ich schreibe von meiner Arbeit, die, meinen Beobachtungen und meiner &#220;berzeugung nach, sich im Grunde kaum von der Arbeit anderer Berufsdichter unterscheidet. </p>
<p align="right"><small>Fortsetzung folgt</small></p>
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		<title>Gastkolumne</title>
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		<pubDate>Fri, 11 Apr 2008 07:22:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Benjamin Stein</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gastbeiträge]]></category>
		<category><![CDATA[Poetik]]></category>
		<category><![CDATA[Wie macht man Verse]]></category>
		<category><![CDATA[Wladimir Majakowski]]></category>

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		<description><![CDATA[&#8226;&#8226;&#8226; Einen Gastbeitrag ganz besonderer Art kann ich heute ank&#252;ndigen. Es handelt sich sogar um eine Reihe von Gastbeitr&#228;gen, also gewisserma&#223;en eine Gastkolumne.
Das Thema ist schwergewichtig: Was ist Dichtung? Und: Wie schreibt man Verse? Dass ich keinen Zweifel daran hege, dass der Kolumnist uns Wesentliches zu sagen haben wird, das wird nicht verwundern, wenn ich [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="alignleft" src="http://farm3.static.flickr.com/2110/2404399569_f59f5bd682_o.jpg" width="150" height="150" alt="Wladimir Majakowski" />&bull;&bull;&bull; Einen Gastbeitrag ganz besonderer Art kann ich heute ank&#252;ndigen. Es handelt sich sogar um eine Reihe von Gastbeitr&#228;gen, also gewisserma&#223;en eine Gastkolumne.</p>
<p>Das Thema ist schwergewichtig: Was ist Dichtung? Und: Wie schreibt man Verse? Dass ich keinen Zweifel daran hege, dass der Kolumnist uns Wesentliches zu sagen haben wird, das wird nicht verwundern, wenn ich den Namen des Autors nenne: Wladimir Majakowski.</p>
<p>Er hat &#252;brigens zugesagt, sich an allf&#228;lligen Diskussionen hier im Turmsegler zu beteiligen. </p>
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		<title>Ein verwirrendes Lob der Faulheit</title>
		<link>http://turmsegler.net/20080325/ein-verwirrendes-lob-der-faulheit/</link>
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		<pubDate>Tue, 25 Mar 2008 07:51:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Jürgen Kuri</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gastbeiträge]]></category>
		<category><![CDATA[Prosa]]></category>
		<category><![CDATA[Jürgen Kuri]]></category>

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		<description><![CDATA[EIn Gastbeitrag von J&#252;rgen Kuri
&#8226;&#8226;&#8226; Wenn ich auf den Balkon unserer Wohnung trete, f&#228;llt der Blick nahezu als Erstes auf das Stra&#223;enschild &#8220;Hammersteinstra&#223;e&#8221;. Gewundert hat mich der Name schon immer, eine Hammersteinstra&#223;e inmitten all der Chemiker und Physiker, die ansonsten den Stra&#223;en des Viertels ihren Namen geben, Hammerstein in einer Reihe mit Liebig, Fraunhofer, Bunsen, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><small>EIn Gastbeitrag von <a href="http://turmsegler.net/tag/juergen-kuri/"><strong>J&#252;rgen Kuri</strong></a></small></p>
<p>&bull;&bull;&bull; Wenn ich auf den Balkon unserer Wohnung trete, f&#228;llt der Blick nahezu als Erstes auf das Stra&#223;enschild &#8220;Hammersteinstra&#223;e&#8221;. Gewundert hat mich der Name schon immer, eine Hammersteinstra&#223;e inmitten all der Chemiker und Physiker, die ansonsten den Stra&#223;en des Viertels ihren Namen geben, Hammerstein in einer Reihe mit Liebig, Fraunhofer, Bunsen, R&#246;ntgen oder Bessemer? Die Frage, wer denn nun dieser Hammerstein sei, spukte mir lange im Hinterkopf herum als etwas, das man mal nachschlagen k&#246;nnte. Dann kam Hans Magnus Enzensberger mit seinem <a href="http://www.amazon.de/Hammerstein-oder-Eigensinn-deutsche-Geschichte/dp/3518419609/">Hammerstein-Buch</a> &#8211; und ich w&#252;nschte mir, ein flapsig hingeworfenes &#8220;So genau wollte ich das eigentlich gar nicht wissen&#8221; h&#228;tte sich einem wie Enzensberger ohne besonderen Hinweis als Leitschnur gestellt.</p>
<p>Inzwischen sind die Lobeshymnen in den Feuilletons abgeklungen, die nach Enzensberger-Lekt&#252;re <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Kurt_von_Hammerstein">Kurt von Hammerstein</a>, den letzten Chef der Heeresleitung in der Weimarer Republik,  zum neuen Helden des Widerstands gegen den Faschismus ausrufen und das Lob der Faulheit singen. Ein preu&#223;ischer Offizier, dessen gr&#246;&#223;tes Verdienst darin zu bestehen scheint, neben den gewohnten preu&#223;ischen Tugenden auch der Faulheit zu fr&#246;nen &#8211; verstanden als Nichtstun, nicht etwa als Weimarer Ausgang von <a href="http://www.amazon.de/Recht-Faulheit-Widerlegung-Rechts-Arbeit/dp/393178603X/">Paul Lafargues &#8220;Recht auf Faulheit&#8221;</a>, das als aktiver Widerstand gegen die industrielle Revolution formuliert war. So kommt es dann, dass in den Zeitungen Bilder von Hammerstein gedruckt wurden, die ihn in J&#228;germontur bei einer seiner angeblich gr&#246;&#223;ten Freuden, der Jagd, zeigen, w&#228;hrend die Bildunterschriften die angeblich so unpreu&#223;ische Tugend der Faulheit hervorheben.</p>
<p>Ja, genau: Nichtstun, das ist besser als die Sekund&#228;rtugenden, mit denen man nach dem (ausnahmsweise gegl&#252;ckten) Bonmot des (sonst eher uns&#228;glichen) Oskar Lafontaine<sup><a href="#foot-1">*)</a></sup> auch ein KZ betreiben kann. Faulheit aber hilft nichts, einen Hitler verhindert man nicht, indem man bei Leuten wie <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Kurt_von_Schleicher">Kurt von Schleicher</a> mit abweichender Meinung vorstellig wird, die ihn unbedingt als vermeintliche Marionette der eigenen Absichten zum Reichskanzler machen wollten. Faulheit ist keine Ausrede, wenn man zuvor eine Wehrmacht mit aufgebaut hat, die sich, bei allen reaktion&#228;ren Widerspr&#252;chen zum Nationalsozialismus und konservativem Naser&#252;mpfen &#252;ber den Weltkriegsgefreiten, als elementare St&#252;tze des 3. Reichs vereinnahmen lie&#223;.</p>
<p>Das aber verliert sich im Ungef&#228;hren; Hammersteins Nichtstun und hilfloses Antichambrieren gegen Hitler erstrahlt dann jedoch in hellstem Licht, wenn man Enzensbergers Haltung gegen&#252;ber der Weimarer Republik folgt: &#8220;Wir sollten dankbar daf&#252;r gewesen sein, da&#223; wir nicht dabeigewesen sind. Die Weimarer Republik war von Anfang an eine Fehlgeburt&#8221;, so seine apodiktische Beurteilung der ersten deutschen Republik. Was kann da schon helfen als Unt&#228;tigkeit und die &#220;berwinterung, angefangen 1919 im Generalstab der Freikorps unter <a href="http://www.dhm.de/lemo/html/biografien/LuettwitzWalther/index.html">L&#252;ttwitz</a>, bis hin zum Jahr 1930, als Hammerstein Chef der Heeresleitung wird. Die Pflege eines &#8220;preu&#223;ischen Lebensstils&#8221; (Enzensbeger) und der R&#252;ckzug ins Privatleben 1934, nachdem man sich als Chef der Heeresleitung noch ein dreiviertel Jahr angesehen hat, dass man Recht damit hatte, Hitler nicht zu m&#246;gen, wird zur konsequenten Widerstandshandlung &#8211; noch betont durch das so hochgelobte Verst&#228;ndnis f&#252;r die T&#246;chter, die mit Kommunisten anbandelten. Dieses Lob erscheint angesichts der massiven Pr&#228;senz, mit der die KPD als politische Kraft in der Weimarer Republik operierte, fast so, als w&#252;rde man den Generalinspekteur der Bundeswehr heute daf&#252;r loben, dass seine T&#246;chter sich mit Mitgliedern der &#8220;Linken&#8221; einlassen d&#252;rfen.</p>
<p>H&#228;ttest Du&#8217;s besser gewusst? Keine Ahnung. Woher willst Du wissen, dass Du Dich richtig verhalten h&#228;ttest? Keine Ahnung. Die Fragen kommen nat&#252;rlich immer, und finden  immer keine Antwort. Das ist das Privileg, das ich gerne in Anspruch nehme: Es nachtr&#228;glich beurteilen zu k&#246;nnen und daraus Schl&#252;sse f&#252;r die Zukunft &#8211; und damit das eigene Verhalten &#8211; zu ziehen. <a href="http://www.amazon.de/Jahrestage-Aus-Leben-Gesine-Cresspahl/dp/3518411659/">Uwe Johnson</a> hat Enzensberger offensichtlich untersch&#228;tzt: &#8220;Offensichtlich nimmt das Offensichtliche zu an Offensichtlichkeit, wenn ein Enzensberger es sagt.&#8221; Gut gebr&#252;llt, aber nicht laut genug: Bei Enzensberger wird mittlerweile das Nicht-Offensichtliche zur Offenbarung: &#8220;Der tut nichts, der will ja nur spielen.&#8221;</p>
<p>Deutsche Hundehalter d&#252;rfen sich k&#252;nftig als Vorreiter widerst&#228;ndiger Bewegungen sehen. Und Enzensberger kann weiter seinen Lebensabend als konservativ gewendeter Ex- Revoluzzer genie&#223;en &#8211; die Rechtfertigung f&#252;rs Nichtstun und den Genuss der Freuden arrivierten Wohllebens hat er mit seinem Hammerstein-Buch ja geliefert.</p>
<p class="drama"><span id="foot-1"/><small><sup>*) </sup> Stern, 15. Juli 1982, Interview mit Oskar Lafontaine: &#8220;Helmut Schmidt spricht weiter von Pflichtgef&#252;hl, Berechenbarkeit, Machbarkeit, Standhaftigkeit. Das sind Sekund&#228;rtugenden. Ganz pr&#228;zis gesagt: Damit kann man auch ein KZ betreiben.&#8221;</small></p>
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		<title>Der M&#252;ller und der Bach</title>
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		<pubDate>Tue, 23 Oct 2007 07:16:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Benjamin Stein</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gastbeiträge]]></category>
		<category><![CDATA[Lyrik]]></category>
		<category><![CDATA[lykomedite]]></category>
		<category><![CDATA[Wilhelm Müller]]></category>

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		<description><![CDATA[Ein Gastbeitrag von: lykomedite
Der M&#252;ller
Wo ein treues Herze in Liebe vergeht,
da welken die Lilien auf jedem Beet,
da mu&#223; in die Wolken der Vollmond gehn,
damit seine Thr&#228;nen die Menschen nicht sehn;
Da halten die Englein die Augen sich zu
und schluchzen und singen die Seele zur Ruh&#8217;!
Der Bach
Und wenn sich die Liebe dem Schmerz entringt,
ein Sternlein, ein neues, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><small>Ein <a title="Gastbeitrr&#228;ge auf turmsegler.net" href="http://turmsegler.net/category/gastbeitrage/">Gastbeitrag</a> von: <a target="_blank" title="lykomedite - Weblog" href="http://mandschu.twoday.net/">lykomedite</a></small></p>
<p>Der M&#252;ller</p>
<p>Wo ein treues Herze in Liebe vergeht,<br />
da welken die Lilien auf jedem Beet,<br />
da mu&#223; in die Wolken der Vollmond gehn,<br />
damit seine Thr&#228;nen die Menschen nicht sehn;<br />
Da halten die Englein die Augen sich zu<br />
und schluchzen und singen die Seele zur Ruh&#8217;!</p>
<p>Der Bach</p>
<p>Und wenn sich die Liebe dem Schmerz entringt,<br />
ein Sternlein, ein neues, am Himmel erblinkt. -<br />
da springen drei Rosen halb rot und halb wei&#223;,<br />
die welken nicht wieder, aus Dornenreis;<br />
und die Engelein schneiden die Fl&#252;gel sich ab<br />
und gehn alle Morgen zur Erde herab.</p>
<p>Der M&#252;ller</p>
<p>Ach B&#228;chlein, liebes B&#228;chlein, du meinst es so gut;<br />
ach B&#228;chlein, aber wei&#223;t du, wie Liebe thut?<br />
Ach unten, da unten, die k&#252;hle Ruh&#8217;!<br />
Ach B&#228;chlein, liebes B&#228;chlein, so singe nur zu.</p>
<p align="right"><a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_M%C3%BCller" target="_blank"><strong>Wilhelm M&#252;ller</strong></a> (1794-1827)</p>
<p>&bull;&bull;&bull; <a title="Mondnacht" target="_blank" href="http://turmsegler.net/20071022/mondnacht/">Vollmond</a> l&#228;sst mich dieses wundersch&#246;ne Gedicht erinnern, welches ich allerdings nur in vertont textigem Zustand im Kopf habe. Es ist M&#252;llers/Schuberts Dialoglied <a href="http://www.recmusic.org/lieder/get_text.html?TextId=11866" target="_blank">&#8220;Der M&#252;ller und der Bach&#8221;</a>, die vorletzte Szene aus Schuberts tragischem Liederzyklus <a href="http://www.recmusic.org/lieder/s/schubert.html" target="_blank">&#8220;Die sch&#246;ne M&#252;llerin&#8221;</a>. Der Protagonist, ein junger M&#252;ller, sucht in seinem Liebesschmerz Trost beim ewigen Lied des Baches, in dem er sein nasses Grab finden wird. </p>
<p>Im Augenblick h&#246;re ich mir die <a href="http://www.danielroehm.de/?diskographie:Schubert-Liszt_-_CD:Anmerkung_zum_Werk" target="_blank">Transkription von Franz Liszt </a> an &#8211; sie ist eine von mehr als 50 Bearbeitungen von Schubert-Liedern, die Liszt zwischen 1839 und 1846 ver&#246;ffentlichte &#8211; gespielt von Arcardi Volodos. Bei dieser Aufnahme handelt es sich &#252;brigens um die letzte aus den ber&#252;hmten Wiener Sofiens&#228;len, die im August 2001 durch einen Brand restlos zerst&#246;rt wurden. Urspr&#252;nglich ein Ballsaal, in dem schon der Sohn von Johann Strau&#223; mit seinem Orchester zum Tanz aufspielte, wurde das Kleinod sp&#228;ter in ein Tagungszentrum umgewandelt, bevor Tontechniker die hervorragende Akustik entdeckten. Die letzten T&#246;ne, die in den Wiener Sofiens&#228;len erklangen, stammten von Franz Schubert, einem der popul&#228;rsten S&#246;hne der Stadt. </p>
<p>Wenn ich Schubert h&#246;re, f&#252;hle ich Sehnsucht, die ganz unten von meinem Grund langsam nach oben auftaucht&#8230;  eine urs&#228;chliche Sehnsucht, die in mir gekl&#228;rt ist und eine Sehnsucht, von der ich glaube, dass wir alle sie in uns haben, und unser Leben lang danach suchen. Es ist wie eine Spur von Kennen, von Wissen, von Umh&#252;llung von Liebe, und von Sehnsucht nach dieser Geborgenheit. Sehnsucht nach Echo?&#8230;  nach reiner Liebe an sich? F&#252;r mich trifft Schubert genau diesen Punkt &#8211; von seinem Schmerz an sich, seiner Verzweiflung auch sp&#228;ter &#252;ber seine eigene Verg&#228;nglichkeit, seinen Entbehrungen und seinem Verzicht auf Erf&#252;llung ganz abgesehen. </p>
<p>Als ich das Buch (es ist das Drehbuch) zum Film von Fritz Lehner &#8220;Mit meinen hei&#223;en Tr&#228;nen&#8221; (ja, ch habe es noch gebraucht kaufen k&#246;nnen), las, habe ich mich wieder gefragt, was Schubert wohl durchlitten hat. Und dann frage ich mich: Braucht es den Schmerz der Nichterf&#252;llung, um so begnadet schaffen zu k&#246;nnen?</p>
<p>Ich will nicht f&#252;r mich in Anspruch nehmen, dass ich Schubert verstehe. Es gibt st&#228;ndig Kritiker, Zuh&#246;rer oder Leser, die f&#252;r sich in Anspruch nehmen, dass sie die St&#252;cke des Autors oder des Komponisten besser kennen als der Autor oder der Komponist selbst. Aber ich glaube, ich kann Schubert h&#246;ren.</p>
<p align="right">Ein <a title="Gastbeitrr&#228;ge auf turmsegler.net" href="http://turmsegler.net/category/gastbeitrage/">Gastbeitrag</a> von: <a target="_blank" title="lykomedite - Weblog" href="http://mandschu.twoday.net/">lykomedite</a></p>
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		<title>Die Verweigerung im Konjunktiv</title>
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		<pubDate>Mon, 04 Jun 2007 22:03:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Benjamin Stein</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gastbeiträge]]></category>
		<category><![CDATA[Hartmut Abendschein]]></category>
		<category><![CDATA[Herman Melville]]></category>

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		<description><![CDATA[Ein Gastbeitrag von Hartmut Abendschein
&#252;ber Herman Melville: &#8220;Bartleby, the Scrivener&#8221;
••• Ich &#252;berlege mir, nicht mehr fernzusehen. Auch noch die &#220;berreste meines Fernsehens &#252;ber Bord zu werfen. Das sind nur noch: Eine kleine Nachrichtensendung, t&#228;glich, und ein sonnt&#228;glicher Tatort. Auf Letzteren habe ich schon seit Wochen verzichtet. Und der Rest? Wozu gibt es noch nachhaltige Zeitungen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><small>Ein Gastbeitrag von <a href="http://www.abendschein.ch/site/weblog" title="taberna kritika">Hartmut Abendschein</a><br />
&#252;ber <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Herman_Melville" title="Hermann Melville auf wikipedia.de">Herman Melville</a>: <a href="http://www.bartleby.com/129/" title="Bartleby, the Scrivener">&#8220;Bartleby, the Scrivener&#8221;</a></small></p>
<p>••• Ich &#252;berlege mir, nicht mehr fernzusehen. Auch noch die &#220;berreste meines Fernsehens &#252;ber Bord zu werfen. Das sind nur noch: Eine kleine Nachrichtensendung, t&#228;glich, und ein sonnt&#228;glicher <em>Tatort</em>. Auf Letzteren habe ich schon seit Wochen verzichtet. Und der Rest? Wozu gibt es noch nachhaltige Zeitungen und, ja, die eine oder andere Seite im Internet?</p>
<p>Das Prinzip der Verweigerung, wie es bei Melvilles Kopisten <a href="http://www.bartleby.com/129/">Bartleby</a> zum Tragen kommt, kulminiert in ein zur h&#246;flichen Formel geronnenes <em>I would prefer not to</em>, einer Aussteigerformel, die – irgendwie pl&#246;tzlich – einen angestellten Schreiber aus der Umlaufbahn wirft, indem er diese setzt und immer dichter setzt und umsetzt, so dass er sich am Ende am Ende befindet.</p>
<p>Ohne mich jetzt weiter in den ganzen Wust der immer noch anschwellenden Kritik dieses Textes zu knien, denn das m&#246;chte ich lieber nicht, schreibe ich &#252;ber diese einfache Formel und ihre Konsequenz, die dort nat&#252;rlich nicht zum Guten endet, auch nicht so enden kann, denn was endet schon zum Guten?</p>
<p>Ein Buch, das ich in diesem Zusammenhang erinnere, eine Aufsatzsammlung vielleicht, mit dem Titel „Literatur ist Widerstand“ (Innsbruck, 2005) lag vor kurzem auf meinem Tisch, und sein Verfasser meinte nicht etwa eine <em>engagierte Literatur</em>, wie sie da und dort wieder vermehrt gefordert wird. Tats&#228;chlich wird die T&#228;tigkeit des Schreibens an sich gemeint, die sich allen (&#228;usseren) Einfl&#252;ssen entzieht, so gut es eben geht.</p>
<p>Es ist eine Art T&#228;tigkeit des verzichtenden Gewinns. Vielleicht als eine Haltung und Arbeit an einer Haltung zu umschreiben, die Literatur in der Produktion (und vielleicht auch Rezeption, wenn sie nicht nur kontempliert) an sich als Wert sieht. Ein alter Hut also.</p>
<p>Doch kann sie immer noch f&#252;r eine Wappnung oder als Stabilisator bzw. Immunisator dessen stehen, was man einmal Subjekt nannte. Aber ich meine hier vielleicht nur etwas, das mit dem Willen zur Durchdringung oder zum Werk, schlicht: zur Konzentration verbunden ist.</p>
<p>So stelle ich mir Bartleby vor, der durch &#228;usserste Entsagung an sich, und das ist sein Werk, arbeitet. Das heisst in diesem Falle: Sein eigenes Werden zu einer symbolischen Lebensform zu machen, die sich gleichzeitig in ihrer Vollendung ausl&#246;scht. Diese ist naturgem&#228;ss von vielen Seiten her verp&#246;nt, weder zeitgem&#228;ss noch sonderlich erw&#252;nscht.</p>
<p>Vielleicht ist sie auch nicht besonders sozialvertr&#228;glich, obwohl sie aber als wahrscheinlich &#246;kologisch unbedenklich, wenn nicht sogar w&#252;nschenswert angesehen werden kann. Dass es aber so und nur wenig anders gemeint sein kann, dass also erst der Wille zum Aus- und Nichtmehreinschalten ein wichtiger Schritt zum Werk sein muss, lese ich daraus. Das heisst aber auch, dass dieses Werk entstehen <em>muss</em>, sonst macht all das keinen Sinn. Vielleicht brauche ich also auch die Zeitungen nicht mehr. Vielleicht sollte ich generell auch das Lesen bleiben lassen, und mehr Zeit auf das Schreiben verwenden. Das alles im Konjunktiv.</p>
<p>Aber auf einen breitbandigen Internetanschluss verzichten? <em>I would prefer not to.</em></p>
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		<title>Verlorene Herk&#252;nfte</title>
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		<pubDate>Thu, 31 May 2007 08:23:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Benjamin Stein</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gastbeiträge]]></category>
		<category><![CDATA[Poetik]]></category>
		<category><![CDATA[Alban Nikolai Herbst]]></category>

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		<description><![CDATA[Ein Gastbeitrag von Alban Nikolai Herbst
in Erwiderung auf &#8220;Gereimtes Versmass&#8221;
••• Neue Formen auszuprobieren, sie zu f&#252;llen und schlie&#223;lich (vor&#252;bergehend, weil so etwas immer weiter f&#252;hrt) zu beherrschen, ist von Anfang an ein nachdr&#252;ckliches Element auch meiner Romane gewesen, wurde allerdings erst in letzter Zeit, und zwar von Literaturwissenschaftlern, nicht von der Kritik und kaum von [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><small>Ein Gastbeitrag von <a href="http://www.albannikolaiherbst.de/" title="Die Dschungel. Anderswelt.">Alban Nikolai Herbst</a><br />
in Erwiderung auf<a href="http://turmsegler.net/20070530/gereimtes-versmass/" title="Gereimtes Versmass"> &#8220;Gereimtes Versmass&#8221;</a></small></p>
<p>••• Neue Formen auszuprobieren, sie zu f&#252;llen und schlie&#223;lich (vor&#252;bergehend, weil so etwas immer weiter f&#252;hrt) zu beherrschen, ist von Anfang an ein nachdr&#252;ckliches Element auch meiner Romane gewesen, wurde allerdings erst in letzter Zeit, und zwar von Literaturwissenschaftlern, nicht von der Kritik und kaum von Lesern bemerkt &#8211; was wohl auch daran liegt, da&#223; ein  plausibler Kanon, wie ein Roman auszusehen habe, nicht exitiert, so da&#223; sich ein solcher Kanon auch nicht durchbrechen l&#228;&#223;t, nicht eigentlich transzendieren l&#228;&#223;t. Daran aber w&#228;re &#252;berhaupt nur die <em>neue Form</em> merklich. Man kann sich allenfalls, was ich seit einiger Zeit tue, diesen Kanon <a href="http://www.die-dschungel.de/ANH/txt/reden.htm">selber schreiben</a>. Nur zeitigt das bei Lesern wenig erkenntnistheoretische / &#228;sthetische Erkenntnis, da meist die Zusammenh&#228;nge, aus denen argumentiert wird, gar nicht begriffen oder verlorengegangen sind.</p>
<p>Das h&#228;ngt a u c h damit zusammen, da&#223; wir unsere Herk&#252;nfte verloren haben. Am schlagendsten l&#228;&#223;t sich das bei der musikalischen Bildung zeigen. Vieles wird gar nicht mehr gewu&#223;t, so da&#223; kaum jemand merkt, wenn etwa in einem Popst&#252;ck rundweg aus einem Kulturerbe abgekupfert wird, das dem Urheber selbst ganz fremd ist und ihm nun als Steinbruch dient, aus dem er sich &#8211; arglos, da ja auch er die <em>Bedeutungen</em> nicht wei&#223; &#8211; bedient, wie es das sog. einfache Volk an den zusammengefallenen Tempeln der Antike tat: was den Stall abdichten konnte, das schleppte man dann halt dahin. Ein normaler, verst&#228;ndlicher Vorgang, der so lange unproblematisch ist, als es immer wieder Bewegungen gab, die verstreuten Marmorbl&#246;cke neu zusammenzusammeln und ihnen nachzuforschen &#8211; also dem nachzuforschen, woher wir kommen.</p>
<p>Diesem &#8220;woher wir kommen&#8221; hat aber der Hitlerfaschismus einen so schlechten Geschmack zugef&#252;gt, da&#223; zumindest das Gros der Deutschen und deutsch-Angeschlossenen das gar nicht mehr wissen wollten und nur zu gerne &#8211; ein Akt der Abwehr &#8211; eine &#8220;neue Tradition&#8221; begr&#252;ndeten, die sich vornehmlich aus dem US-Amerikanischen gespeist hat. Man &#252;bernahm &#8211; und hielt das f&#252;r einen Akt der Emanzipation &#8211; ganz unbemerkt die &#196;sthetik des Gegners &#8211; ein Vorgang, der &#8220;normalerweise&#8221; einer ist, den der Sieger dem Besiegten <em>aufzwingt</em>. Hier war Zwang nicht n&#246;tig, den Schauder vor der eigenen Kultur hatte die eigene Kultur ihren Tr&#228;gern schon beigebracht.  Und mit dem, was man nicht mehr wissen wollte, ging das, was man wissen sollte, mitverloren. Wer sich jetzt wieder f&#252;r das, was man wissen sollte (weil man eben d o c h daherkommt), interessiert, spricht deshalb meistens in eine Leere.</p>
<p>Bei Gedichten &#8211; eine f&#252;r mich selbst neue Erkenntnis &#8211; ist das anders. Zumindest aufgrund ihrer K&#252;rze sind Formen und Erscheinungen im allgemeinen bekannt geblieben. Ich mag mich allerdings insofern irren, als, von Ausnahmef&#228;llen wie Rilke einmal abgesehen, Lyrik immer ein sehr begrenztes Publikum hatte, gerade in ihren exponiertesten Formen; es gibt, wie unter Lesern auch und gerade unter Kritikern, signifikant mehr Experten oder doch lyrisch Hochgebildete, als da&#223; f&#252;r Romane der Fall ist, die nach wie vor mehr oder minder nach Kriterien des Geschmacks, also nach Gefallen und/oder der (politischen) Ideologie, ihre Urteile f&#228;llen. Etwa sind auch moralische Zweifelsf&#228;lle, wie Benn, als Lyriker nahezu v&#246;llig unbestritten geblieben &#8211; einfach weil so auf der Hand liegt, welche L e i s t u n g ihre Dichtung gewesen ist und das auch bleibt &#8211; und eben auch, wie weitgehend sie sich auf die Herk&#252;nfte bezieht.</p>
<p>Hier setzt &#8211; aus einem ganz anderen <em>Grund</em>, n&#228;mlich einem R o m a n hergekommen &#8211; meine eigene lyrische Arbeit an, die sich ja auf der Oberfl&#228;che geradezu (neo)klassizistisch lesen l&#228;&#223;t. Das hat wiederum eine Ursache in der deutschen Einsch&#228;tzung von &#8220;Postmoderne&#8221;, der ich ja nun wohl ein- f&#252;r allemal zugeschlagen bin. Man wirft ihr gerne die vermeintliche Beliebigkeit vor. Dem sperrt sich die strenge Form, zumal dann, wenn sie antike, kanonisierte Muster oder so etwas wie die Sonettform wieder aufnimmt. Da ist dann n&#228;mlich keinerlei Beliebigkeit mehr &#8211; und auch gar nicht m&#246;glich. Wo man im Roman unendlich lange erkl&#228;ren und aufzeigen und die eigenen Strukturen selbst &#246;ffentlich analysieren mu&#223;, damit die anderen &#252;berhaupt dahinterkommen, braucht es im Gedicht nicht mehr als ein traditionelles Schema, um den Vorgang klarzumachen, ja er l i e s t sich selbst. (Da&#223; man aber, dies nebenbei bemerkt, die alten Formen nach den Verwerfungen der Moderne wieder hernehmen kann, ist etwas, das wir der Postmoderne wirklich <em>verdanken</em>).</p>
<p>Dies alles hat auch eine politische Seite, n&#228;mlich meine eines entschiedenen Europ&#228;ers, der sich, um Europ&#228;er sein zu k&#246;nnen, seiner Herkunft und Herk&#252;nfte entsinnt. Zu denen geh&#246;rt wie das Judentum, ohne da&#223; es eine abendl&#228;ndische Kunst gar nicht g&#228;be und dessen Kunst wiederum im Orient wurzelt, mit dem wir schon deshalb mehr gemein haben als mit US-Amerika, die Antike &#8211; und zwar so, wie sie gewesen sein mag, wie wie sie uns &#252;ber die Klassik vermittelt wurde.</p>
<p>Vom Judentum und vom mittelalterlichen Sizilien verl&#228;uft ein weiterer Strang nach Nordafrika &#8211; imgrunde ist der gesamte Mittelmeerraum die europ&#228;ische Wiege &#8211; und auch, aber nur ein bi&#223;chen, der nordische und slawische; Schwarzafrika, das f&#252;r die Kultur, die die USA tats&#228;chlich aus Eigenem hervorgebracht hat &#8211; etwa den Jazz &#8211; entscheidende Bedeutung hat, ist f&#252;r Europa geradezu marginal und wirkt erst jetzt &#8211; etwa seit der vorletzten Jahrhundertwende -, &#252; b e r die USA, auf die europ&#228;ischen K&#252;nste ein. Richtige W u r z e l n sind das aber (noch) nicht &#8211; wenn man das mal an der europ&#228;ischen Kunstgeschichte mi&#223;t, die gut 4000 Jahre und mehr auf dem Buckel hat. Wer meint, das mi&#223;achten zu k&#246;nnen, der irrt &#8211; oder wirft ganz bewu&#223;t Kenntnis, Verst&#228;ndnis und Wirkkraft der eigenen Kultur kommod auf den Mist. &#220;brigens auch Kenntnis, Verst&#228;ndnis und Wirkkraft sowohl der mosaischen als auch der christlichen Religion &#8211; und er k a n n dann etwa den Islam, die nahste Bruderreligion, gar nicht verstehen, um von matriarchalen bzw. natur- und volksreligi&#246;sen Formen ganz zu schweigen, die doch gerade im mediterranen katholischen Christentum bis heute virulent geblieben sind und ihren Ausdruck in Legenden und Volksmythen finden &#8211; k&#252;nstlerisch aufgehoben in lyrischen Stanzen, die magischen Charakters sind.</p>
<p>Da es aber wiederum nicht darum gehen kann, museal nachzudichten, was auch vom Klang her schon gar nicht ginge und obendrein jeglicher Glaubw&#252;rdigkeit spottete, ist es unabdingbar, die wiederaufgenommenen Formen weiterzuentwickeln. So da&#223; ich eine bzw. mehrere europ&#228;ische Traditionslinien zwar entschieden und ganz offen aufgreife, aber mit ihnen dort ankn&#252;pfe, wo der Hitler-Faschismus unsere Kultur zer- und abgeschnitten hat &#8211; und mit ihm der Gro&#223;teil eines ganzen Volkes, das sich dann mit der gleichen blinden Begeisterung der Kultur eines Siegers an den Hals wirft (&#252;brigens taten das so b e i d e Teile Deutschland, der eine nach den USA, der andere nach den USSR), der &#252;ber seine Hegemonialabsichten nicht einmal je einen Hehl machen mu&#223;te.</p>
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		<title>Das Spiel mit den Wirklichkeiten</title>
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		<pubDate>Thu, 24 May 2007 22:32:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Benjamin Stein</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gastbeiträge]]></category>
		<category><![CDATA[Prosa]]></category>
		<category><![CDATA[Jorge Luis Borges]]></category>
		<category><![CDATA[Markus A. Hediger]]></category>

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		<description><![CDATA[Ein Gastbeitrag von Markus A. Hediger
zu Jorge Luis Borges
••• Nicht alle Erz&#228;hlungen von Borges untermauern seinen Ruf als herausragenden Autor. Nebst den phantastischen Geschichten, f&#252;r die er bekannt wurde und durch die er Weltruhm erlangte, gibt es auch die vielen anderen. Diese Erz&#228;hlungen sind solides Handwerk. Gut erz&#228;hlt, stilsicher geschrieben, darin unverkennbar Borges, ja, aber [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><small>Ein Gastbeitrag von <a href="http://hanginglydia.skypaperpress.com" title="Hanging Lydia">Markus A. Hediger</a><br />
zu <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Jorge_Luis_Borges" title="Jorge Luis Borges auf wikipedia.de">Jorge Luis Borges</a></small></p>
<p>••• Nicht alle Erz&#228;hlungen von Borges untermauern seinen Ruf als herausragenden Autor. Nebst den phantastischen Geschichten, f&#252;r die er bekannt wurde und durch die er Weltruhm erlangte, gibt es auch die vielen anderen. Diese Erz&#228;hlungen sind solides Handwerk. Gut erz&#228;hlt, stilsicher geschrieben, darin unverkennbar Borges, ja, aber nichts Aussergew&#246;hnliches. Sie erz&#228;hlen von Begebenheiten, die geschehen sein k&#246;nnten, aber ebenso gut nicht, es sind Pr&#228;zisierungen, vorgenommen durch einen Mann, der die durch den Volksmund verbreitete Folklore in eine literarische Form einpasst. F&#252;r den Leser ist es v&#246;llig belanglos, ob die berichteten Ereignisse tats&#228;chlich geschehen oder Erfindung sind – w&#228;hrend der Lekt&#252;re werden sie wahr und geben keinerlei Anlass, an ihnen zu zweifeln. Die Wirklichkeit des Berichteten ist die Wirklichkeit des Lesers. Ich denke da zum Beispiel an &#8220;Der Tote&#8221;, &#8220;Die Narbe&#8221; oder &#8220;Die Geschichte des Rosendo Juárez&#8221;. Einigen seiner Erz&#228;hlungen schreibt Borges pers&#246;nlich eine realistische Qualit&#228;t zu.</p>
<p>Und dann gibt es da die anderen Erz&#228;hlungen, in denen die Wirklichkeiten ineinander greifen, ineinander wirken und die Wirklichkeit des Lesers – zumindest w&#228;hrend der Zeit der Lekt&#252;re – in Frage stellt. &#8220;Das Aleph&#8221;, zum Beispiel, beginnt mit einer langatmigen Schilderung einer nervt&#246;tenden Beziehung zwischen dem Ich-Erz&#228;hler und einem Dichter furchtbar schw&#252;lstiger und pomp&#246;ser Werke, man fragt sich als Leser, wohin die Erz&#228;hlung f&#252;hren soll, dann diese Passage:</p>
<blockquote><p> Nun komme ich zum unsagbaren Mittelpunkt meines Berichts; hier beginnt meine Verzweiflung als Schriftsteller. Alle Sprache ist ein Alphabet aus Symbolen, deren Anwendung eine den Gespr&#228;chspartnern gemeinsame Vergangenheit voraussetzt; wie soll ich anderen das unendliche Aleph mitteilen, das mein furchtsames Ged&#228;chtnis kaum erfasst? […] In diesem gigantischen Augenblick habe ich Millionen k&#246;stlicher und gr&#228;sslicher Vorg&#228;nge gesehen; keiner erstaunte mich so sehr wie die Tatsache, dass sie alle in demselben Punkt stattfanden, ohne &#220;berlagerung und ohne Transparenz. Was meine Augen sahen, war simultan: was ich beschreiben werde, ist sukzessiv, weil die Sprache es ist.</p></blockquote>
<p>Es folgt ein Mammutsatz, der sich &#252;ber mehr als eine Seite erstreckt und das Unm&#246;gliche zu beschreiben versucht:</p>
<blockquote><p> […] das unfassliche Universum.</p></blockquote>
<p>In &#8220;Das Sandbuch&#8221;, in &#8220;Blaue Tiger&#8221; geschieht erz&#228;hlerisch &#196;hnliches: In &#8220;unsere&#8221; Welt bricht etwas Unfassliches herein, etwas, das jeder Logik, mit der wir Leser uns die Welt erkl&#228;ren, widerspricht. W&#228;hrend der Dauer der Lekt&#252;re sind die Gesetze der Welt aus den Angeln gehoben.</p>
<p>Eine andere Erz&#228;hlung, die in Bezug auf das Spiel mit Wirklichkeiten ein eigenes Kapitel verdiente, m&#246;chte ich hier nur am Rande erw&#228;hnen. In &#8220;Tl&#246;n, Uqbar, Orbis Tertius&#8221; – eine Zusammenfassung finden Sie bei <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Tl%C3%B6n%2C_Uqbar%2C_Orbis_Tertius" title="Orbis Tertius">Wikipedia</a>, aber bitte, bitte lesen Sie die Erz&#228;hlung! – vermengt Borges virtuos alle nur denkbaren literarischen Wirklichkeitsformen: Es finden sich darin (vorgeblich) autobiographische Elemente (&#8220;reale&#8221; Welt), das Einbrechen von Fiktion in die Realit&#228;t (ein fiktiver Artikel in einer Enzyklop&#228;die), die Rekonstruktion einer Fiktion und sp&#228;ter die Aufdeckung einer Gruppe verschwiegener M&#228;nner, die sich der Erschaffung eines Planeten samt eigener Sprachen und Philosophien verschrieben haben, und schliesslich das Auftauchen von Gegenst&#228;nden dieser erfundenen Welt in der realen Welt. Das Auseinanderhalten der verschiedenen Wirklichkeiten w&#228;hrend der Lekt&#252;re erfordert ein hohes Mass an Lesekunst. Viel wurde und k&#246;nnte man noch schreiben &#252;ber diesen grandiosen Text, in dem es vorkommen kann, dass in einem einzigen Nebensatz ein ganzes Universum erschaffen wird. Ich m&#246;chte mich jetzt jedoch auf eine weitere Borges’sche Textgattung konzentrieren, deren erfundene Wirklichkeit &#252;ber die Zeit der Lekt&#252;re hinaus in unsere &#8220;reale&#8221; Welt hineingreift, n&#228;mlich die der Rezensionen &#252;ber B&#252;cher, die nie geschrieben wurden.</p>
<p>Im Vorwort zu seinem B&#252;chlein &#8220;Fiktionen&#8221; schreibt Borges – Bezug nehmend auf seinen Text &#8220;Untersuchung des Werks von Herbert Quain&#8221;:</p>
<blockquote><p> Ein m&#252;hseliger und strapazierender Unsinn ist es, dicke B&#252;cher zu verfassen; auf f&#252;nfhundert Seiten einen Gedanken auszuwalzen, dessen vollkommen ausreichende m&#252;ndliche Darlegung wenige Minuten beansprucht. Ein besseres Verfahren ist es, so zu tun, als g&#228;be es diese B&#252;cher bereits, und ein Résumé, einen Kommentar vorzulegen.</p></blockquote>
<p>Nicht nur der Autor tut so, als g&#228;be es das Werk des Herbert Quain. Der Leser muss es ebenfalls tun, denn sonst ergibt die Lekt&#252;re der ca. f&#252;nf Seiten von Borges &#252;ber Quain keinen Sinn. Um es auszubuchstabieren: Der Leser weiss, dass die ihm vorliegende Rezension sich auf ein nicht existierendes Werk bezieht. Aber die Rezension ist &#8220;real&#8221;, sie ist greifbar. Um ihr einen Sinn entnehmen zu k&#246;nnen, muss der Leser sich nun wider besseres Wissen &#252;bert&#246;lpeln und die Existenz dieses Werks und seines Autors <em>in der realen Welt</em> postulieren. So ger&#228;t er in den Genuss, etwas Neues &#252;ber etwas zu erfahren, das existiert. Existierte es nicht, w&#228;re die Lekt&#252;re der Rezension sinnlos. Der Existenzanspruch des Quain’schen Werkes wird noch untermauert durch den Hinweis des Autors, von Quain stamme die Erz&#228;hlung &#8220;Die kreisf&#246;rmigen Ruinen&#8221;. Und diese Erz&#228;hlung, meine Damen und Herren, existiert tats&#228;chlich: Sie findet sich in dem B&#252;chlein, das den verst&#246;renden Titel &#8220;Fiktionen&#8221; tr&#228;gt.</p>
<p>Das ist ziemlich gerissen. Aber Borges findet auch hierf&#252;r noch eine Steigerung – und damit will ich schliessen:</p>
<p>&#8220;Pierre Menard, Autor des Quijote&#8221; beginnt mit einem &#220;berblick &#252;ber die literarische Hinterlassenschaft des Autors Pierre Menard. Meist Unbedeutendes ist’s, was in seinem Privatarchiv gefunden wird: Monographien, Untersuchungen, &#220;bersetzungen, aber auch eine Reihe bewundernswerter Sonette. Dann kommt Borges auf das wahre, das wahrlich bedeutende Unternehmen Menards zu sprechen, die Abfassung des Quijote:</p>
<blockquote><p>Er wollte nicht einen anderen Quijote verfassen – was leicht ist -, sondern  <strong>den</strong>  Quijote. Unn&#252;tz hinzuzuf&#252;gen, dass er niemals eine mechanische Transkription ins Auge fasste; er wollte es nicht kopieren. Sein bewundernswerter Ehrgeiz war es, ein paar Seiten hervorzubringen, die – Wort f&#252;r Wort und Zeile f&#252;r Zeile – mit denen von Miguel de Cervantes &#252;bereinstimmen sollten.</p></blockquote>
<p>Und so wird das Vorgehen Menards beschrieben:</p>
<blockquote><p>Die Methode, die er sich anf&#228;nglich ausdachte, war relativ einfach. Gr&#252;ndlich Spanisch lernen, den katholischen Glauben wiedererlangen, gegen die Mauren oder gegen den T&#252;rken k&#228;mpfen, die Geschichte Europas zwischen 1602 und 1918 vergessen, Miguel de Cervantes sein. Pierre Menard studierte dieses Verfahren […], schob es aber als zu leicht beiseite. Eher darum, weil es unm&#246;glich war, wird der Leser sagen. Einverstanden, aber das Vorhaben war von vornherein unm&#246;glich, und von allen unm&#246;glichen Mitteln, es zu Ende zu f&#252;hren, war dieses am wenigsten interessant. Im 20. Jahrhundert ein popul&#228;rer Schriftsteller des 17. Jahrhunderts zu sein, kam ihm wie eine Herabminderung vor. Auf irgendeine Art Cervantes zu sein und zum Quijote zu gelangen, erschien ihm weniger schwierig – und infolgedessen auch weniger interessant -, als weiter Pierre Menard zu bleiben und durch die Erlebnisse Pierre Menards zum Quijote zu gelangen.</p></blockquote>
<p>Menard gelingt es, einige Zeilen des Quijote zu schreiben. Wort f&#252;r Wort ist es identisch mit dem Werk Cervantes, und doch ist es ein anderer Text. Er stammt von Menard. Feinf&#252;hlig vergleicht Borges die beiden Texte und deckt die Unterschiede auf.</p>
<p>Was genau geschieht in dieser Erz&#228;hlung? Ein Objekt, ein Gegenstand, ein Buch wird aus der realen Welt (niemand wird bestreiten wollen, dass Cervantes&#8217; Quijote Bestandteil unserer &#8220;realen&#8221; Welt ist) in eine fiktive Wirklichkeit (die Welt Pierre Menards) gehoben. Dort wird dieses &#8220;reale&#8221; Objekt fiktionalisiert – ein fiktiver Autor schreibt es neu, macht es zu seiner Fiktion. In dieser fiktiven Welt werden nun Vergleiche gezogen zwischen dem fiktiven und dem &#8220;realen&#8221; Quijote. Der Leser macht dieses Spiel mit: Auch er vergleicht Menards Quijote mit dem realen Quijote, und damit l&#228;sst er die Wirklichkeit der Erz&#228;hlung in seine eigene Wirklichkeit hinein. Vielleicht merkt er es nicht w&#228;hrend der Lekt&#252;re, aber wenn er Borges Erz&#228;hlung beiseite legt, wird er Cervantes&#8217; Quijote nie mehr so lesen k&#246;nnen, als sei er nicht von Menard geschrieben.</p>
<p>Vor wenigen Wochen gab Benjamin Stein einem seiner Beitr&#228;ge den Titel <a href="http://turmsegler.net/20070513/was-ich-erzahle-geschieht/" title="Benjamin Stein: Was ich erz&#228;hle, geschieht">&#8220;Was ich erz&#228;hle, geschieht&#8221;</a>. Das ist weit mehr als eine blosse Behauptung oder Ausdruck einer &#220;berzeugung, weit mehr als die Apologie eines Autors, der seine T&#228;tigkeit zu rechtfertigen versucht. In Borges&#8217; &#8220;Pierre Menard, Autor des Quijote&#8221; wird sie wahr.</p>
<p>Nun wage keiner mehr zu sagen, Literatur habe nicht die Kraft, die Welt zu ver&#228;ndern…</p>
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		<title>Die Scheibe</title>
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		<pubDate>Sun, 13 May 2007 23:17:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Benjamin Stein</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gastbeiträge]]></category>
		<category><![CDATA[Prosa]]></category>
		<category><![CDATA[Jorge Luis Borges]]></category>
		<category><![CDATA[Markus A. Hediger]]></category>

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		<description><![CDATA[Ein Gastbeitrag von Markus A. Hediger
zu „Die Scheibe“ von Jorge Luis Borges
••• Ich f&#252;rchte, ich bin mit meinem ersten Beitrag &#252;ber die Begegnung mit dem Phantastischen in Borges Erz&#228;hlungen zu forsch vorgeprescht und habe es vers&#228;umt (wie in den Kommentaren von Michael Perkampus auch zu recht moniert wurde) den Begriff des Phantastischen bei Borges enger [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><small>Ein Gastbeitrag von <a href="http://hanginglydia.skypaperpress.com" title="Hanging Lydia">Markus A. Hediger</a><br />
zu <a href="http://www.amazon.de/S%C3%A4mtliche-Erz%C3%A4hlungen-Jorge-Luis-Borges/dp/B0000BQ6U8/ref=pd_bowtega_2/302-9342702-1902440?ie=UTF8&amp;s=books&amp;qid=1178686388&amp;sr=1-2" title="Spiegel und Maske - auf amazon.de" target="_blank">„Die Scheibe“</a> von <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Jorge_Luis_Borges" title="Jorge Luis Borges auf wikipedia.de">Jorge Luis Borges</a></small></p>
<p><a href="http://www.tarot.com/about-tarot/decks/" title="Crowley Tarot - Ace of Discs"><img src="http://turmsegler.net/img/acediscs.jpg" class="alignleft" alt="Crowley Tarot - Ace of Discs" /></a>••• Ich f&#252;rchte, ich bin mit meinem <a href="http://turmsegler.net/20070510/spiegel-und-maske" title="Spiegel und Maske">ersten Beitrag &#252;ber die Begegnung mit dem Phantastischen in Borges Erz&#228;hlungen</a> zu forsch vorgeprescht und habe es vers&#228;umt (wie in den Kommentaren von Michael Perkampus auch zu recht moniert wurde) den Begriff des Phantastischen bei Borges enger einzufassen. Ich will dies anhand der sehr kurzen Erz&#228;hlung „Die Scheibe“ nachholen. Darin spielt Religion nur am Rande eine Rolle, was mich vor eben jenen Ausschweifungen bewahren wird, die mich in Teufels K&#252;che bringen. Sie veranschaulicht aber sehr genau, was das Phantastische bei Borges ausmacht. Ich werde eine Definition in meiner Rolle als <em>Leser</em> versuchen &#8211; nicht als Germanist und ohne R&#252;ckgriff auf eine der zahlreichen Literaturmodelle, die es zur Phantastischen Literatur gibt. Bei Borges geht es immer auch um das Lesevergn&#252;gen. Wer Spass an der Lekt&#252;re hat, hat den Weg in den Text hinein schon gefunden. Dort muss er sich lediglich umsehen, um zu erkennen, worin sein Reiz liegt. Lesen, eintauchen, schauen, Spass haben: das ist die Methode, die ich hier anwenden m&#246;chte.</p>
<p>„Die Scheibe“ erz&#228;hlt von einem Holzf&#228;ller, der am Rand eines grossen Waldes lebte. Sein Bruder war bereits vor langer Zeit gestorben. Zur&#252;ckgezogen hauste der Holzf&#228;ller. Er galt als Geizhals. Zu Unrecht, wie er meinte, denn „was kann ein Waldarbeiter schon zusammenbringen?“ Eines Abends klopfte es an seine T&#252;r. Als der Holzf&#228;ller die T&#252;re &#246;ffnete, stand ein grosser, alter Mann vor ihm, den das Alter „eher herrisch als hinf&#228;llig“ gemacht hat. Ein stolzer, aber gebrechlicher Mann. Der Holzf&#228;ller bat ihn hinein, gab ihm zu essen und liess ihn am Boden schlafen &#8211; dort, wo sein Bruder starb.</p>
<blockquote><p>Es wurde Tag, als wir das Haus verliessen. Der Regen hatte aufgeh&#246;rt, und die Erde war bedeckt mit neuem Schnee. Ihm fiel der Stock aus der Hand, und er befahl mir, ihn aufzuheben.</p>
<p>„Warum muss ich dir gehorchen?“ fragte ich.</p>
<p>„Weil ich ein K&#246;nig bin“, antwortete er.</p>
<p>Ich hielt ihn f&#252;r verr&#252;ckt. Ich hob den Stock auf und reichte ihn ihm.</p>
<p>Seine Stimme hatte sich ver&#228;ndert.</p>
<p>„Ich bin der K&#246;nig der Secgen. Viele Male habe ich sie in harter Schlacht zum Sieg gef&#252;hrt, doch in der Schicksalsstunde verlor ich mein Reich. Mein Name ist Isern, und ich bin aus dem Geschlechte Odins.“</p>
<p>„Ich bete nicht zu Odin“, antwortete ich. „Ich bete zu Christus.“</p></blockquote>
<p>Diese Szene ist beklemmend in ihrer K&#252;rze. Die M&#228;nner sprechen kaum miteinander. Jeder gesprochene Satz dient der Abgrenzung voneinander. Zuerst gibt der Holzf&#228;ller nach, er h&#228;lt seinen Gast f&#252;r verr&#252;ckt. Der letzte Satz aber macht beide endg&#252;ltig zu Gegenspielern. Odin und Christus k&#246;nnen es nicht miteinander. Sie sind G&#246;tter verschiedener Religionen, Symbole unterschiedlicher, unvereinbarer Weltanschauungen: Wenn Christus der wahre Gott ist, kann Odin neben ihm nichts gelten.</p>
<p>Doch Odin gibt sich nicht so leicht geschlagen:</p>
<blockquote><p> Als h&#228;tte er mich nicht geh&#246;rt, fuhr er fort: „Ich wandle auf den Pfaden der Verbannung, aber immer noch bin ich der K&#246;nig, denn ich habe die Scheibe. Willst du sie sehen?“</p>
<p>Er &#246;ffnete seine knochige Hand. Auf der Handfl&#228;che war nichts. Sie war leer. Erst jetzt fiel mir auf, dass er sie immer geschlossen gehalten hatte. Er sah mich fest an und sagte:</p>
<p>„Du kannst sie anfassen.“</p>
<p>Mit einigem Argwohn fasste ich mit den Fingerspitzen auf die Handfl&#228;che. Ich f&#252;hlte etwas Kaltes und sah einen Glanz. Die Hand wurde j&#228;h geschlossen. Ich sagte nichts. Geduldig fuhr der andere fort, als spr&#228;che er mit einem Kind:</p>
<p>„Es ist Odins Scheibe. Sie hat nur eine Seite. Es gibt nichts anderes auf der Welt, das nur eine Seite hat. Solange sie in meiner Hand ist, bin ich K&#246;nig.“</p></blockquote>
<p>Die Scheibe, die nur eine Seite hat. Was macht sie so aussergew&#246;hnlich? Weshalb fasziniert sie uns auch als Leser? Eine Fl&#228;che, die eine horizontale aber keine vertikale Ausdehnung besitzt: Die Geometrie ist voll davon. Weshalb also staunen wir?</p>
<p>Die Antwort, die ich auf diese Frage gefunden habe, ist die: In unserem Alltag bewegen wir uns in verschiedenen Welten. Da ist die Familie, da sind die Freunde, da ist der Job, das Studium, das Internet etc. F&#252;r jede dieser Welten haben wir Regeln und Gesetze entwickelt, was in der einen untersagt ist, gilt in der anderen unter Umst&#228;nden als Voraussetzung f&#252;r den Erfolg. In der Familie, im Freundeskreis gehen wir nicht &#252;ber Leichen. Im Job rammen wir dem Kollegen wenn notwendig den Ellbogen ohne zu z&#246;gern in die Rippen. In der Geometrie anerkennen wir Gesetzm&#228;ssigkeiten und Formeln, die wir aus dem Alltag strikte heraushalten. Ein geometrischer Punkt, unendlich klein, hat darin keine Relevanz, meinen wir.</p>
<p>In Borges Erz&#228;hlungen brechen diese sauber voneinander getrennten Welten ineinander ein. Odin bietet Christus die Stirn. Er sagt: Auch Ich bin. Du hast mich vielleicht aus den K&#246;pfen der Menschen verdr&#228;ngt, aber meine Ordnung fristet neben der deinen weiterhin ihr Dasein.</p>
<p>Ob es eine Scheibe ist, die nur eine Seite hat, oder kleine blaue Steine, die sich auf unerkl&#228;rliche Weise in ihrer Zahl vervielfachen oder verringern, oder ein Buch, in dem man eine gelesene Seite nie wiederfindet: Bei Borges ist das Phantastische immer auf einen Einbruch einer fremden Welt zur&#252;ckzuf&#252;hren. Einer Welt, in der andere Regeln gelten, die aber ebenso geordnet ist wie unsere. Und unsere Welt ist jene, aus der wir alle anderen ausgespart haben. Wir nehmen in ihr nur wahr, was ihre Ordnung und ihre Gesetzm&#228;ssigkeiten nicht bedroht. Der Einbruch des Phantastischen stellt die Ordnung unserer Welt in Frage. Das Phantastische schafft Unordnung. Um Ordnung wieder herzustellen, muss das Phantastische wieder hinausgedr&#228;ngt werden. Die blauen Steine werden einem Bettler als Almosen in die Hand gedr&#252;ckt, das Sandbuch in einer Bibliothek versteckt. Der Holzf&#228;ller t&#246;tet den K&#246;nig.</p>
<p>Die Welt ist voller phantastischer Dinge. Aber wir d&#252;rfen sie nicht sehen.</p>
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		<title>Spiegel und Maske</title>
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		<pubDate>Thu, 10 May 2007 04:30:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Benjamin Stein</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gastbeiträge]]></category>
		<category><![CDATA[Prosa]]></category>
		<category><![CDATA[Jorge Luis Borges]]></category>
		<category><![CDATA[Markus A. Hediger]]></category>

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		<description><![CDATA[Ein Gastbeitrag von Markus A. Hediger
zu „Spiegel und Maske“ von Jorge Luis Borges
••• Als Urlaut, der alles in sich enth&#228;lt: So stelle ich mir die Sprache Gottes beispielsweise vor. Und so die Sch&#246;pfungsgeschichte: als Urlaut, der sich in winzigen Abweichungen seiner Urform zu artikulieren beginnt und so die Welten mit allem, was in und auf [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><small>Ein Gastbeitrag von <a href="http://hanginglydia.skypaperpress.com" title="Hanging Lydia">Markus A. Hediger</a><br />
zu <a href="http://www.amazon.de/S%C3%A4mtliche-Erz%C3%A4hlungen-Jorge-Luis-Borges/dp/B0000BQ6U8/ref=pd_bowtega_2/302-9342702-1902440?ie=UTF8&amp;s=books&amp;qid=1178686388&amp;sr=1-2" title="Spiegel und Maske - auf amazon.de" target="_blank">„Spiegel und Maske“</a> von <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Jorge_Luis_Borges" title="Jorge Luis Borges auf wikipedia.de">Jorge Luis Borges</a></small></p>
<p><a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Jorge_Luis_Borges" target="_blank" title="Jorge Luis Borges"><img src="http://turmsegler.net/img/2007/180px-Jorge_Luis_Borges_Hotel.jpg" class="alignleft" alt="Jorge Luis Borges" border="0" /></a>••• Als Urlaut, der alles in sich enth&#228;lt: So stelle ich mir die Sprache Gottes beispielsweise vor. Und so die Sch&#246;pfungsgeschichte: als Urlaut, der sich in winzigen Abweichungen seiner Urform zu artikulieren beginnt und so die Welten mit allem, was in und auf ihnen ist, hervorbringt. Die Verse 1-27 des ersten Kapitels des Buches Genesis geh&#246;ren f&#252;r mich zu den sch&#246;nsten Texten &#252;berhaupt. Es ist eine einfach erz&#228;hlte Geschichte aber in ihrer Einfachheit umso verst&#246;render. Viele N&#228;chte lang bin ich wach gelegen und habe &#252;ber der Frage gebr&#252;tet, wie eine Sprache, die in der Lage ist, unser Universum hervorzubringen, beschaffen sein muss. Gott sprach und es wurde. Das ist ungeheuer.</p>
<p>Jorge Luis Borges, der in einigen seiner Erz&#228;hlungen sehr feinf&#252;hlig dem Unerkl&#228;rlichen (oder den Ungereimtheiten) in der Bibel nachgesp&#252;rt hat, kann das Skandalon der g&#246;ttlichen Sprache nicht entgangen sein. Aber Borges kannte die Grenzen des menschlichen Herzens und Geistes. Er wusste, dass die Sprache, die dem Menschen gegeben ist, nicht die Macht hat, tote Materie so zu ordnen, dass Leben in sie kommt. Menschliche Sprache bewegt den Geist und das Herz, nicht tote Materie. Im besten, wiewohl unm&#246;glichen Fall bildet sie Vergangenes 1:1 ab.</p>
<p>Unm&#246;glich?</p>
<p>In seiner Erz&#228;hlung „Spiegel und Maske“  berichtet Borges von einem Dichter, der nach der Schlacht von Clontarf vom siegreichen K&#246;nig beauftragt wird, seine Heldentaten in Worte zu m&#252;nzen.</p>
<blockquote><p> Ich will, dass du meinen Sieg und mein Lob singst. Ich werde Aeneas sein; du mein Vergil. H&#228;ltst du dich f&#252;r f&#228;hig, diese Tat zu vollbringen, die uns beide unsterblich machen wird?</p></blockquote>
<p>So der K&#246;nig.</p>
<p>Der Dichter nimmt die Herausforderung an. Ein Jahr hat er Zeit. Nach Ablauf der Frist kehrt der Dichter an den Hof zur&#252;ck und tr&#228;gt sein Werk sicher &#8211; und ohne einen Blick auf das Manuskript zu werfen &#8211; vor. Es ist nach allen Regeln der Kunst gefertigt und der K&#246;nig nimmt es an. Aber:</p>
<blockquote><p> Alles ist gut, und doch ist nichts geschehen. Das Blut schl&#228;gt nicht schneller in den Adern. Die H&#228;nde haben nicht nach dem Bogen gegriffen. Niemand ist erbleicht.</p></blockquote>
<p>So der K&#246;nig.</p>
<p>Er befiehlt dem Dichter, nach einem Jahr mit einem anderen Lobgesang wiederzukommen. Nach Jahresfrist tritt der Dichter wieder vor den K&#246;nig. Diesmal tr&#228;gt er den Text nicht auswendig vor.</p>
<blockquote><p> […] er las ihn mit unverkennbarer Unsicherheit ab, liess gewisse Passagen aus, als verstehe er selber sie nicht ganz, oder als wolle er sie nicht entweihen. Der Wortlaut war sonderbar.</p></blockquote>
<p>Der K&#246;nig ist beeindruckt. Dieser Lobgesang, meint er,</p>
<blockquote><p> &#252;bertrifft alles Voraufgegangene, und er macht es zunichte. Er erstaunt, verwundert, blendet. […] Aus der Feder, die ein so &#252;berragendes Werk hervorgebracht hat, k&#246;nnen wir ein noch gr&#246;sseres Werk erwarten.</p></blockquote>
<p>Wieder vergeht ein Jahr, wieder erscheint der Dichter im Palast. Er hat kein Manuskript bei sich und wagt es zun&#228;chst nicht, sein Werk dem K&#246;nig vorzutragen. Erst als der K&#246;nig ihm zuspricht, fasst der Dichter Mut. Der Dichter spricht das Gedicht. Es ist eine einzige, leise gesprochene Zeile. Sowohl der K&#246;nig als auch der Dichter sind best&#252;rzt. Welcher Zauberei er dieses Gedicht verdanke, will der K&#246;nig wissen. Es antwortet der Dichter:</p>
<blockquote><p> In der Morgend&#228;mmerung h&#246;rte ich mich einige Worte sprechen, die ich zu Anfang nicht verstand. Diese Worte sind ein Gedicht. Ich f&#252;hlte, dass ich eine S&#252;nde begangen hatte, vielleicht jene, die der Heilige Geist nicht vergibt.</p></blockquote>
<p>Als der Dichter den Palast verl&#228;sst, nimmt er sich das Leben. Der K&#246;nig zieht fortan als Bettler durch das Land. Er hat das Gedicht niemals wiederholt.</p>
<p>Vielleicht, um den Leser vor dem Wahnwitz zu sch&#252;tzen, sagt Borges nicht, aus welchen Worten das Gedicht gemacht war. Es l&#228;sst sich aber aus Borges Text schliessen, dass diese wenigen Worte nicht nur eine Nacherz&#228;hlung der Schlacht von Contarf waren.</p>
<p>In seinem Essay „Die Zeit“ schreibt Borges:</p>
<blockquote><p>Gott hat die Welt erschaffen; die ganze Welt, das ganze Universum der Sch&#246;pfungen will zu dieser ewigen Quelle zur&#252;ckkehren, die zeitlos ist: Sie ist weder vor der Zeit noch nach der Zeit, sie ist ausserhalb der Zeit. Und das w&#228;re Teil des Lebensdranges. Wie auch die Tatsache, dass die Zeit sich unaufh&#246;rlich bewegt. […] In Hindustan gibt es Metaphysiker, nach denen es keinen Moment gibt, in dem die Frucht f&#228;llt. Die Frucht wird gleich fallen oder sie liegt bereits auf der Erde, aber es gibt keinen Moment, in dem sie f&#228;llt.</p></blockquote>
<p>&#220;ber die Sprache ist Gott in die Zeit getreten. In der Gegenwart, die es nicht gibt, hat er die Welt erschaffen. Die Sprache Gottes beschreibt den Moment, in dem die Frucht f&#228;llt. Ich vermute, dass die wenigen Worte des Dichters die Schlacht von Contarf gegenw&#228;rtig machten. Das ist phantastisch und ungeheuer, weil sie die Sprache Gottes (wenn auch fehlerhaft und in nur einem Aspekt) nachahmten. Nur Gott ist es gegeben, mit der Frucht zu fallen. Nur ihm, die Schlacht von Contarf zu schlagen.</p>
<p>Das Phantastische ist gef&#228;hrlich. Niemand &#252;berschreitet die Grenzen des Menschlichen ungestraft. Wer sich an das G&#246;ttliche heranwagt (sei es an seine Sprache, sein Wesen oder sein Antlitz), setzt seinen Verstand und sein Leben aufs Spiel. Der Dichter weiss es, kann aber nicht anders. Wie die ganze Welt, das ganze Universum, strebt er mit seiner Sprache zu seiner ewigen Quelle zur&#252;ck. Manchmal gelingt es ihm, in vielleicht nur einer Zeile das Wunder der g&#246;ttlichen Sch&#246;pfung matt zu spiegeln. Es sind dies Momente verst&#246;renden Gl&#252;cks und h&#246;chster Gefahr.</p>
<p>Dichtung ist kein Kinderspiel.</p>
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		<title>Die vitale Lekt&#252;re</title>
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		<pubDate>Sun, 29 Apr 2007 10:27:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Benjamin Stein</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gastbeiträge]]></category>
		<category><![CDATA[Arthur Schnitzler]]></category>
		<category><![CDATA[Iris Denneler]]></category>
		<category><![CDATA[Michael Perkampus]]></category>

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		<description><![CDATA[Ein Gastbeitrag von: Michael Perkampus
••• Iris Denneler sieht im Lesen einen Zeitverlust und einen Zeitgewinn, sieht das Lesen als Abhandenkommen von Welt und Versuch, sich darin zu versichern, als Suche nach Heimat und Lust zur Lekt&#252;re &#8220;ohne Gew&#228;hr&#8221;. Ich teile ihre Ansicht, dass der Autor in erster Linie Leser ist, wie es Peter Handke einmal [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><small>Ein Gastbeitrag von: <a href="http://perkampus.twoday.net/" title="Michael Perkampus: in progress">Michael Perkampus</a></small></p>
<p>••• Iris Denneler sieht im Lesen einen Zeitverlust und einen Zeitgewinn, sieht das Lesen als Abhandenkommen von Welt und Versuch, sich darin zu versichern, als Suche nach Heimat und Lust zur Lekt&#252;re &#8220;ohne Gew&#228;hr&#8221;. Ich teile ihre Ansicht, dass der Autor in erster Linie Leser ist, wie es Peter Handke einmal formulierte und wie man es in <a href="http://amazon.de/s/ref=nb_ss_w/302-9342702-1902440?__mk_de_DE=%C5M%C5Z%D5%D1&amp;url=search-alias%3Daps&amp;field-keywords=iris+denneler&amp;Go.x=0&amp;Go.y=0&amp;Go=Go" title="Iris Denneler auf amazon.de">Iris Dennelers</a> Buch <a href="http://www.amazon.de/Ungesicherte-Lekt%C3%BCren-Iris-Denneler/dp/3891297319/ref=sr_1_5/302-9342702-1902440?ie=UTF8&amp;s=books&amp;qid=1177842103&amp;sr=8-5" title="Iris Denneler - Ungesicherte Lekt&#252;ren (auf amazon.de)">&#8220;Ungesicherte Lekt&#252;ren&#8221;</a> dann auch zitiert finden kann.</p>
<p>Dass es den Schriftsteller an sich gar nicht gibt, weil er zun&#228;chst und in erster Linie n&#228;mlich selbst Leser ist (und zum Schriftsteller macht den Schriftsteller wiederum nur ein anderer Leser), wird dann bedeutend, wenn wir wissen: Schreiben ist nichts anderes als intensiveres Lesen, Zuerst-Lesen, Vor-Lesen, das Lesen dessen, was gerade erst geschrieben wird in aller Tintenfrische. Wen sollte es dann noch wundern, wenn ich den n&#228;chsten, nicht end-g&#252;ltigen, sondern g&#252;ltigen Schritt tue: Schreiben ist Gedanken-Lesen. Dass dies nicht einmal die eigenen sind, wissen die meisten Schriftsteller wohl nur allzugut zu benicken.</p>
<p>Es wird an einer Novelle von Arthur Schnitzler nur all zu deutlich, dass Lesen unser Leben retten kann. Gemeint ist das unvollendet gebliebene Fragment &#8220;Der Boxeraufstand&#8221;. In dieser Eloge &#228;ussert der Delinquent als letzten Wunsch, seine Lekt&#252;re beenden zu d&#252;rfen. Die Lesearten sind nun nicht unwichtig. Dieser &#8220;Clou&#8221; des Textes l&#228;sst sich so lapidar in einen Satz verpacken. Wozu sollte man daraus noch eine Geschichte machen, die das Eigentliche dann nur auf diesen Punkt zuf&#252;hrt? Weil mit diesem Satz alles und nichts gesagt ist. Die Erz&#228;hlung schliesst mit diesem Ereignis, die eigene Leseart beginnt jedoch erst nachdem die Geschichte konsumiert wurde.</p>
<p>Wenn wir verstehen, dass Leben auch &#8220;zu lesen&#8221; heisst, haben wir ein Synonym f&#252;r Lekt&#252;re zur Hand &#8211; dieses spannende Verfolgen von Symbolen, Zeichen, Verweisen, Metaphern, Tropiken, auch: Handschriften des Lebens. Dann wird Leben zur ungeschriebenen Literatur, jedoch nicht zur ungelesenen.</p>
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