Archiv der Kategorie 'Gastbeiträge'

Innovation und »anthropologische Kehre«

Freitag, den 6. Juni 2008

Literarische Weblogs stellen unter Beweis, dass der Begriff Literatur, im speziellen Sinne als »Dichtung« verstanden, radikal erweitert wird; denn es wird weder qualitativ und quantitativ zwischen gedichteten, fiktionalen oder gebrauchs- und alltagssprachlichen Texten unterschieden. Hinzu kommt die Gleichordnung von Text (»Versprachlichung der Schrift«), Bildern und Hörbeispielen. Wie und wo also verlaufen die Grenzen der Literatur, wenn wir gedruckte Texte, die wir bisher nicht zur Literatur gezählt haben, im Spiegel solcher hybriden Literatur-Formate im Internet betrachten?

••• Im letzten Teil ihres Vortrags geht Claudia Öhlschläger auf den von A. N. Herbst für literarische Weblogs geprägten Begriff der »anthropologischen Kehre« ein. Wie versprochen, gibt es den Vortrag auch druckbar als PDF.

Ich kann nur hoffen, dass die vielen Leser der letzten Tage nur darauf gewartet haben, dass das Sequel zu Ende geht, um nun im Anschluss in die Diskussion einzusteigen. Wenn dem so ist, wünsche ich eine vergnügliche und erhellende Debatte.

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Vernetzung, Prozessualität, imaginative Aktion

Donnerstag, den 5. Juni 2008

Die Imaginationsaktivität des Rezipienten wird auch dahingehend gefordert, als Wirklichkeit und Fiktion im Weblog entgrenzt werden. Aufgrund des engen Kontakts zwischen Autor und Leser kann die Fiktion so gestaltet werden, dass sie als Wirklichkeit rezipiert wird. So kann der Leser beispielsweise nicht wissen, ob sich der Autor, wie behauptet, auf Recherchereise in Israel befindet, oder das nur schreibt, ob er von einem Herrn namens Amnon Zichroni Post bekommen hat, oder dieser nur eine erfundene Figur des Autors ist. Wir kennen solche Verwirrspiele mit vermeintlichen Wirklichkeitsreferenzen aus den Romanen W. G. Sebalds; da jedoch das Weblog ein Forum darstellt, das eben nicht nur Fiktion ist, sondern auch der Berichterstattung wie einem Nachrichtenkanal dient, sind Wirklichkeit und Fiktion kaum zu unterscheiden.

••• Weiter gehts mit Claudia Öhlschlägers Vortrag. Thematisiert wird das spezielle Wechselspiel zwischen Wirklichkeit und Fiktion. Im weiteren Verlauf wird das Musen-Sequel, das vor kurzem hier präsentiert wurde, als Fallbeispiel herangezogen.

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Texte mit verkümmerter Autorfunktion?

Mittwoch, den 4. Juni 2008

Die Instanz des Autors kehrt in literarischen Weblogs also wieder, und vielleicht ist es gerade dieser Tatbestand, der dieses Internet-Genre nach dem verkündeten Ende postmoderner Beliebigkeit so attraktiv werden lässt. Jedoch müssen wir nach der Beschaffenheit dieses Autors fragen. Es handelt sich um einen Autor, der sich dem Gesetz der Konstruktion des Ich durch eine Instanz des Anderen konsequent unterwirft.

••• Der Vortrag von Claudia Öhlschläger wird fortgesetzt mit Überlegungen zur These Andreas Rosenfelders, der Weblogs als »Texte mit verkümmerter Autorfunktion« beschreibt.

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Zum Konzept literarischer Weblogs

Dienstag, den 3. Juni 2008

Ein Gastbeitrag von Claudia Öhlschläger (Paderborn)

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Studierende,

mein Vortrag befasst sich mit einem literarischen Internet-Format, das sich immer stärker durchzusetzen beginnt und in der öffentlichen Diskussion der Gegenwart immer häufiger zur Sprache kommt. Und doch ist es bisher kaum zum Gegenstand literaturwissenschaftlicher Überlegungen gemacht worden:1 das literarische Weblog.


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Literaturwissenschaft im Turmsegler

Dienstag, den 3. Juni 2008

••• Claudia Öhlschläger, Professorin für Vergleichende Literaturwissenschaft in Paderborn, hielt am 17. Mai 2008 vor Akademikerkollegen in Erlangen einen Vortrag über verschiedene literaturwissenschaftlich interessante Aspekte literarischer Weblogs. Als sie während der Vorbereitung auf diesen Vortrag aufgrund der spa_tien-Sonderausgabe »Literarische Weblogs« bei mir als Mitherausgeber nach Literatur- und Blog-Hinweisen nachfragte, war ich ihr gern behilflich. Internet-Technologien, soziale Netzwerke, Blogs und Blog-Plattformen sind im Wissenschaftsbetrieb noch immer alles andere als wohlbekannt. Daher auch der Versuch, über einen Vortrag das Wissenschaftspublikum näher mit dem Thema vertraut zu machen.


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Sie sagt: Bauchhirn

Freitag, den 23. Mai 2008

Ein Gastbeitrag von: Michael Perkampus

Michael Perkampus“Ich bin jetzt da”, sagte sie und lachte. Am Telefon wurde mir heiß, ich verbrannte bereits in ihrer Stimme, ich war ihr vollkommen ergeben. Sag, was du von mir verlangst, und ich werde nicht zögern, auf der Stelle zu tun, wie mir geheißen!

Alles an dieser Frau entsprach einem Bild, das tief in mir plaziert worden war, bevor ich mich aufmachen musste, allein mit meinen Schatten und der verschwindenden Erfahrung. Für diesmal. In uns allen steckt ein Tresor, dort in dieser tiefsten Kammer – vielleicht ist dort das Geheimnis unseres wahren Ich zu finden, die Treppe runter, dann links, Sie wissen schon…

In diesem Tresor, umgeben nur von einem Leuchten in Farben, die wir gar nicht kennen, die unsere Augen nicht wahrzunehmen vermögen, liegen all unsere Erinnerungen an die Zukunft verborgen.


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Das Notizbuch

Mittwoch, den 16. April 2008

Ein Gastbeitrag von

••• Das Notizbuch ist eine der Hauptvoraussetzungen für eine wirklich gekonnte Arbeit. Über dieses Büchlein wird gewöhnlich erst nach dem Ableben eines Schriftstellers geschrieben. Es liegt jahrelang in der Rumpelkammer herum, es wird posthum gedruckt im Schatten der »vollendeten Werke«. Aber für den Schriftsteller ist dieses Buch alles.


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Voraussetzungen für Dichtung

Dienstag, den 15. April 2008

Ein Gastbeitrag von

••• Welche Voraussetzungen sind nun für den Beginn einer dichterischen Arbeit nötig?


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Wo Tendenz ist

Montag, den 14. April 2008

Ein Gastbeitrag von

••• Bei einem dichterischen Produkt ist Neuheit Vorbedingung. Das Material an Worten und Wortzusammenstellungen, das sich dem Dichter bietet, muss umgearbeitet werden. Wenn zur Versfabrikation Wortschrott verwendet wird, muss er sich in genauer Übereinstimmung mit der Menge des neuen Rohstoffes befinden. Von der Quantität und Qualität dieses Neuen wird es abhängen, ob eine solche Legierung Gebrauchswert besitzt.

Neuheit setzt selbstverständlich nicht das dauernde Aussprechen welterschütternder Entdeckungen voraus. Jambus, freier Vers, Alliteration, Assonanz werden nicht jeden Tag neu geschaffen. Auch ihre Fortentwicklung, Vertiefung, Verbreitung bietet Arbeitsmöglichkeiten.


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Mathematiker oder Addierer

Samstag, den 12. April 2008

Ein Gastbeitrag von

••• Noch einmal mache ich sehr entschieden den Vorbehalt: Ich gebe keinerlei Regeln, wie man Dichter werden, wie man Verse schreiben soll. Solche Regeln gibt es überhaupt nicht. Dichter heißt gerade einer, der diese Regeln für die Dichtkunst schafft. Zum hundertsten Male führe ich mein bis zum Überdruss bekanntes Beispiel an.

Ein Mathematiker ist ein Mensch, der mathematische Regeln schafft, ergänzt, entwickelt, der einen neuen Beitrag zur mathematischen Wissenschaft liefert. Der Mann, der als erster die Formel »2+2=4« fand, ist ein großer Mathematiker, selbst dann, wenn er diese Wahrheit aus der Addition von je zwei Zigarettenstummeln gewonnen hat. Alle Nachfolgenden, mögen sie auch unendlich größere Dinge addiert haben, zum Beispiel eine Lokomotive und noch eine Lokomotive – alle diese Leute sind keine Mathematiker. Diese Feststellung setzt keineswegs die Arbeit desjenigen herab, der die Lokomotiven zusammenzählt. Seine Arbeit kann in Tagen einer Transportkrise hundertmal wertvoller sein als ein nackter arithmetischer Lehrsatz.


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