Archiv der Kategorie 'Die Leinwand'

Jan Wechsler bin ich

Sonntag, den 20. Juli 2008

Ganz gleich, wie sehr man sich verweigert, wie lange und wie stark man angekämpft hat gegen den Impuls, etwas bestimmtes zu tun – im Augenblick unmittelbar nach einer unvermeidlichen Tat wird man immer erstaunt sein, wie leicht es doch war, wie schnell geschehen und wie wenig letztendlich dazu gehörte, die Grenze zu überschreiten. Es war schwierig, ein gigantisches Hindernis, unvorstellbar zu überwinden – bevor es getan war. Sekunden später nur ist es nur noch banal.

Ich habe den Koffer geöffnet und ausgepackt.

••• bin natürlich nicht ich. Das ist nur ein Zitat.

Die Leinwand: (1)
© (2008)
Dauer: 34:33

Unentdeckte Täterschaft

Freitag, den 18. Juli 2008

Wenn mir wirklich jemand am Zeug flicken will und mir den Koffer untergejubelt hat, ist es allemal besser, ihn zu öffnen und mir Gewissheit zu verschaffen. Zurückgeben kann ich ihn ohnehin nicht mehr. Die Fluggesellschaft meint, beweisen zu können, ich selbst hätte ihn in Tel Aviv am Checkin-Schalter aufgegeben. Der Adressanhänger, der nun wirklich aussieht, als hätte ich selbst ihn beschriftet, spricht auch nicht gerade für meine Version, ihn noch nie zuvor gesehen, geschweige denn selbst gepackt zu haben. Und wäre das alles auch nicht der Fall, wäre es doch heute – Monate, nachdem der Kurier mir den Koffer zugestellt und mein Nachbar Molina den Empfang quittiert hat – ganz sicher für jede Reklamation zu spät.


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Jet Set

Donnerstag, den 17. Juli 2008

Der zweite Pilotenkoffer, den ich nachweislich besessen habe, war ein Geschenk meiner Mutter anlässlich der Gründung meines Verlages.

Du wirst ja nun wieder viel fliegen müssen, meinte sie, als sie mir das Geschenk überreichte, eher besorgt als begeistert.

Ich weiß nicht, aus welchen Quellen meine Mutter ihre Informationen über den gewöhnlichen Alltag eines Verlegers bezog. Welchen Jet-Setter auch immer sie da vor Augen gehabt haben mochte, um den Inhaber eines literarischen Kleinverlages kann es sich unmöglich gehandelt haben. Aber mütterliche Fürsorge hat bekanntlich nicht nur eine unendliche Halbwertzeit; sich gegen sie aufzulehnen, ist darüber hinaus so vergeblich wie ein Kampf mit Naturgewalten. Sachliche Argumentation führt höchstens zu Komplikationen. Immerhin geht es in einem solchen Fall um hehre mütterliche Gefühle, die man besser nicht durch kleinliche Einwände verletzt.


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Es will mir nicht einfallen

Mittwoch, den 16. Juli 2008

[…] Der Koffer selbst allerdings war hin.

Ein Problem war das nicht, denn wenige Tage später kündigte ich meine Stelle bei der Zeitschrift, weil…

Das ist nun wirklich merkwürdig; und ich würde lügen, behauptete ich, nicht beunruhigt zu sein. Tatsächlich kann ich mich im Moment nicht erinnern, warum ich damals gekündigt habe.

Warum wollte ich – noch dazu ausgerechnet nach dieser Amerika-Reise – nicht mehr als Redakteur arbeiten? Ich weiß es nicht. Ich muss sogar einräumen, dass ich augenblicklich allenfalls annehme, selbst gekündigt zu haben. Sicher bin ich mir nicht.


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Wahr ist…

Dienstag, den 15. Juli 2008

Wahr ist, dass ich bereits zweimal in meinem bisherigen Leben einen ganz ähnlichen Koffer besessen habe. Den einen legte ich mir zu, kurz nachdem ich meine erste feste Stelle als Redakteur bei einer Monatszeitschrift angenommen hatte. Das ist unterdessen gute fünfzehn Jahre her; aber ich erinnere mich noch genau an den Kauf.


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Ich wüsste nicht…

Montag, den 14. Juli 2008

Besagter Koffer

••• LaTortuga vermutet, ich wüsste nicht, was sich in besagtem Koffer befindet. O doch, denn er ist, wie man leicht erkennen kann, offen. Auch dass er tatsächlich bereits länger herumgestanden hat, lässt sich nicht leugnen. Man beachte den Staub.

Barfuss über den Steg

Sonntag, den 13. Juli 2008

gift of tongues – © by *rorshach13
gift of tongues – © by *rorshach13

Aus den Tagen sind Wochen geworden und schließlich Monate. Noch immer steht jener Koffer in meinem Büro. Ich habe ihn nicht geöffnet. Er steht direkt neben meinem Schreibtisch, so dass mein Blick unweigerlich auf ihn fällt, wenn ich einmal aufschaue von meiner fiktionalisierenden Arbeit, den Blick von Bildschirm und Tastatur löse und zur Seite schweifen lasse. Ich denke mittlerweile, dass ich hoffe, dieser Koffer möge irgendwann auf magische Weise aufgehen in seiner Umgebung, eins werden mit dem Schreibtisch, verschwinden zwischen den Büchertürmen und unsichtbar werden wie so vieles, das Tag für Tag um uns ist, zur Gewohnheit wird und so nach und nach ganz aus unserem Blickfeld verschwindet, einfach nicht mehr wahrgenommen wird.

Aber diese Hoffnung, das denke ich auch, ist wohl in diesem Fall vergeblich.


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Mit Haien und Rochen Auge in Auge

Donnerstag, den 3. Juli 2008

Katzenhai
Katzenhai

Wie fast jeder Hai für den Menschen ungefährlich. Er schläft tagsüber in Höhlen von Wassertiefen bis in 100 m Tiefe, jedoch sollen auch in 400 m schon Katzenhaie gesehen worden sein. Als nachtaktiver Räuber ernährt er sich vorwiegend von Weichtieren, Krebsen und Bodenfischen. Er kann eine Größe von bis zu 100 cm erreichen, meist jedoch nur 60 bis 70 cm. Die Weibchen legen ihre Eier, indem sie nahe über dem Boden und Steilhängen schwimmen und dabei die Hornfäden der Eigehäuse aus der Geschlechtöffnung hängen lassen. Sobald sich diese Fäden verfangen wird das Ei aus dem Weibchen gezogen. Die Jungtiere schlüpfen nach 5-11 Monaten, man kann sie aber auch im Ei schon beobachten. Die Schlupfgröße ist ca. 9-10 cm.

gefunden bei: Klamminger

••• Ich mache Fortschritte beim . Eine Zusatzausbildung samt Prüfung zum Nitrox- habe ich auch bereits hinter mich gebracht. Nitrox ist ein höheres Sauerstoff-Stickstoff-Gemisch und ermöglicht längere Aufenthalte in Tiefen bis etwa 30m als normale Pressluft. Aus dem geplanten Nachttauchgang vom Boot aus wurde gestern nichts, außerdem ist das Wasser für die Jahreszeit hier um knapp 2 Grad zu warm. So sind die wenigen Katzenhaie, die es derzeit hier in Küstennähe mögen, kaum zu finden, weil sie sich tagsüber im Grund eingraben. Mitunter erkennt man jedoch bei genauem Hinsehen ihre Umrisse und kann sie freiwedeln. Dann werden sie wach und schwimmen aus dem Versteck. Wenn man ihnen dann Auge in Auge gegenüber schwebt, ist es schon imposant. Auch wenige gibt es hier und Sardinenschwärme, die besonders beeindruckend sind, wenn sie sich – silbern funkelnd – vor einem teilen und in Sekundenschnelle die Richtung wechseln.


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Mishkan Ha-Techelet

Donnerstag, den 27. März 2008

Mishkan HaTechelet
Mishkan Ha-Techelet, Rechov Malchei Yisrael 26, Yerushalayim

••• Ich habe das Geschäft in der Rechov Malchei Yisrael in Geula gefunden, das vor etwa 30 Jahren Yehuda Zichroni, dem Vater von , gehörte und in dem das dritte Kapitel der “Leinwand” spielt. (Es ist das Geschäft unter dem hellbauen Transparent.) Yehuda Zichroni ist im Ruhestand. Ein sehr sympathischer junger Mann führt heute den Laden, der nun zu einer “Kette” renommierter Tallis-Geschäfte gehört: Mishkan Ha-Techelet.

Es war unglaublicher Verkehr und sehr viele Leute unterwegs. Ich musste lange warten, bis ich ein Foto ohne vorbeifahrendes Auto machen konnte.

Die Leinwand (Z.05)

Dienstag, den 18. März 2008

Die Mikveh in Mozah bei Yerushalayim
Die Mikveh in Mozah bei Yerushalayim

אך מעין ובור מקוה-מים יהיה טהור ונגע בנבלתם יטמא

Doch eine Quelle oder eine Grube,
in der sich Wasser angesammelt hat, bleibt rein;
wer jedoch ihr Aas berührt, wird unrein.
Leviticus 11,36

Natürlich hatten wir uns nie berührt. Das wäre undenkbar gewesen. Und doch wusste ich, als ich ihr zum ersten Mal mit gebührendem Abstand gegenüberstand, binnen Sekunden, wie ihr Haar roch, wie ihre Hüften sich anfühlten durch den Stoff ihres Kleides hindurch, wie ihre Lippen, die sich auf die meinen erst sanft schmiegten und schließlich pressten, und wie ihre Zunge schmeckte auf meiner Zunge; denn in den wenigen Sekunden, nachdem ich sie zum ersten Mal in der Wohnung von Elis Tante gesehen hatte, hatten wir uns umarmt und geküsst.

Es war mein erster Kuss. Und ich erlebte ihn, eine vollständige Unmöglichkeit, unter den Blicken von Rivkas gesamter Familie. Ich erlebte ihn, obgleich ich sicher zwei Meter von ihr entfernt stand und während ich sie nicht einmal ansah. Denn mein Blick war vor ihren Augen sofort geflüchtet. Anstatt sie anzuschauen, während Eli uns vorstellte, sah ich ihm ins Gesicht. Und es waren seine Lippen, die ich beobachtete, während er meinen Namen aussprach. Es waren seine Arme, mit denen ich Rivka umarmte. Durch seine Nase sog ich den Geruch ihres Haars und ihres Halses, und mit seiner Zunge schmeckte ich den Kuss, den sie mit ihm – Eli – getauscht hatte, vor einem Jahr vielleicht, womöglich aber auch erst vor kurzem.

Die Erregung, die ich verspürte und die mir regelrecht die Brust zuschnürte und den Atem nahm, diese Erregung war womöglich gerade deswegen so heftig und überwältigend, weil ich sie durch seine Erinnerung hindurch erfuhr, in der er sie wieder und wieder erlebt und in der sie sich mit jedem Erinnern verstärkt haben mochte, bevor sie sich nun mit meiner eigenen Erregung vermischte und sich verdoppelte, weil ich ja nicht nur den beiden bei ihrem Kuss zusah, sondern sie mit seinen Lippen küsste und mit seinen Händen festhielt und an mich zog, als wären es meine.

Die Leinwand: (5)
© (2008)
Dauer: 35:05