Archiv der Kategorie 'Diamond District'

Auf dem Sprung

Dienstag, den 18. August 2009

Annemie Kvanderkuil - Jewish Antwerp
Jewish Antwerp – © Annemie Kvanderkuil

••• Je näher die Abreise rückt, desto mehr saust mir der Frack. In den letzten Tagen habe ich viel gelesen über die Riten zwischen Tod und Grab; und erst jetzt ahne ich, was mich in Antwerpen erwartet. Ich habe noch nie einen Toten gesehen, geschweige denn berührt. Das könnte sich ändern in den nächsten Tagen, und ich habe keine Vorstellung, was eine solche Erfahrung mit mir anstellen wird.


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Stufen

Freitag, den 14. August 2009


Stairs – © jotamyg@deviantart.com (2009)

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.

Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf’ um Stufe heben, weiten.

Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegensenden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden…
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

Hermann Hesse (1877-1962)

••• Mein Schwager hat heute geheiratet. Wir waren bei der standesamtlichen Trauung dabei. Und wen zitiert die Standesbeamtin? Hesse.

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Das passt gut bei einer Trauung, wenn einem nicht – wie mir – gerade die Strophe davor im Ohr klingt:

Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.


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Papa got the call

Sonntag, den 9. August 2009

Anruf unterwegs

••• Auf dem Heimweg vom Sonntagsausflug: Die Kinder spielen, und Papa bekommt den ersehnten Anruf aus Belgien. Mein Freund Albert war erfolgreich und hat den Kontakt zur Chevra Kadischa in Antwerpen vermittelt. Ich werde noch im August für voraussichtlich zwei Tage dort sein, alle Einrichtungen unter kundiger Führung besichtigen können und einen Crash-Kurs zu den religiösen und weltlichen Aspekten des jüdischen Bestattungswesens erhalten. Ich bin euphorisch. Diese Reise wird ein Abenteuer, so viel ist sicher.


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Dämpfer

Dienstag, den 28. Juli 2009

••• Das Telefongespräch mit meinem bislang vielversprechendsten Kontaktvermittler nach Antwerpen dauerte eben nur Sekunden: Worüber willst Du schreiben? Bist Du bei Sinnen? Kein Mensch wird mit Dir darüber reden! No way!

Sprich mich da und dort nochmal an. Am Telefon will ich das nicht besprechen.

Wow. Da musste der naive Herr Autor mal kräftig schlucken.

Liebes-Lied

Sonntag, den 26. Juli 2009

Wie soll ich meine Seele halten, daß
sie nicht an Deine rührt? Wie soll ich sie
hinheben über dich zu andern Dingen?

Ach gerne möcht ich sie bei irgendwas
Verlorenem im Dunkel unterbringen
an einer fremden stillen Stelle, die
nicht weiterschwingt, wenn deine Tiefen schwingen.

Doch alles, was uns anrührt, dich und mich,
nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich,
der aus zwei Saiten eine Stimme zieht.

Auf welches Instrument sind wir gespannt?
Und welcher Geiger hat uns in der Hand?
O süßes Lied.

Rainer Maria Rilke (1875-1926)

••• Mit Tanja Warter (Presse C. H. Beck) sprach ich am Freitag über die Inkompatibilität zwischen orthodoxem Alltag und Literatur. Sie war überrascht. Ich habe darüber noch nie gesprochen, aber mich bewegt der Gedanke schon seit geraumer Zeit. Streng genommen ist er schon präsent, seit ich die Arbeit an der »Leinwand« begonnen habe. Es ist sicher kein Zufall, dass ich Amnon Zichroni mit 15 Jahren in das verbotene Zimmer der Eltern führe und ihn dort auf die »unpassende Liebe«, nämlich die Dichtung stoßen lasse. Nun ist Amnons Konflikt nicht einmal der, orthodox zu sein und »verbotene Bücher« zu schreiben. Der erste wesentliche Wendepunkt in seinem Leben belegt aber, wie deutlich die »Inkompatibilität« ist. Allein diese Bücher zu lesen, wird schon als »bitul zman« (Zeitverschwendung) betrachtet. Um wie viel größer ist die Verschwendung, wenn man nicht nur liest, sondern diese Bücher auch noch schreibt?

Es sind besonders die Folgen des Schreibens und Veröffentlichens, die im Kontrast stehen zu den Forderungen der Mussar-Lehrer, Demut zu üben, das Ego zurückzudrängen, in der Gemeinschaft aufzugehen, statt als Individuum hervorzustechen durch Talente und Fähigkeiten, die nicht in direktem Torah-Zusammenhang stehen.


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