Archiv der Kategorie 'Auf der Rolle'

Im Kaffeehaus

Dienstag, den 15. Januar 2008

Der Umblätterer - Titelbild

••• Nachdem ich während der letzten Woche in der Sekundärliteratur zum “Fall Wilkomirski” so viel über erschreckendstes Versagen des deutschsprachigen Feuilletons lesen musste, tat mir eine Entdeckung in der Blogosphäre gut. Das Bild, das man vom deutschen Feuilleton haben könnte, ist zu Unrecht verzerrt. Das sagen Fans, echte Fans, die einen “Spiegel” auch schon mal kurzerhand in der Heftmitte teilen, um nicht warten zu müssen, bis der Kollege ihn ausgelesen hat.

Wenn ich Entdeckung sage, muss ich richtigstellen: Eigentlich bin ich entdeckt worden oder doch zumindest der Turmsegler. Denn Paco, einer der Autoren des Gemeinschaftsblogs “Der Umblätterer - In der Halbwelt des Feuilletons”, war zur gleichen Zeit in Israel wie ich, ebenfalls zu Recherchezwecken, ebenfalls für ein Buch, wenn auch kein literarisches, sondern eine Monographie.

Die “Umblätterer” lesen aber nicht nur, was immer ihnen als Feuilleton unter die Augen kommt, sondern sie reden und schreiben auch darüber. Besonders sympathisch dabei, dass sie mindestens zwei angenehme Dinge des Lebens miteinander verknüpfen, nämlich Lesen und das Kaffeehaus. Wenn man nun so viel liest und derart viele Kaffeehäuser in Leipzig, Hamburg, London, Berlin, Konstanz und sogar Tel Aviv frequentiert, dann ist es nur folgerichtig, dass man auch Vergleiche anstellt und seine Favoriten präsentiert.


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Ein Dank an Simone

Donnerstag, den 10. Januar 2008

Jean-Paul Sartre & Simone de Beauvoir
Jean-Paul Sartre & Simone de Beauvoir

Ich freute mich, wie sehr sie immer darauf beharrte, einfach ein Mensch zu sein, so dass sie sagen konnte: “Ich hielt mich nicht für eine ‚Frau’; ich war ich!”. Und als ich das Grab von Sartre und Beauvoir besuchte, da nickte ich ihm, der mich so geprägt hat, im Schatten von dessen größerer Bekanntheit sie immer stand, kurz zu, aber den Zettel mit dem schnell notierten Dank legte ich auf ihre Seite des Grabs.

••• Eine richtig gute Geschichte über Lesen und Leben - die gab es gestern bei der Sprachspielerin. Über Sartre und Beauvoir schreibt sie und ihren Umgang mit beiden. Da kann ich heute getrost den Schnabel halten und die Turmsegler einfach einmal ein Blog weiter schicken.

Kalenderblätter

Samstag, den 5. Januar 2008

Kalenderblatt 5. Januar

••• Die Herzdame steckt voller Ideen und ist ins neue bürgerliche Jahr mit einem neuen Blog gestartet, in dem Sie täglich ein Kalenderblatt präsentiert. Sie illustriert darauf Ereignisse, die sich am selben Kalendertag ereignet haben - und zwar nicht zwingend, wie der Titel des Blogs vermuten lassen könnte, 10 Jahre zuvor. Ich fand die vergleichbare Rubrik auf der Hauptseite der Wikipedia schon immer interessant. Aber noch spannender finde ich nun, welche Ereignisse die Herzdame herauspicken und wie sie sie bebildern wird.

Also husch, husch, auf die Rolle mit: 10 Years Ago.

Das Sonett als Förmchen

Mittwoch, den 19. Dezember 2007

••• In der die letzten beiden Tage hier hitzig geführten Debatte um A. N. Herbsts 1. Poetikvorlesung und meine Kritik schrieb A. N. Herbst in seinem Kommentar:

Sie halten Form für Design. Ein Sonett, und das wissen Sie nun am besten, ist aber kein Design eines Gedichtes, sondern die Form, die sich ein Ausdruck notwendig sucht.

Ich erwiderte:

Was genau ist ein Sonett mehr als Design?

Und der Frage, dachte nicht nur ich, sollte nachgeforscht werden. Dirk Schröder hat den Ball umgehend aufgenommen und bemerkt zu der Frage auf hor.de in seinem Beitrag “In den öden Fensterhöhlen”:

Für mich ist das Sonett keine Form. Sondern ein Förmchen. Ich bin kein Prokrustes, dem alles ins Bett passen muss. Aus einer Form wird ein Förmchen, wenn ihre äußerlichen, vom Werk ablösbaren Bestandteile kopiert werden. Das ist sinnvoll im Rahmen von Spielsituationen und hilfreich beim Erlernen eines verbindlichen Repertoires performativer Künste, Tanz, Chorlied usw. Es macht auch Spaß, mit Förmchen zu spielen, wie mit Grammatik, Wörtern etc. Es geht mir im Gedicht um Rhythmus. Den geben Förmchen als Instantlösung. Damit kann ich bloß Witze machen (nicht ungern), ich will sprechen mit dem Gedicht - den Förmchen aber folgen die Gedanken wie sonst dem Reim, nur etwas komplexer. Das ist genau dann angemessen, wenn das Sonett vom Sonett spricht.

Dirk Schröders Blog ist mir - leider sehr spät - erst durch diese Debatte aufgefallen. Da werde ich noch einiges an Lektüre nachholen müssen. Damit das auch ja nicht in Vergessenheit gerät, schiebe ich hor.de “Auf die Rolle”.

Beautiful

Dienstag, den 27. November 2007

Snowflakes - © 2007 by jofaithanna@deviantart.com

Snowflakes - © 2007 by jofaithanna@deviantart.com

Beautiful

is the
unmea
ning
of(sil

ently)fal

ling(e
ver
yw
here)s

Now

e. e. cummings

schön

ist das
nichts
sagen
de(schwei

gend)fal

lende(all
üb
er
all(sch

nein

e. e. cummings
Übertragung: parallalie

••• Parallalie, der letztens in einem Kommentar den Kopf schüttelte über meine Lesepraxis und mir kurz darauf half, Raymond Queneau wiederzufinden, eben jener betreibt ja selbst ein literarisches Weblog. Vor nicht allzu langer Zeit hat er dortselbst eine neue Rubrik eingeführt Unter lyrik-lyrik findet sich da nun eine Handvoll Beiträge der letzten zwei Jahre, in denen er sich an Gedichten anderer Autoren inspiriert, indem er sie ins Deutsche überträgt (wie im Beispiel oben) oder auch eigene poetische Erwiderungen oder Varianten neben die Originale stellt.


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Rechte des Lesers

Donnerstag, den 25. Oktober 2007

Pierre Bayard (Foto: © Hélène Bamberger)
(Foto: © Hélène Bamberger)

01. Das Recht, nicht zu lesen
02. Das Recht, Seiten zu überspringen
03. Das Recht, ein Buch nicht zu Ende zu lesen
04. Das Recht, noch einmal zu lesen
05. Das Recht, irgendwas zu lesen
06. Das Recht auf Bovarysmus
07. Das Recht, überall zu lesen
08. Das Recht herumzuschmökern
09. Das Recht, laut zu lesen
10. Das Recht zu schweigen

••• Diese 10 Rechte des Lesers (es gibt sicher noch mehr) zitiert LeseLustFrust und weist dabei auf Daniel Pennacs “Wie ein Roman. Von der Lust zu lesen” hin. Die Aufzählung und Pennacs Buch drängten sich der Autorin assoziativ auf nach einer Besprechung des jüngst erschienenen Sachbuchs “Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat”. Verfasst wurde es von , seines Zeichens Literaturprofessor.


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Kontrastreiches Verblassen

Montag, den 30. Juli 2007

dépérir à gris
we fade to grey
we fade to grey

Sven K. in: “daily ivy”

••• Diese Zeilen – gesummt von Sven K. nebenan bei “daily ivy” – gehen mir heute nicht aus dem Kopf. “Wishing that life wouldn’t be so dull…” Das war nie und ist nicht meine Sorge. Doch dieses Gefühl, ins Grau abzugleiten, Kontur zu verlieren und zu verblassen, dieses Gefühl ist mir sehr vertraut.

Der Sohn einer Freundin hat unsere Familie gemalt. Für mich hat er viel Schwarz verbraucht. “I’m fading to black…”, ging es mir durch den Kopf. Sollte das, fragte ich mich heute morgen in einem unbeobachteten Moment, ein Versuch sein, bloss nicht ins Grau hinüber zu siechen? Lebensentscheidungen nach dem Motto: Varianten des kontrastreichen Verblassens…

Sich so zu hinterfragen, ist irritierend.

PS: Irritation ist eine wichtige Zutat des Literarischen. Drum ab “Auf die Rolle” mit “daily ivy”.

zehn zeilen

Montag, den 30. April 2007

Words © PostSecret.com

sieh mich an, sagt elli. ole sieht auf den stift in seiner hand. sieh mich an, sagt elli. ole sieht auf die leere seite im skizzenblock. sieh mich an, sagt elli. ole geht auf den balkon eine rauchen. elli geht am verteilerkasten vorm schulhof vorbei. am ende der sackgasse biegt sie rechts ab, setzt sich in die schaukel auf dem spielplatz und sieht der straßenbahn zu, wie sie anhält, licht in die nacht streut, die türen geschlossen läßt, weil niemand aussteigen will. sieh mich an, flüstert elli. aber die straßenbahn ruckt nur kurz und fährt weiter. dann steht ole neben dem efeuüberwachsenen zaun an der straßenecke. dann kommt er heran. dann legt er den ganzen sandkasten mit ellizeichnungen aus, und die rutschbahn und die wippe. dann kniet er im sand und sieht elli an. weil es ihr so wichtig ist. daß er sie ansieht: mit den augen.

“ansehen (für elli. und für ole)”
© Sudabeh Mohafez aka eukapirates

••• ’ Texte habe ich kennengelernt, als ich auf der Suche nach Schlüsselversteckern war. Da war sie gerade mit Sack und Pack auf dem Weg von Portugal – ihrer Wahlheimat – nach Stuttgart, wo sie derzeit im “Schriftstellerhaus” eine Schreibwerkstatt für Fortgeschrittene leitet. Zudem hat sie für das Sommersemester 2007 die Poetikdozentur an der Fachhochschule Wiesbaden übernommen. Den Schlüssel zu verstecken, das hat sie unmittelbar nach ihrer Ankunft in Stuttgart dennoch gern getan; und ihr Schlüsselbeitrag war eine Rätselblumen-Kurzprosa auf ihrem Weblog “zehn zeilen”.

“zehn zeilen”, das ist das Programm dieses Weblogs: intensive Prosa von nicht mehr als zehn Zeilen mit dem Untertitel “eukapirates versucht sich an der kleinen form”. “zehn zeilen” ist also ein Weblog für Prosa-Miniaturen, für Etüden, Übungsstücke. Schreibwerkstatt, Poetikdozentur und eine reglementierte Übungsform – das sagt einiges über die Autorin: Sie arbeitet, am eigenen und am Text anderer. Sie unternimmt Versuche und scheut sich nicht, sie auch so zu benennen. Das finde ich sympathisch.

Was mich an ihrer Prosa am meisten bewegt, ist die liebevolle Zuwendung zu allem und jedem, das in diesen Texten Erwähnung findet, seien es elli und ole, ein Kamel oder eine rote Koralle. Mit offenem Herzen geht sie auf Menschen und Dinge zu. Sie nimmt sie an. Sie sieht sie an. Sie scheint sie anzulächeln; und nahezu folgerichtig lächeln sie zurück. So macht sie Poesie selbst aus einer unangenehmen Situation, wie sie sie beispielsweise in “Schicklich” beschreibt.

Anschauen, annehmen, lächeln. Damit ichs auch ja nicht wieder vergesse, kommen die “zehn zeilen” flugs “Auf die Rolle”.

Bondage

Dienstag, den 24. April 2007

Bondage © 2007 by ~JadedRed@deviantart.com
Bondage - © 2007 by ~JadedRed@deviantart.com

••• Passend zu den snowflake-Posts von gestern und vorgestern stosse ich heute unverhofft auf eine nicht-leibliche Turmsegler-Schwester – das Bondageprojekt. Das Projekt beschäftigt sich – man würde es vom Namen her nicht vermuten – mit deutscher Lyrik, wobei allerdings auch Katzen verarbeitet werden. Nun soll Dichtung freilich zu fesseln vermögen; der Name wurde jedoch nach Bekunden der anonymisierten Betreiber aus Marketinggründen gewählt, da das Suchwort “” zu den am häufigsten bei Google eingegebenen gehöre.

Das lässt auf professionelles Vorgehen schliessen. Das Layout des Blogs und die Qualität des Podcasts lassen ebenfalls erkennen, dass da keine Gelegenheitsblogger am Werk sind. Das Konzept ist tatsächlich sehr Turmsegler-nah. Die vorgestellten Gedichte werden mit redaktioneller Prosa-Tonspur ergänzt, gut geschrieben und informativ. Der persönliche Touch, den ich für den Turmsegler wohl reklamieren kann, fehlt hingegen. Auch ist das Blog noch recht jung, und man sieht noch nicht wirklich das Potential, aus dem die Macher schöpfen.

Beobachten will ich das Projekt allein schon wegen der engen Verwandtschaft im Konzept. Also: Auf die Rolle damit.

over the bones

Mittwoch, den 14. März 2007

••• Was ist schon das Schlachtfeld der Liebe gegen das Schlachtfeld der Kindheit?

In manchen Biographien findet der totale Krieg bereits in den ersten Jahren statt, so dass alles Folgende nur als Scharmützel erscheint. Von solchen Kämpfen berichtet auf “over the bones”. Das sind Geschichten, die man so schnell nicht vergisst, Geschichten, die tiefste Verletzungen schildern wie im Vorbeigehen.

Sie spielen Vater Mutter Kind. Meistens im Sommer. Decken sind auf der Wiese ausgebreitet. Stellen die Wohnungen dar. Bunte Flecken im Grün. Das Spiel ist einfach. Man legt sich schlafen. Steht wieder auf. Der Vater verläßt die Wohnung. Essen wird gekocht. Kinder versorgt. Ab und zu gehen die Mütter einkaufen. Bis an den nächsten Hauseingang. Der ist das Geschäft. Die Decken bleiben dann verlassen. Für eine Weile. Aber nicht lange. Die Jungs spielen die Väter. Viel haben sie nicht zu tun. Sie kommen nach Hause, um sich auf der Decke auszustrecken. Nach einer Weile stehen sie wieder auf. Beeilen sich, den Ort der Handlung zu verlassen. Sie warten dann abseits und spielen Karten. Autoquartett. Oder kritzeln mit geeigneten Steinen großflächig auf den Fußwegen rum. Die jüngeren Geschwister, die, auf die die Mädchen aufpassen müssen, jeden Tag, zwei Stunden lang, sind die Kinder. Sie haben den angenehmsten Part. Dürfen jammern und quengeln. Dürfen wieder Babys sein. Auch wenn sie schon größer sind. Dürfen sich tragen und ziehen lassen. Dürfen allen auf die Nerven gehen. Besonders den Mädchen.

Susanne Englayer - Lucas (Roman)Harmlos beginnt Susanne Englmayers Geschichte “Camouflage”, um unvermittelt und drastisch die Perspektive zu wechseln vom Idylle konservierenden Spiel hin zum realen Kriegsgeschehen eines Familienlebens, das im Spiel auf der Sommerwiese nicht vorkommt.

Ich erinnere mich an eine Kindheitsfreundin, die ich sehr mochte. Auch sie wollte immer Familie spielen. Sie nannte es allerdings anders: Lass uns Ehekrach spielen! Dabei leuchteten ihre Augen. Sie lebte allein mit ihrer Mutter. Ich sollte sie lieber nicht zum Geburtstag einladen, meinte meine Mutter. Sie sei so ungezogen, so laut. Wenn wir spielten, schrie sie mich an. Ich wollte sie eigentlich immer umarmen. Aber, so muss sie wohl gemeint haben, das kommt in Familien nicht vor. In den von geschilderten sicher nicht. In denen ist der Krieg alltägliche Realität.

Unter der Überschrift “selbst bewußtsein” schreibt die Autorin:

‘over the bones’ will nicht viel, nur ein paar geschichten erzählen, auf die eine oder andere art. dabei wird kaum aufwand betrieben, wenig überarbeitung im vorfeld und noch weniger korrektur in der nachbearbeitung. tipfehler und grobe unstimmigkeiten erlaube ich mir allerdings jederzeit abzuändern.

ist es also literatur? oder nur gerede, geplauder? wir werden sehen.

Gerede, Geplauder? Sowas macht keine Gänsehaut. Aber soll sie nur weiter “plaudern”. Camouflage ist nicht die einzige lesenswerte Geschichte auf diesem Autoren-Blog, das also ganz schnell “Auf die Rolle” kommt.

PS: Nein, ich bin noch nicht am Ende mit Pablo Neruda