Hingabe

26. Oktober 2007

voll Heiterkeit, kennst du die finsteren Mächte,
Kennst du das Schluchzen der Reue, der Scham und der Gier,
Kennst du das fiebernde Grauen der furchtbaren Nächte,
Die das Herz uns zerpressen, zerknittern wie schwaches Papier?
voll Heiterkeit, kennst du die finsteren Mächte?

voll Güte, kennst du das lautlose Hassen,
Fäuste im Dunkeln geballt und die Tränen der Wut,
Wenn Rachsucht und Wildheit den Weckruf erschallen lassen,
Zu Herren sich machen über den Geist und das Blut?
voll Güte, kennst du das lautlose Hassen?

voll Reinheit, kennst du die fiebrischen Qualen,
Die an der endlosen Krankenhausmauer entlang
Wie Verdammte sich schleppen, lechzend nach Sonnenstrahlen,
Seltsam die Lippen bewegend, mit zögerndem Gang?
voll Reinheit, kennst du die fiebrischen Qualen?

voll Schönheit, kennst du die schmerzlichen Falten,
Die Angst vor dem Alter und jener quälenden Pein,
Was wir so lange für Glück und für Liebe gehalten,
In lächelnden Augen zu lesen als Treue allein?
voll Schönheit, kennst du die schmerzlichen Falten?

voll Güte und Freude, du leuchtende Sonne,
Der sterbende David hätte Genesung erfleht
Von deines herrlichen Leibes strahlender Wonne,
Ich aber flehe nur eines: denk’ mein im Gebet,
voll Güte und Freude, du leuchtende Sonne!

Charles Baudelaire
aus: “Les Fleurs du Mal - Die Blumen des Bösen”
Übertragung: Therese Robinson
© Georg Müller Verlag München (1925)
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