Instant – nicht kostenlos

16. Mai 2012

••• Mitunter schreibt man auch brav auf eine bestimmte Zeichenanzahl, und dann muss gekürzt werden. Das »Börsenblatt« hat mir gestattet, hier die vollständige Version meines Beitrags zur Urheberrechtsdebatte zu bringen, den ich für den Druck um ein Drittel kürzen musste.

 

Seit Monaten tobt die Debatte um die Forderungen der Piratenpartei zur Neufassung der Urheberrechtsgesetzgebung. Piraten, namhafte Netizens und Künstler melden sich mit Statements zu Wort; und gelegentlich kommt es sogar zum gemeinsamen Gespräch wie etwa kürzlich zwischen dem Musiker Jan Delay und dem Piraten-Abgeordneten Christopher Lauer im »Spiegel«. Da heißt es dann mal locker »Abschalten, Digger« und liest sich kurzweilig, aber der Grundeindruck bleibt: Da wird aneinander vorbeigeredet. Die einen verstehen nicht, was die anderen fordern, und schon gar nicht warum. Ich schüttele da oft den Kopf. Als IT-Berater, der eben auch Autor ist, stehe ich mit je einem Bein in beiden Lagern. Die Ängste und Nöte der Kulturschaffenden sind mir allzu vertraut, und immerhin verstehe ich die mitunter nerdige Sprache der Piraten und kenne die technischen Gegebenheiten der Netzwelt, in der ihre Forderungen nach einem deutlich veränderten Urheberrecht aufgekeimt sind. Das Problem ist: So unrecht haben die Leute mit ihren Forderungen nicht; nur werden sie sich, solange sie nicht zu einer Sprache finden, die auch außerhalb der eigenen Kreise verstanden wird, weder mit den Künstlern noch mit den sogenannten Verwertern verständigen oder auch nur eine fruchtbare Debatte führen können.

Ist das Urheberrecht obsolet? Sicher nicht! Muss es an die Gegebenheiten des Netzzeitalters angepasst werden? Unbedingt!

Die geforderte Verkürzung der Schutzfristen ist meines Erachtens überfällig. Dass die Erben großer Künstler über mehrere Generationen ihr Leben fristen als Verweser der Rechte an einem Werk, das sie nicht selbst geschaffen haben, wollte mir noch nie in den Kopf. Künstlerische Arbeit ist Arbeit. Sie soll, wenn sie denn jemand will, entlohnt werden, und also braucht es einen gewissen Schutz, solange der Urheber lebt. Dieser Schutz kann nicht unmittelbar mit dem Tod des Urhebers enden. Auch die Investitionen eines Verwerters – etwa eines Verlages – sind für eine gewisse Zeit schutzwürdig, doch sicher nicht länger als die geforderten 25 Jahre. In diesem Zeitrahmen muss ein Kaufmann auf seine Kosten gekommen sein.

Das Wort »Kaufmann« führt zum nächsten wichtigen Punkt. Es braucht, wenn Kunst an den Mann und die Frau gebracht werden soll, drei Parteien: Künstler, Kaufmann und Publikum. Oft übernimmt der Künstler den kaufmännischen Part und kann in diesem Bereich nicht mehr als dilettieren. Wenn ich Literatur machen will, dann will ich Literatur machen und nicht doppelte Buchführung, Kalkulation und Marketing-Planung. Das ist nicht meine Aufgabe. Andere können das besser, und es ist nur recht und billig, dass sie durch diese Arbeit ihr wirtschaftliches Auskommen haben. Künftige Szenarien werden nur funktionieren, wenn alle drei Parteien etwas davon haben. Es mag sein, dass es weniger sein wird als heute, aber etwas muss bleiben.

Das Publikum muss verstehen, dass die Werke ohne Künstler und Kaufmann nicht oder nicht in gleicher Qualität existieren und in aller Regel nicht bis zu ihm durchdringen würden. Künstler und Kaufleute hingegen müssen verstehen, dass sie sich in einem Markt bewegen. Da gibt es kein Anrecht auf Pfründensicherung. Digital Rights Management ist ein Graus für den zahlenden Kunden. Es schmälert die Attraktivität digitaler Angebote derart stark, dass allein aus diesem Grund Schwarzkopieren oft näher liegt, als für Unbequemlichkeit und DRM-Gängelei auch noch freudig zu zahlen. Darüber muss man eigentlich nicht mehr diskutieren. Die Musikbranche hat das alles bereits durchexerziert. Auf iTunes wie auf Amazon ist das DRM-Trauerspiel unterdessen beendet. Umsatzeinbrüche gab es deswegen nicht, sondern mehr zufriedene und damit auch zahlungswillige Kunden.

Der gerade im Netz herschende Wunsch nach »instant gratification« bedeutet: sofort und bequem, nicht aber zwingend kostenlos. Der überwältigende Erfolg von iTunes beweist dies nachdrücklich. Nicht das preiswerteste, sondern das komfortabelste Angebot setzt sich durch. Ich gehe nicht in eine Buchhandlung, um Papyrus-Rollen oder gar Tontäfelchenkisten nach Hause zu tragen. Statt zu zetern, sollten die Kaufleute sich also Gedanken machen, wie sie ihre Produkte marktgerecht gestalten. Dann regelt sich das mit dem Umsatz auch.

Völlig im Recht sind die Piraten, wenn sie fordern, nicht zu kriminalisieren, was schlichtweg nicht zu verhindern ist: rein privates Kopieren und Tauschen von gekauften Inhalten. Kommerzielle Vermarktung von Hehlerware durch Download-Portale muss unterbunden werden, aber dafür braucht es noch nicht einmal neue Gesetze, denn Hehlerei steht bereits unter Strafe. Auch hier muss man den Kaufleuten klar sagen: Ihr könnt euch den Markt nicht machen, wie ihr ihn wollt; ihr müsst ihn nehmen, wie er ist und das beste draus machen.

Beiden Seiten wird nichts anderes übrig bleiben, als die Macht des Faktischen zu akzeptieren. Statt sich in Gefechten um Dinge zu verschleißen, die auf Dauer ohnehin nicht aufzuhalten sind, sollte man die Energien darauf verwenden, die tatsächlich größte Herausforderung zu meistern: Wie gewährleistet man den gleichberechtigten Zugang zu Wissen, das ja nun nach wie vor häufig in Büchern steckt? Wann also, frage ich mich, kümmern sich Künstlerverbände, Universitäten und Verlage endlich um ein taugliches Konzept für digitale Bibliotheken – auch hier wieder unter Wahrung der legitimen Interessen aller Beteiligten?

für das »Börsenblatt des deutschen Buchhandels«

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