Katastrophenwarnungen

22. April 2012

••• Manchmal bekommt man Anfragen, die einen vor ein echtes Problem stellen. Da wurde ich gebeten, einen Beitrag für eine Festschrift zu schreiben. Eine literarische Geschichte, zehn Seiten, und sie sollte natürlich etwas mit dem Jubilar zu tun haben. So weit, so gut. Erschwerend komme aber hinzu, dass die Geschichte so geschrieben sein müsse, dass ich sie in einer 10-Minuten-Fassung auf der literarisch-musikalischen Geburtstagsfeier vortragen könne.

Ich hätte gern abgelehnt. Der Jubilar aber ist Hans Dieter Beck, jahrzehntelanger Chef des juristischen Zweigs des Beck-Verlages, Bruder meines Verlegers Wolfgang Beck und »Obertukan«, Präsident des Tukan-Kreises, von dem ich 2010 für »Die Leinwand« den Tukan-Preis verliehen bekommen habe. Hans Dieter Beck wird runde 80, was man keine Sekunde glaubt, wenn man ihn live erlebt.

Da konnte ich nun unmöglich absagen. Mir war auch gleich klar, wovon meine Geschichte für die Festschrift handeln müsste: von Katastrophenwarnungen. Hier ist die Kurzfassung.


Tukan-Kreis im Hause Beck anlässlich des 80. Geburtstags von »Obertukan« Hans Dieter Beck
Tukan-Kreis im Hause Beck anlässlich des 80. Geburtstags von Hans Dieter Beck. Gesprochen haben übrigens Oberbürgermeister Christian Ude und die Autoren Asta Scheib, Georg M. Oswald, Albert von Schirnding sowie meine Wenigkeit.

Lieber Hans Dieter Beck, liebe Tukane und Tukan-Freunde,

ich möchte Ihnen heute etwas über Katastrophenwarnungen erzählen.

Die meisten Katastrophen, die uns im Leben ereilen, brechen ja ohne Vorwarnung über uns herein. Mein eigenes Leben, grad halb so lang wie das unseres Gastgebers Hans Dieter Beck, ist da keine Ausnahme. Nachdrücklich vor einer Katastrophe gewarnt worden bin ich aber auch schon, mindestens dreimal in meinem Leben, und alle drei Male hatte es etwas mit der Literatur und mit »den Süddeutschen« zu tun, einmal sogar mit beidem zugleich. Von diesen drei Warnungen will ich Ihnen erzählen, und als hinterhältiger Erzähler enthülle ich natürlich nicht vorab, wie alles ausgegangen ist und ob und welche Rolle Hans Dieter Beck in diesen Geschichten gespielt haben könnte.

Die erste nachdrückliche Warnung vor einer Katastrophe, die ich zu hören bekommen habe, geht auf das Konto meiner Mutter. Und weil meine Mutter sich gern blumig ausdrückt, hat sie nicht einfach nur gesagt: Sieh dich vor! Nein, sie bemühte einen Vers von Bert Brecht, und das hörte sich dann so an: »Meine Herren, meine Mutter, die prägte / auf mich einst ein schlimmes Wort. / Ich würde mal enden im Schauhaus / oder an einem noch schlimmeren Ort.«

Ich war damals zwölf. Eines der unzähligen Gedichte, die ich tagtäglich schrieb, war in einer Zeitung veröffentlicht worden. Darüber war ich natürlich so stolz, wie man nur sein kann. Und ich wähnte mich am Ziel. Ich hatte nämlich schon länger den Plan gefasst, Dichter zu werden. Diese erste Veröffentlichung gab mir nun das Gefühl, es könne nichts mehr schiefgehen.

In dem Gedicht ging es übrigens um Ikarus. Dass er abgestürzt war, stand nur zwischen den Zeilen. Diese Verse hatten sehr viel mit mir selbst und dem Anlass meines Schreibens überhaupt zu tun. Die Sonnen, denen ich mich gern genähert hätte, trugen Namen wie Anja und Claudia. Mir fehlte aber der Mut, sie anzusprechen. Die meisten empfindsameren Mädchen, hatte ich gehört, mögen Gedichte und Geschichten. Verraten Sie es niemandem: Das ist der Grund, weswegen ich angefangen habe zu schreiben. Und deswegen kam kein anderer »Beruf« für mich in Frage als der des Dichters und Geschichtenerzählers. Ich wollte die Frauen beeindrucken, damit sie mich mit Bewunderung ansehen und mit Zuneigung belohnen, was für mein damaliges Empfinden irgendwie zusammenhängen musste. Dass die weitaus meisten Katastrophen, in die ich später ohne Vorwarnung geschlittert bin, etwas mit Frauen zu tun hatten, wird nach diesem Geständnis niemanden wundern.

Meine Mutter kümmerte das alles nicht. Sie platzte in diesen hochgestimmten Moment mit dem Wort »Schauhaus« und versuchte so, mir klarzumachen, dass Geschichten zu erzählen und Verse zu machen, nun wirklich kein Beruf sei. Ich fand das damals sehr unzärtlich, um nicht zu sagen herzlos.

Das war die erste Katastrophenwarnung in meinem Leben, an die ich mich deutlich erinnere.

Die zweite Warnung vor einer Katastrophe richtete ein Freund an mich. Das war 13 Jahre später, 1995, in Berlin. Ich hatte natürlich nichts auf die Warnung meiner Mutter gegeben. Dass ich mit zwölf keineswegs bereits ein gemachter Mann gewesen war, hatte ich zwischenzeitlich begriffen. Im Schauhaus bin ich zwar nicht gelandet, aber die Wohnung, die ich mir gerade so leisten konnte, hatte in etwa das Flair eines Schauhauses: einrichtungslos, eng, kalt und ungemütlich und eigentlich nur tot zu ertragen. Immerhin sollte bald mein erster Roman erscheinen; und das, hoffte ich, würde das Blatt wenden.

Vorerst aber war das Geld aus, und ich meine, es war vollständig aus. Also hatte ich mich dazu überwunden, journalistisch zu schreiben. Das war zwar ein Verrat an der Dichtung, aber es brachte Geld. Allerdings bedeutete es auch, dass ich nach München umziehen musste, unter den »Weißwurschtäquator«, wie man in Berlin sagt. Das gefiel mir gar nicht. Ich dachte aber: Auch das geht vorbei.

Besagter warnender Freund stammte aus Stuttgart. Er hatte da ein Bekleidungsgeschäft besessen und war schnelle Autos gefahren, bis er nach kurzer Zeit als Geschäftsmann die Hand heben musste. Schuld, sagte er, seien »die Süddeutschen« gewesen, ein ganz übler und hinterhältiger Menschenschlag, kaltherzig und knallhart. Da solle ich mich mal schön vorsehen, dass es mir nicht schlimm erginge und sie mich auch zur Strecke brächten.

Also ganz ehrlich: Ich dachte, der spinnt, ich habe ihm kein Wort geglaubt und bin nach München gezogen.

Es gab dann schon Katastrophen. In denen spielte aber ein schmerzlich schönes tschechisches Mädchen die Hauptrolle, und man konnte nun wirklich nicht »die Süddeutschen« dafür verantwortlich machen, dass ich den Begleiterscheinungen ihres Temperamentes nicht gewachsen war.

An der Warnung des Stuttgarter Freundes war nichts dran. Hier im Süden ist für mich doch alles noch irgendwie gut geworden. Das fand sogar meine Mutter. Ich hatte schon einige Zeit nichts Literarisches mehr geschrieben, stattdessen aber einen Beruf, der mich ernährte. Ich merkte eines Tages, dass geschehen war, was ich immer gehofft hatte: Ich wurde von einer sehr bemerkenswerten Frau sehr geliebt; und da gab ich das Dichten auf, habe geheiratet und zwei wunderbare Kinder gezeugt.

Ende der Geschichte? Warten Sie ab! Es war noch nicht von Hans Dieter Beck die Rede.

Im Jahr 2006 habe ich doch wieder begonnen zu schreiben, erst ein literarisches Weblog, dann einige wenige Gedichte, und schließlich begann ich mit der Arbeit an einem Roman. Dieser Roman, »Die Leinwand« nämlich, wurde wohlwollend aufgenommen. Er hat sich sogar ganz ordentlich verkauft, und schließlich bekam ich die Nachricht, dass ich einen Preis dafür erhalten sollte, den Tukan-Preis der Stadt München.

Da spätestens war es dann an der Zeit für die dritte Katastrophenwarnung. Dieser Tukan-Preis, berichtete mir eine zuverlässige Quelle, sei der einzige Preis, bei dem man als Ausgezeichneter nicht sicher sein könne, bei der Verleihung nicht eher gezauselt als gelobt zu werden. Die Begrüßungsrede nämlich würde vom »Obertukan« gehalten: Hans Dieter Beck. Man gab mir dann noch das eine oder andere illustrierende Beispiel. Ich dachte: Oh, das ist jetzt die dritte Katastrophenwarnung, die Du bekommst; es geht um Literatur, und dieser Beck (den ich noch nicht kannte) ist ein Süddeutscher!

Mit einem Mal hatte ich Angst, und wenige Tage später hatte ich zur Angst dazu auch noch eine Einladung zu Kaffee und Torte bei Hans Dieter Beck. Er wolle mich mal kennenlernen, weil er doch der »Obertukan« sei und diese lästige Rede halten müsse. Als ich dann schließlich mit ordentlich Fracksausen bei ihm im Verlagshause Beck vor der Torte saß, hat er genau das wiederholt, aber mit dem Zusatz, und ich darf da zitieren: »Sie sind ja schon eine ziemlich eigenartige Figur. Sie müssen mir da mal ein paar Fragen beantworten.« Das mit dieser Wenderei bei dem Roman, das sei doch schon ein Schnickschnack, oder? Dann gab er ohne jede Hemmung zu, dass er das Buch noch nicht ganz gelesen habe. Es sei so viel zu tun in einem so großen Verlag, und er habe es auch gar nicht so mit der Literatur! Und so ging das noch ein wenig weiter.

Ich war aber schlagartig absolut entspannt, denn mir war klar: Die Katastrophe kann nicht nur eventuell eintreten; sie ist schon da. Ich bin samt Buch längst beerdigt. Da ist nichts mehr zu machen.

Entspannend an dieser Nahtoderfahrung war der Umstand, dass ich auch keine Rücksicht mehr zu nehmen brauchte. Ich konnte seine Fragen kess parieren, ja sogar Scherze machen und neckende Gegenfragen stellen. Und – was soll ich sagen: Wir unterhielten uns mit einem Mal blendend. Ich entdeckte ein Lächeln. Ich wurde Zeuge des Charmes, der da unter einer etwas rauhen Schale nur darauf wartete, sich zeigen zu dürfen. Es wurde auch sehr schnell klar, dass dieser Mann durchaus einen Sackvoll Ahnung von Büchern hat, sogar wenn es welche »vom Rande« sind, also: belletristische.

Es war eine sehr erfrischende und inspirierende Stunde, die wir da plaudernd verbracht haben. Ich trank den Kaffee, er aß die Torte; und die Rede, die Hans Dieter Beck dann schließlich bei der Preisverleihung gehalten hat, kam mir geschmeidig und süß vor wie Tortencréme. Viel Lärm um nichts also! Sie können drauf wetten, dass ich auf Katastrophenwarnungen ab jetzt nichts mehr gebe.

Lieber Hans Dieter Beck, dass und wie sehr ich es schätze, Sie kennengelernt zu haben, werden Sie nun wissen. Unter Juden sagt man sich zum Geburtstag »Mazal tov« und »Bis 120«. Einige wandeln das ab und sagen stattdessen: »Bis 100 wie 20«. Wie auch immer man es dreht: Sie haben noch ein Drittel Ihres Weges vor sich. Ich habe keinen Zweifel daran, dass Sie weiter wie heute mit der Kraft eines Zwanzigjährigen am Ball bleiben werden.

Herzlichen Glückwunsch!

Eine Reaktion zu “Katastrophenwarnungen”

  1. thymianteppich

    was für eine schöne Rede! sorry, dass ich abgetaucht war, die OP ging mit Schmerzmitteln einher, die irgendwie für einen Haflinger berechnet gewesen sein müssen. nix also mit Kuchen hier oder gar Torte, der Gaul lag darnieder und Nahtoderfahrung is dafür sehr freundlich ausgedrückt. Komme langsam wieder auf die Hufe. Aber damit kennst du dich ja besser aus. Mit Hufen. Und dem wieder drauf stehen können.

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