Das TamTam Grand Hotel

17. November 2008

Markus A. Hediger: »Das TamTam Grand Hotel« (Erzählung)

••• Endlich ist es da, das neue Buch von Markus A. Hediger. Sein »TamTam Grand Hotel« ist eine lang geratene Erzählung oder ein kurz geratener Roman, Komplement zu seinem in der edition neue moderne erschienenen »Krötenkarneval«.

Kein Buch wird seinem Schöpfer geschenkt. Für das »TamTam« gilt das auch und besonders. Ich war Zeuge des Prozesses, in dem Markus sich diesen autobiographisch inspirierten Text erarbeitet hat. Wir begegnen im »TamTam« einer Figur wieder, die in Markus’ Weblog schon öfter aufgetreten ist: Mandrake, Privatdetektiv in Rio, eine Figur des brasilianischen Autors Rubem Fonseca, die Markus A. Hediger (im Leben wie im Buch) für eigene Kriminalerzählungen adoptiert hat.

Mandrake wurde eines Tages eingemottet und Jahre später, gemeinsam mit der Familie, nach Brasilien umgesiedelt. Dort konnte er sich dummerweise befreien und einen Racheplan schmieden und in die Tat umsetzen, der sich gegen jenen Mann richtet, der ihn herzlos in die Schachtel verbannt hatte.

Fantastisch geht es zu in dieser Erzählung und grundehrlich. Der Autor erspart sich nichts. Der Leser darf die Auswirkungen einer Identitätskrise beobachten, um am Ende überrascht zu schlucken…

 

Mandrakes besten Jahre waren vorbei, seit langem. Rubem Fonseca hatte das verstanden und Mandrake in die Rente entlassen. Und als der sich nun beharrlich weigerte, mit mir zu kooperieren, musste auch ich einsehen, dass Mandrake nur noch Geschichte war, eine verblassende Erinnerung, an die ich vergeblich Hoffnungen geknüpft hatte. Und so wurde eines Tages das Schild mit Mandrakes Namen, das ich eigens an der Tür des für ihn eingerichteten Büros hatte anbringen lassen, wieder abgeschraubt.

Mandrake selbst erhielt den Befehl, sich auf den Boden zu legen, die Augen zu schließen und sich ganz locker zu machen. Dann ging alles sehr schnell. Er spürte, wie er ohne jede Sentimentalität zusammengefaltet wurde, der Oberkörper auf die Schenkel, der Kopf zwischen die Knie, die Arme an den Rumpf, dann die Beine angewinkelt, als sollte er in die Hocke. Schließlich griff jemand von hinten um seinen Körper, packte ihn – Rücken an Bauch gepresst – an den Schienbeinen und hob ihn an. Nur kurz, dann wurde er herabgesenkt. Am Scheitel, an den Fußsohlen (man hatte ihn, bevor er sich hingelegt hatte, gebeten, die Schuhe auszuziehen) und an den Armen spürte er einen Widerstand wie von Karton, der auf Druck etwas nachgab. Bleib so, hieß man ihn. Es war plötzlich eng geworden, und Mandrake konnte sich nicht mehr bewegen. Er hörte, wie Papier zerknüllt und in die wenigen Leerräume gestopft wurde, die zwischen Rumpf und Gliedern noch vorhanden waren. Es musste sich beim Papier um das Manuskript seines letzten, völlig missratenen Falles handeln, denn etwas anderes wäre in seinem Anwaltsbüro nicht zu finden gewesen, außer vielleicht den alten, liebevoll gerahmten Zeitungsausschnitten an derWand hinter seinem Schreibtisch, die von Mandrakes Erfolgen aus besseren Zeiten erzählten.

Den Deckel geschlossen und verklebt, stand die Schachtel fortan in meinem Keller zwischen anderen Schachteln voller Dinge, von denen keiner genau sagen kann, weshalb sie nicht längst entsorgt worden sind.

Es gibt Menschen, die hängen an nutzlosen Dingen.

Ich vergaß Mandrake. Erst als wir Wohnung und Keller für unseren Umzug nach Rio de Janeiro räumten, fiel mir die Kiste, die neben ihm noch weitere nie zu Ende gebrachte Manuskripte enthielt, wieder in die Hände.

Der Mensch vergisst schnell, und so kamen vor allem nostalgische Gefühle in mir auf, als mein Blick nach beinahe zwei Jahren wieder auf Mandrake fiel. Vielleicht, dachte ich, wenn ich ihn in seine Heimat zurückbringe, vielleicht lebt er da wieder auf. Vielleicht findet er zu alter Frische zurück.

Markus A. Hediger, aus:
»Das TamTam Grand Hotel« (Erzählung)
edition taberna kritika 2008

6 Reaktionen zu “Das TamTam Grand Hotel”

  1. Markus

    Das Buch wäre ohne Benjamins hartnäckiges Lektorat nur ein Abklatsch dessen geworden, was der Leser jetzt in Händen halten darf (wenn ers denn kaufen mag :-) und ohne Kerstin Kleins gestalterische Wunderhand wäre es gesichtslos geblieben.

    Mir ist während den Arbeiten an diesem Buch wieder sehr deutlich geworden, dass ein solches Produkt von der Mitarbeit vieler abhängt und dass neben den Namen des Autors eigentlich auch die Namen aller gehören, die dafür mitgeschwitzt und mitgelitten haben.

    Euch beiden also nochmals von hier aus ein sehr herzliches Dankeschön!

  2. Benjamin Stein

    Mein lieber Markus, die Arbeit mit Dir war auch bei diesem Buch so angenehm und inspirierend – ich stehe jederzeit wieder zur Verfügung. Ich bin gespannt auf Deine künftigen Bücher!

  3. hab

    bytheway, weil man gerade drüberstiess: fonseca ist immer doch dick im geschäft

  4. Markus A. Hediger

    @hab: er hat es auch verdient, nach all dem ärger, den ich ihm eingebrockt habe…

  5. Markus A. Hediger

    nochmal @hab: über bruna lombardi bist du zufällig nicht auch noch gestossen?

  6. hab

    das leider noch nicht. (hab den text auch noch nicht gelesen … halte aber die augen offen … )

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