Monatsarchiv für Juli 2008

Im Zustand vollendeter Ruhe

Donnerstag, den 17. Juli 2008

[…]

Heda! ihr -
Herrschaften!
Freunde des Entsetzens,
des Läster-Grauens,
Verbrechens,
Gemetzels, -
das Schlimmste
entging euch bei all dem Getue:
mein Antlitz
im Zustand
vollendeter
Ruhe.

, aus: “Wolke in Hosen”

Bestellungen bei der Edition

Donnerstag, den 17. Juli 2008

••• Fehler passieren leider, auch die unangenehmsten. Nur durch einen Zufall fiel heute auf, dass das Bestellformular der Edition Neue Moderne seit Inbetriebnahme der neuen Website nicht funktioniert. Wer immer seither Bücher des neuen Programms über diesen Weg bestellt hat, wartet nun vergeblich auf Zusendung der Bücher. Die Benachrichtigung über die Bestellung kam nie bei mir an.

Das Problem ist behoben. Wer bislang noch ohne Nachricht auf Zusendung seiner Edition-Bestellung wartet, sollte erneut bestellen. Davon nicht betroffen sind jene Leser, die via Shopping Cart / Paypal bestellt und bereits für die Bücher bezahlt haben.

Jet Set

Donnerstag, den 17. Juli 2008

Der zweite Pilotenkoffer, den ich nachweislich besessen habe, war ein Geschenk meiner Mutter anlässlich der Gründung meines Verlages.

Du wirst ja nun wieder viel fliegen müssen, meinte sie, als sie mir das Geschenk überreichte, eher besorgt als begeistert.

Ich weiß nicht, aus welchen Quellen meine Mutter ihre Informationen über den gewöhnlichen Alltag eines Verlegers bezog. Welchen Jet-Setter auch immer sie da vor Augen gehabt haben mochte, um den Inhaber eines literarischen Kleinverlages kann es sich unmöglich gehandelt haben. Aber mütterliche Fürsorge hat bekanntlich nicht nur eine unendliche Halbwertzeit; sich gegen sie aufzulehnen, ist darüber hinaus so vergeblich wie ein Kampf mit Naturgewalten. Sachliche Argumentation führt höchstens zu Komplikationen. Immerhin geht es in einem solchen Fall um hehre mütterliche Gefühle, die man besser nicht durch kleinliche Einwände verletzt.


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Verslehre online

Mittwoch, den 16. Juli 2008

••• Zufällig entdeckt: Wer sich in Sachen Verslehre ein wenig Auffrischung holen möchte, kann dies auf dem Weblog des “Friedrichshainer Autorenkreises” tun. Das Blog selbst ist leider durch penetrante Flash-Werbung in der Lesbarkeit eingeschränkt, nicht aber die Poetik-Sektion, in der sich die Artikel zu allen möglichen Varianten von Reim und Versmaß finden.

Was ist ein Blankvers? Puhh. Ich hätte es nicht mehr gewusst.

Es will mir nicht einfallen

Mittwoch, den 16. Juli 2008

[…] Der Koffer selbst allerdings war hin.

Ein Problem war das nicht, denn wenige Tage später kündigte ich meine Stelle bei der Zeitschrift, weil…

Das ist nun wirklich merkwürdig; und ich würde lügen, behauptete ich, nicht beunruhigt zu sein. Tatsächlich kann ich mich im Moment nicht erinnern, warum ich damals gekündigt habe.

Warum wollte ich – noch dazu ausgerechnet nach dieser Amerika-Reise – nicht mehr als Redakteur arbeiten? Ich weiß es nicht. Ich muss sogar einräumen, dass ich augenblicklich allenfalls annehme, selbst gekündigt zu haben. Sicher bin ich mir nicht.


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Wahr ist…

Dienstag, den 15. Juli 2008

Wahr ist, dass ich bereits zweimal in meinem bisherigen Leben einen ganz ähnlichen Koffer besessen habe. Den einen legte ich mir zu, kurz nachdem ich meine erste feste Stelle als Redakteur bei einer Monatszeitschrift angenommen hatte. Das ist unterdessen gute fünfzehn Jahre her; aber ich erinnere mich noch genau an den Kauf.


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Ich wüsste nicht…

Montag, den 14. Juli 2008

Besagter Koffer

••• LaTortuga vermutet, ich wüsste nicht, was sich in besagtem Koffer befindet. O doch, denn er ist, wie man leicht erkennen kann, offen. Auch dass er tatsächlich bereits länger herumgestanden hat, lässt sich nicht leugnen. Man beachte den Staub.

Krötenkarneval

Montag, den 14. Juli 2008

Der Autor dieser “Autobiographischen Fiktionen”, als Sohn protestantischer Missionare aus der Schweiz in Brasilien geboren und aufgewachsen, wandert nach 17 Jahren Zwischenaufenthalt in der Schweiz wieder nach Brasilien aus. Die Rückkehr ins Land seiner Kindheit weckt Erinnerungen. Es ist ein Wiedereintauchen in eine andere Sprache, ein anderes Land und auch eine Wiedebegegnung mit der starken religiösen Prägung, von der er sich über Jahre in einem nicht schmerzfreien Prozess emanzipiert zu haben meinte. Viele bewältigt geglaubte Konflikte brechen erneut auf, da ihnen am früheren Ort des Geschehens nicht mehr ausgewichen werden kann.

Die neue Geographie, so scheint es, erfordert auch eine neue Biographie. Inspiriert von der Form der bekenntnishaften Kolumnen, die Nelson Rodrigues in den Jahren 1967/68 unter dem Titel “A Cabra Vadia” (Die herrenlose Ziege) in Brasilien veröffentlichte, macht sich der Autor daran, seine Biographie aus den Bruchstücken der Erinnerung zu rekonstruieren. Jedes Erzählen aber, so wird schnell deutlich, ist ein Neuerfinden, die erzählte Person wie auch ihre Biographie letzlich eine Fiktion. Die literarische Figur des Autors in diesem Buch trägt nur zufällig den gleichen Namen wie der Autor.

••• Als dritter Titel der Edition Neue Moderne geht heute Markus A. Hedigers “Krötenkarneval” in den Verkauf. Bleibt mir nur, Buch und Autor alles Gute zu wünschen.

Aufatmen für Maxim Biller

Sonntag, den 13. Juli 2008

Am 13. Februar 2008 hat das Landgericht München I den Autor und den Verlag Kiepenheuer & Witsch dazu verurteilt, Schadensersatz in Höhe von 50000 Euro samt Zinsen und Prozesskosten an eine Klägerin zu zahlen, die sich in Billers Roman “Esra” erkennbar porträtiert und in ihren Persönlichkeitsrechten verletzt sah.

Dieses Urteil hat das Oberlandesgericht München am Dienstag dieser Woche in einem Revisionsprozess aufgehoben.

••• Obiges berichtete die “Süddeutsche” am vergangenen Donnerstag. Und dieses Urteil gibt nun wenigstens Anlass, als Autor nicht völlig an diesem Justizirrsinn selber irr zu werden. Ein verbotener Roman ist als “Strafe” bereits heftig. Darüber hinaus noch 50.000 Euro Schadenersatz zahlen zu müssen, das erschien mir bei Urteilsbegründung damals schon der Gipfel.

Der Hinweis auf Herbst, der durch Änderungen an seinem seinerzeit ebenfalls verbotenen Roman “Meere” nun dessen Wiederfreigabe erreicht hat, hilft der Literatur auch nicht. Wo kommen wir hin, wenn wir uns als Autoren künftig schon während des Schreibens einen Anwalt nehmen müssen, um nur ja nicht Gefahr zu laufen, verboten zu werden? Wodurch unterscheidet sich das noch vom Schreiben in einer Diktatur?

Barfuss über den Steg

Sonntag, den 13. Juli 2008

gift of tongues – © by *rorshach13
gift of tongues – © by *rorshach13

Aus den Tagen sind Wochen geworden und schließlich Monate. Noch immer steht jener Koffer in meinem Büro. Ich habe ihn nicht geöffnet. Er steht direkt neben meinem Schreibtisch, so dass mein Blick unweigerlich auf ihn fällt, wenn ich einmal aufschaue von meiner fiktionalisierenden Arbeit, den Blick von Bildschirm und Tastatur löse und zur Seite schweifen lasse. Ich denke mittlerweile, dass ich hoffe, dieser Koffer möge irgendwann auf magische Weise aufgehen in seiner Umgebung, eins werden mit dem Schreibtisch, verschwinden zwischen den Büchertürmen und unsichtbar werden wie so vieles, das Tag für Tag um uns ist, zur Gewohnheit wird und so nach und nach ganz aus unserem Blickfeld verschwindet, einfach nicht mehr wahrgenommen wird.

Aber diese Hoffnung, das denke ich auch, ist wohl in diesem Fall vergeblich.


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