Purim aus der Perspektive von Haman (via: Jewschool)
••• Die Innensicht eines Raschas - Haman - als Rap führt mich gerade auf gedankliche Abwege…
Derzeit ist ja viel Gerede und Geschreibe ums Erzählen aus der Innensicht. Anlass ist Jonathan Littells Wälzer “Die Wohlgesinnten”. Romane von 1.400 Seiten schrecken mich persönlich enorm ab. Dieses Thema ohnehin. Auch hat Robert Merle bereits kurz nach dem Krieg in “Der Tod ist mein Beruf” diese Variante anhand des Lagerkommandanten von Auschwitz ohne jeglichen Sensationstouch wunderbar erzählt. Aber davon wollte ich eigentlich gar nicht schreiben…
Wie kann denn der Zauber uns nur so einen unendlichen Spaß bereiten? Wie ist es möglich, daß wir überschäumen vor Vergnügen an all dem, was uns gar keinen Sinn verspricht und nur Verwirrung ist?
••• Vor kurzem legte Michael Perkampus in seiner “Edition Neue Moderne” im Gallimard-Broschurformat eine neue Erzählung vor. Es ist nicht ganz so, daß “Die Geschichte des Uhrenträgers” gar keinen Sinn verspricht und nur Verwirrung ist. Zauber verbreiten und Spaß bereiten - das allerdings tut sie voll und ganz.
Wollte man berichten, was Perkampus in dieser Erzählung treibt, kommt man mit der Nacherzählung eines Plots nicht sehr weit. Der eher zum Maler berufene Franz-Anton aus dem Schwarzwälder Schönwald ist zum Bauen von Uhren wohl zu ungeschickt. Also wird er mit ihnen auf Handelsreise geschickt, zu Fuß und gen Frankreich, nach Straßburg, um genau zu sein. Und eventuell kommt er dort sogar an. Doch so wenig ein solcher Plot auf den ersten Blick zu bieten scheint, so wenig macht er dieses kleine Buch aus; denn um das dünne Handlungsfädchen herum knüpft Perkampus eine Erzähl- und Schaukollage, die - ganz wie oben zitiert - vor allem Zauber und Vergnügen sein will.
Doch eine Quelle oder eine Grube,
in der sich Wasser angesammelt hat, bleibt rein;
wer jedoch ihr Aas berührt, wird unrein.
Leviticus 11,36
Natürlich hatten wir uns nie berührt. Das wäre undenkbar gewesen. Und doch wusste ich, als ich ihr zum ersten Mal mit gebührendem Abstand gegenüberstand, binnen Sekunden, wie ihr Haar roch, wie ihre Hüften sich anfühlten durch den Stoff ihres Kleides hindurch, wie ihre Lippen, die sich auf die meinen erst sanft schmiegten und schließlich pressten, und wie ihre Zunge schmeckte auf meiner Zunge; denn in den wenigen Sekunden, nachdem ich sie zum ersten Mal in der Wohnung von Elis Tante gesehen hatte, hatten wir uns umarmt und geküsst.
Es war mein erster Kuss. Und ich erlebte ihn, eine vollständige Unmöglichkeit, unter den Blicken von Rivkas gesamter Familie. Ich erlebte ihn, obgleich ich sicher zwei Meter von ihr entfernt stand und während ich sie nicht einmal ansah. Denn mein Blick war vor ihren Augen sofort geflüchtet. Anstatt sie anzuschauen, während Eli uns vorstellte, sah ich ihm ins Gesicht. Und es waren seine Lippen, die ich beobachtete, während er meinen Namen aussprach. Es waren seine Arme, mit denen ich Rivka umarmte. Durch seine Nase sog ich den Geruch ihres Haars und ihres Halses, und mit seiner Zunge schmeckte ich den Kuss, den sie mit ihm – Eli – getauscht hatte, vor einem Jahr vielleicht, womöglich aber auch erst vor kurzem.
Die Erregung, die ich verspürte und die mir regelrecht die Brust zuschnürte und den Atem nahm, diese Erregung war womöglich gerade deswegen so heftig und überwältigend, weil ich sie durch seine Erinnerung hindurch erfuhr, in der er sie wieder und wieder erlebt und in der sie sich mit jedem Erinnern verstärkt haben mochte, bevor sie sich nun mit meiner eigenen Erregung vermischte und sich verdoppelte, weil ich ja nicht nur den beiden bei ihrem Kuss zusah, sondern sie mit seinen Lippen küsste und mit seinen Händen festhielt und an mich zog, als wären es meine.
••• Das 4. Kapitel sollte den zweiten Plotpoint bringen und damit einen Höhepunkt und Wendepunkt in der Zichroni-Erzählung: das Einbrechen des Magischen in die bisher geordnete Vorstellungswelt Zichronis. Ausgangspunkt ist wieder einmal ein Buch, und eine neue Figur betritt die Bühne, Eli Rothstein, mit dem Zichroni auf der Yeshivah in Pekesville lernt.
Das Kapitel ist jedoch so umfangreich geraten, dass ich es geteilt habe.
Und so entführt uns das 4. Kapitel zunächst in ein fremdes Buch, in den Roman “Der Meister und Margarita” von Bulgakow.
••• Jill Bolte Taylor beschloss, Hirnforscherin zu werden, weil sie die Krankheit verstehen wollte, mit der ihr Bruder diagnostiziert worden war: Schizophrenie. Viele Jahre später erwacht sie eines Morgens und stellt fest, dass sie nicht mehr sie selbst ist. Ein Schlaganfall ist die Ursache dafür, dass ihre linke Hirnhälfte nahezu in einen Offline-Modus geht. Und sie erlebt, was es bedeutet, nur in der Sphäre des massiv parallelen Eindrucksstromes der rechten Hirn-Hemisphäre zu existieren. Ihr Vortrag über dieses Erlebnis ist eine geballte Lektion über die Ungewissheit von Wirklichkeit.
Hätten Sie die Wahl, welche Seite würden Sie wählen, fragt sie zum Schluss…
••• Nein, der Titel des Gedichts ist bitte in keinem Fall auf das wunderbare Foto von Joseph Gallus Rittenberg zu beziehen. Rittenberg fotografierte die beiden, die eine jahrzehntelange Liebesbeziehung (und tiefe Freundschaft, muss man das zusätzlich erwähnen?) verband, im Jahr 1982. Dieses und weitere, zum Teil sehr bekannt gewordene Künstlerporträts - etwa von Schwab mit brennendem Cape - waren 2006 in Erlangen ausgestellt. Einige Bilder der damaligen Ausstellung sind heute noch online zu sehen.
Obiges Gedicht hat mir unmittelbar ein schlechtes Gewissen eingeflößt. Denn es ist nicht zu leugnen: Es fällt mir sehr schwer, mit meinen Kindern zu spielen. Und so geschieht es auch viel, viel zu selten. Leider.
Viel war während der vergangenen Jahre von der «Konjunktur», ja gar von einer «Renaissance des Hörens» die Rede. Die Trend-Rhetorik inspirierte sich an den Wachstumsraten des Hörbuchmarktes, den Zugriffsziffern der Downloadportale und den Selbstdarstellungen der Radiosender. Der Existenzkampf der Anbieter in der Konkurrenz von Kanälen, Medien und Streams verursacht eine PR-Kakofonie, welche allerdings eher dazu beiträgt, den Endverbraucher, Kunden und User zu verunsichern und zu verwirren.
••• Christiane Zintzen - Mit-Litbloggerin auf in|ad|ae|qu|at - schrieb gestern auf NZZ Online über “Die schöne neue Welt des Hörens”, wobei der Hörbuchmarkt gemeint ist. Der wächst zwar nicht mehr jährlich im zweistelligen Prozentbereich, ist jedoch zu einer festen Größe im Literatur-Business geworden. Einsichten, Linktipps und Kritik zum Thema gibt es »» hier.
Luís de Camões (1524-1580) gilt dank seiner “Lusiaden” als portugiesischer Nationaldichter, dessen Todestag am 10. Juni als Nationalfeiertag begangen wird. Der Elfenbein Verlag hat nun die Gedichte des Renaissance-Dichters in einer zweisprachigen Ausgabe veröffentlicht, die sich stark an sein Vorbild Petrarca anlehnen, mit Ironie und Sprachwitz diesen aber auch parodieren.
••• Wirklich preiswert ist diese 1000-Seiten-Edition mit Gedichten des portugiesischen Shakespeare-Zeitgenossen nicht. Glaubt man den Rezensionen haben sich jedoch Übersetzer (Hans-Joachim Schaeffer) und der Verlag mit Erfolg bemüht und eine umfassende zweisprachige Edition des großen Sonettendichters vorgelegt.
••• Poetakas nannte p.- einmal jene Geschichten über Autoren, die nur gelegentlich im Freundeskreis erzählt werden, von den Autoren selbst oder von Freunden (mitunter auch von Feinden). Ab und an finden solche Geschichten auch ihren Weg in ein gedrucktes Buch. Dass Paul Auster in seinen Werken immer wieder auch anrührende, mitunter auch verstörende Geschichten aus seinem privaten Umfeld zu berichten weiss, ist bekannt. Man erinnere sich nur an “Smoke” und die wunderbare Geschichte des Zigarrenhändlers, der jeden Tag zur gleichen Uhrzeit, am gleichen Ort (vor seinem Geschäft) und mit gleichem Blickwinkel ein Foto aufnimmt…