Monatsarchiv für Februar 2008

Gabe und Strafe (5)

Donnerstag, den 14. Februar 2008

Gemara - Mesechet Brachot
Gemara - Mesechet Brachot

«« Gabe und Strafe (4)

Gefallen waren die Namen – Freud, Jung, Poe und Wilde – in einem Gespräch über den Talmud-Traktat, den ich gerade in der Yeshivah lernte: Brachot. Ich hatte ihn fast beendet, und nach vielen, vielen grossen Folioseiten voller trickreicher Gesetzesherleitungen war ich auf eine der geliebten, weil entspannenden aggadischen Passagen gestossen, keine Gesetze, keine Berechnungen, sondern Geschichten – und zwar über Träume, ihre Deutung und Bedeutung, zwei Dinge, die, wie man aus der Gemara lernen konnte, durchaus zwei völlig unterschiedliche Dinge waren.

Der Satz, der eben jene Passage einleitete, hatte mir Schwierigkeiten bereitet: Ein ungedeuteter Traum, hiess es dort, ist wie ein ungelesener Brief. Und weiter hiess es: Alle Träume folgen dem Mund. Ganz gleich, lehrten die Weisen, was wir sähen in einem Traum, Bedeutung würde es nur durch die Deutung erlangen. Einmal ausgesprochen aber hätte die Deutung Bestand und würde sich erfüllen.


Den ganzen Beitrag lesen »

Lyrik, Park & Installationen

Mittwoch, den 13. Februar 2008

••• Die Kulturfabrik Lösecke veranstaltet im kommenden Juli in Hildesheim den LyrikPark 2008 und sucht per Ausschreibung nach Lyrik-Installationen…


Den ganzen Beitrag lesen »

Gabe und Strafe (4)

Mittwoch, den 13. Februar 2008

Bookshelf

«« Gabe und Strafe (3)

Leichter, wenn auch nur ein wenig, liess sich die Frage klären, was sich hinter der stets verschlossenen Tür zum Elternzimmer verbarg. Doch wie bei so vielen Fragen in meinem Leben, so drängend sie mir auch erschienen waren, löste ich sie nicht selbst, nicht durch Raten, Erkundigungen, Forschen, nicht durch eine Tat. Die Antwort wurde mir vor die Füsse gelegt, und zwar im Wortsinne, nämlich in Gestalt eines der beiden Schlüssel, die meine Eltern für gewöhnlich immer bei sich trugen.


Den ganzen Beitrag lesen »

Gabe und Strafe (3)

Dienstag, den 12. Februar 2008

Meah Shearim
Meah Shearim

«« Gabe und Strafe (2)

Die neue Wohnung lag nur wenige Strassen von der alten entfernt. Für den Umzug liehen meine Eltern sich Leiterwagen von den Nachbarn aus. Zwei Jungen aus der Nachbarschaft halfen beim Tragen. Und das, obwohl die Nachbarn unverhohlen missbilligten, dass wir nicht im Viertel blieben. Das neue Haus nämlich, wenn auch nur wenig mehr als zweihundert Meter vom alten Haus entfernt, gehörte bereits zu einer anderen Welt.


Den ganzen Beitrag lesen »

Gabe und Strafe (2)

Montag, den 11. Februar 2008

Meah Shearim

«« Gabe und Strafe (1)

Geboren wurde ich in Meah Shearim, Yerushalayim, einem der Epizentren jüdischer Gottesfürchtigkeit. Ich war der erste Sohn nach drei Töchtern und ganze fünfeinhalb Jahre jünger als meine älteste Schwester. Dies war in unserer Nachbarschaft alles andere als ungewöhnlich. Einzig das Alter meiner Eltern hätte als auffällig gelten können, denn sie waren bereits ein gutes Stück über dreissig. Dafür konnte es an einem Ort wie diesem nur drei Erklärungen geben. Entweder waren sie Sitzengebliebene, weil irgendetwas in den jeweiligen Familien nicht ganz koscher gewesen war: ein unheilvolles Walten des Bösen Blicks beispielsweise, Synonym für lebensbedrohliche Melancholie, oder aber unbezähmbare Teives, die, Gott behüte, ein Mitglied der Familie vom einzig wahren Weg der Torah abgebracht hatten. Als zweite Möglichkeit kam in Betracht, dass es nicht ihre erste Ehe war. Und die dritte mögliche Erklärung, nämlich dass ihre jüdischen Wurzeln nicht bis unmittelbar an den Fuss des Berges Sinai zurückreichten, hätte einen kaum geringeren Makel bedeutet.


Den ganzen Beitrag lesen »

Gabe und Strafe (1)

Sonntag, den 10. Februar 2008

Ich weiss es nicht. Ich bin mir wirklich unsicher, ob ich diese, meine Fähigkeit eine Gabe nennen soll. Täte ich es, wer, müsste ich fragen, wäre der Gebende gewesen? Dort, woher ich komme, gibt es auf eine solche Frage nur eine Antwort: Ha-Kadosh baruch-hu, der Heilige, gelobt sei er; oder aber Satan, der ewige Versucher, und es hätte einzig an mir gelegen, den Beweis der tatsächlichen Herkunft dieses Geschenks anzutreten. Denn jeder Gabe, so hätte man mir gesagt, wohne das Potential des Guten wie auch des Bösen inne, und es läge letztendlich immer in der Hand des Beschenkten, das Geschenk zu einem Segen oder einem Fluch zu machen.


Den ganzen Beitrag lesen »

Heuchelnder Leser

Freitag, den 8. Februar 2008

Les Fleurs du Mal - Autorenexemplar von Baudelaire
- Autorenexemplar von Baudelaire

Wenn Notzucht, Gift und Dolch und alles Böse
Noch nicht geschmückt mit holder Stickerei
Des Schicksals Grund voll fadem Einerlei,
Dann ist’s, weil unsre Seele ohne Grösse.

••• “An den Leser” (den heuchelnden) — so überschreibt Baudelaire das Abschlussgedicht seiner “Fleurs du Mal”. Heute ist hier die 161. und damit letzte Folge erschienen. Es war eine spannende und wechselvolle Lesereise.

Schweigen

Donnerstag, den 7. Februar 2008

Edgar Allen Poe
(1809 - 1849)

There are some qualities — some incorporate things,
That have a double life, which thus is made
A type of that twin entity which springs
From matter and light, evenced in solid and shade.
There is a two-fold Silence — sea and shore —
Body and soul. One dwells in lonely places,
Newly with grass o’ergrown; some solemn graces,
Some human memories and tearful lore,
Render him terrorless: his name’s »No More.«
He is the corporate Silence: dread him not!
No power hath he of evil in himself;
But should some urgent fate (untimely lot!)
Bring thee to meet his shadow (nameless elf,
That haunteth the lone regions where hath trod
No foot of man) commend thyself to God!

Da gibt es Eigenschaften hinter manchen Dingen,
die geben doppelt ihnen Leben, daß ihr Sein
entfaltet sich von Licht zu Schatten, darinnen
sind Materie sie, genau wie Schein.
Es gibt das Schweigen zweifach auch — Küste und Meer,
Körper und Seele. Einsam weilet Einer
in stillen Tälern und in Erinn’rung Seiner
kühlen Gnaden wird Menschenkummer tränenleer,
verschwinden alle Schrecken — sein Name: »Nimmermehr.«
Er ist die eine Verkörperung des Schweigens, von der droht
nichts Böses dir, denn arglos ist ihm seine Macht;
doch sollte dich das Schicksal zwingen (grause Not!),
daß du wohl treffest seinen Schatten (namenlose Nacht,
die heimsucht jene weglosen Gefilde, drin nur Spott
der Menschen Leiden harrt) — dann Gnade deiner Seele Gott!

(1809 - 1849)
Übertragung: Michael Görden


Den ganzen Beitrag lesen »

rakatte rinnzekete

Mittwoch, den 6. Februar 2008

Highlights from the premiere of “Ursonography” by and Golan Levin, 2005. Blonk’s performance of ’ Ursonate is augmented with a modest but elegant new form of expressive, real-time, “intelligent subtitles”. With the help of computer-based speech recognition and score-following technologies, projected subtitles are tightly locked to the timing and timbre of Blonk’s voice, and brought forth with a variety of dynamic typographic transformations that reveal new dimensions of the poem’s structure. Performed at Ars Electronica, September 2005.

••• Seit Tagen schon wollte ich mir dieses Video anschauen drüben bei Lotrees, aber ich kam nicht dazu. Und als ich heute früh endlich hinnavigiere und auf “Play” klicke, da heisst es: This video is no longer available.

Pahh, stimmt nicht, wie man oben sehen kann. Viel Vergnügen.

PS: Würde doch Herr p.- noch seinen Podcast unterhalten… Ich hätte zu gern einmal seine Interpretation dieses Textes gehört.

Eine andere Art von Selbstmord

Dienstag, den 5. Februar 2008

••• Ich muss noch einmal auf Matthus’ “Judith” zurückkommen. Waren es in dem zuletzt vorgestellten Duett Holofernes/Judith vor allem die Szenenanordnung und die Überlagerung der Soli — also gewissermassen zwei geteilte Dialoge — die mich begeisterten, so hat das Libretto doch an anderen Stellen auch wirklich poetische Wucht. Mindestens drei Passagen würde ich gern zitieren. Doch ich muss mich auf eine beschränken. Und die Wahl fällt auf Judiths Monolog “Was sagst Du zu diesem Traum?”, der dem Holofernes/Judith-Duett unmittelbar vorangeht.

Du hast mich oft gesehen, daß ich plötzlich zu beten anfange. Man hat mich deswegen fromm und gottesfürchtig genannt. Wenn ich das tue, so geschiehts, weil ich mich vor meinen Gedanken nicht mehr zu retten weiß. Mein Gebet ist dann ein Untertauchen in Gott, es ist nur eine andere Art von Selbstmord, ich springe in den Ewigen hinein, wie Verzweifelnde in ein tiefes Wasser.

Nicht, dass ich diese Zeilen je vergessen hätte. Aber ich notiere sie mir als Motiv für “Mayim Rabim”, denn das “Untertauchen in Gott” scheint mir verwandt mit dem Begriff bitul azmo, was so viel bedeutet wie Selbstverringerung, wenn nicht gar Zerstörung des Ego. Es ist ein wesentliches Motiv der Mussar-Literatur; und ich bin sicher, dass sich in anderen Religionen vergleichbare Ideen finden, nämlich das selbstsüchtige Ego zurückzudrängen mit dem Ziel, ein “reines Gefäss für den göttlichen Willen” zu werden.

Es kann natürlich unterschiedlichste Gründe dafür geben, sich dieser Übung zu unterziehen…


Den ganzen Beitrag lesen »