grosse wasser

30. November 2007

Mikveh - © 2002 by Janice Rubin
Mikveh - © 2002 by Janice Rubin

willst du den hohlweg
nehmen
oder
durch grosse wasser
in andere welten tauchen?

du weisst es: auf dieser seite des spiegels
halte ich alle tore besetzt
und führe dich auf jedem pfad
durch adergeflecht labyrinthe und dschungel
doch immer wieder zu mir

willst du den hohlweg nehmen
oder den fluss? (den fährmann
zahlt niemand mit liebe)

auf der anderen seite
das weisst du auch
wachsen feuerschlünde und paradiese
aus deinen eigenen augen dir zu
du fliehst auf den strand
doch es bleibt selbst im abdruck
des fusses im sand
noch genügend von dir
dich zu kennen

willst du den hohlweg nehmen
oder das meer?
du ahnst es:
es führen
tausend wege hinein
doch keiner heraus

so bleibst du
mit mir gefangen

© Benjamin Stein (2007)

••• Dass mit dem “Selbstbildnis als Seraph” etwas nicht stimmte, schwante mir schon, als ich am letzten Sonntag den Publish-Button drückte. Aber was? Der Begleittext hat mich heute auf die richtige Spur gebracht: Der Seraph muss weg.

Wie war der überhaupt in das Gedicht gekommen? Gemeint war der Seraph, der nach der Vertreibung aus dem Paradies - mit einem Flammenschwert in der Hand - eingesetzt wurde, um den Eingang zum Garten Eden zu bewachen. Aber ganz abgesehen davon, dass die im zweiten Teil des Gedichts erwähnten Paradiese keine sind, aus denen wir vertrieben wurden, sondern solche, die wir (noch) nicht betreten haben, ganz abgesehen davon also war mir der “blaue Blick” und das “flammende Schwert” ohnehin zu schwülstig. Also weg mit der Zeile.

Ist das “flammende Schwert” gestrichen, ist auch gleich der Seraph selbst nicht mehr anwesend und kann also auch aus dem Titel verschwinden. Die “grossen Wasser”, deren Varianten ja eine nach der anderen erwogen werden, gehören viel eher in die Titelzeile.

Und wer sagt überhaupt, dass es tatsächlich ein Selbstporträt sein müsste, also Ich und Du in diesem Text deckungsgleich sind? Verschwindet das “Selbst” aus dem Titel, wird plötzlich auch eine alternative zweite Variante lesbar, nämlich dass es sich um einen Dialog handelt, zwischen Liebenden etwa, was besonders der letzten Zeile “mit mir gefangen” ein ganz anderes Gesicht gibt. Und mit einer solchen Mehrbödigkeit scheint mir für den Text wirklich etwas gewonnen.

Nicht zuletzt gehört das “den fährmann / zahlt niemand mit liebe” in Klammern, als wäre es zur Seite gesprochen. Und die Zeilenumbrüche gegen Ende müssen gesetzt werden, wie ich mir den Redefluss wünsche, die Pausen, Synkopen.

Wenn ich nun - zum zweiten Mal bei diesem Text - den Publish-Button drücke, bin ich mir erheblich weniger unsicher. Die Erstvariante lasse ich dennoch stehen, grad weil mit nur zwei Strichen doch ein ganz anderes Gedicht aus diesem Text geworden ist.



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