Monatsarchiv für November 2007

Herbst in Heidelberg

Sonntag, den 18. November 2007

Liebe ist nicht lernbar, und übertragbar nur dann, wenn etwas da ist, auf das eine Über­tragung wirken kann.

Alban Nikolai Herbst, in: “Heidelberger Vorlesungen” (I)

••• Der Herbst in Heidelberg ist schön. Ich weiss das aus erster Hand. Diesen Herbst fördert der Herbst in Heidelberg aber auch das Nachdenken über Dichtung. “Arbeit in der sterbenden Schriftkultur ist Arbeit am Sterben der Schriftkultur” titelt A. N. Herbst über seiner ersten Heidelberger Poetik-Vorlesung. Und es ist abzusehen, dass darüber viel und kontrovers diskutiert werden wird.

Ich entdecke mich dabei, dass ich aller zwei Sätze stecken bleibe und mich festhake an einer Sentenz wie der oben zitierten. Ja, hat er denn recht? (Als wenn es darauf ankäme!)

Wer immer heute hier vorbeikommt, um nach Dichtung zu schauen, möge doch bitte dieses Mal gleich wieder gehen und sich in ANHs virtuellen Hörsaal setzen, um sich selbst ein Bild zu machen. Ich selbst werde sicher demnächst noch darauf zurückkommen, wenn ich meine assoziativen Umwege zu Ende gegangen bin und - beispielsweise - klarer sehe in der Frage, ob Liebe lernbar sei oder nicht.

Und damit ich nicht vergesse, wo man sich bereits eifrig auslässt über Herbsts ersten Heidelberger Auftritt, notiere ich es mir hier:

Lockbuch
hor.de
p.-s Veranda

Bemitleid dieses untier, unmenschheit

Donnerstag, den 15. November 2007

pity this busy monster, manunkind,

not. Progress is a comfortable disease:
your victim (death and life safely beyond)

plays with the bigness of his littleness
- electrons deify one razorblade
into a moutainrange; lenses extend

unwish through curving wherewhen till unwish
returns on its unself.
A world of made
is not a world of born - pity poor flesh

and trees, poor stars and stones, but never this
fine specimen of hypermagical

ultraomnipotence. We doctors know

a hopeless case if - listen: there’s a hell
of a good universe next door; let’s go

e. e. cummings (1943)

bemitleid dieses untier, unmenschheit,

nicht! Fortschritt ist ‘ne seuche, die bequem:
dein opfer (tod und leben fest entfernt)

spielt mit der größe seiner winzigkeit
- vergöttern elektronen eine klinge
zur bergkette; und linsen dehnen aus

unwunsch durch krümmen von wo-wann, bis unwunsch
sein unselbst wiederhat.
Die welt der mache
ist nicht die welt des zeugens - armes fleisch

und stern, baum, stein bemitleid, aber nie
dies feine beispiel hypermagischer

ultraomnipotenz. Als ärzte sehn wir:

ein hoffnungsloser fall … hör: nebenan
ist eine höllisch gute welt. Los, gehn wir

e. e. cummings (1943)
Deutsch von: Gisbert Kranz
aus: “Englische Sonette”
© Philipp Reclam jun. Stuttgart 1981

••• Vor einigen Tagen stand wieder eine Bücherkiste vor der Tür des Antiquitätengeschäfts unten im Haus. Ich habe zwei dieser kleinen orangefarbenen Reclam-Bändchen vorm Tod durch den Regen bewahren können. Über beide Funde habe ich mich sehr gefreut. Denn das eine Büchlein ist eine zweisprachige Ausgabe von Christopher Marlowes “Edward II” (von Marlowe, Shakespeares Zeitgenossen, habe ich noch nichts gelesen und brenne darauf, das nun nachzuholen); das zweite trägt den Titel “Englische ” und enthält ganze 92 davon, im Original und sehr gelungenen deutschen Nachdichtungen von Gisbert Kranz präsentiert.


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Termin am Mittag

Mittwoch, den 14. November 2007

Raymond Queneau
Raymond Queneau

••• Dass ich Raymond Queneaus “Stilübungen” wiedergefunden habe, freut mich so ungemein, dass ich nicht wiederstehen konnte, auch eine Variation auf das Thema zu schreiben.

Und wenn wir schon dabei sind, denke ich mir, dann sollte ich die hier mitlesenden Autoren einladen, in ihren jeweils eigenen Stilen und Sichten das gleiche zu tun. Über zehn zeilen von Sudabeh würde ich mich ebenso freuen wie über eine Mandrake-Variante von Markus (quasi schon im Flieger nach Brasilien), eine surreale Sequenz von p.-s Veranda, ein satirisches Prosagedicht vom Herrn H, etwas in strengstem Versmasse vom ANH - oder oder oder…

Wer auch immer Lust hat, sich an dem Spass zu beteiligen, ist herzlich eingeladen, eine entsprechende Version bei sich im Weblog zu bringen und es die Turmsegler wissen zu lassen.

Und hier ist sie - meine Variante der Begebenheit im Bus S…


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Stilübungen

Mittwoch, den 14. November 2007

Im Autobus der Linie S, zur Hauptverkehrszeit. Ein Kerl von etwa sechsundzwanzig Jahren, weicher Hut mit Kordel anstelle des Bandes, zu langer Hals, als hätte man daran gezogen. Leute steigen aus. Der in Frage stehende Kerl ist über seinen Nachbarn erbost. Er wirft ihm vor, ihn jedesmal, wenn jemand vorbeikommt, anzurempeln. Weinerlicher Ton, der bösartig klingen soll. Als er einen leeren Platz sieht, stürzt er sich drauf.

Zwei Stunden später sehe ich ihn an der Cour de Rome, vor der Gare Saint-Lazare, wieder. Er ist mit einem Kameraden zusammen, der zu ihm sagt: „Du solltest dir noch einen Knopf an deinen Überzieher nähen lassen.“ Er zeigt ihm wo (am Ausschnitt) und warum.

••• Einen Riesendank schicke ich heute an parallalie, der mir geholfen hat, ein Buch wiederzufinden, an dessen Autor und Titel ich mich seit vielen Jahren vergeblich zu erinnern versuchte. Mir waren nur noch Bruchstücke jener banalen Begebenheit im Bus im Gedächtnis und dass der Autor Franzose gewesen war.


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Ulrike Almut Sandig online

Mittwoch, den 14. November 2007

Ich befinde mich am Ende einer der Endspurtwochen vor dem Streumenbuch. Dabei habe ich meine Arbeit daran schon vor drei Monaten beendet. Ich kann aber nicht stillsitzen, wenn der Gedichtband noch nicht da ist. Danach wahrscheinlich auch nicht. Aber jetzt ist davor.

••• Ulrike Almut Sandig, von deren Gedichten hier schon zwei Mal die Rede war, ist im Warte-Endspurt. Ihr neuer Lyrikband “Streumen” ist via amazon.de schon zu bestellen. Und ich werde ihn natürlich lesen und hier berichten.

Die Wartezeit hat Ulrike aber auch nicht tatenlos verstreichen lassen. Gerade online gegangen ist sie mit - nein leider keinem Weblog - aber doch mit einer neuen Website, auf der es auch Texte und Tonstücke von ihr zu entdecken gibt, letztere gespielt und gesungen gemeinsam mit Maren Pelny.

Also, ich würde es sehr begrüssen, wenn doch noch ein richtiges Autoren-Weblog daraus wird. Eine echte Bereicherung für die deutschsprachige Litblogosphäre wäre das allemal. Vielleicht gibt sie sich ja noch einen Ruck.

ins ohr verleibt

Dienstag, den 13. November 2007

Colorized Foot - © 2006-2007 ~Deep-to-Deep@deviantart.com
Colorized Foot - © 2006-2007 ~Deep-to-Deep@deviantart.com

••• Andrea Heuser wohnt tatsächlich in München. Der erwähnte Zyklus Haiku-ähnlicher Dreizeiler “ins ohr verleibt” soll kommendes Jahr in ihrem neuen Lyrikband bei onomato (Düsseldorf) erscheinen. Und da Andrea gleich geantwortet und zugestimmt hat, dass ich einen Auszug aus diesem Zyklus hier im Turmsegler bringe, freue ich mich, heute sechs ihrer poetischen Wortnachforschungen präsentieren zu können.


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Er wünscht sich die Kleider des Himmels

Montag, den 12. November 2007

Hätt’ ich des Himmels bestickte Kleider,
Durchwirkt mit goldnem und silbernem Licht,
Die blauen, matten und dunklen Kleider,
Der Nacht, des Tags und des halben Lichts,
Ich legte sie zu deinem Füßen aus:
Doch ich bin arm, hab nur meine Träume,
Die legte ich zu deinen Füßen aus,
Tritt sanft, du trittst ja auf meine Träume.

William Butler Yeats (1865-1939)


William Butler Yeats - Gedichte
••• Die bestellte Gesamtausgabe der Yeats-Gedichte ist eingetroffen, ein stattlicher Band mit Neuübersetzungen von Marcel Beyer, Mirko Bonné, Gerhard Falkner, Norbert Hummel und Christa Schuenke.

Die Ausgabe enthält alle Yeats-Bände in chronologischer Folge, ergänzt durch nachgelassene Gedichte. Der Anhang enthält Anmerkungen zu den Texten und Übersetzungen, hilfreiche Register, die Biographien der Übersetzer und einen Essay “Über ” von Norbert Hummelt. Bedauerlich finde ich, dass die Ausgabe nicht zweisprachig ist - dann hätten es zwei Bände werden müssen - und dass nicht ersichtlich ist, welche Gedichte von welchem Übersetzer übertragen wurden.

Als Zuckerl hier nun die Übertragung des letztens zitierten Gedichts “Tread softly”. Sie ist gelungen, wie ich finde. Und doch fehlt etwas vom Klang des Originals.

Und die letzte Zeile

Tread softly because you tread on my dreams.

hat mich stocken lassen.

Tritt sanft, denn du gehst auf meinen Träumen.

So vielleicht?

kein wort

Sonntag, den 11. November 2007

Lips - © 2005-2007 ~RyanLovelacePhoto@deviantart.com
Lips - © 2005-2007 ~RyanLovelacePhoto@deviantart.com

kein wort sagst du vor
diesem feuchten
offen pulsenden schlund
eine herbstbö stürzt dir jäh in die knochen
und peitscht als gelte es glas zu spalten
aus deiner hohen krone das laub
so viele könige ohne land
wenn die stürme sich legen taumeln
die blätter zum grund
fahl weiss papierene laken
und stopfen dem schwätzer den mund

© Benjamin Stein (2007)

••• Ich bin ein Sommerkind. Der Herbst ist nicht meine Zeit. Aber Vulkane löscht man denn doch nicht mit ein bisschen Regen und Wind.

dein luftteilchen herz

Sonntag, den 11. November 2007

Andrea Heuser••• Eine Entdeckung auf der Lesung gestern war Andrea Heuser. Geboren 1972 in Köln, studierte sie Germanistik, Politik und vergleichende Religionswissenschaften in Köln und Bonn. Sie lebt heute als Autorin und Übersetzerin in München. (Ich meinte, bei der Vorstellung gehört zu haben, sie lebe in Berlin…)

ist mit drei Gedichten in der aktuellen Ausgabe von “ausser.dem” vertreten. Gelesen hat sie gestern jedoch aus einem Zyklus von Kurzgedichten. Inspiriert vom Haiku, hat sie sich für eine freie Form des Dreizeilers entschieden und auf die Silbenbeschränkung verzichtet. Was mir gefallen hat, waren nicht nur die Gedichte selbst, sondern auch ihre Idee für den Vortrag auf einer Lesung.


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Eine Bäckerstochter

Samstag, den 10. November 2007

Long eared owl - © by Mark Dedrie
Long eared owl - © by Mark Dedrie

They say the owl was a baker’s daughter. We know what we are, but know not, what we may be.

William Shakespeare

••• “Sie sagen, die Eule wär eine Bäckerstochter. Wir wissen, was wir sind, doch wissen nicht, was wir sein könnten.”

Diese Zeilen stehen als Motto über einem Text in der soeben erschienenen Ausgabe 14 der in München herausgegebenen Literaturzeitschrift “ausser.dem”. In der Seidlvilla am Nikolaiplatz, nahe dem Englischen Garten, wurde die neue Ausgabe heute abend mit einer Leselounge vorgestellt. Wie üblich werde ich ein paar Tage brauchen, das Heft ganz durchzusehen, um darüber zu berichten.

In der Seidlvilla habe ich vor vielen Jahren selbst einmal gelesen, aus dem “Alphabet”. Wann ich das letzte Mal als Zuhörer auf einer Lesung war, das kann ich, um ehrlich zu sein, gar nicht sagen. Es ist lange her, sehr lange, so viel ist sicher. Dass das Vorhaben, diese Leselounge zu besuchen mit der Idee zu “Mayim Rabim” zusammenfällt, ist wahrscheinlich kein Zufall.

Und ich glaube auch, dass es kein Zufall ist, dass mir bei dieser Gelegenheit die oben zitierten Shakespeare-Zeilen quasi vor die Füsse fallen, die als Motto auch über meinem neuen Projekt stehen könnten. Ja, wir wissen nicht, was wir sein könnten. Darüber hinaus aber behaupte ich - dem alten William widersprechend - dass wir nicht einmal wissen, was wir sind. Wir haben - im besten Fall - eine Ahnung, eine leise Ahnung. Und wenn wir uns umdrehen, raunt es uns zu: They say the owl was a baker’s daughter….